Lohmühlenstraße (Berlin-Alt-Treptow)

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Lohmühlenstraße
Wappen
Straße in Berlin
Lohmühlenstraße
Lohmühlenstraße (Blick nach Nordosten)
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Alt-Treptow
Angelegt 26. Juli 1897
Anschluss­straßen Vor dem Schlesischen Tor (nördlich; vor 1978),
Maybachufer (südlich)
Querstraßen (Auswahl)
Jordanstraße,
Kiefholzstraße,
Karl-Kunger-Straße,
Isingstraße,
Heidelberger Straße,
Jordanstraße,
Harzer Straße
Plätze Lohmühlenplatz
Bauwerke siehe: Bauwerke
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr, Autoverkehr, ÖPNV
Technische Daten
Straßenlänge 680 Meter

Die Lohmühlenstraße befindet sich im Berliner Ortsteil Alt-Treptow, ein kleinerer Abschnitt im Ortsteil Kreuzberg wurde 1978 entwidmet.[1][2] Sie ist nach mehreren, heute nicht mehr erhaltenen Lohmühlen benannt, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts Eichen- und Fichtenrinde (Lohe) zu Borkenmehl verarbeiten. Sie war die älteste und bis 1906 einzige Straße im nördlichen Wohnbezirk des heutigen Bezirks Alt-Treptow.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Straße beginnt an der Lohmühlenbrücke, die dort über den Neuköllner Schiffahrtskanal führt und die Bezirke Neukölln und Treptow-Köpenick miteinander verbindet. Sie verläuft über den Lohmühlenplatz hinaus parallel zum Landwehrkanal, unterquert in Höhe der Kiefholzstraße die ehemalige Bahnstrecke Berlin–Görlitz und erreicht hinter der Jordanstraße an der Treptower Brücke den Flutgraben. Vor der Entwidmung des letzten Teilstücks im Jahr 1978 verlief sie auf der Lohmühleninsel weiter bis Vor dem Schlesischen Tor.[3] Dieser Bereich wurde für den Kraftverkehr gesperrt, er ermöglicht Fußgängern und Radfahrern eine autofreie Verbindung zur Puschkinallee sowie – über den 1980 errichteten Ernst-Heilmann-Steg – zum Görlitzer Ufer in Kreuzberg.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1752 entstanden am damaligen Floßgraben (nach seinem Ausbau der Landwehrkanal) zwei Lohmühlen, die von den Gerbern Lutze und Busset betrieben wurden. Sie gelten als die beiden ersten gewerbsmäßig betriebenen Unternehmen der Landgemeinde Treptow. Dort wurde Holz, unter anderem aus der Köllnischen Heide, verarbeitet. Der Standort war in einer weiteren Hinsicht günstig, denn Lutze und Busset erfüllten damit gleichzeitig die Auflage, dass feuergefährliche Handwerke nur vor den Toren der Stadt ausgeübt werden durften. Vermutlich zum Transport von Waren entstand ein Wiesenpfad, der in einer Karte aus dem Jahr 1783 erstmals mit der Bezeichnung Kohlhorstweg verzeichnet ist. Er führte vom Schlesischen Tor an den Lohmühlen vorbei zur Vorderheide ins damals noch selbstständige Rixdorf, seit den 1930er Jahren ein Ortsteil Neuköllns. 1842 erscheint auf einer weiteren Karte der Lohmühlenweg, der bereits den heutigen Verlauf hatte. Er lag jedoch nicht vollständig auf Treptower Gebiet, sondern gehörte im westlichen Teil (ab der späteren Hausnummer 48) zu Rixdorf. Südlich der Straße befanden sich eine Feldscheune sowie einige wenige Häuser, die zu Handelsgärtnereien gehörten, die sich nach 1840 entlang der Bahnlinie ansiedelten. Im Berliner Adressbuch ist der Lohmühlenweg erstmals im Jahr 1874 ausgewiesen mit dem Verlauf von Am Wiesenweg bis zu An der Treptower Brücke ohne Angabe von Parzellennummern.[4]

