Langobardentheorie des Zimbrischen

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Die Langobardentheorie des Zimbrischen führt die wissenschaftlich umstrittene Frage über die Herkunft der zimbrischen Sprache und Bevölkerung auf langobardische Ursprünge zurück. Die umstrittene Theorie wird von einer Minderheit der Zimbern-Forscher, Linguisten und Heimatforscher vertreten.

Entwicklung der Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Langobardentheorie des Zimbrischen wurde von dem renommierten Sprachforscher Bruno Schweizer, seit 1937 Mitarbeiter der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, begründet und im Jahr 1948 publiziert.[1] 1974 gelangte der italienische Germanist Alfonso Bellotto unabhängig von Schweizer zur selben Ansicht und begründete dies ebenfalls in einer Veröffentlichung.

2004 hat der zimbrische Linguist Ermenegildo Bidese die Argumente von Schweizer und Bellotto wieder aufgegriffen und auf einer sprachwissenschaftlichen Tagung erneut zur Diskussion gestellt.[2]

Einige weitere Linguisten haben sich im Laufe der Zeit dieser Theorie angeschlossen, während sie von der Mehrheit der Fachwissenschaftler mehr oder minder strikt zu Gunsten der „Bayerntheorie“ abgelehnt wird. Danach stammen die Zimbern und ihre Sprache von einer südbairischen Kolonisationstätigkeit der Zeit zwischen 1000 und 1200 ab.

Argumentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachliche Indizien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ein Hauptmerkmal des Langobardischen ist das Fehlen der althochdeutschen Diphthongierung. Im konservativsten Teil des Zimbrischen, nämlich im Westteil der Sieben Gemeinden, ist diese ebenfalls ausnahmslos nicht durchgeführt (außer im absoluten Wortauslaut). Beispiele: „liibar pruudar“ statt „lìabar prùadar“ (=„lieber Bruder“).
  • Die Langobarden gelten als Initiatoren der hochdeutschen Lautverschiebung. In keiner Variante des Deutschen ist dies so konsequent durchgeführt wie im Zimbrischen. Beispiele: „faifan“ statt „pfeifen“; „faff“ statt „Pfaffe“; „khòff“ statt „Kopf“.
  • Im Zimbrischen finden sich langobardische Kennwörter, die in den oberitalienischen Dialekten nicht oder zumindest nicht so konsequent verwendet werden. Beispiele: „bölbos“ (= Gespenst) < langobardisch „walupaus“ (= Vermummung); „barba“ (= Onkel) < langobardisch „barba“ (= Onkel).
  • Andererseits fehlen dem Zimbrischen die typischen Bezeichnungen für sämtliche Alpentiere, so dass eine Abstammung von südbairischen Migranten aus dem Alpenraum unwahrscheinlich ist. Beispiele: „billa gòaz“ („wilde Geiß“ = Gämse); „billar òkso“ („wilder Ochse“ = Rothirsch); „billar hano“ („wilder Hahn“ = Auerhahn).
  • Dem Zimbrischen fehlen jegliche geographische Eigenbezeichnungen für Orte oder Flüsse aus dem südbairischen Bereich. Hingegen kennt es oberitalienische Ortsbezeichnungen in einer spätlateinischen oder früh-althochdeutschen Lautung aus der Zeit vor dem Jahr 1000. Beispiele: „Bèarn“ (= Verona, vgl. Dietrich von Bern aus der germanischen Heldensage); „Slait“ (= Schio, lateinisch „scledum“).
  • Im Zimbrischen finden sich nur jene sogenannten bairischen Kennwörter, die der kirchlichen Terminologie der arianischen Germanenstämme entstammen sollen und außer bei den Goten und Bajuwaren höchstwahrscheinlich auch bei den arianischen Langobarden vorhanden waren. Beispiele: „èrtakh“ (= Dienstag), „fiistakh“ (= Donnerstag), „fòat“ (= Hemd).
  • Die binnenbairischen beziehungsweise südbairischen Sprachmerkmale des Zimbrischen (neuhochdeutsche Diphthongierung, langes ai > òa, langes o > òa, langes e > èa) sind allesamt erst nach 1200 entstanden und können daher nicht von südbairischen Ansiedlern vor 1200 mitgebracht worden sein.

