Kriegsenkel

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Kriegsenkel sind Kinder von Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs. Der Begriff entstammt der populärwissenschaftlichen Literatur[1][2][3] und beschreibt Personen, die durch während der NS-, Kriegs- und frühen Nachkriegszeit von ihren Eltern erlittene, unverarbeitete psychische Traumata indirekt traumatisiert wurden.[4]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zuordnung zu den Kriegsenkeln wie auch zu den Kriegskindern erfolgt nicht in erster Linie nach den Jahrgängen, wenn diese auch die Alterskohorte der jeweiligen Gruppe in etwa bestimmen. Wichtig ist vielmehr, welcher Gruppe man sich aufgrund der eigenen Lebenszusammenhänge zugehörig sieht. Die Popularisierung des Begriffs Kriegsenkel erklärt sich aus der Tatsache, dass er Zusammenhänge zwischen den Generationen deutlich macht, die in Deutschland noch um die Jahrtausendwende so nicht thematisiert wurden, und eine emotionale Vergangenheitsbewältigung ermöglicht.[5]

Der Terminus „transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Belastungen“ wurde von dem Sozialpsychologen und Altersforscher Hartmut Radebold um 2005 in die Diskussion eingeführt.[6] Darunter ist zu verstehen, dass schwerwiegende Erfahrungen im NS-System und während des Zweiten Weltkrieges, also Täterschaft und Schuldverstrickung, Fronteinsätze, Flucht und Vertreibung, Bombenangriffe auf Deutschland und Haft bzw. Konzentrationslager jeweils bewusst oder unbewusst an die Folgegenerationen weitergegeben werden können und damit das Leben von Menschen schwer belasten, die zum Teil Jahrzehnte nach den Ereignissen geboren wurden.[7]

Aus psychoanalytischer Sicht handelt es sich um eine spezifische Form der Übertragung, von Sigmund Freud 1913 in Totem und Tabu als Gefühlserbschaft bezeichnet.[8] Die unbewusste Übermittlung von Erfahrungen zwischen Eltern und Kindern wurde zuerst bei den Kindern von Holocaust-Überlebenden und NS-Tätern untersucht.[9][10][11][12]

Der Begriff wurde von Vertretern der Jahrgänge zwischen ca. 1960 und 1975 wie eine Selbstbezeichnung verwendet.[7] Es treten zunehmend auch Menschen an die Öffentlichkeit, die sich als „Kriegsurenkel“ verstehen. Sie sind die Kinder der Kriegsenkel.[13]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herbsttagung von Kriegsenkel e.V. in Helmstedt 2014. Im Bild Sabine Bode

2010 wurde der Verein Kriegsenkel e. V. in Schnakenbek/Elbe (bei Hamburg) gegründet. Er tritt insbesondere durch eigene Veranstaltungen in Erscheinung sowie durch überwiegend online-basierte Vernetzung von allen am Thema Interessierten.

2012 fand ein psychohistorischer Kongress an der Universität Göttingen unter dem Titel Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors statt.[14] 2018 stand die Veranstaltung unter dem Titel Gewalt und Trauma: Direkte und transgenerationale Folgen für Individuen, Bindungen und Gesellschaft – Kriegsenkel, Kinder aus neuen Kriegen, Betroffene familiärer und institutioneller Gewalt.[15]

Vertriebenenverbände sprechen auch von einer „Kriegsenkel-Bewegung“.[16]

