Le devin du village

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Operndaten
Titel: Der Dorfwahrsager
Originaltitel: Le devin du village
Libretto zur Vorstellung am 1. März 1753 in Paris

Libretto zur Vorstellung am 1. März 1753 in Paris

Form: Intermède in einem Akt
Originalsprache: Französisch
Musik: Jean-Jacques Rousseau
Libretto: Jean-Jacques Rousseau
Uraufführung: 18. Oktober 1752
Ort der Uraufführung: Schloss Fontainebleau
Ort und Zeit der Handlung: Ein französisches Dorf, 18. Jahrhundert
Personen
Jean-Michel Moreau: Szenenbild zu Le devin du village (1753)

Le devin du village (dt. „Der Dorfwahrsager“) ist der Titel einer als Intermède bezeichneten einaktigen Oper von Jean-Jacques Rousseau. Die Uraufführung fand am 18. Oktober 1752 im Schloss Fontainebleau statt.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als eine italienische Operntruppe im August 1752 in Paris gastierte, flammte der alte Streit über die Vorherrschaft der italienischen oder französischen Oper wieder auf, der im Kern ein politischer zwischen den Royalisten und ihren Gegnern war. Bei dieser Gelegenheit verfasste der als Opernkomponist bisher erfolglose, aber durch seine preisgekrönte Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste schon berühmte Philosoph Rousseau Text und Musik zu einer kleinen Oper, die den Ruhm der französischen Sprache zu retten versprach. Sie wurde von der Pariser Oper sofort angenommen. Der Hof bestand jedoch auf seinem Recht zu einer Uraufführung im exklusiven Rahmen des Schlosstheaters in Fontainebleau.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schäferin Colette wurde von ihrem Geliebten Colin verlassen, der sich einer adligen Dame in der Stadt zugewandt hat. Der von Colette um Rat gefragte Dorfwahrsager prophezeit ihr, dass Colin zu ihr zurückkehre, aber gibt ihr den Rat, ihn zuerst abzuweisen, weil das seine Liebe zu ihr wieder anfachen werde. Als Colin zurückkehrt, weil er das Schäferkleid dem höfischen Prunk doch vorzieht, tut Colette, was ihr geraten wurde, und hat Erfolg. Alle freuen sich.

Musik und Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rousseau ergriff mit diesem Werk die Gelegenheit, zu demonstrieren, was er unter dem guten und friedlichen Naturzustand des Menschen verstand, den er in seiner berühmten Abhandlung den Neuerungen der Zivilisation entgegengestellt hatte. Religiöse Mächte oder Zauberei sind aus der Thematik ausgeklammert. Der Wahrsager gibt Colette lediglich einen freundschaftlichen Rat.

Der musikalische Stil wirkt noch sehr barock, hat nicht viele italienische Neuerungen (etwa von Rousseaus erklärtem Vorbild Giovanni Battista Pergolesi) in sich aufgenommen. Einige der Melodien wurden hingegen als „timbres“ in den Vaudevilles der Zeit berühmt, also zu einer Art Schlagerlied. Direktes Vorbild waren wohl die Stücke des Pariser Jahrmarktstheaters.

Dafür, dass sich Rousseau (noch) nicht dem Vorbild der Opera buffa zugewandt hatte, sprechen weitere Stilmerkmale: Die Komik ist gegenüber den rührenden Momenten stark zurückgenommen, und er vermeidet die verwerflichen Motive der Intrige.[1] Dagegen ist die „Verstellung aus Liebe“, zu der Colette geraten wird (ein verbreitetes Motiv bis hin zu Beethovens Oper Fidelio, 1805/06), gewissermaßen eine aufrichtige Täuschung. Nur die Koloraturen des Wahrsagers wirken komisch und relativieren dadurch seine Autorität.

Interessant sind die Rezitative, in denen Rousseau versucht, die französische Sprache mit dem Fluss des italienischen Rezitativs zu verbinden sowie mit „gestischen“ Motiven des Generalbasses möglicherweise pantomimische Aktionen zu begleiten. Diese Rezitative wurden bei Hof allerdings nicht oder nur teilweise aufgeführt, wie es Rousseau im Vorwort der gedruckten Partitur andeutet. Von den Divertissements, die nach damaliger Sitte das Stück beschlossen, verdient ein kleines Handlungsballett besondere Aufmerksamkeit, in dem sich ein Adliger und ein Bürger um eine Frau streiten, sich am Ende aber im gemeinsamen Tanz vereinen.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowohl die höfische Uraufführung als auch die nachfolgenden öffentlichen Aufführungen waren ein großer Erfolg. Die programmatische Schlichtheit zeigt einen Imagewechsel des französischen Hofs: Im Unterschied zu Louis XIV., der als bester Tänzer seines Reichs galt, habe der König Louis XV. die Melodien des Devin du village mit der falschesten Stimme seines Reichs gesungen, wie der Tenor Pierre Jélyotte als erster Interpret des Colin dem Philosophen in einem Brief vom Oktober 1752 mitteilte.[2] Auch die Marquise de Pompadour spielte in ihrem Hoftheater die Partie des Colin.

Rousseau wollte nicht als Royalist gelten. So erschien er nicht bei einer Audienz, die ihm vom König angeboten worden war, und bezog im Buffonistenstreit, der sich im folgenden Jahr entfachte, sehr heftig Stellung für die italienische und gegen die französische Oper, die er doch mit seinem eigenen Stück „gerettet“ hatte.

Le devin du village verschaffte der französischen Opéra comique gesellschaftliches Ansehen, obwohl Thematik und Machart nur bedingt Einfluss auf diese Gattung nahmen. Europaweit folgten Bearbeitungen und Übersetzungen: 1755 und 1763 wurde das Stück unter dem Titel Les amours de Bastien et Bastienne in der Bearbeitung Marie-Justine Favarts zum Beispiel in Wien und Prag gespielt.[3] 1764 erschien eine deutsche Bearbeitung in Wien von Friedrich Wilhelm Weiskern und 1766 brachte der englische Komponist und Musikgelehrte Charles Burney eine Bearbeitung unter dem Titel The Cunning Man im Drury Lane Theatre in London zur Aufführung.

Die Pariser Oper behielt das Werk bis 1829 im Repertoire. Berühmt, aber nicht belegt ist die Anekdote, dass Hector Berlioz bei einer Aufführung des Devin eine Perücke auf die Bühne geworfen und diese Oper damit als veraltet bloßgestellt habe.

Parodie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marie-Justine Favarts maliziöse Parodie auf Rousseaus Stück mit dem Titel Les amours de Bastien et Bastienne, in der sie selbst als Bastienne (ein Novum:) in bäuerlichen Holzschuhen, ohne Perücke, sowie mit freien Armen auftrat und im Dialekt sang, war nach seiner Pariser Uraufführung 1753 durch die Comédiens Italiens lange Zeit ähnlich erfolgreich wie der Devin von Rousseau und wurde beispielsweise in Wien schon 1755 wiederholt. Schließlich wurde die Parodie Marie-Justine Favarts in deutscher Übersetzung von Friedrich Wilhelm Weiskern (u.a.) 1767/68 von Mozart als Bastien und Bastienne neu vertont.[4] Im deutschen Text Weiskerns wurde das Parodistische durch eine naive Ernsthaftigkeit, die dennoch die psychologische Raffinesse seiner Vorautoren nicht übergeht, ersetzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Gülke: Rousseau und die Musik oder von der Zuständigkeit des Dilettanten. Wilhelmshaven: Noetzel 1984. ISBN 3-7959-0423-4
  • Carl Dahlhaus (Hg.): Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, Bd. 5, Piper, München 1994, S. 461–465. ISBN 3-492-02415-7
  • David Charlton: Opera in the Age of Rousseau: Music, Confrontation, Realism, Cambridge Univ. Press 2012. ISBN 978-0521887601

Partitur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Partitur-Autograph Rousseaus aus der Bibliothek des Königs Ludwig XV. gehört heute, wie auch das erste gedruckte Libretto der Oper, der französischen Nationalbibliothek.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Ruth Müller-Lindenberg: Weinen und Lachen. Dramaturgie und musikalisches Idiom der Opera-comique im Vergleich zur Opera buffa (1750-1790), Lit, Münster 2006, S. 51. ISBN 978-3825899837
  2. Albert Jansen: Jean-Jacques Rousseau als Musiker, Berlin 1884, Nachdruck: Slatkine, Genf 1971, S. 463.
  3. Hugo Blank: Rousseau – Favart – Mozart. Sechs Variationen über ein Libretto. In: Hans-Joachim Lope (Hrsg.): Studien und Dokumente zur Geschichte der Romanischen Literaturen, Bd. 38. Peter Lang, Europäischer Verlag, der Wissenschaften Frankfurt, usw. 1999, ISBN 3-631-35308-1, S. 113 ff, S. 143 ff.
  4. Hugo Blank: Rousseau – Favart – Mozart. Sechs Variationen über ein Libretto, S. 231 ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]