Siedlungshistorische Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt eine einzige mittelalterliche Quelle, die infolge einer Hungersnot von der Umsiedlung einiger Dutzend Bauern aus der Gegend von Benediktbeuern nach Verona berichtet.

Dem steht eine ungleich größere Zahl historischer Dokumente gegenüber, die die allgemeine und massenhafte Ansiedlung langobardischer Wehrbauern („Arimannen“) an den Nordgrenzen des langobardischen Reiches bekundet.

Ausweislich diverser Schriftquellen, aufgrund der extremen Häufung langobardischer Namen und Lehnwörter im italienischen Regionaldialekt, wegen der gehäuften Anzahl langobardischer Kirchenpatrozinien, sowie wegen des massierten Auftretens langobardischer Gräberfelder, muss angenommen werden, dass besonders um die Stadt Vicenza die Langobarden nicht nur als oberste Herrscherschicht auftraten, wie anderswo in Italien, sondern die normale Bevölkerung bildeten. Vicenza wurde daher im Mittelalter auch „Cymbria“ genannt. Umgekehrt hieß die zimbrische Sprache im Binnendeutschen „Wisentainisch“ (= Vicentinisch).

Die zimbrische Besiedlung der Hochebene der Sieben Gemeinden ist daher aus dem mehrheitlich langobardisch besiedelten Raum von Vicenza leicht erklärbar, wo auch nachweislich die Mutterpfarreien der Sieben Gemeinden liegen. Ähnliche Verhältnisse können auch für die zimbrische Besiedelung der Dreizehn Gemeinden vom Gebiet Verona aus nachgewiesen werden.

Politische Autonomie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nahezu vollständige politische Souveränität der zimbrischen Republik der Sieben Gemeinden von etwa 1200 bis 1800 (und in deutlich geringerem Umfang die der Dreizehn Gemeinden) ist durch selbstbewusste und freiheitsliebende Wehrbauern aus der langobardischen Oberschicht viel leichter zu erklären, als durch die ehemaligen Hintersassen bairischer Klöster.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfonso Bellotto: Il cimbro e la tradizione longobarda nel vicentino I. In: Vita di Giazza e di Roana 17-18, (1974) S. 7–19. (italienisch)
  • Alfonso Bellotto: Il cimbro e la tradizione longobarda nel vicentino II. In: Vita di Giazza e di Roana 19-20, (1974) S. 49–59. (italienisch)
  • Ermenegildo Bidese: Die Zimbern und ihre Sprache: Geographische, historische und sprachwissenschaftlich relevante Aspekte. In: Thomas Stolz (Hrsg): Kolloquium über Alte Sprachen und Sprachstufen. Beiträge zum Bremer Kolloquium über „Alte Sprachen und Sprachstufen“. (= Diversitas Linguarum, Volume 8). Verlag Brockmeyer, Bochum 2004, ISBN 3-8196-0664-5, S. 3–42.
  • James R. Dow: Bruno Schweizer's commitment to the Langobardian thesis. In: Thomas Stolz (Hrsg): Kolloquium über Alte Sprachen und Sprachstufen. Beiträge zum Bremer Kolloquium über „Alte Sprachen und Sprachstufen“. (= Diversitas Linguarum, Volume 8). Verlag Brockmeyer, Bochum 2004, ISBN 3-8196-0664-5, S. 43–54. (englisch)
  • Bruno Schweizer: Die Herkunft der Zimbern. In: Die Nachbarn. Jahrbuch für vergleichende Volkskunde 1, 1948, ISSN 0547-096X, S. 111–129.
  • Bruno Schweizer: Zimbrische Gesamtgrammatik. Vergleichende Darstellung der zimbrischen Dialekte (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, Beiheft 132). Herausgegeben von James R. Dow, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-515-09053-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bruno Schweizer: Die Herkunft der Zimbern. In: Die Nachbarn. 1 (1948), S. 111–129.
  2. Webseite der Universität Trient (italienisch)