Marktfrühschoppen

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Marktfrühschoppen 2005: Blick auf die Festbühne vor dem Rathaus

Der Marktfrühschoppen in Marburg ist eine jährlich am ersten Sonntag im Juli stattfindende Veranstaltung auf dem Marburger Marktplatz. Es wird von den Veranstaltern als das „kürzeste Volksfest Deutschlands“ bezeichnet.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Der Marburger Marktplatz (vor 1901)

Die heutige Veranstaltung geht auf den Frühschoppen der Marburger Studenten in der Oberstadt zurück, der schon seit 1903 üblich war.

Von 1951 bis 1998 war die Oberstadtgemeinde Veranstalter des Marktfrühschoppens in seiner heutigen Form. Nach einer Übergangsphase tritt seit 2000 ein Marktfrühschoppenverein aus Einzelpersonen und Stadtteilgemeinden als Veranstalter auf.

Seit den 1990er Jahren kommt es regelmäßig zu Protesten von linken Gruppierungen gegen den ihrer Ansicht nach von Studentenverbindungen dominierten Marktfrühschoppen.

2012 erklärte der Magistrat der Stadt Marburg erstmals, den Marktplatz nicht mehr für den Marktfrühschoppen zur Verfügung zu stellen, woraufhin Oberbürgermeister Egon Vaupel der Veranstaltung die notwendige Genehmigung versagte. Ein entsprechendes Verbot für 2013 wurde gerichtlich widerrufen.

Proteste[Bearbeiten]

Besucher des Marktfrühschoppens 2005, darunter Protestierer, Korporierte und Polizisten, auf dem Marktplatz
Luftbildaufnahme des Marburger Marktfrühschoppens 2007

In den letzten Jahren organisieren linke Gruppen, der DGB-Sekretär und das „Bündnis gegen Rechts“[2] auch zur ähnlichen Zeit Gegenveranstaltungen, bei denen sie Kritik am aktuellen und historischen Studentenverbindungswesen artikulieren. Von diesen Gruppen wird insbesondere die Teilnahme von Mitgliedern der Deutschen Burschenschaft (DB) kritisiert, in der drei der über 30 Marburger Verbindungen organisiert sind. Die Burschenschaften Rheinfranken, Normannia Leipzig und Germania gehören nach Ansicht der Kritiker zum rechtsradikalen Flügel der DB, da sie nach Ansicht der Verbindungsgegner regelmäßig Veranstaltungen mit Referenten aus dem rechten Spektrum durchführen. Auch die Oberhessische Presse sprach in ihrer Berichterstattung über den Marktfrühschoppen 2007 von einem wegen der Teilnahme rechtsextremer Burschenschaften umstrittenen Fest.[3]

In früheren Jahren kam es im Rahmen der Veranstaltungen zu handgreiflichen Übergriffen auf die dort versammelten Verbindungsstudenten, Honoratioren, Geschäftsleute, Bürger der Stadtteilgemeinden und Demonstranten. Im Jahr 2005 sollen im Vorfeld des Marktfrühschoppens zwei Verbindungsstudenten und zwei „Alte Herren“ mit Baseballschlägern geschlagen worden sein. Am Abend des 3. Juli 1999 wurde eine Veranstaltung „Alter Herren“, die im Rahmen des Marktfrühschoppens stattfand, überfallen und dabei Fensterscheiben des Marburger „Sorat-Hotels“ zerstört. Dies führte zu einem Polizeieinsatz, bei dem ein Schusswaffeneinsatz seitens der Polizei gegen die Angreifer unmittelbar bevorstand, letzten Endes aber abgewendet werden konnte.[4] Auch 2007 soll es nach Aussagen des Veranstalters im Vorfeld zu vier Übergriffen auf Burschenschafter gekommen sein.[5] Aber auch Gegner des Marktfrühschoppens behaupten, Opfer von Gewalt durch Festbesucher geworden zu sein.[6] Höhepunkt war das Jahr 2002, als Frauen des gegnerischen Lagers von Korporierten geschlagen worden sein sollen.[7]

Daher gehörte seit Ende der 1990er Jahre ein immer größer werdendes Polizeiaufgebot im Oberstadtbereich zum Marktfrühschoppen.

Verbunden mit dem Aufruf, friedliche Toleranz zu üben, wenden sich die Veranstalter gegen „Radikale von rechts und links“. Es gibt jedoch weiterhin Protest linker und linksradikaler Gruppen, die unter anderem eine fehlende Distanzierung von den kritisierten Burschenschaften der DB bemängelten.[8]

Die Justiz in Marburg ging 2003 nach Meinung von Marktfrühschoppengegnern in Strafverfahren gegen Demonstranten befangen und hart vor. Zudem wird die Rolle der Justiz und insbesondere die des damaligen Oberstaatsanwaltes Wölk, einem Mitveranstalter einiger Marktfrühschoppen, kritisiert. Er und die Justiz allgemein würden versuchen, die Marktfrühschoppengegner zu kriminalisieren.[9]

Verbot 2012 und 2013[Bearbeiten]

