Kulturkreis

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Als Kulturkreis wurde früher in den Kulturwissenschaften ein großflächiges Siedlungsgebiet bezeichnet, dessen Einwohnern eine gleiche oder zumindest ähnliche Kultur zugeschrieben wurde. Der Begriff wurde 1898 vom deutschen Ethnologen Leo Frobenius geprägt, als Teil seiner als überholt geltenden Kulturkreislehre. Heute wird diese Bezeichnung in der deutschsprachigen Ethnologie (Völkerkunde) aus verschiedenen Gründen recht einhellig abgelehnt. Stattdessen wird manchmal der ideologisch auch vorbelastete Begriff Kulturareal verwendet, der eine geographische Geschlossenheit einer Kultur postuliert, und eng mit der Völkerlehre zusammenhängt (geographische Provinzen nach Bastian).[1] Außerhalb der ethnologischen und historischen Wissenschaften spricht man von Kulturräumen oder Kulturerdteilen, die im jeweiligen Zusammenhang ihrer Fachwissenschaft die gegenwärtige Situation abbilden. Auch diese Begriffe vertreten primär ethnographische Konzepte räumlicher Begrenztheit von Kultur, die durchaus kritisch gesehen werden.

Überblick[Bearbeiten]

Das Konzept des Kulturkreises übersteigt in seiner Reichweite meist andere Einteilungen sozialer Einheiten wie soziale Gruppen, Stämme, Gesellschaften, Nationen oder „Völker“. So spricht man beispielsweise vom „christlichen Abendland“ bzw. dem „islamischen Orient“ als zwei großen Kulturkreisen, die sich durch jeweils bestimmte Wertvorstellungen, soziale Normen, Sitten und Gebräuche auszeichnen. Die Definition eines Kulturkreises in der Größe wird unterschiedlich vorgenommen und richtet sich nach der Auswahl Bestimmungen, die zur Unterscheidung typisch sein sollen. So wird einerseits von einem skandinavischen Kulturkreis gesprochen, der andererseits auch Teil des europäischen Kulturkreises sein kann. Eine beliebte Einteilung ist die in „Westlicher Kulturkreis“, „Fernöstlicher Kulturkreis“ oder in „Arabischer Kulturkreis“.

Die Typisierung von Kulturen spielt in den auf der „Zyklentheorie“ basierenden idealtypischen Geschichtsbildern, wie sie bereits von Giambattista Vico formuliert wurden, eine zentrale Rolle. Die Typisierung von Kulturen ist noch im 20. Jahrhundert charakteristisch für Historiker und Kulturwissenschaftler wie Othmar Anderle, Rushton Coulborn, Christopher Dawson, Nikolai Danilewski, Reinhold Niebuhr, Henri Pirenne, Pitirim Sorokin und Karl August Wittfogel sowie gegenwärtig Jos de Beus, Samuel P. Huntington oder Bassam Tibi. Bei Oswald Spengler und Arnold J. Toynbee wurden diese Konzepte in ihrem Rigorismus am konsequentesten konstruiert.

Insbesondere die deutsche Geisteswissenschaft hat sich vor allem im Nationalsozialismus sowie in der Volks- und Kulturbodenforschung bei der Typisierung von Kulturen hervorgetan. Tragende Konzepte waren dabei vor allem die Konzepte der Volksgruppe und Volksgemeinschaft, des Lebensraumes und Kulturraumes, des Brauchtums, der Gesittung und der Überfremdung. Die Kontinuitäten in der Methodik, den Biographien der Wissenschaftler und dem Vokabular der Wissenschaft lassen sich von der Völkischen Bewegung der Zwischenkriegszeit über den Nationalsozialismus bis heute nachweisen.

Kulturkreislehre[Bearbeiten]

Die Kulturkreislehre wurde 1898 von Leo Frobenius als Theorie der Völkerkunde eingeführt (siehe auch seine Theorie der Kulturmorphologie). Behauptet wird eine fortschreitende chronologische Weiterentwicklung der menschlichen Kultur.

