Kriegsenkel

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Kriegsenkel sind Menschen der Generation, die in Deutschland etwa zwischen 1960 und 1975 geboren wurden. Es sind die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge bzw. der Babyboomer bis zum Höhepunkt des so genannten Pillenknicks.[1] Abgeleitet wurde er vom Begriff Kriegskind, der Vorgängergeneration. Der Begriff Kriegsenkel wurde vermutlich zum ersten Mal in der autobiografischen Erzählung „Ich, Rabentochter“ der Autorin Katharina Ohana[2] verwendet, die 2006 erstmals erschien. Weite Verbreitung erfuhr er in Folge der Bestseller von Anne-Ev Ustorf, Wir Kinder der Kriegskinder. 2008, und Sabine Bode Kriegsenkel. 2009. Er hat infolge dieser Publikationen und weiterer, einschlägiger Titel eine starke identifikatorische Kraft entfaltet und wird inzwischen von zahlreichen Vertretern der Jahrgänge ab ca. 1960 wie eine Selbstbezeichnung verwendet.[1]

Phänomen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zuordnung zu den Kriegsenkeln wie auch zu den Kriegskindern erfolgt nicht in erster Linie nach den Jahrgängen, wenn diese auch die Alterskohorte der jeweiligen Gruppe in etwa bestimmen. Wichtig ist vielmehr, welcher Gruppe man sich aufgrund der eigenen Lebenszusammenhänge zugehörig sieht. Die Popularisierung des Begriffs Kriegsenkel erklärt sich aus der Tatsache, dass er Zusammenhänge zwischen den Generationen deutlich macht, die in Deutschland noch um die Jahrtausendwende so nicht gesehen wurden, und die geeignet erscheinen, die eigene Lebensgeschichte neu zu interpretieren und vollständiger zu verstehen.

Eng mit dem Begriffskomplex Kriegsenkel verbunden ist der Terminus „transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Belastungen“. Er wurde von dem Sozialpsychologen und Altersforscher Hartmut Radebold um 2005 in die Diskussion eingeführt.[3] Darunter ist zu verstehen, dass schwerwiegende Erfahrungen im NS-System und während des Zweiten Weltkrieges, also Täterschaft und Schuldverstrickung, Fronteinsätze, Flucht und Vertreibung, Bombenangriffe auf Deutschland und Haft bzw. Konzentrationslager jeweils bewusst oder unbewusst an die Folgegenerationen weitergegeben werden können und damit das Leben von Menschen schwer belasten, die zum Teil Jahrzehnte nach den Ereignissen geboren wurden.[1] Als Kriegskinder gelten dabei ungefähr die Geburtsjahrgänge 1930 bis 1940, deren Angehörige den Krieg als Kinder und Jugendliche erlebten. Wurden sie dabei traumatisiert, reagierten sie, so die Hypothese, auf die verdrängten Traumata als Erwachsene stets in ähnlicher Weise: als charakteristisch gelten insbesondere Verlustangst, Schuldgefühle, depressive Verstimmungen und emotionale Verschlossenheit. Dies schuf wiederum ein Umfeld, das unbeabsichtigt vielfach auch die emotionale Entwicklung der Kriegsenkel nachhaltig gestört haben könnte. So gilt es als typisch, dass sich die Kinder traumatisierter Kriegskinder für das unverstandene Leid ihrer Eltern unbewusst verantwortlich fühlen und zugleich einen gestörten Zugang zu den eigenen Wünschen und Emotionen haben.

Weil es also den Horizont über die eigene Lebensspanne hinaus in die Vergangenheit erweitert, ermöglicht das Konzept Kriegsenkel, offene Fragen im Kontext der eigenen Biografie und der eigenen Persönlichkeit zu analysieren, die bislang vielleicht nicht schlüssig aus den eigenen Lebenszusammenhängen zu erklären waren. Mithin erlaubt es also, Erfahrungen persönlichen Scheiterns, emotionale Störungen, existenzieller Brüche, Suchtverhalten oder Depressionen vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte als transgenerationale Folgen belastender bis traumatischer Erfahrungen der Eltern neu zu deuten und dadurch in einen anderen Verständnisrahmen einzuordnen. Die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte im und nach dem Zweiten Weltkrieg wird dabei vielfach als befreiend erlebt, vorher als diffus wahrgenommene Gefühlslagen klären sich nun.[1]

