Nachlass

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Nachlass ist die Gesamtheit des aktiven und passiven Vermögens eines Verstorbenen oder die Erbschaft desselben.

Der Begriff Nachlass im archivarischen Sinn bezeichnet die Gesamtheit des überlieferten archivalischen Materials (z. B. Werke, Briefe, Lebensdokumente), das sich auf eine Person als Bestandsbildner bzw. Nachlasser bezieht und aus deren Besitz stammt.

Arten von Nachlässen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn derartige Materialien schon bei Lebzeiten einer Bibliothek, einem Archiv oder Museum zur Verfügung gestellt werden, spricht man von „Vorlass“ (den Begriff prägte der Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Jochen Meyer).

Als digitaler Nachlass werden Rechtspositionen eines verstorbenen Internetnutzers bezeichnet, soweit sie gem. § 1922 BGB auf den oder die Erben übergehen können, insbesondere vertragliche Rechte und Pflichten gegenüber Providern.

Unter Umständen wird nicht der gesamte Nachlass einer Person in einer Institution aufbewahrt, sondern es finden sich mehrere Teilnachlässe.

Als einen angereicherten Nachlass bezeichnet man einen Nachlass, der nachträglich um Materialien ergänzt wurde, z. B. um Briefe des Nachlassers, die sich zuvor bei dessen Korrespondenzpartnern befanden. Ebenfalls ist ein Nachlass als angereichert zu betrachten, wenn dienstliche Unterlagen mit privaten Dokumenten vermischt sind. In diesem Fall sind die Archivgesetze für die Übergabe zu beachten.

Im übertragenen Sinn wird manchmal auch von einem Firmennachlass oder einem Vereinsnachlass gesprochen. Der Bestandsbildner ist in diesem Fall keine Einzelperson, sondern eine Firma oder ein Verein.

Erschließung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Archiven gelten für die inhaltliche Erschließung von Nachlässen die gleichen Grundregeln wie für die Erschließung von Archiv- und Sammlungsgut.

Das in deutschsprachigen Ländern vor allem im bibliothekarischen Bereich verwendete Regelwerk für die Erschließung von Nachlässen und Autographen sind die so genannten RNA (Regeln für die Erschließung von Nachlässen und Autographen); die Online-Version ist auf der Webseite des Kalliope-Verbunds zu finden.

Nachweis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt verschiedene Ansätze, Nachlässe übergreifend nachzuweisen. Dies ist besonders wichtig, da keine grundlegenden Regeln vorliegen, wo Nachlässe endgültig aufbewahrt werden müssen und in der Regel die Person selbst oder Erben über die Abgabe entscheiden. Nachlässe von Schriftstellerinnen und Schriftstellern finden sich z. B. in großem Umfang im Deutschen Literaturarchiv Marbach, können aber ebenfalls in weiteren Archiven, Bibliotheken oder Museen überliefert sein. Nachlässe von Politikern können sich in den einschlägigen Parteiarchiven, zuständigen Staats- oder Kommunalarchiven des Wirkungskreises befinden, in dem der Erblasser tätig war. Grundlegend ist daher die Empfehlung, vor allem auch im Nutzerinteresse, dass Nachlässe den Archiven, Museen oder Bibliotheken angeboten werden, in dessen Zuständigkeitsbereich der Nachlass fällt. Hier kann der institutionelle Wirkungskreis ein wesentliches Kriterium sein, da nicht selten private und dienstliche Unterlagen vermischt sind. Dienstliche Unterlagen sind nach Archivgesetz dem zuständigen Archiv zu übergeben.

Nachlässe und Teilnachlässe oder Splitter können in unterschiedlichen Institutionen nachgewiesen sein. Eine besondere Hilfe für Nutzerinteressen spielen dabei Fachportale, wie das Archivportal-D oder der Nachweis der Nachlässe im Bundesarchiv.

Benutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachlässe dienen als Quellen für Biographien, für historische, literaturwissenschaftliche und wissenschaftshistorische Forschungen. Aber auch Genealogen nutzen Nachlässe. Das Recht auf Einsicht in die Unterlagen eines Nachlasses kann verschiedenen Kriterien und Beschränkungen unterliegen. Handelt es sich bei einem Nachlass um eine Schenkung, dann gelten die allgemeinen Benutzungsregeln des betreffenden Archivs. Zusätzliche Einschränkungen können entstehen, wenn Erben oder der Erblasser selbst den Vor- oder Nachlass als Depositum übergeben haben.

