Matthias Sesselmann

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Matthias Sesselmann 1972 noch als Kiffer vor seiner Zeit als bekennender Christ

Matthias Sesselmann (* 14. Juni 1953 in Hannover)[1] ist ein deutscher Autor und Autobiograph. Der ehemalige Teilnehmer der 68er-Bewegung und der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) bekehrte sich zum Christentum und engagierte sich in evangelischer Kulturarbeit.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Matthias Sesselmann wurde 1953 als Sohn von Christa und Hans Sesselmann geboren und verlebte eine „glückliche Kindheit“ im hannoverschen Stadtteil Ledeburg. Der Vater, Grafiker und Anhänger der Neuen Sachlichkeit, schuf mit großer Leidenschaft zahlreiche farbige Foto- und Filmdokumentationen der niedersächsischen Landeshauptstadt der 1950er Jahre.[1]

Nach dem Besuch der Grundschule wechselte Matthias Sesselmann an das Gymnasium Bismarckschule in die Südstadt von Hannover. Ende 1967 wurden dem Schüler die Missstände der Gesellschaft bewusst, so etwa die seinerzeitigen „Nazis unbehelligt in hohen Positionen“, eine erneute Erstarkung der Rechten, der Vietnamkrieg oder die Unterdrückung der Armen in vielen Teilen der Welt. Als begeisterter Anhänger der sogenannten „Schüler-SDS“ nahm er an zahlreichen Demonstrationen teil. So unterstützte er beispielsweise im Juni 1969 die gegen die drastischen Fahrpreiserhöhungen der hannoverschen Straßenbahnen gerichtete Rote-Punkt-Aktion, während der die Üstra zwei Wochen lang kaum regulär betrieben werden konnte.[1]

Nach anfänglicher euphorischer Aufbruchstimmung zerbrachen SDS und die APO jedoch fast zeitgleich wie die Beatles, die damals den Zeitgeist prägten. In politischen Splittergruppen, sogenannten K-Gruppe, sorgten „Anarchos“ für eine härtere Gangart der politischen Demonstrationen. Matthias Sesselmann engagierte sich nun in der Rote Zellen Initiative, in der er 1970 mit Jusos und anderen K-Gruppen eine „aufklärerische Lehrlingszentrumsarbeit“ gründen wollte. Das Projekt scheiterte jedoch an der chronischen Abwesenheit der gewünschten Auszubildenden. Solche Enttäuschungen führten Sesselmann und seine Mitstreiter zur Sinnsuche eher nach innen, auf die Suche nach sich selbst. So wurden sie zunächst Teil einer politischen Hippiebewegung mit neuen Gedankenansätzen.[1]

Das Audimax der Universität Hannover diente Sesselmann und der Band Ton Steine Scherben 1971 als Ausgangspunkt für eine Hausbesetzung
Das Gebäude der ehemaligen Eisenhandlung Heinrich August Schulte in der Arndtstraße 20 war den Hausbesetzern 1971 ein erster Schritt zur Gründung des späteren UJZ Glocksee

Ab 1970 besuchte Sesselmann den sogenannten „Brücknerkreis“ um den an der Universität Hannover lehrenden Professor Peter Brückner, der dort Sozialpsychologie lehrte. Sesselmann beteiligte sich vor allem während der Abendveranstaltungen an hitzig geführten Diskussionen und der Entwicklung politischer Konzepte. Gemeinsam mit der Politrockgruppe Ton Steine Scherben, insbesondere mit deren Frontmann Rio Reiser, bereitete er eine Hausbesetzung vor: Zu einem verabredeten Stichtag gab die Musikgruppe im Audimax der Universität zum Schein ein Konzert, rief aber schon nach drei Stücken zur Besetzung[1] des Gebäudes Arndtstraße 20 auf.[3] Dort gaben die mit Sesselmann befreundeten Musiker der Krautrock-Band Jane zur Unterstützung der Besetzer Jam-Sessions zum Besten. Erst nach drei Tagen beendete die hannoversche Polizei die Aktion mit Festnahmen von 108 Personen, darunter auch Matthias Sesselmann.[1] Für viele aber war die Hausbesetzung nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Gründung eines Unabhängigen Jugendzentrums, aus dem dann das UJZ Glocksee entwickelt wurde.[3]

