Krematorium Berlin-Wedding

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Ansicht des Haupteingangsbereichs

Das Krematorium Wedding war eine Anlage zur Kremation, der Verbrennung von Leichen. Es befindet sich auf dem Urnenfriedhof Gerichtstraße im Berliner Ortsteil Wedding und wurde 2001 außer Betrieb genommen. Das denkmalgeschützte Gebäude[1] beherbergt seit dem Herbst 2015 das interdisziplinäre Kulturquartier silent green.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das ehemalige Krematorium trägt die Adresse Gerichtstraße 37/38 und steht auf dem Urnenfriedhof. Die Nutzfläche des Gebäudeensembles beträgt 8500 m². Die Adolfstraße, die Plantagen- und die Ruheplatzstraße bilden die Friedhofsgrenzen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der schnell zunehmenden Bevölkerung von Berlin und in den Randgebieten stieg auch die Zahl der Toten. Eine damals wieder in Mode gekommene Art der Beisetzung war die Feuerbestattung und Aufbewahrung der Asche in speziell gestalteten Gefäßen, den Urnen. Zum Zwecke der Einäscherung ließ der speziell gegründete Verein für Feuerbestattung in den Jahren 1909 (Grundsteinlegung am 16. Mai 1909)[2] bis 1910 (Weihe am 22. April 1910) nach Plänen des Architekten William Müller eine Urnen-Feierhalle mit Mansarddach und einer Verbrennungsanlage nach Siemens errichten. Die Halle war als Anfang zum Ausbau als Krematorium vorgesehen und wurde 1912 im Wedding eingeweiht. Es war die erste derartige Einrichtung in Berlin und die dritte im Königreich Preußen, dessen Parlament erst 1911 die Feuerbestattungen offiziell genehmigt hatte. Am 28. November 1912 erfolgte in dem Krematorium die erste Einäscherung eines Verstorbenen.[2]

Das Krematorium erhielt seinen Standort auf dem ersten kommunalen, 1828 angelegten Friedhof Berlins, der eine Fläche von 31.000 Quadratmetern aufwies. Dieser war als Bestattungsstätte 1879 aufgegeben worden und sollte ursprünglich in einen Park umgestaltet werden. Dem Verein für Feuerbestattungen unter der Leitung seines Vorsitzenden, Geheimrat Dr. Herzberg, erlaubte der Magistrat aber, auf der Fläche einen Urnenfriedhof anzulegen und eine Urnenhalle zu errichten.[2]

Im Jahr 1936 erfolgte ein zeitgemäßer Erweiterungsbau nach Plänen von Oberbaurat Wilhelm ten Hompel[3] unter Leitung des Architekten Rudolph Schröder. Diese zweite Feierhalle ersetzte einen provisorischen Anbau aus dem Jahr 1920. Der Urnenfriedhof mit dem Krematorium in der Gerichtstraße 37/38 befand sich im Eigentum der Stadt Berlin und wurde vom Bestattungsamt Wedding verwaltet. Direkt vor Ort wohnte der Obergartenmeister Strese.[4]

Im Jahr 1995 wurde das Krematorium in die Berliner Denkmalliste aufgenommen.

Zwischen 1998 und 2000 ließ das Weddinger Bezirksamt – trotz schon damals vorhandener Überkapazitäten in Berlin – für 3,2 Millionen DM weitere Modernisierungen vornehmen, vor allem für den dritten Brennofen. Nachdem das Krematorium noch um 817 Leichenlagerplätze und eine Gerichtsmedizin mit 11 Seziertischen unterirdisch erweitert wurde, ließ die Stadt es Ende 2001 schließen.[5]

Danach wurde das Bauensemble stillgelegt. Die Aufgaben der Kremation der in Berlin verstorbenen Personen hatten die Krematorien Baumschulenweg und Ruhleben nach dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung übernommen. Das Krematorium wurde, vom Urnenfriedhof Gerichtstraße abgetrennt, vom Land Berlin zum Verkauf ausgeschrieben. Das silent green Kulturquartier erhielt den Zuschlag.

Neue Nutzung seit 2015 – silent green[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Veranstaltung des silent green im November 2018

Am 1. Februar 2013 erfolgte durch das Land Berlin die Übergabe des Areals an silent green. Noch im selben Monat wurde das silent green Kulturquartier im Rahmen der Sektion Forum Expanded erstmals eine Spielstätte der Berlinale.[6] Anschließend wurde mit umfassenden Umbau- und Renovierungsarbeiten begonnen. Es entstanden Büros, Ateliers, Ausstellungsflächen sowie ein Café.[7] Im Sommer 2015 fanden die ersten kulturellen Veranstaltungen statt.

Der Mieterverbund des Hauses, mit Akteuren aus den Bereichen Musik, Film, Design und Kunst, spiegelt die Funktion des Ortes als interdisziplinäres Kulturquartier wider.[8] Mieter sind beispielsweise das Musicboard Berlin, das Label !K7 Records, die Harun-Farocki-Stiftung sowie das öffentlich zugängliche Filmarchiv des Arsenal – Instituts für Film und Videokunst e. V.

Baubeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hauptgebäude des Krematoriums ist eine große, zentral angelegte 17 Meter hohe Feierhalle, in der auch die Urnen abgestellt wurden. Diese achteckige Urnenhalle ist in neoklassizistischen und frühchristlichen Architekturformen gehalten. Das ziegelgedeckte Mansarddach wird mit einer zentralen Laterne bekrönt, die einen der beiden Schornsteine verdeckt. Ein Jahr nach der Einweihung ließ der Bauherr durch den Architekten Hermann Jansen, einen Mitarbeiter des frühzeitig verstorbenen Ersterbauers der Feierhalle, Flügelbauten als Kolumbarien und zum Innenbereich ausgerichtete Wirtschaftsgebäude anfügen. Zwei umlaufende Galerien in der Urnenhalle führen zu den in die verputzten Wände eingelassenen Nischen zur Aufnahme der Urnen.

Innenhof

Der achtseitige Innenhof wird von zwei Pfeilergängen entlang der beiden zweigeschossigen Seitenflügel umgeben. Polygonale Eckbauten dominieren den Innenhof, den Greifen bewachen. Das schmiedeeiserne Gitter des Eingangstores fertigte der Metallkünstler Julius Schramm. In den Pfeilergängen des Innenhofs standen bis vor wenigen Jahren neoklassizistische und moderne, teils mit barocken Motiven gestaltete Grabmale des frühen 20. Jahrhunderts (siehe Liste und Galerie). Diese Grabmale/Denkmale wurden mit Zustimmung der Denkmalschutzbehörde Angehörigen des Steinmetzhandwerks überlassen – als Material.

  • Grabwand im neoklassizistischen Stil, die an den Architekten William Müller (1871–1913) erinnert,
  • für Paula Dellheim (1874–1920),
  • für den Tischler Carl Krüger (1852–1931) und seine Ehefrau Selma Krüger (1846–1913), künstlerisch gestaltet von Robert Pansin,
  • für den Hauptmann a. D. Robert Kraus (1846–1916) und seine Ehefrau Hedwig Kraus (1853–1932),
  • für den Maurer Karl Grunze (1870–1921) und Paul Köbe (1886–1936),
  • für den Kaufmann Arthur Bodo Friedheim (1857–1922) ist die Skulptur eines Jünglings mit verlöschender Fackel geschaffen worden.

Im Warteraum symbolisiert eine Aktfigur von Adolf Brütt (Opus 100) das Leben und den Tod im Allgemeinen. Das Gipsmodell der Skulptur war 1911 auf der Ausstellung der Münchner Sezession zu sehen.[9]

Trotz frühchristlicher Elemente in der Architektur des Gebäudes haben kaum religiöse Motive Eingang in die Gestaltung des Krematoriums gefunden, da die Feuerbestattung säkular ausgerichtet war. Steinerne Greifen, eine im Boden des Kuppelsaals eingelassene Schlange und schmiedeeiserne Flammenschalen am vorderen Eingangsportal ersetzen eine christliche Symbolik.

Adolf Brütts Opus 100 am 13. Februar 2009 im Warteraum im Ostflügel des ehemaligen Kolumbariums. Um Einsicht von der Adolfstraße zu verhindern, waren die Fensterscheiben mit einer gelben Folie bedeckt. Auch im neuen Kolumbarium steht die Figur im Warteraum.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anlagen für Feuerbestattung. II. Die Urnenhalle des „Vereins für Feuerbestattung“ in der Gericht-Straße in Berlin. in: Deutsche Bauzeitung 45 (1911), S. 461/462.
  • Die Innen-Einrichtung des Berliner Krematoriums in der Gerichtstraße. in: Flamme Nr. 611 (1920), Sp. 134.
  • Arthur Tschirner: 25 Jahre Krematorium Berlin-Wedding – 25 Jahre Feuerbestattung in Berlin. Berlin 1937, S. 26–46.
  • Karin Mahlich: Das Krematorium Wedding; Geschichtslandschaft, 1990; S. 170–188.
  • Topographie Mitte/Wedding, 2004; S. 183.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Krematorium Wedding (Berlin) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. BD Krematorium auf dem Urnenfriedhof Wedding mit Friedhofsmauer und Toranlage.
  2. a b c Gernot Bandur: 100 Jahre Urnenhalle Berlin-Wedding, Vortrag vom 2. Oktober 2010. Abgerufen am 25. August 2015.
  3. ten Hompel, Wilhelm; Ob.Baurat; Bamberger Str. 4. In: Berliner Adreßbuch, 1936, I, S. 1067.
  4. Gerichtstraße 37, 38. In: Berliner Adreßbuch, 1939, IV, S. 287.
  5. Johannes Hayner: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Das ehemalige Krematorium Wedding wird zum Silent Green Kulturquartier, 24. September 2015. In: Quartiersmanagement Pankstraße. Abgerufen am 18. April 2016.
  6. Dennis Lim: Acute Cinephilia Seizes Berlin, 13. Februar 2013. In: The New York Times. Abgerufen am 24. März 2016.
  7. Kaffee und Kuchen im Krematorium. In: Berliner Zeitung, 24. August 2015, S. 22.
  8. Beate Scheder: So verändert sich der Kiez im Wedding, 6. April 2016. In: Berliner Zeitung. Abgerufen am 3. Mai 2016.
  9. Thieme/Becker: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Hans Vollmer. Bd. 20. Leipzig 1927, S. 8/9.

Koordinaten: 52° 32′ 42,6″ N, 13° 21′ 57,6″ O