Wilhelm Schmidt (Ethnologe)

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Pater Wilhelm Schmidt SVD

Wilhelm Schmidt SVD (* 16. Februar 1868 in Hörde (heute Dortmund); † 10. Februar 1954 in Freiburg im Üechtland) war ein römisch-katholischer Priester, Sprachwissenschaftler und Ethnologe. Er war Begründer der „Wiener Schule“ der Kulturkreislehre, die eine Universalgeschichte der Kultur zu erstellen versuchte, und gleichzeitig der bedeutendste weltweit vergleichende Sprachwissenschaftler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten]

Wilhelm Schmidt wurde am 16. Februar 1868 in Hörde als Sohn eines Hüttenarbeiters geboren. Bereits mit 15 Jahren trat er in die Missionsgesellschaft der Missionare vom Göttlichen Wort in Steyl (Niederlande) ein. Die Priesterweihe erfolgte 1892 im Missionshaus St. Gabriel in Österreich. Sprachstudien und der Briefwechsel mit Missionaren in Neuguinea und Togo weckten sein Interesse für Sprache und Kultur von Naturvölkern. Ab 1895 lehrte er Ethnologie und Linguistik am Missionsseminar St. Gabriel. Er unternahm Reisen nach Feuerland, Hinterindien, Ostafrika und auf die Philippinen und besuchte dort alte Völker. 1906 rief er am Missionshaus St. Gabriel Anthropos ins Leben, eine internationale Zeitschrift für Völker- und Sprachenkunde. Im Ersten Weltkrieg war er Feldkaplan von Kaiser Karl I. Seit 1921 war er Dozent am Lehrstuhl für Anthropologie und Ethnographie der Universität Wien von Otto Reche. Nach dessen Wechsel nach Leipzig wurden Ethnografie und physische Anthropologie in Wien wieder stärker getrennt, 1929 gründete Schmidt das Institut für Völkerkunde und etablierte gemeinsam mit Wilhelm Koppers die Wiener Schule der Kulturkreislehre. 1925 wurde er mit der Gründung des päpstlichen Museo Missionario-Etnologico in der Vatikanstadt beauftragt, welches er bis 1939 als Direktor leitete. Wilhelm Schmidt war zusammen mit Ernst Karl Winter, Alfred Missong, Hans Karl von Zessner-Spitzenberg und August Maria Knoll, die alle in verschiedenen katholischen Verbindungen korporiert waren, gemeinsam jedoch Mitglieder der Landsmannschaft Maximiliana Wien waren, in den 1930er Jahren Begründer der „Österreichischen Aktion“, die sich mit paneuropäischen Theorien beschäftigten. Nach dem Anschluss Österreichs wurde Schmidt von den Nationalsozialisten kurz verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Er kam durch Intervention des Vatikans wieder frei und emigrierte danach in den Vatikan. 1941 erhielt er einen Ruf an die Universität Freiburg (Schweiz). Am 10. Februar 1954 starb Wilhelm Schmidt in Freiburg im Üechtland im Alter von 85 Jahren. [1]

Politische Ansichten[Bearbeiten]

Schmidt publizierte unter anderem in der katholischen Zeitschrift „Schönere Zukunft“ und unterstützte den späteren Bürgermeister von Wien, Karl Lueger, und dessen Christlichsoziale Partei. Schmidt war ein erklärter Gegner des französischen Religionsgeschichtlers Salomon Reinach (1858–1932), von Materialismus und Kommunismus. In seinen Schriften vertrat er auch rassistische und antisemitische Standpunkte.

Nach dem Anschluss kooperierte er zunächst mit den Nationalsozialisten, wurde dann aber kurzfristig unter Hausarrest gestellt und emigrierte. Nach dem Krieg distanzierte er sich von der faschistischen Ideologie und dem Neopaganismus. Er forderte nun ein christliches vereinigtes Europa.

Forschungsinteresse[Bearbeiten]

Schmidt war wie Leo Frobenius ein Vertreter des Diffusionismus und der Kulturkreis-Konzeption. Von der Existenz eines „ursprünglichen Monotheismus“ überzeugt, machte er sich auf die Suche nach dem „Ursprung der Gottesidee“. So beauftragte er seine Ordensbrüder, während ihrer Missionsreisen empirisches Material zur Untermauerung der Theorie eines idealen Urzustandes der Menschheit, der in früher Zeit geherrscht haben soll, heranzuschaffen.

Schmidts These eines Urmonotheismus wurde nicht von allen Wissenschaftlern geteilt, weil sie dem Paradigma einer Höherentwicklung widerspricht. Die von ihm begründete „Wiener Schule“ leitete ein ethnografisches Forschungsprogramm in die Wege, das von Martin Gusinde und anderen Patres unter anderem in Feuerland und Afrika durchgeführt wurde. Sie spielt heute in der Forschung keine Rolle mehr.

Auch als Sprachwissenschaftler hat Schmidt Bedeutendes geleistet. Er legte als erster eine wissenschaftliche Klassifikation der australischen Sprachen vor und war mit seinen Arbeiten zur Sprachtypologie, insbesondere zur Wortstellungstypologie, ein wichtiger Wegbereiter Joseph Greenbergs (vgl. Schmidt 1926).

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  •  Wilhelm Schmidt: Der Ursprung der Gottesidee. Eine historisch-kritische und positive Studie. 1–12, Aschendorff, Münster 1912–1955.
  •  Wilhelm Schmidt: Die Sprachfamilien und Sprachkreise der Erde. Winter, Heidelberg 1926, ISBN 3-87118-276-1.
  •  Wilhelm Schmidt: Handbuch der vergleichenden Religionsgeschichte, zum Gebrauch für Vorlesungen an Universitäten, Seminaren usw. und zum Selbststudium. Aschendorff, Münster 1930.
  •  Wilhelm Schmidt, Wilhelm Koppers: Handbuch der Methode der kulturhistorischen Ethnologie. Aschendorff, Münster 1937.
  •  Wilhelm Schmidt: Das Eigentum auf den ältesten Stufen der Menschheit. 1–3, Aschendorff, Münster 1937–1942.
  •  Wilhelm Schmidt: Rassen und Völker in Vorgeschichte und Geschichte des Abendlandes. 1–3, Stocker, Luzern 1946.
  •  Wilhelm Schmidt: Das Mutterrecht. Verlag der Missionsdruckerei St. Gabriel, Wien-Mödling 1955.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Walter Gronemann: Schmidt, Wilhelm. In: Hans Bohrmann (Hrsg.): Biographien bedeutender Dortmunder. Menschen in, aus und für Dortmund. Band 1, Ruhfus, Dortmund 1994, S. 131ff.