Heute sind öffentliche Archive bestrebt, ihre ihnen anvertrauten Nachlässe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Einschränkungen können aber weiterhin durch die zu beachtenden Persönlichkeitsrechte, das Datenschutzrecht, Urheberrechten oder Rechten Dritter entstehen. Ebenfalls können Nachlasser oder seine Erben unter Umständen bestimmte Nutzungsbeschränkungen erteilen. So bestimmte beispielsweise der Kirchenhistoriker Franz Xaver Kraus, dass sein Nachlass der Stadtbibliothek Trier übergeben werden sollte und erst 50 Jahre nach seinem Tod geöffnet werden dürfe. Generell soll aber vermieden werden, dass die Kosten für die intensiven Erschließungsarbeiten und die Aufbewahrung des Nachlasses von der Allgemeinheit getragen werden, dieser aber wiederum der Zugang zu den darin enthaltenen Informationen verweigert wird.

Rechtsfähigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Nachlass ist in Deutschland nicht rechtsfähig, er besitzt daher keine gesetzlichen Vertreter. Er ist also kein Rechtssubjekt, sondern ein Rechtsobjekt. Der Nachlasspfleger ist gesetzlicher Vertreter unbekannter Erben. Es kann also auch keine Forderungen gegen den Nachlass geben, sondern nur Forderungen gegen den Erben oder eine Mehrheit von Erben, die als Nachlassverbindlichkeiten bezeichnet werden.

Dies ist allerdings nicht überall so. In den USA ist der Nachlass („Estate“) eine rechtsfähige Person, besitzt einen Executor und verteilt erst Eigentum, nachdem alle Schulden und Steuern bezahlt sind und auch nur, wenn tatsächlich Eigentum verbleibt; d. h. niemand muss in den USA Schulden erben. Ob so ein rechtsfähiges Konstrukt im letzten Willen einer Person in Deutschland erschaffbar ist, ist unbekannt. Möglich ist es, eine rechtsfähige Körperschaft vor dem Tod zu gründen, diese als einzigen Erben zu bestimmen und mit den obigen Aufgaben zu beauftragen. Die Erben wären dadurch vor dem Erben von Schulden geschützt, aber eventuell zur Doppelversteuerung genötigt, da Deutschland keine Nachlasssteuer, sondern eine Erbschaftssteuer hat und der Beschenkte, nicht der Schenkende, eine Schenkungssteuer zahlen muss.

Zur Situation in Österreich siehe Erbschaft#Österreich.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludwig Denecke, Tilo Brandis: Die Nachlässe in den Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland. 2. Aufl. Boppard: Boldt, 1981. ISBN 3-7646-1802-7 (Die 1. Aufl. erschien 1969.)
  • Pia Gamon u. a.: Basis Künstlerarchiv: Kunst zwischen Atelier und Museum. Das Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, Verlag für Moderne Kunst, Wien 2015, ISBN 978-3-903004-16-0.
  • Ewald Grothe: Kooperative Erschließung von Handschriften und Nachlässen, Teil 1: „Ein unverkennbares Bedürfniß der Wissenschaft“. Projekte in deutschen Bibliotheken zwischen 1885 und 1945. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 53 (2006), S. 234–243. als Volltext abrufbar (PDF; 224 kB)
  • Ewald Grothe: Kooperative Erschließung von Handschriften und Nachlässen, Teil 2: Auf dem Weg zu Kalliope. Zur Erschließungssituation in deutschen Bibliotheken und Archiven seit 1945. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 53 (2006), S. 291–299. als Volltext abrufbar (PDF; 222 kB)
  • Ewald Grothe: Die kooperative Erschließung von Autographen und Nachlässen im digitalen Zeitalter. Probleme und Perspektiven. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 30 (2006), S. 283–289. als Volltext abrufbar
  • Wolfgang A. Mommsen: Die Nachlässe in den deutschen Archiven. Boppard: Boldt. Schriften des Bundesarchivs 17/I und 17/I. Teil I, 1971. ISBN 3-7646-1544-3. Teil II, 1983. ISBN 3-7646-1816-7. (Teil II als Volltext in der Google-Buchsuche)
  • Regeln zur Erschließung von Nachlässen und Autographen (RNA) / Deutsche Forschungsgemeinschaft, Unterausschuss für Nachlasserschliessung; Deutsches Bibliotheksinstitut. Berlin 1997. ISBN 3-87068-540-9. 2. Fassung 2010 nur online (PDF; 778 kB)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Digitalisierte Nachlässe – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://opac.obvsg.at/nlv.
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