Haus des Ratszimmermeisters Otto von 1898

Die Lohmühle von Busset brannte 1860 ab und wurde nicht wieder aufgebaut. Auf dem Bauplatz ließ sich die Lederfabrik von Carl Kampfmeyer[5] nieder, die später in die Firma Dr. M. J. Salomon und Co. überführt wurde. Mit dem Ausbau des Rixdorfer Stichkanals, der 1912 bis 1913 bis zum Teltowkanal verlängert wurde (aktuell Neuköllner Schifffahrtskanal), änderte sich die Struktur der ansässigen Betriebe: Der Grundwasserspiegel sank um durchschnittlich zwei Meter und machte daher den Standort für die bislang dort tätigen Gärtnereien unrentabel. Dennoch blieb die Lage am Landwehrkanal für Gewerbebetriebe günstig; statt Blumen wurden nun Bau- und Brennstoffe in die Stadt transportiert. Durch die Nähe zum schiffbaren Landwehrkanal entstanden um die Wende zum 20. Jahrhundert an der Lohmühlenstraße große Lagerplätze im Eigentum der Stadt Berlin. Beispielsweise befanden sich auf dem Grundstück Nummer 6 ein Holzlagerplatz der Vereinigung der Stellmacher Berlins, auf den Grundstücken 7–9 ein von der Anilin-Fabrikation AG gepachteter Lagerplatz, die Firma Hedwigshütte, Anthrazit-Kohlen- und Cokeswerke J. Stevenson nutzte die Parzelle 10 zur Lagerung von Kohle. Weitere zwölf Holzplätze gab es auf den Parzellen 20–22, 23/24, 27–32, 33, 112/113, 114/115, 122/123, 129/130, 133, 134, 136 und 139 sowie einen Stein- und einen Zimmerplatz[6]. An der Kreuzung zur Straße 36 (der späteren Isingstraße) siedelte sich die Schmiede Neumann an. Sie versorgte die Gespanne, die von der Lohmühlenstraße aus Bau- und Brennstoffe in die Stadt transportierten.

Neben traditionellem Handwerk entstanden auch die ersten Industriebetriebe. Das bekannteste Unternehmen war die Chemische Fabrik von Max August Jordan, die ab dem 11. Dezember 1850 Farbstoffe und andere chemische Endprodukte herstellte. Am 21. Juli 1873 wurde sie mit der Gesellschaft für Anilinfabrikation mbH in Rummelsburg zur Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication, der späteren Agfa, vereint. Die Vorbereitungen für die erste Berliner Gewerbeausstellung im nahegelegenen Treptower Park führten dazu, dass sich die Gegend weiter entwickelte: Die Straße erhielt in den Jahren 1895/1896 ein grobes Pflaster; Wohnhäuser entstanden und Linien der BESTAG befuhren bis 1911 die Straße. Am 26. Juli 1897 erfolgte die amtliche Benennung in „Lohmühlenstraße“.

Der Ratszimmermeister Robert Otto baute 1898 das heute noch erhaltene Haus mit der Nummer 46. Er besaß in unmittelbarer Nähe ein Sägewerk mit einem Holzlagerplatz. Ein Jahr später kamen die Häuser mit den Nummern 25 und 26 sowie 52 hinzu. Alle drei wurden im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und abgerissen. Im Haus Nummer 52 befand sich ein Postamt des Berliner Postzustellbezirks 36. In den darauf folgenden Jahren entstanden weitere Wohnhäuser, die teilweise noch existieren, teilweise jedoch im Zweiten Weltkrieg ebenfalls zerstört wurden. Nach 1934 entstand der Lucke-Wohnblock mit dem Häuserkomplex Grabowstraße 9 bis Schmollerplatz 12 sowie den Häusern in der Lohmühlenstraße 47–49. Lucke war ebenfalls ein Holzhändler, dessen Nachfahren auf seinen Grundstücken insgesamt 16 Häuser mit 202 Wohnungen errichten ließen.

