Liebschwitz

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Liebschwitz
Stadt Gera
Koordinaten: 50° 49′ 36″ N, 12° 5′ 43″ O
Höhe: 219 m ü. NN
Fläche: 3,27 km²
Einwohner: 1590 (31. Dez. 2013)
Bevölkerungsdichte: 486 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Juli 1950
Postleitzahl: 07551
Vorwahl: 0365
Liebschwitz (Thüringen)
Liebschwitz

Lage von Liebschwitz in Thüringen

Blick auf Liebschwitz
Blick auf Liebschwitz

Liebschwitz ist ein Stadtteil von Gera und war bis zum 1. Juli 1950 eine eigenständige Gemeinde.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ortsteil ist im Südosten der Stadt Gera im Wipsetal am Fuße des Zoitzberges und am Ostufer der Weißen Elster gelegen.

Geologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1779 begonnene Versuche, in Ortsnähe am Zoitzberg Kohlenlagerstätten zu erschließen, wurden 1790 eingestellt; die vorgefundenen Anthrazitvorkommen erwiesen sich als für Feuerungszwecke nicht geeignet.

Alter Dorfkern

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstmals wird der Ort 1209 als Lubschwitz in einer Urkunde des Bistums Naumburg bzw. im gleichen Jahr in einer weiteren der Vögte von Weida erwähnt; unter den Zeugen ist ein Ministeriale namens Gerhardus de Lubiswicz aufgeführt. Die Urbesiedlung der heutigen Gemarkung dürfte in sorbischer Zeit (8. bis 9. Jahrhundert n. Chr.) liegen. Bekannte frühzeitliche Siedlungsstätten sind eine Burg Ziegenberg (Bühl), südwestlich des Ortes gelegen; von ihr ist heute nichts mehr erhalten. Vermutet wird auch auf dem Berg hinter der Kirche eine mittelalterliche Wallburg namens Der Hayn, hier sind noch Andeutungen von Gräben und Wällen erkennbar. Von einer jungsteinzeitlichen, flachen Wallanlage auf dem Zoitzberg sind heute noch Teile erhalten, 1935 fanden hier Erschließungsgrabungen statt. Archäologische Funde vom Zoitzberg besagen, dass auf dem Berg schon in der Altsteinzeit Menschen gelebt haben. Keramikfunde weisen auf eine weitere Belegung der Anhöhe bis in die Jungsteinzeit hin. Der Abschnittswall wurde mit der Zeit eingeebnet, Spuren an Überresten bestätigen, dass die Erde-Holz-Befestigung durch Feuer vernichtet wurde.[1]

Ehemalige Waldschule, 2009 geschlossen

Ein Schulhaus im Ort wird erstmals 1639 erwähnt, 1832 wird im Oberdorf ein neues zweigeschossiges Schulhaus erbaut. 1905 erfolgt die feierliche Einweihung der Liebschwitzer Schule. Mit dem Schuljahr 2008/09 endete diese lange Tradition.

1554 wird das Liebschwitzer Rittergut mit den dazugehörigen Dörfern Grobsdorf, Lietzsch, Loitzsch, Niebra, Pösneck und Taubenpreskeln, sowie den sächsischen Anteilen der Dörfer Hilbersdorf, Lengefeld und Rückersdorf durch eine Verbriefung des Bistums Naumburg sächsische Enklave. Das Rittergut mit allen Vorwerken und Nebengütern wird später u. a. Besitz der Freiherren von Meusebach. 1745 erwirbt der aus dem Braunschweigischen stammende Königlich-Preußische Kriegs- und Domänenrat Johann Georg von Ziegenhierd den Rittergutsbesitz Liebschwitz. In den Napoleonischen Kriegen werden 1806 marodierende französische Soldaten am Liebschwitzer Rittergut erschlagen, mit der Folge, dass die Franzosen das Rittergut plündern, sowie Pfarrhaus und Schmiede niederbrennen. Die Familie von Ziegenhierd intervenierte nach dem Frieden von Wien 1815 (>Wiener Kongress) erfolgreich gegen die Abtretung ihrer Gutsorte Liebschwitz, Lietzsch und Taubenpreskeln an Preußen, sie verblieben beim Königreich Sachsen – fortan das Ziegenhierdsche Ländchen genannt. 1834 sind für dieses Ziegenhierdsche Ländchen 880 Einwohner in 54 Häusern verzeichnet.

