Monophysitismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Geschichtliche Entwicklung der traditionellen christlichen Gruppen

Der Monophysitismus (von griechisch μόνος monos ‚einzig‘ und φύσις physisNatur‘) oder Miaphysitismus (von μία mia ‚eins‘) ist die christologische Lehre, dass Jesus Christus nach der Vereinigung des Göttlichen und Menschlichen in der Inkarnation nur eine einzige, göttliche Natur habe. Dies steht im Gegensatz zur Zweinaturenlehre, nach der göttliche und menschliche Natur Christi unvermischt und ungetrennt nebeneinander stehen. Auf dem Konzil von Chalcedon 451 wurde die Zweinaturenlehre angenommen und der Monophysitismus verworfen, allerdings in einigen orientalisch-orthodoxen Kirchen weiterhin vertreten.

Die Antichalcedonier selbst wenden sich von jeher gegen die Benennung als „Monophysiten“, die in den Quellen ohnehin erst im 7. Jahrhundert erscheint (und zudem meist in verunglimpfender Absicht), und bevorzugen die Bezeichnung Miaphysiten. Die griechische Wurzel mia bedeutet eins. Dieses Wort betont eher die Einheit als die Einzahl und reflektiert besser die Position, dass in Christus das Göttliche und das Menschliche eine Natur bilden, vereint „ohne Vermischung, ohne Trennung, ohne Durcheinander und ohne Wechsel“, wie eine seit der Spätantike übliche theologische Formel lautet. In ihrer eigenen Wahrnehmung lehnen die Mono- bzw. Miaphysiten die Zweinaturenlehre also nicht prinzipiell ab und gehen durchaus davon aus, Jesus Christus sei Gott und Mensch gewesen - sie nehmen dabei allerdings an, dass sich die beiden Naturen Christi vermischt hätten, wobei die göttliche dominiert habe.

In der Forschung vermeidet man heute oft die missverständliche und parteiische Bezeichnung „Monophysiten“. Vor allem außerhalb der Spezialliteratur ist diese aber immer noch gebräuchlich.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Monophysitismus entstand im spätantiken Ägypten vor dem Hintergrund von Rivalitäten zwischen dem Patriarchat von Alexandria und dem von Antiochien als Reaktion auf den Nestorianismus, wonach die zwei Naturen Christi in ihm geteilt und unvermischt sind. Die monophysitische alexandrinische Position hatte sich 449 im Konzil von Ephesos zunächst durchgesetzt, wurde dann aber 451 durch die katholisch-orthodoxe Kirche beim Konzil von Chalcedon verurteilt, was ein Schisma zwischen den monophysitischen Kirchen des Ostens und der oströmischen Reichskirche auslöste. Außer in Ägypten gewann der Monophysitismus auch in Syrien zunehmend an Boden. Papst Leo der Große, der mit seinem Tomus ad Flavianum die christologische Formel von Chalcedon mit vorbereitet hatte, stimmte fast allen Beschlüssen von Chalcedon zu, lediglich die Gleichrangigkeit der Kirchen von Rom und Konstantinopel, die das Konzil beschlossen hatte, lehnt die katholische Kirche bis heute ab.

In den 480er Jahren versuchten die oströmischen Kaiser, eine im Henotikon formulierte Kompromisslösung durchzusetzen, die alle Streitpunkte zwischen orthodoxen und monophysitischen Christen ausblendete und die Beschlüsse von Chalkedon ignorierte; doch dieser Versuch scheiterte und führte statt zu einer Einigung mit den Monophysiten nur zu dem dreißig Jahre (bis 519) währenden akakianischen Schisma) mit der römischen Kirche. Auch das Fünfte Ökumenische Konzil von 553 befasste sich noch einmal mit diesem Problem, ohne eine Einigung erzielen zu können. Gleiches galt für die kurzlebige Förderung der monophysitischen Sonderströmung des Aphthartodoketismus durch Kaiser Justinian I.

Im frühen 7. Jahrhundert wurde als Versuch einer Kompromisslösung der Monotheletismus entwickelt. Danach besitzt Christus eine göttliche und eine menschliche Natur, beide haben in ihm aber nur einen einzigen, gemeinsamen Willen. Auch dieser Versuch, den Abstand zwischen Monophysitismus und der Position von Chalcedon zu überbrücken, scheiterte. Der Monotheletismus wurde, trotz gewisser Unterstützung durch einige Päpste und die byzantinischen Kaiser, nach dem Einspruch von Maximus dem Bekenner (ca. 580–662) in der Reichskirche zurückgewiesen. Die libanesischen Maroniten waren bis zum 13. Jahrhundert Monotheleten.

Durch das Schisma wurde die Position des oströmischen Reiches im Konflikt mit dem persischen Sassanidenreich und vor allem während der Expansion der Araber nach Ansicht der älteren Forschung geschwächt. Ein Ausgleich zwischen Konstantinopel und den wirtschaftlich und militärisch wichtigen syrischen und ägyptischen Provinzen gelang gerade in dieser wichtigen dogmatischen Frage nicht. Der Grund ist nicht nur in theologischen Gegensätzen, sondern vielleicht auch in Separationsbestrebungen Syriens und des koptischen Ägyptens zu suchen. Innerlich uneins und vom erbitterten Krieg gegen den Sassanidenkönig Chosrau II. geschwächt, verlor Ostrom die östlichen Reichsgebiete und bald auch Ägypten und Nordafrika an den Islam.

Im 20. Jahrhundert näherten sich die monophysitischen Kirchen sowohl untereinander als auch den Östlich-Orthodoxen Kirchen wieder stärker an. Theologen beider Konfessionen sind inzwischen zur Einsicht gelangt, dass durch Sprachunterschiede verursachte verschiedene Ansichten über die Bedeutung des Wortes „Natur“ (phýsis) wesentlich zu dem Streit beigetragen hatten, und dass in vieler Hinsicht beide Seiten mit verschiedenen Wörtern jeweils das gleiche ausdrücken wollten. In den grundlegenden Streitfragen herrscht inzwischen weitgehender Konsens.[1]

Heutige Miaphysitische Kirchen[Bearbeiten]

Die heutigen altorientalischen Kirchen, die in gegenseitiger Kommunion stehen (d. h. sich gegenseitig anerkennen und zur Eucharistie zulassen), sind

Literatur[Bearbeiten]

  •  William Hugh Clifford Frend: The rise of the Monophysite Movement. Chapters in the History of the Church in the fifth and sixth Centuries. Cambridge University Press, Cambridge 1972, ISBN 0-521-08130-0.
  •  Christian Lange: So daß wir miteinander jenen Glauben bekennen können, der uns gemeinsam ist. Überlegungen über zwei westliche Bezeichnungen für zwei christlogische Positionen des fünften und sechsten Jahrhunderts aus dem christlichen Orient. In: Ostkirchliche Studien. 53, 2004, ISSN 0030-6487, S. 287–308.
  •  Jean-Marie Mayeur, Luce Pietri, Andre Vauchez (Hrsg.): Die Geschichte des Christentums. Altertum. Band 3: Luce Pietri (Hrsg.): Der lateinische Westen und der byzantinische Osten (431–642). Sonderausgabe. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 2005, ISBN 3-451-29100-2.
  • John Meyendorff: Imperial Unity and Christian Divisions. The Church 450–680 AD (= The Church in History. Bd. 2). St. Vladimir's Seminary Press, Crestwood NY 1989, ISBN 0-88141-055-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Radio Vatikan: Papst appelliert an Christen im Nahen Osten zu bleiben 1. Februar 2007