Die Karriere des Begriffs Kriegsenkel lässt sich somit aus seiner entlastenden Funktion erklären: Wird die eigene Lebensgeschichte nämlich aus generationsübergreifender Sicht interpretiert, kann die Urheberschaft bzw. Schuld an negativen Erfahrungen und Anteilen an die Vorgängergeneration delegiert werden. Die damit verbundene Gefahr besteht freilich darin, sich gleichsam hinter dem Begriff zu verstecken und damit eine produktive und heilende Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten der eigenen Familien- und Lebensgeschichte zu verweigern.[1]

Strukturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Beginn der 2010er-Jahre bildeten sich in vielen deutschen Großstädten unabhängig voneinander sogenannte Kriegsenkel-Gruppen. In der Regel auf Initiative von Einzelpersonen und selten wie in Frankfurt am Main auf kirchliche Initiative hin, finden in ihrem Rahmen Menschen zusammen, die am Thema der transgenerationalen Weitergabe belastender Erfahrungen aus Krieg und NS-Gewaltherrschaft interessiert sind bzw. die sich als Kriegsenkel verstehen. Sie suchen den Austausch mit Gleichgesinnten und untersuchen den Einfluss der Kriegskindheit ihrer Eltern und weiterer Familienmitglieder auf ihre eigene Biografie. Im Internet und den sozialen Netzwerken entstanden parallel Plattformen und Foren, die dem Austausch untereinander, der Information über Veranstaltungen sowie Sendungen in Rundfunk und Fernsehen und thematischer Neuerscheinungen zum Thema Kriegsenkel dienen. Auch hier nimmt das Interesse stetig zu.

Versöhnungsritual auf der Herbsttagung 2014 des Kriegsenkel e.V. in Helmstedt

2010 gründete sich in der damaligen Akademie Sandkrughof in Lauenburg an der Elbe der Verein „Kriegsenkel e.V.“ . Er hat sich zum Ziel gesetzt, Anlaufstelle für Betroffene oder Interessierte zu sein, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen und Informationen aus Forschung, Politik, Medien, Literatur sowie Kunst zu bündeln, die das Thema „Kriegsenkel“ zum Inhalt haben. Der Verein führt einmal im Jahr eine Herbsttagung durch, die an eine breitere Öffentlichkeit gerichtet ist. Inhaltlich geht es dabei jeweils um einen Aspekt des Kriegsenkel-Themas. Der Titel der Herbsttagung 2014 spiegelte das unter Kriegsenkeln verbreitete Problem einer tief empfundenen Heimatlosigkeit und ihre Sehnsucht nach existenzieller Verwurzelung. Er lautete: „Kein Ort, nirgends? Kriegsenkel zwischen Sehnsucht nach Stabilität und ständigem Aufbruch.“

Der erste und bislang einzige wissenschaftliche Fachkongress zum Thema fand 2012 an der Universität Göttingen unter dem Titel „Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors“ statt, ausgerichtet durch die Gesellschaft für psychohistorische Forschung und politische Psychologie GPPP.[4] Insgesamt lassen die beschriebenen Aktivitäten den Schluss zu, dass es sich hierbei um eine entstehende neue soziale Bewegung handelt, die als „Kriegsenkel-Bewegung“ bezeichnet werden kann.[5]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das wachsende Interesse an den lokalen Kriegsenkelgruppen und an der Arbeit des Vereins Kriegsenkel e.V., die zunehmende Frequentierung Kriegsenkel-bezogener Angebote im Internet und die hohen Auflagen der einschlägigen Veröffentlichungen zum Thema werden von einigen Forschern als Anzeichen für eine generationelle Identifizierung gewertet.[1] Inzwischen treten zunehmend auch Menschen an die Öffentlichkeit, die sich als „Kriegsurenkel“ verstehen. Sie sind die Enkel und Urenkel der Kriegs-Erlebnisgeneration; und zugleich die Kinder der Kriegsenkel.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bettina Alberti: Seelische Trümmer: Geboren in den 50er und 60er-Jahren: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas. Kösel, München 2010, ISBN 978-3-466-30866-8.
  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Wie Traumata in die nächste Generation wirken - Untersuchungen, Erfahrungen, therapeutische Hilfen. 4. Auflage, Affenkönig, Neukirchen-Vluyn 2014, ISBN 978-3-934-93333-0.
  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft. 1. Auflage. Beltz, Weinheim 2015, ISBN 978-3-407-85740-8.
  • Gabriele Baring: Die geheimen Ängste der Deutschen. Wie der Zweite Weltkrieg bis heute emotional in den Deutschen nachwirkt. Scorpio, Berlin/ München 2011, ISBN 978-3-942166-46-1.
  • Gabriele Baring: Das Drama der Kriegsenkel: Symptome, Muster und Traumen der dritten Generation. In: Vertreibung, Verständigung, Versöhnung. Hess, Bad Schussenried 2011, ISBN 978-3-87336-372-4.
  • Kathleen Battke: Trümmerkindheit. Erinnerungsarbeit und biographisches Schreiben für Kriegskinder und Kriegsenkel. Kösel, München 2013, ISBN 978-3-466-30989-4.
  • Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-608-94550-8.
  • Heike Knoch, Winfried Kurth, Heinrich J. Reiß, Götz Egloff (Hrsg.): Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors (= Jahrbuch für psychohistorische Forschung. Band 13). Mattes, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-86809-070-3.
  • Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, München 2016, ISBN 978-3-579-08636-1.
  • Ingrid Meyer-Legrand: Stop & Grow – eine ganz eigene Strategie der Kriegsenkel, positiv mit ihrem besonderen Erbe in einer in Gewinner und Verlierer gespaltenen Gesellschaft umzugehen? In: Uwe Langendorf: Gespaltene Gesellschaft und die Zukunft von Kindheit (= Jahrbuch für psychohistorische Forschung. Band 14). Mattes, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-86809-084-0, S. 159 – S. 170.
  • Ingrid Meyer-Legrand: Immer noch auf der Flucht? – Die Kinder der Kriegs- und Flüchtlingskinder: Das biografische Erbe erkennen und nutzen! In: Systemisches Arbeiten mit älteren Menschen. Konzepte und Praxis für Beratung und Psychotherapie (= Systemische Therapie.). Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2014, ISBN 978-3-8497-0043-0, S. 125 – S. 143.
  • Hartmut Radebold, Werner Bohleber, Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Juventa, Weinheim/ München 2008, ISBN 978-3-7799-1735-9.
  • Joachim Süss, Michael Schneider (Hrsg.): Nebelkinder. Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte. Europa Verlag 2015, ISBN 978-3-944305-91-2
  • Joachim Süss, Jenny Schon: PostelbergKindeskinder, Träume und Trauma. Odertor, Bad Schussenried 2011, ISBN 978-3-87336-367-0
  • Raymond Unger: Die Heimat der Wölfe - Ein Kriegsenkel auf den Spuren seiner Familie - Eine Familienchronik. Europa Verlag Berlin, 2016, ISBN 978-3958900141.
  • Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkrieges. Herder, Freiburg i.Br. 2008, ISBN 978-3-451-29814-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Joachim Süss: Was sind Kriegsenkel?
  2. Katharina Ohana: Ich, Rabentochter. Erstauflage, 2006.
  3. Hartmut Radebold u. a.: Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Weinheim/ München 2008.
  4. Heike Knoch u. a.: Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors. Heidelberg 2012.
  5. Joachim Süss: Das hört nie auf. Traumata in den nächsten Generationen. Kronprinzenpalais zu Berlin, 10. Mai 2012, DVD, hrsg. von der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen und vom Frauenverband im BdV e.V., Berlin 2012.
  6. Rasmus Rahn: Verdrängung, Verdruss, Verantwortung? Kriegsurenkel und der lange Schatten unserer Vergangenheit. In: Joachim Süss, Michael Schneider: Nebelkinder. Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte. Berlin u. a. 2015, S. 361-369.