Frobenius selbst gab diese Theorie als nicht überzeugend wieder auf und entwickelte stattdessen den Ansatz der Kulturmorphologie. Aufgegriffen und weiterentwickelt wurde sie von dem deutschen Historiker Fritz Graebner als Gegentheorie zum Evolutionismus, der von einem gemeinsamen Ursprung aller Ethnien ausgeht. „Seine meist zitierte Quelle ist ein gewisser Christoph Meiners, deutscher Philosophieprofessor, einer der Urheber der kulturellen Bewertung von Rassen, welche eine Wiege der Auffassung vom Herrenmenschen eines Adolf Hitlers darstellt.“[2]

Die Kulturkreislehre wurde vor allem von der Wiener Schule der Völkerkunde Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegriffen, von Pater Wilhelm Schmidt und Pater Wilhelm Koppers. Sie erfanden den Begriff „Urkulturkreis“, der von Anfang an monotheistisch, monogam und patriarchalisch gelebt habe und daher völkerkundlich der wertvollste sei. Die Lehre wurde so zu einer Rassentheorie. Schmidt war auch Anhänger des Sozialdarwinismus.[2] Ein weiterer Wiener Vertreter war Paul Schebesta, der als Missionar in Mosambik tätig war.

Die Wiener Schule verwendete die Begriffe „Urkultur“, „Primärkultur“ und „Sekundärkultur“, wobei die Urkultur die wertvollste sei; die „Kulturvölker“ wurden im Vergleich dazu als degeneriert angesehen (siehe auch Klassischer Diffusionismus).

„Die Wiener Schule der Kulturkreislehre dominierte die deutschsprachige Ethnologie bis in die 1930er, vielleicht 1940er Jahre hinein, obwohl sie in den späteren Jahren zunehmend massiver Kritik ausgesetzt war, die sich […] vor allem gegen die schematische Vorgehensweise und die zunehmend als unzeitgemäß empfundene Fixierung auf pseudohistorische Rekonstruktionen wandte.“

Martin Rössler: Die deutschsprachige Ethnologie bis ca. 1960. Ein historischer Abriss. (2007, S. 14)[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Guy Ankerl: Coexisting Contemporary Civilizations: Arabo-Muslim, Bharati, Chinese, and Western. Inupress, Genf 2000, ISBN 2-8815-5004-5.
  • Gazi Çağlar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen. Münster 2002, ISBN 3-89771-414-0.
  • Marie-France Chevron: Anpassung und Entwicklung in Evolution und Kulturwandel. Erkenntnisse aus der Wissenschaftsgeschichte für die Forschung der Gegenwart und eine Erinnerung an das Werk A. Bastians. Lit, Wien 2004.
  • Frank-Rutger Hausmann: „Deutsche Geisteswissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Aktion Ritterbusch“ (1940–1945). Dresden 1999.
  • Martin Rössler: Die deutschsprachige Ethnologie bis ca. 1960: Ein historischer Abriss. In: Kölner Arbeitspapiere zur Ethnologie. Nr. 1, Institut für Völkerkunde, Universität Köln, April 2007, S. 3–29 (PDF-Download möglich).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kulturkreis – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vergl. Marie-France Chevron: Anpassung und Entwicklung in Evolution und Kulturwandel: Erkenntnisse aus der Wissenschaftsgeschichte für die Forschung der Gegenwart und eine Erinnerung an das Werk A. Bastians. Band 14 von Ethnologie, Band 6 von Freiburger sozialanthropologische Studien, LIT Verlag, Münster 2004, ISBN 978-382586817-8, insb. Kapitel 2. Vergleich des Kulturarealbegriffs mit ähnlichen Ansätzen in der deutschsprachigen Ethnologie, 2.1 Kulturareale und Kulturkreise, S. 224 ff (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. a b Ruth Kronsteiner: „Kulturkreis“ oder Rassismus – Sexismus im neuen Gewand? Zur Dekonstruktion „alter“ und „neuer“ Unterschiede. International Society of Pharmacovigilance (ISOP), 20. Mai 2005, archiviert vom Original am 9. Dezember 2011, abgerufen am 24. Juli 2014 (PDF; 288 kB;, 14 Seiten; Vortrag auf einer ISOP-Veranstaltung).
  3. Martin Rössler: Die deutschsprachige Ethnologie bis ca. 1960: Ein historischer Abriss. In: Kölner Arbeitspapiere zur Ethnologie. Nr. 1, Institut für Völkerkunde, Universität Köln, April 2007, S. 3–29, hier S. 14 (PDF-Download möglich).