Kriegsenkel

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Kriegsenkel sind Kinder von Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs.

Der Begriff entstammt der populärwissenschaftlichen Literatur[1][2][3] und beschreibt Personen, die durch während der NS- und Kriegszeit von ihren Eltern erlittene, unverarbeitete psychische Traumata indirekt traumatisiert worden sind.[4]

Aus psychoanalytischer Sicht handelt es sich um eine spezifische Form der Übertragung, von Sigmund Freud 1913 in Totem und Tabu als Gefühlserbschaft bezeichnet.[5] Die unbewusste Übermittlung von Erfahrungen zwischen Eltern und Kindern wurde zuerst bei den Kindern von Holocaust-Überlebenden und NS-Tätern untersucht.[6][7][8][9]

Der Begriff hat in Deutschland und Österreich eine starke identifikatorische Kraft entfaltet und wird inzwischen von zahlreichen Vertretern der Jahrgänge zwischen ca. 1960 und 1975 wie eine Selbstbezeichnung verwendet.[10] Es treten zunehmend auch Menschen an die Öffentlichkeit, die sich als „Kriegsurenkel“ verstehen. Sie sind die Kinder der Kriegsenkel.[11]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zuordnung zu den Kriegsenkeln wie auch zu den Kriegskindern erfolgt nicht in erster Linie nach den Jahrgängen, wenn diese auch die Alterskohorte der jeweiligen Gruppe in etwa bestimmen. Wichtig ist vielmehr, welcher Gruppe man sich aufgrund der eigenen Lebenszusammenhänge zugehörig sieht. Die Popularisierung des Begriffs Kriegsenkel erklärt sich aus der Tatsache, dass er Zusammenhänge zwischen den Generationen deutlich macht, die in Deutschland noch um die Jahrtausendwende so nicht thematisiert wurden, und eine emotionale Vergangenheitsbewältigung ermöglicht.[12]

Eng mit dem Begriffskomplex Kriegsenkel verbunden ist der Terminus „transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Belastungen“. Er wurde von dem Sozialpsychologen und Altersforscher Hartmut Radebold um 2005 in die Diskussion eingeführt.[13] Darunter ist zu verstehen, dass schwerwiegende Erfahrungen im NS-System und während des Zweiten Weltkrieges, also Täterschaft und Schuldverstrickung, Fronteinsätze, Flucht und Vertreibung, Bombenangriffe auf Deutschland und Haft bzw. Konzentrationslager jeweils bewusst oder unbewusst an die Folgegenerationen weitergegeben werden können und damit das Leben von Menschen schwer belasten, die zum Teil Jahrzehnte nach den Ereignissen geboren wurden.[10]

Als Kriegskinder gelten dabei ungefähr die Geburtsjahrgänge 1930 bis 1940, die den Krieg als Kinder und Jugendliche erlebten. Wurden sie dabei traumatisiert, reagierten sie, so die Hypothese, auf die verdrängten Traumata als Erwachsene stets in ähnlicher Weise: als charakteristisch gelten insbesondere Verlustangst, Schuldgefühle, depressive Verstimmungen und emotionale Verschlossenheit. Dies schuf, so die Hypothese, wiederum ein Umfeld, das unbeabsichtigt vielfach auch die emotionale Entwicklung der Kriegsenkel nachhaltig gestört haben könnte. Als typisch für Kriegsenkel gelten eine Rollenumkehr zwischen Eltern und ihren Kindern, die sich oft verpflichtet fühlen, ihre Eltern aufzuheitern und zu trösten, diffuse Gefühle der Heimatlosigkeit, der Verlustangst, des Nicht-Angekommen- und Nicht-Angenommenseins, Bindungsangst sowie ein gestörtes Selbstwertgefühl.

Weil es also den Horizont über die eigene Lebensspanne hinaus in die Vergangenheit erweitert, ermöglicht das Konzept Kriegsenkel, offene Fragen im Kontext der eigenen Biografie und der eigenen Persönlichkeit zu analysieren, die bislang vielleicht nicht schlüssig aus den eigenen Lebenszusammenhängen zu erklären waren. Mithin erlaubt es also, Erfahrungen persönlichen Scheiterns, emotionale Störungen, existenzieller Brüche, Suchtverhalten oder Depressionen vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte als transgenerationale Folgen belastender bis traumatischer Erfahrungen der Eltern neu zu deuten und dadurch in einen anderen Verständnisrahmen einzuordnen. Die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte im und nach dem Zweiten Weltkrieg wird dabei vielfach als befreiend erlebt, vorher als diffus wahrgenommene Gefühlslagen klären sich.[10]

Die Karriere des Begriffs Kriegsenkel lässt sich somit primär aus seiner entlastenden Funktion erklären: Wird die eigene Lebensgeschichte nämlich aus generationsübergreifender Sicht interpretiert, kann die Urheberschaft an negativen Erfahrungen an die Vorgängergeneration delegiert werden. Die damit verbundene Gefahr besteht freilich darin, sich gleichsam hinter dem Begriff zu verstecken, sich mit Schuldzuweisungen zu begnügen und damit eine produktive und heilende Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten der eigenen Familien- und Lebensgeschichte zu verweigern.[10]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2012 fand ein psychohistorischer Kongress an der Universität Göttingen unter dem Titel Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors statt.[14] 2018 stand die Veranstaltung unter dem Titel Gewalt und Trauma: Direkte und transgenerationale Folgen für Individuen, Bindungen und Gesellschaft - Kriegsenkel, Kinder aus neuen Kriegen, Betroffene familiärer und institutioneller Gewalt.[15]

