Martin Thönen

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Martin Thönen an seiner Ausstellung in Bern im Dezember 2016, Foto: Thomas Seilnacht

Martin Thönen (* 5. Juni 1942 in Thun) ist ein Schweizer Holzschneider und Grafiker. Sein Werk umfasst vor allem Holzschnitte und Illustrationen für Bücher und Kalender.

Stationen im Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin Thönen wuchs zusammen mit seinen beiden Brüdern in Thun auf, er ging dort in die Schule. Seine Eltern waren Charles Thönen und Marie Mathilde Thönen-Gaberelle. Ein Schlüsselerlebnis war für den Vierzehnjährigen ein Besuch beim Zirkus Nock: Als er dem Clown hinter dem Zirkuszelt zusah, wie dieser Zirkusplakate im Linolschnitt herstellte, wusste er, dass er in seinem späteren Beruf gestalterisch tätig werden wollte. Ab 1958 machte er eine Lehre als Schriftsetzer in Unterseen und in der Kunstgewerbeschule in Bern (heute Schule für Gestaltung). Es folgten Tätigkeiten als Typograf und Grafiker bei Verlagen und Druckereien in Moutier, Montreux und Genf. Ab 1962 ging er zur weiteren Ausbildung an die Schulen für Gestaltung in Bern, Vevey und Genf, sowie an die Fotosatzschule in Essen (Deutschland) und danach an die Technikerschule für die Druckindustrie in Bern. Reisen und Studienaufenthalte unternahm er nach Marokko (1965), Ägypten und Naher Osten (1967), Peru (1971) oder Indonesien (1978). Aber auch das naheliegende Emmental bereiste er intensiv.[1]

1965 erwarb Martin Thönen die erste eigene Druckpresse. 1970 heiratete er Edith Schaffer. 1971 wurde er in die internationale Vereinigung der Holzschneider XYLON aufgenommen. Die Edition XYLON 73 (1987) ist Martin Thönen gewidmet. Sie enthält acht farbige, figürliche Original-Holzschnitte.[2] 1973 gründeten Martin und Edith Thönen die Galerie Art+Vision in der Altstadt von Bern, dieser Ort wurde dann für das Paar Thönen zum Lebensmittelpunkt. 1982 erfolgte der nationale und internationale Durchbruch: So konnte er zum Beispiel an einer Kollektivausstellung im Künstlerhaus Wien teilnehmen, und er war an der 10. Kunstausstellung in Trubschachen vertreten.[3] In Trubschachen zeigte er unter anderem zwei zweieinhalb Meter breite, fünfteilige Holzschnitt-Panoramen Sonnseite, Emmental (1979) und Ufer (1979), mit denen er viel Beachtung erntete.[4] In den folgenden Jahren konnte er an mehreren Biennalen mitmachen.

Ab 1986 druckte Thönen seine Holzschnitte in seinem Druckatelier und Verlag TypoPresse in Schmitten. Bei diesem Verlag erschien 1989 ein Buch von Marc Kuhn über Martin Thönens jährlich erscheinende Holzschnitt-Kalender.[1] 1997 erfolgte die Aufnahme durch Juryentscheid in die Gilde Schweizer Bergmaler (GSBM).[5] Bei den dortigen Jahresausstellungen zeigte er zum Beispiel 2007 im Alpinen Museum in Zermatt den Holzschnitt Matterhorn.[6] Dieses Motiv erschien dreifarbig gedruckt als vierseitiger Leporello oder als Kubus. Es zeigt die Ost-, Nord-, West- und Südseite des bekannten Bergs. Im Jahr 2000 kam ein Buch von Katja Nau über den Holzschneider Martin Thönen heraus.[7] 2005 stellte er im Rahmen der internationalen Ausstellung der Xylon im Spendhaus in Reutlingen aus. Von 2000 bis 2008 war Martin Thönen Präsident der XYLON. Martin Thönen ist auch Mitglied im Schweizer Berufsverband Visarte (früher GSMBA).

Galerist und Lehrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In ihrer Galerie in Bern stellten Martin und Edith Thönen zahlreiche andere Holzschneider aus, zum Beispiel Frans Masereel (1973), Etienne Clare (1975), HAP Grieshaber (1989), Utagawa Hiroshige (1993), Ernst Ramseier (2001), Alice Gafner (2011) oder Franz Bucher (2012).[8]

Von 2000 bis 2008 unterrichtete Martin Thönen im Lehrauftrag an der Hochschule der Künste Bern und bis 2009 an der Schule für Gestaltung Bern und Biel. Dort konnte er das alte Handwerk an die junge Generation weitergeben.[9] Martin Thönen gab bis 2010 Kurse an der Migros-Schule M-Art. Aus den Schülern dieser Kurse entwickelte sich ab 1974 die Gruppe Druckstock. In der Thuner Malschule gab er von 1990 bis zur Schliessung im Jahr 2016 zahlreiche Holzschneider-Kurse.

Martin Thönens Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin Thönen als ehemaliger Präsident der XYLON ist einer der bedeutendsten Holzschneider der Schweiz. Seit 1966 druckt er jährlich einen Kalender mit 13 verschiedenen Original-Holzschnitten. Es sind mehr als 50 Editionen mit jeweils einem anderen Thema erschienen. Die erste Kalender-Ausgabe für das Jahr 1966 war dem Thema Marokko gewidmet. Themen wie Wasser (1990), Wolken (1991), Wald (1995), Farn (1996), Schilf (2000) oder Mangroven (2017) werden vom Holzschneider in typischer Art und Weise bearbeitet. Die Holzschnitte von Martin Thönen sind poetische Kompositionen, die in ihren verschlungenen Linien und Formen das Wesentliche einer Landschaft, eines Materials oder eines Körpers hervorheben. Die Holzschnitte sind ein-, zwei oder dreifarbig, manchmal sogar fünffarbig angelegt. Mit den ausgewählten Farben erreicht er eine Verstärkung der skelettartig gelegten Schichten, so dass die Holzschnitte trotz ihrer natürlichen Flachheit eine ungewöhnliche Tiefenwirkung erhalten. Wie bei Franz Bucher werden die Landschaften zu magischen Landschaften, oder organische Motive erscheinen lebendig. Seine Darstellungen bezeugen "Freiheit und Fantasie".[10] Jeder Holzschnitt von Martin Thönen ist individuell, gleichzeitig werden aber durch die Serien in den Varianten Gemeinsamkeiten hervorgehoben, so dass sich die Motive gegenseitig verstärken. Thönen hat mit seinen Holzschnitten eine Bildsprache geschaffen, an der man ihn sofort wiedererkennt.

Von Bedeutung sind auch Martin Thönens bibliophile Buch- und Mappenwerke. 1989 erhielt er einen Preis beim Wettbewerb zu den "schönsten Schweizer Büchern".[11] Besonders hervorzuheben ist die Herausgabe der 20 Liebesgedichte von Pablo Neruda aus dem Jahr 2001. Die grossformatige Ausgabe in deutscher und spanischer Sprache ist auf edlem Papier gedruckt, die 20 Holzschnitte mit erotischen Darstellungen sind genauso leidenschaftlich wie die Gedichte des grossen Lyrikers.[12] Eine bemerkenswerte Arbeit ist auch das bibliophile Werk TanzZeit aus dem Jahr 2011.[13] Hierfür fertigte Martin Thönen 150 Figuren in einzelnen Druckstöcken an. Pro Blatt wurden bis zu 12 Figuren kombiniert. Durch die "übereinander gedruckten Figuren" werden die Bewegungen dargestellt, die "einem bestimmten Tanz zugeordnet werden".[14] Daneben existieren auch individuelle Druck-Kompositionen der Tänzerinnen und Tänzer, die es jeweils nur ein einziges Mal gibt.

Die 1982 in Trubschachen ausgestellten mehrteiligen Panoramen setzen Massstäbe in der Holschneidertechnik. Ein weiteres fünfteiliges Werk, Schrattenfluh, wurde 1978 vom Kunstverein Amt Entlebuch in der Kantonsschule Schüpfheim erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.[15] Ufer zeigt eine Uferlandschaft an einem See, in dem sich die Bäume am Ufer im See spiegeln.[16] Die Druckfarben sind in Ocker- oder Olivtönen angelegt. Gesehen hat der Holzschneider die Bäume am Greifensee. In seinem inneren Auge entwickelt er diese Komposition in Rückschau und setzt sie handwerklich beim Schneiden in jeweils drei Holzplatten (Druckstöcke) um, die jede für sich gesehen, dann für eine Schicht zum dreifarbigen Druck eingesetzt wird. Für die fünfteiligen Panoramen müssen jeweils fünfzehn grosse Holzplatten geschnitten werden. Martin Thönen hat insgesamt etwa 3000 Druckstöcke angefertigt.

Einzelausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1978 Galerie Bad Schinznach AG[17][18]
  • 1982 Kunstmuseum Thun Transparenzen
  • 1982–1986 Galerie Planque, Lausanne
  • 1990, 2009 und 2015 Galerie Rosengarten, Thun (1990 zusammen mit Werken von Etienne Clare)
  • 1991 Galerie 4, Basel
  • 1992 Galerie Farb, Worb
  • 1994, 2001 und 2008 La Hotte, Les Diablerets
  • 1996 Kulturraum, Littau LU
  • 1996 und 2004 Sieberhuus, Lyss
  • 2006 Galerie du Château de Vullierens
  • 2007 und 2016 Galerie du Musée de Payerne

Kollektivausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1975 Ausstellung der GSMBA, Sektion Bern und Kunstsammlung der Stadt Thun im Thunerhof, Schloss Schadau und Stadtparks, Thun
  • 1976 14. Exposition suisse d'art alpin, Musée Jenisch Vevey, Club Alpin Suisse
  • 1979 Kloster St. Katharina (St. Gallen)
  • 1982 Internationaler Holzschnitt, Künstlerhaus Wien
  • 1982 10. Ausstellung in Trubschachen
  • 1986 17. Esposizione svizzera d'arte alpina, Villa Malpensata, Lugano
  • 1989 IX Bienal International De Arte, Valparaiso Chile
  • 1989 Schweizer Holzschnitt - heute, Gewerbemuseum Winterthur (Xylon-Ausstellung)
  • 1998 5. Kunstausstellung, organisiert von Hans Suter in Hondrich (u.a. mit Fred Stauffer, Paul Freiburghaus, Knud Jacobsen)
  • 2001 Art Forum, Montreux
  • 2005 Internationale Ausstellung der Xylon im Spendhaus Reutlingen, sowie in Winterthur, St. Pölten, Chemnitz, Mistelbach, Landeck und Schwetzingen[19]
  • 2010 Triennale de Chamalieres
  • 2011 Jubeldruck Xylon, St. Gallen und Kunsthaus, Grenchen
  • 2012 Jahresausstellung der GSBM, Kunsthalle Ziegelhütte, Appenzell[20]
  • 2015 When Continents Meet, Ashok Jain Gallery, New York[21]

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1965 und 1966 Eidgenössisches Stipendium für angewandte Kunst
  • 1965 Stipendium des Migros-Genossenschafts-Bundes, Zürich
  • 1967 Prix du salon des Jeunes, Genf
  • 1989 Die schönsten Schweizer Bücher

Werke in Sammlungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schweizerische Landesbibliothek, Bern
  • Kanton Bern
  • Kunstsammlung der Stadt Thun
  • Kunsthallen, Uppsala
  • Gewerbemuseum, Basel
  • Musée Le Locle
  • Ville de Genève
  • Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich
  • Städtisches Kunstmuseum Spendhaus, Reutlingen
  • Musée de Payerne

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur über Martin Thönen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Galli-Dejaco, Dona: Die Kunst lässt Späne fliegen - Besuch im Holzschnitt-Atelier von Martin Thönen, erschienen in: Techniken der Druckgrafik, Berner Zeitung 17. November 1983.
  • Geschnitten - Gedruckt - La Lumière du Bois, Edition Xylon Verlag, Hauterive 1986.
  • Kuhn, Marc: Martin Thönen, Original-Holzschnitt-Kalender, TypoPresse 1989.
  • Kuhn, Marc: Der Holzschneider Martin Thönen, in Graphische Kunst, Heft 46, 1/1996, S. 26, Curt Visel Verlag, Memmingen 1996.
  • Nau, Katja: Martin Thönen Holzschnitte, Verlag TypoPresse 2000.
  • Tuma, Annemarie: Ein uraltes Druckverfahren - Der Holzschnitt, in: Wald und Holz, Ausgabe 5/2004, S. 58.
  • Zehnder-Jörg, Silvia: Kunstvoll, 1848-2006, 109 Künstlerinnen und Künstler, 107 Werke, Deutschfreiburger Heimatkundeverein 2006.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Marc Kuhn: Martin Thönen, Original-Holzschnitt-Kalender, Typo Presse 1989.
  2. XYLON - Seite über das Mitglied Martin Thönen, abgerufen am 2. Dezember 2016.
  3. Marie-Louise Zimmermann: Jubiläumsschau als Vermächtnis, erschienen in: Der Bund 133. Jahrgang, Nr. 140 vom 19. Juni 1982, Seite 2.
  4. Offizieller Ausstellungskatalog der 10. Gemäldeausstellung in Trubschachen, 19. Juni bis 11. Juli 1982.
  5. Website der Gilde Schweizer Bergmaler, abgerufen am 2. Dezember 2016.
  6. Matterhorn, Westseite (2006) auf der Website der Gilde Schweizer Bergmaler, abgerufen am 3. Dezember 2016.
  7. Katja Nau: Martin Thönen Holzschnitte, Verlag TypoPresse 2000.
  8. 40 Jahre Ausstellungen für den zeitgenössischen Holzdruck, Galerie Art+Vision, Bern 2013.
  9. Vereinigte Altstadtleiste Bern, Besuch im Holzschnitt-Atelier, erschienen in Brunne Zytig, 4/2014, Seite 3.
  10. Rawer,I.: Vortrag zur Vernissage in Bad Schinznach am 23. September 1978.
  11. Massstäbe für die Buchkunst schaffen, erschienen in: Bündner Zeitung vom 23. März 1990.
  12. Neruda, Pablo: 20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung, illustriert mit 20 farbigen Holzschnitten von Martin Thönen, TypoPresse, Schmitten 2001.
  13. TanzZeit, 25. Bibliophiles Buch, TypoPresse, Schmitten 2011
  14. Jürgen Schweitzer: TanzZeit von Martin Thönen, erschienen in: Graphische Kunst, Internationale Zeitschrift für Buchkunst und Graphik, Heft 2/2011, S. 26, Curt Visel Verlag Memmingen.
  15. Haab, Margrit: Das Entlebuch künstlerisch gesehen, erschienen in: Vaterland 245, Seite 25, 21. Oktober 1978.
  16. Ufer, abgebildet in: Geschnitten - Gedruckt - La Lumière du Bois, Edition Xylon Verlag, Hauterive 1986.
  17. Kunst und Handwerk im Holzschnitt, erschienen in: Aargauer Tagblatt, Ausgabe 29. September 1978.
  18. Daten zu Ausstellungen, Auszeichnungen und Werken in Sammlungen auf Martin Thönens Internetseite, abgerufen am 2. Dezember 2016.
  19. Städt. Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen (Hg.): dreifach, Neue Holzschnitte der Xylon aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, Reutlingen 2005
  20. Martin Thönen an der GSBM-Ausstellung in der Kunsthalle Ziegelhütte, abrufbar unter: http://gsbm.ch/d/mitglieder/thoenen.html?yr=2012
  21. Ausstellungskatalog, Curated by Nicol Rodriguez, abrufbar unter http://ashokjaingallery.com
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