Im unteren Ort

Durch Flächentausch zwischen den 1920 gegründeten Ländern Thüringen und Sachsen gelangte 1928 die bis dahin sächsische Exklave Liebschwitz mit den umliegenden Dörfern zu Thüringen. Der entsprechende Staatsvertrag wurde am 1. April 1928 in der Liebschwitzer Gaststätte Apfelweinschänke (damals „Zum goldenen Apfel“) geschlossen; diese traditionsreiche Gaststätte findet seit Anfang der 1990er Jahre keinen neuen Pächter mehr und verfällt. Bis zur Eingemeindung nach Gera 1950 war Liebschwitz dem ehemaligen Landkreis Gera angehörig.

Außer einer kleinen Dorfmühle gehört zum Ort auch die Zoitzmühle am Elsterufer; sie ist bereits 1314 urkundlich nachgewiesen. 1834 wurde nahe der Zoitzmühle am Mühlgraben eine Kammgarnspinnerei errichtet, die Liebschwitzer Zoitzmühle selbst wurde 1884 samt dem dazugehörigen Wohnhaus durch einen Brand vollständig zerstört, später wieder aufgebaut. 1965 wurde die große Siloanlage errichtet. Ab 1812 bestand im Ort eine Brauerei (Rittergutsbrauerei). 1892 ließ deren damaliger Besitzer Spengler in Dorfmitte (Höhe heutiger Buswendeschleife) eine neue Brauerei errichten. Dieses Gebäude wurde nach Konkurs 1921 abgerissen, die Verwaltungsgebäude und ein Lager blieben erhalten. Das Gebäude der Rittergutsbrauerei wurde 2003 abgerissen.

Durch ein verheerendes Hochwasser der Wipse werden im Jahr 1654 weite Teile des Ortes, das Rittergut, das Pfarrhaus und die Kirche schwer beschädigt, der Friedhof schlichtweg weggeschwemmt. Ein neuer wird nicht mehr angelegt, die Beisetzungen finden seitdem im zum Kirchspiel gehörenden nahegelegenen Taubenpreskeln statt. Durch ein schweres Hochwasser wurde 1924 die bereits 1701 erwähnte überdachte Holzbrücke über die Weiße Elster irreparabel beschädigt, eine neue Betonbogenbrücke parallel zu dieser gelegen wurde 1926 eingeweiht. Ihre Nutzbarkeit war nur von kurzer Dauer, am 13. April 1945 wurde sie von Truppen der deutschen Wehrmacht gesprengt. 1951/52 erfolgte an ihrer Stelle der Neubau der Friedensbrücke, sie wurde im Jahr 2000 durch einen Brückenneubau ersetzt.

Im weiteren Sinne ebenfalls ein Opfer der Launen der Natur wurde 1947 das Elsterwehr: Beim Versuch, die sich durch den extrem kalten Winter aufgestauten Eismassen zu sprengen, wurde auch das Elsterwehr völlig zerstört. Das aus Holzspundwänden errichtete Ersatzwehr wurde im Sommer 1953 Opfer eines verheerenden Hochwassers.

1912 wurde an der Elster eine Flussbadeanstalt mit Ruderbootverleih eingeweiht, 1936 anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Turngemeinde Liebschwitz (später Liebschwitzer Turnverein) erhielt der Ort eine Turnhalle. 1919 begann die Elektrifizierung im Ort, die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr erfolgte 1921.

Die ersten Bomben, die 1940 über Gera niedergingen, trafen die Scherperstraße in Neu-Taubenpreskeln; drei Menschen wurden getötet. 1941, zu ihrem hundertjährigen Jubiläum, bezog die Maschinenfabrik Moritz Jahr ihre neue Fabrikanlage in Liebschwitz. Sie wurde 1948 in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt.

In den Jahren 2014/2015 wurde eine so genannte Querspange, eine Ost-West-Querung von der Zwickauer Straße zur Bundesstraße 92, errichtet. Eine 317 m lange Brücke, die „Liebschwitzer Brücke“, ist das Hauptbauwerk dieser Querspange. Sie überspannt die Weiße Elster, zwei Bahnlinien und den Elsterradweg und wurde am 18. August 2015 für den Verkehr freigegeben.

Seit 21. September 2015 hat Gera-Liebschwitz eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber. Sie befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Berufsschule in der Zwickauer Straße.