Vertriebenenverbände sprechen auch von einer „Kriegsenkel-Bewegung“.[16]

Kritiker bemängeln die Entstehung einer „pluralen Erinnerungskultur, die via negativer Identitätsbildung eine Ethik des gleichberechtigten Gedächtnisses von Opfern und Tätern favorisiert“, wenn sich Deutsche als eigentlich Leidtragende des Nationalsozialismus präsentieren. Dies bedeute die Abwiegelung von kausalen historischen Zusammenhängen, Schuld- und Verantwortungsspezifik.[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bettina Alberti: Seelische Trümmer: Geboren in den 50er und 60er-Jahren: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas. Kösel, München 2010, ISBN 978-3-466-30866-8.
  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Wie Traumata in die nächste Generation wirken - Untersuchungen, Erfahrungen, therapeutische Hilfen. 4. Auflage, Affenkönig, Neukirchen-Vluyn 2014, ISBN 978-3-934-93333-0.
  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft. 1. Auflage. Beltz, Weinheim 2015, ISBN 978-3-407-85740-8.
  • Gabriele Baring: Die geheimen Ängste der Deutschen. Wie der Zweite Weltkrieg bis heute emotional in den Deutschen nachwirkt. Scorpio, Berlin/ München 2011, ISBN 978-3-942166-46-1.
  • Gabriele Baring: Das Drama der Kriegsenkel: Symptome, Muster und Traumen der dritten Generation. In: Vertreibung, Verständigung, Versöhnung. Hess, Bad Schussenried 2011, ISBN 978-3-87336-372-4.
  • Kathleen Battke: Trümmerkindheit. Erinnerungsarbeit und biographisches Schreiben für Kriegskinder und Kriegsenkel. Kösel, München 2013, ISBN 978-3-466-30989-4.
  • Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. 10. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-608-94807-3.
  • Heike Knoch, Winfried Kurth, Heinrich J. Reiß, Götz Egloff (Hrsg.): Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors (= Jahrbuch für psychohistorische Forschung. Band 13). Mattes, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-86809-070-3.
  • Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, München 2016, ISBN 978-3-579-08636-1.
  • Raymond Unger: Die Heimat der Wölfe - Ein Kriegsenkel auf den Spuren seiner Familie - Eine Familienchronik. Europa Verlag Berlin, 2016, ISBN 978-3958900141.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kriegsenkel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Katharina Ohana: Ich, Rabentochter. Erstauflage, 2006
  2. Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkrieges. Freiburg i.Br., 2008
  3. Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart, 2009
  4. Angela Moré: Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen Journal für Psychologie 2013
  5. Angela Moré: Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen. In: Journal für Psychologie. Band 21, Nr. 2, 2013, ISSN 0942-2285 (journal-fuer-psychologie.de [abgerufen am 22. August 2018]).
  6. Dan Bar-On: Die Last des Schweigens. Frankfurt am Main (Campus), 1993
  7. Martin S. Bergmann, Milton E.Jucovy, Judith S. Kestenberg (Hrsg.): Kinder der Opfer – Kinder der Täter. Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt am Main, 1995
  8. Ilany Kogan: Der stumme Schrei der Kinder. Die zweite Generation der Holocaust-Opfer (= Bibliothek der Psychoanalyse). 2. Auflage. Psychosozial-Verlag, Gießen 2009, ISBN 978-3-8379-2005-5 (englisch: The cry of mute children. Übersetzt von Max Looser).
  9. Angela Moré: Im Schatten der Schuld: Psychische Belastungen bei den Nachkommen von Tätern und Täterinnen 2016
  10. a b c d Joachim Süss: Was sind Kriegsenkel?
  11. Rasmus Rahn: Verdrängung, Verdruss, Verantwortung? Kriegsurenkel und der lange Schatten unserer Vergangenheit. In: Joachim Süss, Michael Schneider: Nebelkinder. Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte. Berlin u. a. 2015, S. 361–369.
  12. Kriegsenkel - wie wir den Krieg bis heute spüren phoenix Runde vom 7. Mai 2015, YouTube, Sabine Bode ab Min. 44:00
  13. Hartmut Radebold, Werner Bohleber, Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Juventa, Weinheim/ München 2008
  14. Heike Knoch u. a.: Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors. Heidelberg 2012.
  15. 32. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und politische Psychologie (GPPP), 13. - 15. April 2018, Göttingen Tagungsankündigung
  16. Joachim Süss: Das hört nie auf. Traumata in den nächsten Generationen. Kronprinzenpalais zu Berlin, 10. Mai 2012, DVD, hrsg. von der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen und vom Frauenverband im BdV e.V., Berlin, 2012
  17. German Gedächtnis – Das Konzept einer feindlichen Übernahme, JungdemokratInnen/Junge Linke Rheinland-Pfalz, 10. Dezember 2008