Mitunter verdiente Sesselmann etwas Geld als Roadie von Jane: 20 DM bei großen „Gigs“, anderenfalls lediglich eine Currywurst. Die Band übte in der damals leerstehenden Bothfelder Brotfabrik, die Musiker wohnten dort ebenso wie Sesselmann in einer Wohngemeinschaft. In Sesselmanns Zimmer entstand das Foto für das Schallplattencover von Jane für die Langspielplatte Here we are. In der Brotfabrik lernte Sesselmann die Scorpions kennen, wurde mit seiner „Mucker-WG“ Gastgeber für Tony Sheridan.[1] Zu Heiligabend 1972 wurden der „Politfreak“ und seine Kifferfreunde jedoch in einen „Weihnachtsschock“ versetzt: Ihr Hausdealer aus der Veilchenstraße verkaufte kein Haschisch mehr, hatte statt einer Wasserpfeife lediglich eine Bibel auf seinem Tisch. Statt Joints kam nun tatsächlich ein Gespräch „über Gott und die Welt“ in Gang, nachdem Sesselmann aus Neugierde mit seinem ehemaligen Drogenhändler die kurz zuvor eröffnete protestantische Teestube „Jesus-Treff“ in der Goethestraße besuchte. Dort feierten sie dann gemeinsam mit vielen Obdachlosen Weihnachten - ohne Drogen.[4]

Die 1864 errichteten ehemals Königlich Hannoverschen Wagenremisen in der Goethestraße dienten in den 1970er Jahren auch als freikirchliche Teestube „Jesus-Treff“

Nachdem Sesselmann während eines starken Sturmes im November 1972 dem Einschlag eines Dachziegels auf seinem Bett ohne körperlich Schaden entgangen war, begann er an Jesus Christus zu glauben. In der Folge entwickelte er ein Bewusstsein als Christ und begann, in Vollzeit in der neu gegründeten freikirchlichen Teestube Jesus-Treff zu arbeiten. Dort gab er Menschen aus Randgruppen Hilfestellung bei Problembewältigungen; etliche Drogenabhängige unterzogen sich anschließend einer Suchtbehandlung.[1]

Als Christ begann Sesselmann zudem mit der Organisation von Fußballspielen im „1. FC Rock`n Roll“, Spiele der Scorpions, Eloy und Jane gegen die Jesus-Rockband Semaja und die Mehler Field Band, die ehemalige Love Song. Als Christ Sesselmann sprach Sesselmann mit den Musikern von Weather Report, Barclay James Harvest, Epitaph, den Scorpions, After the Fire, Musikern wie Eric Burdon, Cliff Richard, Allen Ginsberg, Billy Cobham, Wayne Shorter, Joe Zawinul, Jaco Pastorius, Alex Acuña, Wenzel, Musikern wie John Kirkbride von Moody Blues, Peter Green von Fleetwood Mac oder Larry Norman von der Rockband People.[1]

Parallel zu seinen „Jesus-Treff“-Arbeiten betrieb Matthias Sesselmann rund 30 Jahre gemeinsam mit Freunden die kleine christliche Beratungsstelle mit Buchladen unter dem Titel Come In, die in der damaligen „Passerelle“ unter dem Hauptbahnhof Hannovers eingerichtet war. 1986 gab Sesselmann sein erstes Taschenbuch heraus[1] unter dem Titel Thesenanschlag '86. Bekenntnisschrift aus der Jesus-Bewegung, 1987 gefolgt von seiner Autobiographie Von der APO zum Opa ....[5]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j Arno Krumm: folkfish / Künstler Juli/August/September 14 / Matthias Sesselmann auf der Seite folkfish.de [ohne Datum], zuletzt abgerufen am 26. September 2017
  2. o.V.: Sesselmann, Matthias in der Datenbank Niedersächsische Personen (Neueingabe erforderlich) der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek in der Bearbeitung vom 7. Januar 2007, zuletzt abgerufen am 26. September 2017
  3. a b Akif, Arne Langgut, Bum Bum, Django, Hein, Jimmi, Kai Steele, Konrad Kittner, Leho Morgenstern, Nils, Olaf, Ossi, Willi Penner: Chronik, 1. Teil, in Reiner Hentschel (Hrsg.): UJZ Glocksee. 1972 - 2012. Dokumentation vierzig Jahre, hrsg. im Auftrag des Unabhängigen Jugendzentrums Glocksee, Hannover: UJZ Glocksee 2012, S. 113f.
  4. Matthias Sesselmann: Rauchfreie Weihnachten, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 24. Dezember 2015, aktualisiert am 25. Dezember 2015, zuletzt abgerufen am 26. September 2017
  5. Vergleiche die Angaben im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek