Marie-Luise Kiesinger

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Marie-Luise Kiesinger (geborene Schneider; * 27. März 1908 in Berlin; † 15. November 1990 in Tübingen) war die Ehefrau von Kurt Georg Kiesinger.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marie-Luise Schneider kam als Tochter des Notars und Anwalts Peter Schneider und seiner Gattin Barbara in Berlin zur Welt. Im Februar 1927 lernte die damals 18-jährige Oberschülerin auf einem Rosenmontagsball der katholischen Studentenvereinigung Askania den 23-jährigen Studenten Kurt Georg Kiesinger kennen.[1] Beide verlobten sich kurze Zeit später und heirateten Weihnachten 1932.[2]

Marie-Luise Kiesinger hatte von ihren Eltern unterstützt ein Medizinstudium begonnen, was für Frauen in dieser Zeit noch ungewöhnlich war. Auf Anregung ihres Mannes gab sie ihr Medizin-Studium nach zwei Semestern auf und studierte stattdessen Philosophie[3] bzw. Literatur.[4] „Es ist nicht geschmeichelt, wenn man sie als eine kluge, gebildete Frau bezeichnet“, so Kiesinger-Biograf Otto Rundel rückblickend.[5] Auch in anderen Lebensbereichen war Marie-Luise Kiesinger fortschrittlich eingestellt. Wie ihr Ehemann hatte sie bereits in den 1930er-Jahren ihren Führerschein abgelegt, das Fahren jedoch meist ihrem Ehemann überlassen. Im Gegensatz zu ihm mochte sie jedoch das Wandern nicht – im Gespräch mit Journalist Günter Müggenburg meinte sie „Die Bedeutung von frischer Luft wird stark überschätzt“[6] – und fuhr während eines Sommerurlaubs im August 1967 erstmals selbst in einem VW Cabrio, während ihr Mann wandern ging, was dieser mit „Jetzt bekommt sie plötzlich revolutionäre Gedanken“ kommentierte.[7]

Familiengrab der Kiesingers, Stadtfriedhof Tübingen

Kiesinger, die während des Zweiten Weltkriegs eine Tochter (* 1940) und einen Sohn (* 1942) zur Welt gebracht hatte, hielt sich aus dem politischen Geschehen heraus. Ihre Aufgaben als Frau des Bundeskanzlers formulierte sie in einem Interview: „Ich denke, die wichtigste Aufgabe ist es, meinem Mann solche Dinge abzunehmen, die für ihn eine zusätzliche Last wären. So kann ich sicherstellen, dass er in den wenigen freien Stunden tatsächlich abschalten und sich entspannen kann.“[8] Dazu gehörte unter anderem die Einrichtung der Kanzlerhäuser in Bonn und Berlin.

Kiesinger trat öffentlich selten in Erscheinung, „was [sie] wohl nicht durfte“.[9] Sie übernahm gelegentlich repräsentative Pflichten, so veranstaltete sie 1968 einen Teeempfang für die Mitglieder des Hauptausschusses der Bundesvereinigung der Frauen der CDU,[10] begleitete ihren Mann auf Auslandsreisen, darunter 1967 auf seine erste Amerika-Reise als Kanzler[11] und 1969 nach Japan, und führte 1969 die Schiffstaufe des TS Hamburg durch.[12] Sie war eine Frau, „die dem aufgeregten Kurt Georg die Bühne überließ, ihn aber doch in lebensentscheidenden und familiären Fragen zu lenken wußte.“[3] Rückblickend wird Kiesinger als eine Kanzlergattin wahrgenommen, die sich „gänzlich ins Familiäre und damit nahezu in die Unbekanntheit geflüchtet“ habe.[13]

Am 15. November 1990 starb Marie-Luise Kiesinger in Tübingen und wurde auf dem dortigen Stadtfriedhof beigesetzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günter Müggenburg: Marie-Luise Kiesinger, immer eine Dame. In: Werner Höfer (Hrsg.): Glück gehabt mit Präsidenten, Kanzlern und den Frauen. Eine Bonner Galerie. Belser-Verlag, Stuttgart 1976, ISBN 3-7630-1174-9, S. 81–85.
  • Alois Rummel: Marie-Luise Kiesinger. In: Dieter Zimmer (Hrsg.): Deutschlands First Ladies. Die Frauen der Bundespräsidenten und Bundeskanzler von 1949 bis heute. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05125-9, S. 99–116.
  • Marie-Luise Kiesinger. In: Helene Walterskirchen: An der Seite der Macht. Deutschlands First Ladys. Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2002, ISBN 3-800-03845-5, S. 137–148.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Hans-Otto Kleinmann: Kurt Georg Kiesinger. In: Jürgen Aretz, Rudolf Morsey, Anton Rauscher (Hrsg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern. Band 7. Mainz 1994, S. 254ff.
  2. Daniel Friedrich Sturm: An der Seite der Macht. In: welt.de. 18. Januar 2002, abgerufen am 7. Oktober 2018.
  3. a b Philipp Gassert: Kurt Georg Kiesinger, 1904–1988. Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 54.
  4. The Illustrated weekly of India. Band 88, Ausgabe 4, S. 95.
  5. Otto Rundel: Kurt Georg Kiesinger: sein Leben und sein politisches Wirken. Kohlhammer, Stuttgart 2006, S. 17.
  6. Zit. nach: Philipp Gassert: Kurt Georg Kiesinger, 1904–1988. Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 54.
  7. Kanzler-Urlaub. Häschen und Spinnweben. In: Der Spiegel, Nr. 33, 1967, S. 21.
  8. Zit. nach The Illustrated weekly of India. Band 88, Ausgabe 4, 1967, S. 95.
  9. Glänzen kann sie nicht, will sie nicht. In: Der Spiegel, Nr. 23, 1975, S. 32.
  10. Personalien. In: Union in Deutschland, Nr. 13, 1968, S. 3.
  11. Kiesinger-Reise. Schiff, Charme und Methode. In: Der Spiegel, Nr. 33, 1967, S. 22.
  12. Arnold Kludas: Vergnügungsreisen zur See: eine Geschichte der deutschen Kreuzfahrt. Band 2. Convent, 2003, S. 40.
  13. Ada Brandes: Aufgrund der Hoffnungslosigkeit…. In: Berliner Zeitung, 6. Juli 2001.