Meyer’sche Häuser
Die Meyer’schen Häuser sind vier um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erbaute Wohnanlagen in Leipzig der heutigen Stiftung Meyer'sche Häuser[1], die bezahlbares und gesundes Wohnen für niedrigere Einkommensschichten zum Ziel hatten und haben. Im Jahr 2025 besteht die Stiftung seit 125 Jahren.

Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Errichtet wurden die Meyer’schen Häuser vom auf Betreiben des Verlegers Herrmann Julius Meyer (1826–1909), Sohn des Gründers des Bibliographischen Instituts Joseph Meyer (1796–1856), gegründeten „Verein zur Erbauung billiger Wohnungen“ zwischen 1888 und 1937.
Hermann Meyer stattete den Verein dazu mit einem Startkapital von zwei Millionen Mark aus. Dieser wurde im Jahr 1900 in die gleichnamige Stiftung (heute „Stiftung Meyer’sche Häuser“) umgewandelt, die immer noch Trägerin der Wohnanlagen ist. Die Stiftung blieb auch in der DDR bestehen, die Wohnungsvergabe war damals jedoch zentralisiert, also staatlich gesteuert.
Architektur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Entwürfe zu den Wohnkolonien stammen von dem Leipziger Architekten und Baumeister Max Pommer (1847–1915), der auch dem Vorstand des Vereins vorsaß. Die Anlagen entstanden zu Zeiten eines explosiven Bevölkerungswachstums, als der Wohnungsmarkt von Spekulation sowie Mietwucher und die Wohnbedingungen der einfachen Arbeiter oft von großer Enge und schlechten hygienischen Bedingungen geprägt waren.
Angesichts dieser Verhältnisse boten die Wohnungen der Stiftung mit fließendem Wasser und kleinen Balkonen einen relativ hohen Komfort. Um die Wohnungen bezahlbar zu halten, wurden standardisierte Typen verwendet und statt Einzelhäusern Ensembles mit integrierten Gemeinschaftseinrichtungen geschaffen; ein wichtiger konzeptioneller Punkt waren der Zugang zu Tageslicht und eine gute Belüftung.
Am damaligen Stadtrand von Leipzig entstanden so 2695 Wohnungen, jede Anlage umfasste einen oder mehrere Baublöcke und umschloss einen grünen, der gemeinsamen Nutzung zugedachten Innenhof. Typisch ist die Fassadengliederung im Stil der Jahrhundertwende und zahlreiche Türmchen als Eckdominanten. Sämtliche Anlagen sind erhalten, wurden nach der Wende saniert und stehen unter Denkmalschutz.
Würdigung 2025
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]„Die Stiftung Meyer’sche Häuser stellt in Leipzig ein einzigartiges Beispiel dar, wie bezahlbarer Wohnraum dauerhaft bereitgestellt werden kann und welche gesellschaftliche Verantwortung gemeinwohlorientierte Wohnungsunternehmen einnehmen können.
Seit dem Bau der vier Meyer’schen Siedlungen und der Gründung der Stiftung im Jahr 1900, über die Epochen der DDR und der Wiedervereinigung hinaus, bis heute werden die Wohnungen zu ihrem damals festgelegten Zweck genutzt: der Versorgung von Menschen mit niedrigen Einkommen mit Wohnraum.
Das Konzept funktioniert bis heute sehr gut und schafft lebenswerte Nachbarschaften mit großem Gemeinschaftssinn. Dies bezieht sich nicht nur auf die Wohnungen selbst, sondern auch auf die grünen Freiräume und die sozialen Einrichtungen, die damals in den Siedlungen gleich mitgeplant wurden. Durch das Eigentum der Stiftung ist dieses Modell langfristig sichergestellt.“
Die Wohnanlagen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Lindenau
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Die erste Anlage entstand zwischen 1888 und 1898 in Lindenau im Leipziger Westen auf dem Areal Demmeringstraße 8–10, Erich-Köhn-Straße 17–39, Hahnemannstraße 6–28 und 15–21, Henricistraße 25b–53, Rietschelstraße 22 sowie Roßmarktstraße 5–7 und 6–8. In drei Baublöcken wurden 53 Häuser mit 501 (heute nach Umbauten 413) Wohnungen sowie ein Kindergarten und ein Waschhaus errichtet. Die Ecktürme zitieren Stilelemente des Barock.
