Markgräfler Tracht

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Markgräfler Tracht von Opfingen um 1905

Die Markgräfler Tracht ist die traditionelle Tracht im Markgräflerland, einer Region in Baden-Württemberg im Südwesten Deutschlands, an der Grenze zu Frankreich und der Schweiz. Das markanteste Kennzeichen der Frauentracht ist die Kopfbedeckung in Form einer Flügelhaube, die so genannte Hörnerkappe.

Gebrauch der Tracht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwei Frauen in Markgräfler Tracht auf der Burg Baden in Badenweiler, Postkarte, um 1900

Heute wird diese Tradition noch in Trachtenvereinen gepflegt, die Tracht wurde jedoch noch bis etwa 1930 allgemein von der Landbevölkerung an Sonn- und Feiertagen, sowie zu festlichen Anlässen getragen.[1]

Verbreitungsgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet der Tracht liegt zwischen Basel und Freiburg und entspricht grundsätzlich dem ehemaligen Herrschaftsgebiet der Markgrafen von Hachberg-Sausenberg, dem Markgräflerland. Mit kleinen Abänderungen wurde sie jedoch auch im Gebiet der Markgrafschaft Hachberg im Raum Emmendingen und in den evangelischen Orten am Kaiserstuhl getragen. Varianten der Tracht wurden später auch in einigen gemischt-konfessionellen Dörfern der ehemaligen Kondominate der Markgrafschaft Baden-Baden, den Herrschaften Mahlberg und Lahr getragen.[2]

Die Entwicklung der Tracht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die immer deutlichere Ausprägung der Tracht nach 1820 führt zur Schlussfolgerung, dass gegenläufig zu den Bemühungen des jungen Staates Großherzogtum Baden eine gemeinsame Identität für die vielen in ihm zusammengeschlossenen Teilgebiete mit unterschiedlicher Historie und Tradition zu schaffen, regional ein Bedürfnis bestand sich die eigene Identität zu bewahren und sich von den Nachbargebieten abzuheben.

Die Hörner wachsen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus einer Zunftordnung der Hutmacher in den Herrschaften Rötteln und Sausenberg von 1651 ist abzuleiten, dass zuvor die Kopfbedeckung der Frauen ein Hut war und um diese Zeit der Übergang zur Kappe erfolgte.

1783 veröffentlichte der Basler Verleger Christian von Mechel in der Trachtenfolge „Costumes Suisses“ den Samuel Gränicher zugeschriebenen kolorierten Kupferstich einer Markgräflerin mit Kappe und Strohhut („Schihuet“, d. h. Sonnenhut). Der Stich diente als Vorlage zahlreicher Nachstiche bis weit in das 19. Jahrhundert. Auch von Markus Dinkel sind mehrere Gouachen und Zeichnungen der Vreneli-Tracht erhalten, so im Kupferstichkabinett des Kunstmuseums in Basel. Diese so genannte „Dotsch“-Kappe gehörte auch noch um 1800 zur Tracht und findet sich etwas verfeinert auf den Abbildung J. P. Hebels mit dem „Vreneli“, weshalb die Tracht aus dieser Zeit auch „Vreneli“-Tracht genannt wird. Der 1764 verordnete Wechsel vom „Zwickelrock“ zum Faltenrock ist auf der Abbildung noch nicht nachvollzogen, da der Stich auf einem älteren Bild von S. Graenicher beruht.

Etwa um 1820 entwickelte sich die Dotschkappe weiter zu einer Flügelkappe, wobei die Schleifen (Flügel) zunächst noch klein waren.[3] Die Schleifen wuchsen in der Folge und erhielten an den Enden kurze Fransen. Um etwa 1850 findet man bei den älteren Frauen noch die kleinen Schleifen ohne Fransen, während bei den jüngeren Frauen schon die etwas größeren Schleifen mit Fransen zu sehen sind.

Um etwa 1890 war dann die Markgräfler Hörnerkappe mit ganz großen Schleifen und langen Fransen voll ausgebildet. Was wir heute teilweise als jahrhundertealte Tradition missverstehen, ist die Ausprägung der Volkstracht zwischen etwa 1890 und 1930.

Vom Zwickelrock zum Kleid mit Ärmeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während vor 1764 ein Zwickelrock getragen wurde, musste danach gemäß Polizeiverordnung ein Faltenrock getragen werden. Später erfolgte mehr und mehr eine Anpassung an die bürgerliche Mode und es wurden Kleider mit Ärmel getragen – zeitweilig auch mit so genannten Keulenärmeln und einem Reifrock (Krinoline).[4]

Der Einfluss der Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Polizeiverordnung von 1764[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tracht erfuhr im Laufe der Zeit einige Veränderungen. Neben modischen Einflüssen war auch die Politik ein Einflussfaktor. So verbot 1764 der baden-durlachische Landvogt von Rötteln, Gustav Magnus von Wallbrunn,[5] den bis dahin zur Tracht gehörigen Zwickelrock, da dieser aus schmalen, keilförmigen Stoffstreifen zusammengesetzt wurde, so dass der Stoff eines ausrangierten Rockes kaum mehr zu verwenden war. Aus Sicht Wallbrunns war dies eine Verschwendung. Sein Verbot reiht sich ein in andere Maßnahmen zur Volkserziehung die unter dem Regiment des Markgrafen Karl Friedrich ergriffen wurden.