Der Streckenabschnitt der Elstertalbahn durch Liebschwitz wurde am 24. Oktober 2016 zusammen mit dem an dieser Strecke gelegenen Bahnhof Liebschwitz (auf Taubenpreskelner Flur) stillgelegt, die Züge werden jetzt über Zwötzen geführt und fädeln an einem neu gebauten Abzweig südlich von Liebschwitz wieder auf die Elstertalbahn ein.[2]

Liebschwitzer Kirche mit Rundchor

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dorfkirche Liebschwitz aus dem Jahr 1677, erbaut in der Nähe eines 1654 durch Hochwasser zerstörten Vorgängerbaues. 1995/96 wurde das Gebäude neu eingedeckt.
  • Arboretum an der ehemaligen Berufsschule Liebschwitz, größtes Schul-Arboretum Thüringens.
  • Ehemaliges Pfarrgehöft mit Heimatstube.
Altes Fachwerkhaus mit Heimatstube

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liebschwitz hat seit 1995 eine Ortschaftsverfassung und einen Ortsteilrat (bis II/2009 Ortschaftsrat). Ortsteilbürgermeister ist seit 2004 Michael Schleicher (parteilos).

Entwicklung der Einwohnerzahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr 1843 1939 2009 2011
Einwohner[3][4] 315 1293 1587 1517

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Liebschwitz wird abzweigend von der Bundesstraße 92 mit der am Ort vorbeiführenden Landesstraße L 2321 (Zwickauer Straße) bzw. die RVG-Linie 219 erschlossen.
  • ÖPNV-Anbindung GVB-Buslinie 16 bis Zwötzen, ab dort mit der Straßenbahnlinie 1 Richtung Innenstadt.
  • Nächstgelegene Bahnhöfe sind Gera-Zwötzen und Wünschendorf (Elster) Nord.

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heimatstube Liebschwitz, seit 2001 (einmal monatlich samstags geöffnet)

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rudolf Behr (1899–1966) war ab 1924 bis 1943 und von 1953 bis 1966 Lehrer in Liebschwitz. Er schrieb ab 1929 heimatkundliche Artikel in der Geraer Lokalpresse und ab 1939 bis 1943 monatliche Heimatbriefe an ehemalige Schüler im Kriegsdienst.[5]
  • Hans Koch (1927–1986), Kulturwissenschaftler und ein Kulturfunktionär der SED in der DDR

Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • SV 1861 Liebschwitz e.V. mit Sportplatz und Sportheim an der Zwickauer Straße, angebotene Sportarten: Fußball, Gymnastik, Schach

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nächstgelegene Grundschule ist seit dem Schuljahr 2009/10 in Zwötzen die

  • Grundschule 9 Zwötzener Schule.

Die Montessori-Grundschule Waldschule Liebschwitz zog im Jahr 2009 um in die Neulandschule, die nun Pfortener Schule Gera genannt wird. Die nächstgelegene Regelschule ist die

  • Staatliche Regelschule 4 in Lusan.

1982 wurde am Kreisbetrieb für Landtechnik eine Berufsschule mit Internat übergeben, das 2010 geschlossene spätere Berufsschulzentrum Liebschwitz mit Internat für Berufe in den Bereichen Gartenbau, Floristik, Metall, Textil, Leder.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und frühgeschichtliche Wohnplätze. Jenzig-Verlag, 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 280.
  2. "Bahn-Bypass bei Gera in Betrieb genommen " Pressemitteilung der DB. 24. Oktober 2016
  3. Stadtarchiv Gera
  4. Stadtverwaltung Gera, FD 1200
  5. Stadtarchiv: Nachlass von Rudolf Behr mit Einblicken in die Orts- und Schulgeschichte von Liebschwitz und Nachbarorten

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stefan Bauch: Liebschwitz - eine Chronik 1209 - 2009. Gera-Liebschwitz 2009.
  • Klaus Brodale, Heidrun Friedemann: Das war Gera im 20. Jahrhundert. Gudensberg 2002.
  • Johann Günther Friedrich Cannabich: Neueste Kunde von Baden, Nassau, Hohenzollern, Lippe, Waldeck, Anhalt und den Reußischen Ländern. Weimar 1827.
  • Ferdinand Hahn: Geschichte von Gera und dessen nächster Umgebung. Gera 1855.
  • Johann Christoph Klotz: Beschreibung der Herrschaft und Stadt Gera. Schleiz 1816.
  • Siegfried Mues: Gera. Ein historischer Spaziergang. Horb 1993.
  • Heinz Rosenkranz: Ortsnamen des Bezirks Gera. Greiz 1982.
  • Carl Winderlich: Deutschland. Handbuch für die Kunde des Vaterlandes. Leipzig 1852.
  • o.A.: Hof- und Staatskalender für das Fürstentum Reuß j. L. Gera 1864.
  • Mitteilungen des geschichts- und Altertumsforschenden Vereins. Altenburg, div.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Liebschwitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien