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Nachtgedanken

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Nachtgedanken in der Erstausgabe der Neuen Gedichte von 1844.

Nachtgedanken ist das vierundzwanzigste und abschließende Gedicht aus Heinrich Heines 1844 als Teil des Gedichtbandes Neue Gedichte erschienenem Zyklus der Zeitgedichte. Der berühmte Eingangsvers

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“

ist zu einem geflügelten Wort geworden. Die fehlende Nachtruhe bezieht sich im Gedicht auf die Trauer über die lange Trennung von der in Deutschland gebliebenen Mutter Heines. Sie wird jedoch auch vor dem Hintergrund der persönlichen und politischen Situation des im französischen Exil lebenden Verfassers interpretiert.

In der ersten Strophe von Nachtgedanken schildert Heine, dass der Gedanke an Deutschland bei ihm zu Schlaflosigkeit führe und ihn zum Weinen bringe. In den folgenden Strophen folgt dann aber keine Analyse der politischen Situation in Deutschland, sondern es geht um des Verfassers geliebte Mutter, die noch in Deutschland lebt, ihre Briefe und dass er sie seit 12 langen Jahren nicht mehr gesehen habe.

Dann kommt er auf Deutschland, um dessen Bestand ihm nicht bange ist, das „mit seinen Eichen, seinen Linden“ „kerngesund“ sei, während die alte Mutter nicht ewig leben wird, genau so wie viele andere inzwischen Gestorbene, seit er in das französische Exil ging. Ihm ist, „als wälzten sich die Leichen“ auf seine Brust. Diese Vorstellung wird erst vertrieben, als morgens in Frankreich die Sonne aufgeht, seine schöne Frau hereinkommt und mit ihrem Lächeln seine Sorgen vertreibt.

Nachtgedanken.[1]

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd’ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.[2]

Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib[3], schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Entstehung und Hintergrund

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Das Gedicht wurde erstmals 1843 in der Zeitung für die elegante Welt abgedruckt. Wenn Heines Angabe, er habe die Mutter seit 12 Jahren nicht gesehen, genau ist, so wird das Gedicht kurz vor dem Erstdruck entstanden sein. Es erschien dort zusammen mit dem thematisch verwandten Gedicht Lebensfahrt, im Zyklus der Zeitgedichte die Nr. 10, worin es auch um das Exil und in der Heimat verstorbene und verdorbene Freunde geht („Sie gingen unter, im Vaterland; / Mich warf der Sturm an den Seinestrand.“). Heine lebte seit Anfang der 1830er Jahre im Pariser Exil. Anfang der 1840er befanden sich die mitteleuropäischen Staaten in einer allgemeinen vorrevolutionären Situation, die unter anderem in Deutschland und Frankreich zu den Revolutionen von 1848 führen sollte. In den deutschen Ländern regte sich politischer Widerstand gegen das vom Wiener Kongress eingesetzte repressive Regime und die Kleinstaaterei.

Obwohl Heine sich selbst nicht zu den Dichtern des Vormärz zählte, gilt Zeitgedichte als ein Werk dieser politisch-literarischen Strömung. Der Germanist Helmut Koopmann nimmt an, dass Heine in Paris vereinsamt sei: „am Rande sitzend, nicht mehr Teilhaber der Gesellschaft, sondern bestenfalls noch ihr Kritiker“. Nur aus dieser Situation eines Parias seien Werke wie Nachtgedanken und Deutschland. Ein Wintermärchen verständlich.[4]

Neuere Adaptionen

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Die Phrase „Denk ich an Deutschland“ ist oft als Titel verwendet worden, so für Bücher, Aufsätze, Zeitungsartikel, die Fernsehspielreihe der ARD Denk ich an Deutschland … und die wöchentliche Sendereihe Denk ich an Deutschland im Deutschlandfunk. Mit dem Gedichttitel wurde u. a. die Reihe von Fernsehsendungen zum Sendeschluss, Nachtgedanken mit Hans-Joachim Kulenkampff, benannt. Der deutsche Rapper Felix Blume zitiert die erste und sechste Strophe des Gedichtes als Hookline in seinem Track Deutschland auf seinem im Dezember 2025 erschienenen Album Kanzler.

  • Jan-Christoph Hauschild: Merkverse – Brechmittel. Heines „Nachtgedanken“ und ihre publizistischen Folgen. In: Bernd Kortländer (Hrsg.): Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine. Stuttgart 1995, S. 128–142.
  • Gerhard Höhn: Heine-Handbuch : Zeit, Person, Werk. Metzler, 2004, ISBN 3-476-01965-9, S. 101f.
  • Helmut Koopmann: „Nachtgedanken“, zu Heinrich Heines Gedicht „Denk ich an Deutschland in der Nacht“. In: Internationale Hugo-Wolf-Akademie für Gesang, Dichtung, Liedkunst: Von Dichtung und Musik. Heinrich Heine, ein Lesebuch. Schneider, Tutzing 1995, S. 39–61.
  • Irmgard Möller, Hans Böhm: Heine-Säkularausgabe. Band 2: Gedichte 1827–1844 und Versepen. Kommentar I. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-005299-6, S. 489–497.
  • Siegbert Salomon Prawer: Heine. The Tragic Satirist. A Study of the Later Poetry 1827-1856. Cambridge University Press, Cambridge 1961, ISBN 0-521-05990-9, S. 101–103.
  • Marcel Reich-Ranicki: Frankfurter Anthologie: Gedichte und Interpretationen. Insel, Frankfurt 1976, S. 117 ff.
Wikisource: Nachtgedanken (Heine) – Quellen und Volltexte
  • Nachtgedanken im Heinrich-Heine-Portal
  • Heinrich Heine: Denk ich an Deutschland in der Nacht. In: Freiburger Anthologie - Lyrik und Lied. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 6. Februar 2013;.

Einzelnachweise

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  1. ↑ Heinrich Heine: Neue Gedichte. Hoffmann und Campe, Hamburg 1844, S. 274–276.
  2. ↑ Betty Heine überlebte ihren Sohn und starb 1859.
  3. ↑ Heine hatte die von ihm Mathilde genannte Augustine Crescence Mirat 1841 geheiratet.
  4. ↑ Helmut Koopmann: Heimat, Fremde und Exil im 19. Jahrhundert. In: Hans-Jörg Knobloch, Helmut Koopmann (Hrsg.): Das verschlafene 19. Jahrhundert? Königshäuser & Neumann, 2005, S. 33.