Die französische Revolution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Markgräfler Männertracht gehörten im 18. Jahrhundert auch Kniebundhosen. Im vorrevolutionären Frankreich waren die Sansculottes die Arbeiter und Kleinbürger, die im Gegensatz zum Adel lange Hosen statt Kniebundhosen trugen. Die lange Hose wurde auch zum politischen Signal und verdrängte zunehmend die Kniebundhose aus der volkstümlichen Tracht.

Die Tracht als Wirtschaftsfaktor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Gründung des deutschen Zollvereins 1834 gründeten Basler Industrielle zunehmend Fabriken im benachbarten Baden um sich so den Markt des Zollvereins zu öffnen. Baden seinerseits war froh so die Industrialisierung vorantreiben zu können. Die Bandwebereien konnten bereits 1836 den Großteil ihrer Produktion an das Markgräfler Landvolk verkaufen, da es für die Trachten eine große Menge an Seidenband brauchte.[6]

Die Markgräfler Tracht in der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Peter Hebel – Dotsch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Briefmarke zeigt Johann Peter Hebel zusammen mit Elisabeth Baustlicher aus Langendenzlingen in der Markgräfler Tracht nach dem Aquarell „Hebel und Vreneli“ von Carl Joseph Aloys Agricola (1779–1852) aus dem Jahre 1814.

Literarisch hat Johann Peter Hebel die Markgräfler Tracht in seinem Gedicht „Die Wiese“[7] bekannt gemacht, wobei er sie als „lutherische“ Kleidung bezeichnet, da die Tracht fast nur in den evangelischen Orten getragen wurde.[8] Die Gedichtsammlung wurde 1803 veröffentlicht, d. h. Hebel beschreibt die Tracht in der Form, wie sie um 1800 getragen wurde, die so genannte „Vreneli-Tracht“. Zu dieser Zeit gab es die „Hörnerkappe“ noch nicht und Hebel bezeichnete die eng anliegende Kappe als „Dotsch“.

Victor Hugo – der schwarze Schmetterling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der französische Schriftsteller Victor Hugo unternahm 1839 eine Reise den Rhein hinauf. Seine Reisebeschreibung[9] enthält auch einen Brief vom 4. September aus Freiburg. Hier beschreibt Hugo die Hörnerkappe der Markgräfler Tracht als „Le grand papillon noir“.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maria Riffel: Die Entwicklung der Trachtenhaube im südlichen Teil des Oberrheingebietes, Heidelberg 1940
  • Fred Wehrle: Die Markgräfler Tracht, in: Das Markgräflerland, Band 2/1987, S. 153-160
  • Ursula Huggle: Zur Entwicklung der Tracht im Markgräflerland, in: Das Markgräflerland 2/1994, S. 312-334
  • Hermann Jacob (Herausgeber): Leute, Kleider, Trachten - Eine Dokumentation zur Geschichte der Markgräfler Tracht, Broschüre zur Ausstellung des Geschichts- und Museumsvereins Vorderes Kandertal 2003
  • Paula Röttele: Altmarkgräfler Tracht (1750-1810) in Auggen gefunden, in: Das Markgräflerland, Band 1/2004, S. 35/36
  • Fred Wehrle: Die Markgräfler Tracht - eine beliebte badische Volkstracht, in: Badische Heimat, Juni 2/2009, S. 269-282
  • Fred Wehrle: Johann Peter Hebel und die Markgräfler Tracht, in: Das Markgräflerland, Band 1/2010, S. 144-150
  • Victor Hugo, En voyage. Le Rhin, Paris 18 ??, S. 213 Digitalisat bei gallica
  • August Richard Maier: Die Markgräfler Volkstracht. Badische Heimat 10 (1923) S. 99 - 106 online bei landeskunde-online.de
  • Ida Preusch-Müller: Die Markgräfler-Tracht im Wandel der Zeiten. In: Die Markgrafschaft, Heft 6/1950, S. 7-9
  • Marie Bechtel-Währer: Die Markgräfler Tracht. In: Markgräfler Jahrbuch 1939, S. 98–99 Digitalisat der UB Freiburg

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. s. Fred Wehrle in der Publikation von Hermann Jacob; S. 19
  2. s. Huggle S. 330
  3. s. Hugo – „schwarzer Schmetterling“
  4. s. Jacob S. 15
  5. Landvogt des Oberamtes Rötteln 1748–1772
  6. s. Huggle S. 316
  7. im Markgräflerland wurde – wie in der ganzen Markgrafschaft Baden-Durlach – 1556 die Reformation eingeführt, weshalb die zugehörigen Gemeinden evangelisch waren
  8. En voyage. Le Rhin
  9. der große schwarze Schmetterling

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trachtenvereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]