Die Ankündigung von Gruppen aus dem antifaschistischen Spektrum, gegen den Marktfrühschoppen 2012 erneut demonstrieren zu wollen,[10] ließ den Magistrat der Stadt Marburg die Empfehlung aussprechen, das Fest abzusagen. Die Absage des Fests wegen Sicherheitsbedenken wurde diskutiert, letztendlich sprach sich aber die Mehrheit des Marktfrühschoppenvereins dafür aus, das Fest auch in diesem Jahr auszurichten.[11] Oberbürgermeister Egon Vaupel erteilte 2012 dem Marktfrühschoppenverein keine Sondernutzungserlaubnis für den Marktplatz, die aber für die Ausrichtung des Festes notwendig gewesen wäre. Er begründete dies mit unterschiedlichen Auffassungen in den Stadtteilgemeinden und dem als Veranstalter fungierenden Marktfrühschoppenverein. Es sei zu einem tiefen Bruch in der Bürgerschaft“ gekommen und er halte eine Aussetzung des Festes „mit Rücksicht auf die Bürgerinnen und Bürger und aus Respekt vor der toleranten Geisteshaltung in unserer Stadt“ für geboten. Er erklärte dazu: „Die seit einigen Jahren zu beobachtende Dominanz der Burschenschaften Rheinfranken, Germania und Normannia Leipzig, deren Geisteshaltung und die aktuellen Ereignisse sind für die Arbeitsgemeinschaft der Stadtteilgemeinden und den Magistrat Grund genug, innezuhalten und ein neues, echtes Fest für die Stadtgesellschaft zu planen.“[12]

2013 beschloss der Magistrat, das Fest auch 2013 nicht stattfinden zu lassen. Vaupel stellte trotz dieses Beschlusses in Aussicht, das Fest stattfinden zu lassen, wenn sich der Marktfrühschoppenverein als Betreiber des Marktfrühschoppens von den drei der Deutschen Burschenschaft angehörenden Burschenschaften distanziere. Nachdem die Marktfrühschoppenbetreiber sich von „den Machenschaften der Deutschen Burschenschaft“ und von Ausländerfeindlichkeit und rechtsextremen Gedankengut distanziert hatten, stellte Vaupel die Genehmigung des Marktfrühschoppens nach einer abschließenden rechtlichen Prüfung in Aussicht.[13][14] Diese rechtliche Prüfung wurde vom Regierungspräsidium Gießen vorgenommen. Es kam zu dem Schluss, dass der Beschluss des Magistrats bindend sei. Daraufhin verbot Vaupel dem Marktfrühschoppenverein die Durchführung des Marktfrühschoppens 2013.[15] Dieses Verbot wurde vom Verwaltungsgericht Gießen für nichtig erklärt; eine Beschwerde gegen dieses Urteil wies der Hessische Verwaltungsgerichtshof letztinstanzlich zurück.[16]

Politische Distanzierungen[Bearbeiten]

Aufgrund der öffentlichen Diskussionen distanzierten sich die Betreiber des Marktfrühschoppens erstmals im Juli 2014 deutlich von rechtsradikalen Burschenschaften und erklärte, man „verbitte sich die repräsentative Teilnahme von Verbindungen und Gruppen, die sich nicht klar von den diskriminierenden Positionen im Dachverband der Deutschen Burschenschaft distanzieren.“ [17]. Man wolle dafür sorgen, „dass Burschenschaften am äußersten rechten Rand die Veranstaltung nicht länger als Bühne nutzen.“ [18]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stadtteilgemeinden werben für einen friedlichen Marktfrühschoppen. In: Oberhessische Presse Marburg. 4. Mai 2002.
  2. zip-fm 4. Juli 2013 (Memento vom 12. Februar 2015 auf WebCite)
  3. zip-fm 4. Juli 2013
  4. Oberhessische Presse vom 5. Juli 1999 (Printausgabe)
  5. Oberhessische Presse vom 27. Juni 2007 (Oberhessische Presse vom 27. Juni 2007)
  6. Webseite der linken Fachschaft an der Universität Marburg (Memento vom 19. April 2010 im Internet Archive) im Internet Archive, abgerufen am 25. Januar 2013
  7. Schlagende Argumente. In: Marburger Express. auf: marktfruehschoppen.de
  8. Pressemitteilung antifaschistischen gruppe 5 vom 2. Mai 2012 (antifamarburg.wordpress.com)
  9. Reaktionen. Abgerufen am 12. Februar 2015.
  10. Anti-Gruppe kündigt Störungen an. In: Oberhessische Presse. Marburg, 9. Mai 2012.
  11. Marktfrühschoppen: Mehrheit stimmt für Volksfest. In: Oberhessische Presse. 13. Juni 2012.
  12. Artikel der Oberhessischen Presse vom 19. Juni 2012.
  13. Oberhessische Presse vom Samstag, den 15. Juni Seite 1 und Seite 3
  14. Verein distanziert sich In: Onlineausgabe der Oberhessische Presse. 15. Juni 2013.
  15. Vaupel sagt endgültig nein im Online-Portal der Oberhessischen Presse, abgerufen am 23. Juni 2013
  16. http://www.hr-online.de/website/rubriken/nachrichten/indexhessen34938.jsp?rubrik=36090&key=standard_document_48907329
  17. http://www.op-marburg.de/Lokales/Marburg/Marktfruehschoppenverein-distanziert-sich-von-extrem-Rechten Artikel in der Oberhessische Presse vom 18.Juli 2014, abgerufen am 24. Juli 2014
  18. http://www.op-marburg.de/Lokales/Marburg/Marktplatz-soll-frei-von-Rechtsextremen-bleiben Oberhessische Presse vom 24. Juli 2014, abgerufen am 24. Juli 2014

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Marktfrühschoppen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

50.808918.770524Koordinaten: 50° 48′ 32″ N, 8° 46′ 14″ O