Ehemaliges Fabrikgebäude Fritz Weber und Co
Nordabschnitt der Lohmühlenstraße mit Hinterlandmauer, 1990

Mit dem steigenden Wohnungsbau zogen sich immer mehr Industriebetriebe aus der Lohmühlenstraße zurück. Ein Grund waren zunehmende Beschwerden der Anwohner über die Immissionen, die von den Unternehmen ausgingen. So verzeichnete ein Protokoll der Bezirksverordnetenversammlung aus den 1920er Jahren eine Beschwerde über den „bestialischen Gestank“, der von der Lederfabrik ausgehe – sie gab 1931 schließlich die Produktionsstätte auf. An ihrer Stelle entstand die Kistenfabrik Reschke. In den 1930er Jahren verblieben von dem übrigen Gewerbe im Wesentlichen nur die Verkaufsabteilungen der I.G. Farben sowie die Photoabteilung von Agfa. Dennoch fanden auch Neuansiedlungen statt. Die Firma Fritz Weber und Co. Metallwaren- und Laternenfabrik zog von der Graetzstraße (seit den 1970er Jahren: Karl-Kunger-Straße) auf ein Gelände in der Lohmühlenstraße 63/Kiefholzstraße 1–4 (der Hausnummernverlauf folgt dem Prinzip der Hufeisennummerierung) und errichtete dort von 1935 bis 1940 einen Firmenkomplex. In den Gebäuden mit den Hausnummern 1–4 produzierte Fritz Weber und Co. Waffen für den Zweiten Weltkrieg. Er bediente sich dabei unter anderem einiger sowjetischer Zwangsarbeiter, die in einem Lager in der Lohmühlenstraße 23 und 24 untergebracht waren. Im gegenüberliegenden Gebäude mit der Hausnummer 55 befand sich ein Ausländerlager, in dem ebenfalls Menschen zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. In der Lohmühlenstraße 60 befand sich zur Zeit des Nationalsozialismus ein Lokal der Sturmabteilung.[7] Am 21. Juni 1944 und am 3. Februar 1945 fanden zum Teil heftige Luftangriffe amerikanischer Bomber statt. Sie zielten insbesondere auf die Fabrikgebäude, dennoch wurden auch 20 Wohngebäude in der Straße vollständig zerstört oder mussten anschließend abgerissen werden. Drei Häuser konnten wiederaufgebaut werden und nur sieben Häuser waren kaum oder gar nicht von den Bombenabwürfen betroffen. In der Straße fanden noch bis zum 26. April 1945 Kämpfe statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb Webers enteignet und in dem Gebäude der Fertigungsbereich 3 der VEB Berliner Werkzeugmaschinenfabrik eingerichtet.

Ein Großteil der in der Lohmühlenstraße befindlichen Wohngebäude stammt aus den Jahren 1959/1960. In dieser Zeit wurden 207 Wohnungen errichtet. Mit dem Bau der Berliner Mauer kam die Bautätigkeit zum Erliegen. Die Straße wurde ein Teil der Grenzbefestigung zwischen West- und Ost-Berlin. Die Mauer verlief an der Lohmühlenbrücke entlang und schränkte damit den Zugang zu einigen Wohnungen der Lohmühlenstraße ein, die östlich des Neuköllner Verbindungskanals lagen. Das verbleibende Stück der Straße auf West-Berliner-Gebiet wurde 1978 endwidmet. Zwischen 1976 und 1978 entstanden 40 weitere Wohnungen. 1988 erfolgte ein Gebietstausch, demzufolge der Lohmühlenplatz zu West-Berlin kam.[8] Seit der Wende ist die Verbindung wieder offen. An diesen besonderen Ort erinnert seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ein Gedenkstein sowie 45 Kirschbäume, die im Nachgang einer Spendenaktion eines japanischen Fernsehsenders, der Sakura-Campaign, längs des ehemaligen Wiesenufers aufgestellt wurden. Entlang der Straße sind nur noch wenige Spuren der Mauer erhalten geblieben. So findet man zwischen den Häusern mit den Nummern 35 und 31 ein durchlaufendes Gestänge, das seinerzeit als Grenzgebietsmarkierung genutzt wurde. Auffällig ist auch das freistehende Haus Lohmühlenstraße 35/36. Es war einst Bestandteil einer Blockrandbebauung, stand jedoch im Knickpunkt der Grenzanlagen. Der südwestliche Teil der Bebauung wurde abgerissen, so dass heute an dieser Stelle eine Brandmauer zu sehen ist.[9] Südwestlich der Baumallee befindet sich der Lohmühlenplatz mit einer Schmetterlingswiese. Unterhalb der stillgelegten Eisenbahnbrücke besteht seit 1991 das Wagendorf Lohmühle mit Hochbeeten, einem Ökolehrpfad sowie einer Theaterbühne.

