Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland

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Das Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. ist eine deutsche Selbstvertretungs-Vereinigung von „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ (Selbstbezeichnung). Sie hat ihren Sitz in Kassel.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die People-First-Bewegung begann 1968 in Schweden. Eine Elternorganisation tagte unter dem Motto: „Wir sprechen für sie!“ Auf der Tagung beschlossen die Söhne und Töchter der Tagungsteilnehmer, dass sie für sich selbst sprechen wollten. Diesem Beispiel folgten Teilnehmer an Tagungen in England und Kanada. Bewohner des Fairview Training Centers in Salem initiierten 1974 eine Organisation von „developmentally disabled people“, um für sich selbst zu sprechen. Sie bezeichneten sich von nun an als "people with developmental disabilities", die gemeinsam lernen wollten, wie sie ihre eigene Stimme finden können. In England bezeichneten sich die Mitglieder von "People First" dagegen von Anfang an als "people with learning difficulties".[1] Noch im Jahr 2000 wurde in Österreich People First als Interessenvertretung von Menschen mit einer „Lernbehinderung“ vorgestellt.[2]

Der deutsche Ableger von "People First" wurde 2001 unter dem Namen Netzwerk People First Deutschland e.V. gegründet. Im November 2005 hat er sich in Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. umbenannt, um durch die Übersetzung des weltweit benutzten Namens ins Deutsche der eigenen Forderung nach Verwendung von Leichter Sprache Rechnung zu tragen.

Regionale Gruppen bestehen zum Beispiel in Berlin, Dortmund, Duisburg, Großburgwedel, Hamburg, Hannover, Kassel, Mannheim, München, Reutlingen, Bielefeld, Halle, Kehl-Kork,

In Österreich bestehen Gruppen in Wien, Tirol, Vorarlberg und People First – Mensch zuerst Steiermark. Sie existieren zum Teil schon seit vor 1995.

Ziele und Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veränderungen im Sprechen und Denken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entsprechend dem Motto der US-amerikanischen Schwesterorganisation "People first" gilt auch für „Mensch zuerst“ das Motto: "Words do matter." („Die Wortwahl ist wichtig.“).[3] Der Verein setzt sich dafür ein, dass traditionell als „Behinderte“ bezeichnete Menschen primär als Menschen angesehen werden sollen, wobei das Faktum der Behinderung nicht unbedingt sprachlich thematisiert werden müsse. Das Anliegen, Behinderungen nicht zu sehr zu betonen, kommt sprachlich dadurch zum Ausdruck, dass nicht mehr vom „behinderten Menschen“ die Rede ist (wobei die Behinderung durch Erstnennung betont wird), sondern vom „Menschen mit Behinderung“ (entsprechend dem Motto People first wird das Menschsein betont).

Das Netzwerk lehnt die Ausdrücke Geistige Behinderung und Lernbehinderung ab und setzt sich für ihre Abschaffung ein, da sie von seinen Mitgliedern als diskriminierend empfunden werden. Als Alternative für beide Begriffe wird von „Mensch zuerst“ der Ausdruck Lernschwierigkeiten verwendet. Die Organisation glaubt, dass ihre Mitglieder tatsächlich „bloß“ Lernschwierigkeiten hätten (nicht aber regelmäßig vor Verständnishürden stünden, die sie auch mit viel Mühe nicht selbstständig überwinden können). Vorurteile und Barrieren, vor allem in Form komplizierter Texte erschwerten es ihnen, ihre intellektuellen Fähigkeiten zu nutzen. „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ seien keine „ganz anderen“ Menschen; sie hätten ähnliche Gefühle, Gedanken und Wünsche wie andere Menschen.[4]

Das Netzwerk setzt sich für die Ausweitung der Leichten Sprache als Instrument der Schaffung von Barrierefreiheit, nicht nur für die als „behindert“ Eingestuften, ein. Auch Gesetze sollten „Mensch zuerst“ zufolge auch in Leichter Sprache verfasst sein.

Veränderungen der gesellschaftlichen Realität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein strebt an, dass Menschen mit Behinderung in der Praxis die gleichen Rechte zuteil werden wie als nicht-behindert geltenden Menschen. Damit verbindet sich der weitreichende Anspruch, die Definitionsgewalt über die eigene Lebenssituation und folglich auch über die spezifischen Unterstützungsbedarfe zu erlangen; auch gegenüber all jenen, die für sie – wie Eltern und Familien – besondere Sorge tragen; und auch gegenüber allen Experten, die in Wissenschaft und Politik jene Bedingungen gestalten, unter denen Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf ihr Leben (in der Regel mit sozialprofessioneller Begleitung) zu führen haben.[5]

Zentrale Anliegen sind:

  • gerechter Arbeitslohn[6][7],
  • selbstbestimmtes Wohnen,
  • die Verwendung von Leichter Sprache,
  • die Forderung nach Einbeziehung und Befragung, wo es um ihre eigenen Belange geht („Nichts über uns ohne uns“)
  • und die Selbstvertretung in der Öffentlichkeit.

„Mensch zuerst“ setzt sich besonders für das Projekt der Persönlichen Zukunftsplanung ein und stellt Informationsmaterial zur Verfügung, das „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ Unterstützung bieten soll, um selbstbestimmt die eigene Zukunft planen zu können.

Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet der Einsatz von „Mensch zuerst“ für die Verwirklichung des Gebots der Inklusion, das von dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der UNO verbindlich gemacht wurde.[8]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zentrum der Kritik steht die Selbstbezeichnung der Mitglieder von „Mensch zuerst - Netzwerk People First Deutschland“ als „Menschen mit Lernschwierigkeiten“.

Laut einer Untersuchung der Universität Göttingen sind 20 bis 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von Lernschwierigkeiten betroffen[9]. Lernschwierigkeiten haben also neben den traditionell als „geistig behindert“ und den als „lernbehindert“ Eingestuften auch viele Menschen, die nicht als „behindert“ gelten. Der Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ ist also wenig trennscharf.

Relativ genau unterscheidet wiederum die Wissenschaft Menschen mit einer „geistigen Behinderung“ von solchen mit einer „Lernbehinderung“. Erstere sind dadurch definiert, dass sie einen Intelligenzquotienten unter 70 haben, Letztere durch einen IQ von 70 bis 85. Diejenigen, die traditionell als „lernbehindert“ bezeichnet werden, sind nicht „geistig behindert“ (eine entsprechende Etikettierung ist bei ihnen also nicht diskriminierend, sondern falsch). Auch sind ihre „Lernschwierigkeiten“ nicht so harmlos, wie der Begriff es suggeriert; denn als „Lernschwierigkeiten“ werden von Psychologen „eher temporäre, partielle und leichtere Formen der Lernerschwernis“ bezeichnet.[10] Vielmehr ist die Beeinträchtigung der gemeinten Personen so gravierend, dass sie sozialrechtlich als „behindert“ gelten und deshalb z.B. auf der Grundlage des § 19 SGB III wegen „Lernbehinderung“ einen Rechtsanspruch auf eine berufliche Erstausbildung geltend machen können. Die Markierung von Menschen als „behindert“ ist in vielen Fällen Voraussetzung dafür, dass Ansprüche gegenüber Ämtern durchgesetzt werden können.

Einige Anbieter von Sozialdienstleistungen weisen auch deshalb darauf hin, dass Abweichungen von der Terminologie, die im SGB XII benutzt wird, zu Verwirrung führen würden und dass sie deshalb an der von Juristen verwendeten Begrifflichkeit festhalten. Praktikabel sei allenfalls die Bezeichnung „Menschen mit Behinderung“ (ohne Attribut).[11]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. André Frank Zimpel: Geistige Behinderung. Inklusion-Lexikon. Universität zu Köln / Humanwissenschaftliche Fakultät
  2. Carmen Gesslbauer: People First USA - ein Vortrag in Wien. In: Bizeps. 13. Dezember 2000
  3. People first: Let's put the person first, not the disability!
  4. Beate Firlinger: Buch der Begriffe. Schlagwort „Menschen mit Lernschwierigkeiten“. Integration: Österreich (Hrsg.). S. 29f.
  5. Andreas Lob-Hüdepohl: „People first“. Die ‚Mandatsfrage‘ sozialer Professionen aus moralphilosophischer Sicht. In: EthikJournal. April 2013. S. 15
  6. Mensch zuerst: Stopp mit dem Unrecht - Wir wollen Mindestlöhne!. 27. April 2006
  7. Ottmar Miles-Paul: Mindestlohn auch in Werkstätten für behinderte Menschen?. kobinet-nachrichten.org. 2. Dezember 2013
  8. Mensch zuerst: Mut zur Inklusion machen!. Juni 2015
  9. Andreas Gold: Lernschwierigkeiten. Ursachen, Diagnostik und Intervention. 13. Juni 2014, S. 7
  10. David Fürst / Magdalena Müller / Debora Fürst: Schule & Behinderung: Lernbehinderung. Institut für Psychologie der Rheinisch-Westfälischen Hochschule Aachen, 10. November 2006
  11. berliner STARThilfe e.V.: "Menschen mit Behinderungen" - ein Definitionsversuch