Eutritzsch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den Jahren 1899 bis 1901 entstand die Anlage in Eutritzsch im Leipziger Norden mit 39 Häusern und 321 Wohnungen als großer Einzelblock. Der große Innenhof ist parkartig gestaltet und umfasst auch Gartenparzellen und einen Kindergarten sowie ein Badehaus. Charakteristisch sind die Ecktürme mit geschwungenen Kuppeln.
Reudnitz
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1903 bis 1908 wurde im Südosten der Stadt, im Stadtteil Reudnitz, eine Wohnanlage mit 57 Häusern und 448 (413) Wohnungen in zwei parallelen Zeilen erbaut. Stilistisch lehnt sie sich an die deutsche Renaissance an. Zwischen den beiden Häuserzeilen befindet sich wieder ein Park, zur Anlage gehören auch ein Kindergarten und eine Leihbücherei.
Kleinzschocher
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In Kleinzschocher entstand die letzte und größte Wohnanlage der Meyer’schen Häuser ab 1907 in einer 15 Hektar großen Parkanlage – im Volksmund Meyersdorf genannt. Wegen des Ersten Weltkriegs und der Wirtschaftskrise verzögerte sich der Bau, der erst 1937 seinen Abschluss fand. Hier wurden 139 Häuser mit insgesamt mehr als 1400 Wohnungen errichtet, durch Zusammenlegungen ist die Zahl der Wohnungen nach der Sanierung auf 1291 gefallen. Geprägt wird diese Wohnanlage durch ihren üppigen Baumbewuchs. Auch dort gehört ein Kindergarten zum Komplex.
Varia
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die Geschäftsführung der Wohnungsgesellschaft hatte geplant, zu gegebener Zeit in Leipzig eine weitere Siedlung zu errichten, und dafür vorsorglich frühzeitig in Probstheida reichlich Land gekauft. Dieses Land wurde 1991 auf Drängen der Stadt Leipzig „unter Marktwert“ (Zitat: Dieter Pommer, Mitglied im Stiftungsrat, 26. Mai 2020) an das Rhön-Klinikum verkauft, das dort das Herzzentrum Leipzig (inzwischen zu den Helios Kliniken gehörend) errichtete.[3]
- In den Akten des Stadtarchivs Leipzig befindet sich ein Brief von Margarethe Krupp aus dem Jahr 1905. Darin bat sie, ihr Informationsmaterial zur Meyerschen Stiftung zuzusenden, was auch wunschgemäß geschah. Ein Jahr später gründete sie die Margarethe-Krupp-Stiftung in Essen, die mit 3.100 Wohnungen und 60 Gewerbeflächen die bis heute größte Wohnungsstiftung Deutschlands ist.[3]
- 2017 waren die Gebäude der Anlage in Kleinzschocher Teil der Kurzfilmwanderung Leipzig.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gartenstadt Alt-Lößnig, gestaltet von Max Pommer
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Marta Doehler-Behzadi, Iris Reuther: Die Meyer’schen Häuser in Leipzig: bezahlbares Wohnen. Leipzig 1995.
- Thomas Fuchs: Stadt und Bürgertum. Leipzig im langen 19. Jahrhundert. In: Thomas Fuchs, Sylvia Kabelitz (Hrsg.): Wustmann und andere. Bürgerliches Leben in Leipzig im 18. und 19. Jahrhundert. Leipzig 2014, S. 9–46, hier S. 33.
- N.N.: Die Entstehung und Entwicklung der Meyer'schen Häuser. in: Joachim Poznanski (Hrsg.): Wachsende Stadt – Wohnen und Leben in Leipzig 2020. art.media Verlag, Leipzig 2020, ISBN 978-3-00-065263-9, S. 30–37.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Website der Stiftung Meyer'sche Häuser. Abgerufen am 19. Juli 2025.
- Stiftung Meyer'sche Häuser Leipzig (Hrsg., o. J.): Wohnen im Grünen. Meyer'sche Häuser Leipzig, PDF, 18 Seiten
- Holger Zürch: Memoria # 8: Stiftung Meyer’sche Häuser – begehrtes Wohnen seit 125 Jahren, l-iz.de, 29. Juni 2025, abgerufen am 19. Juli 2025
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ https://meyersche-haeuser.de/
- ↑ Leipzigs Baubürgermeister zum Sozialwohnungsbau: „Die Wohnungsbauförderpolitik von Bund und Ländern muss sich grundlegend ändern“, bei l-iz.de, 14. Oktober 2025, abgerufen am 15. Oktober 2025
- ↑ a b Stiftung Meyer'sche Häuser in Leipzig wird 120 Jahre alt. In: LVZ-Onlineportal. 25. Mai 2020, abgerufen am 14. Juni 2020.