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Brücken sowie der Bahndamm der Berlin-Görlitzer Eisenbahn stehen unter Denkmalschutz.[10] Sie entstanden in den Jahren 1895 bis 1867 im Zuge des gleichnamigen Baus der Eisenbahn auf Geheiß der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin. Ebenfalls unter Denkmalschutz steht die Agfa-Fabrik in der Jordanstraße 1–4 sowie der Lohmühlenstraße 65 und 66, die 1901 nach einem Entwurf von Paul Karchow entstand.[11] Gleiches gilt für das Gebäude von Weber und Co.[12] in der Kiefholzstraße 1–4 sowie der Lohmühlenstraße 63. Das Baudenkmal entstand von 1935 bis 1938 unter der Leitung von Friedrich Wermke.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Förderverein für das Heimatmuseum Treptow (Hrsg.): Alt-Treptow in Berlin. Mercedes Druck, Berlin 2004, DNB 985147288.
  • Guido Osterflaute: Die Lohmühlenstraße. Kreuzberger Chronik, Ausgabe 122, November 2010.
  • Dana Schultze, Karin Manke: Streifzüge durch Treptow. Stapp Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-87776-932-2.
  • Axel Klausmeier, Leo Schmidt: Mauerreste – Mauerspuren. 2. Auflage. Westkreuz-Verlag, Berlin/ Bonn 2005, ISBN 3-929592-50-9, S. 286.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lohmühlenstraße (Berlin-Alt-Treptow) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stadtplan von 1960, abgerufen am 23. Mai 2014.
  2. Lohmühlenstraße. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  3. Stadtplanausschnitt von 1893 bei alt-berlin.info, abgerufen am 28. Mai 2014.
  4. Lohmühlenweg. In: Berliner Adreßbuch, 1874, Teil II, S. 221.
  5. Kampfmeyer, H.D.C.: Lederfabrik. In: Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Adreß- und Geschäftshandbuch für Berlin, 1861, Teil I, S. 235.
  6. Lohmühlenstraße. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, Teil III, S. 369.
  7. Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Hrsg.): Widerstand 1933–1945. Band 9: Widerstand in Köpenick und Treptow. Berlin 1995, ISBN 3-92082-03-8, S. 288.
  8. Wo, bitte, stand die Mauer? auf berlin.de, abgerufen am 3. Juni 2012. (Memento vom 12. Februar 2014 im Internet Archive)
  9. Axel Klausmeier, Leo Schmidt: Mauerreste – Mauerspuren. 2. Auflage. Westkreuz-Verlag, Berlin/ Bonn 2005, ISBN 3-929592-50-9, S. 286.
  10. Eintrag in der Berliner Landesdenkmalliste
  11. Eintrag in der Berliner Landesdenkmalliste
  12. Eintrag in der Berliner Landesdenkmalliste

Koordinaten: 52° 29′ 32,2″ N, 13° 26′ 36,7″ O