Kritiker bemängeln die Entstehung einer „pluralen Erinnerungskultur, die via negativer Identitätsbildung eine Ethik des gleichberechtigten Gedächtnisses von Opfern und Tätern favorisiert“, wenn sich Deutsche als eigentlich Leidtragende des Nationalsozialismus präsentieren. Dies bedeute die Abwiegelung von kausalen historischen Zusammenhängen, Schuld- und Verantwortungsspezifik.[17] Dem stehen Bemühungen gegenüber, dem Leid beider Seiten je angemessenen Raum zu geben, wie sie mit den Nazareth-Konferenzen unternommen wurden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bettina Alberti: Seelische Trümmer: Geboren in den 50er und 60er-Jahren: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas. Kösel, München 2010, ISBN 978-3-466-30866-8.
  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Wie Traumata in die nächste Generation wirken – Untersuchungen, Erfahrungen, therapeutische Hilfen. 4. Auflage, Affenkönig, Neukirchen-Vluyn 2014, ISBN 978-3-934933-33-0.
  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft. 1. Auflage. Beltz, Weinheim 2015, ISBN 978-3-407-85740-8.
  • Gabriele Baring: Die geheimen Ängste der Deutschen. Wie der Zweite Weltkrieg bis heute emotional in den Deutschen nachwirkt. Scorpio, Berlin/ München 2011, ISBN 978-3-942166-46-1.
  • Gabriele Baring: Das Drama der Kriegsenkel: Symptome, Muster und Traumen der dritten Generation. In: Vertreibung, Verständigung, Versöhnung. Hess, Bad Schussenried 2011, ISBN 978-3-87336-372-4.
  • Kathleen Battke: Trümmerkindheit. Erinnerungsarbeit und biographisches Schreiben für Kriegskinder und Kriegsenkel. Kösel, München 2013, ISBN 978-3-466-30989-4.
  • Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. 10. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-608-94807-3.
  • Heike Knoch, Winfried Kurth, Heinrich J. Reiß, Götz Egloff (Hrsg.): Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors (= Jahrbuch für psychohistorische Forschung. Band 13). Mattes, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-86809-070-3.
  • Michael Schneider, Joachim Süss (Hg.), NEBELKINDER – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte. Europa Verlag, 2015, (Anthologie) ISBN 978-3-944305-91-2.
  • Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, München 2016, ISBN 978-3-579-08636-1.
  • Raymond Unger: Die Heimat der Wölfe – Ein Kriegsenkel auf den Spuren seiner Familie – Eine Familienchronik. Europa Verlag Berlin, 2016, ISBN 978-3-95890-014-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Katharina Ohana: Ich, Rabentochter. Erstauflage, 2006
  2. Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkrieges. Freiburg i.Br., 2008
  3. Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart, 2009
  4. Angela Moré: Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen Journal für Psychologie 2013
  5. Kriegsenkel - wie wir den Krieg bis heute spüren phoenix Runde vom 7. Mai 2015, YouTube, Sabine Bode ab Min. 44:00
  6. Hartmut Radebold, Werner Bohleber, Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Juventa, Weinheim/ München 2008
  7. a b Joachim Süss: Was sind Kriegsenkel? (Memento vom 16. April 2015 im Internet Archive)
  8. Angela Moré: Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen. In: Journal für Psychologie. Band 21, Nr. 2, 2013, ISSN 0942-2285 (journal-fuer-psychologie.de [abgerufen am 22. August 2018]).
  9. Dan Bar-On: Die Last des Schweigens. Frankfurt am Main (Campus), 1993
  10. Martin S. Bergmann, Milton E.Jucovy, Judith S. Kestenberg (Hrsg.): Kinder der Opfer – Kinder der Täter. Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt am Main, 1995
  11. Ilany Kogan: Der stumme Schrei der Kinder. Die zweite Generation der Holocaust-Opfer (= Bibliothek der Psychoanalyse). 2. Auflage. Psychosozial-Verlag, Gießen 2009, ISBN 978-3-8379-2005-5 (englisch: The cry of mute children. Übersetzt von Max Looser).
  12. Angela Moré: Im Schatten der Schuld: Psychische Belastungen bei den Nachkommen von Tätern und Täterinnen 2016
  13. Rasmus Rahn: Verdrängung, Verdruss, Verantwortung? Kriegsurenkel und der lange Schatten unserer Vergangenheit. In: Joachim Süss, Michael Schneider: Nebelkinder. Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte. Berlin u. a. 2015, S. 361–369.
  14. Heike Knoch u. a.: Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors. Heidelberg 2012.
  15. 32. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und politische Psychologie (GPPP), 13. - 15. April 2018, Göttingen Tagungsankündigung
  16. Joachim Süss: Das hört nie auf. Traumata in den nächsten Generationen. Kronprinzenpalais zu Berlin, 10. Mai 2012, DVD, hrsg. von der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen und vom Frauenverband im BdV e.V., Berlin, 2012
  17. German Gedächtnis – Das Konzept einer feindlichen Übernahme, JungdemokratInnen/Junge Linke Rheinland-Pfalz, 10. Dezember 2008