Die Lore-Ley

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Blick vom linken Rheinufer bei St. Goar auf die Loreley
Bronzebüste von Heinrich Heine am Fuß der Loreley in Sankt Goarshausen
Emil Krupa-Krupinski: Loreley, 1899

Die Lore-Ley bzw. Lied von der Loreley ist ein Gedicht Heinrich Heines von 1824, das die Loreleysage zum Thema hat. Verbreitung fand es vor allem mit der Audio-Datei / Hörbeispiel Melodie?/i von Friedrich Silcher (1837).

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin;
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
und ruhig fließt der Rhein;
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar;
ihr goldnes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei;
das hat eine wundersame,
gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh;
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
am Ende Schiffer und Kahn;
und das hat mit ihrem Singen
die Lore-Ley getan.

Deutungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Blick auf das zentrale Thema der verschmähten Liebe wollen viele heute eine autobiographische Komponente erkennen (Amalien-Erlebnis); das Kämmen mit dem goldenen Kamm wird als narzisstische Geste gedeutet. Andere sehen in dem Gedicht eine Auseinandersetzung Heines mit der Romantik bzw. der romantischen Poesie, die in der Lore-Ley-Gestalt verkörpert sei. Er benutze Motive und Darstellungsmittel der Romantik und des Volkslieds, um diese (durch Akkumulation und durch Übertreibung, auch durch übersteigertes Pathos) zu ironisieren und sich auf diese Weise zu distanzieren. Die Verbindung von Eitelkeit, Verführbarkeit und Vergänglichkeit weist auf die Wiederbelebung der Vanitas-Motive in der Romantik hin.

Vertonungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert entstanden über vierzig Liedfassungen des Textes von Heine, von denen aber keine die Popularität der Version von Silcher erreichen konnte.[1] Im Jahr 1841 und in überarbeiteter Fassung 1856 wurde das Gedicht von Franz Liszt unter dem Titel Die Loreley (Searle 273) als Lied für Klavier und Singstimme vertont. Liszt hat zusätzliche Arrangements für Klavier solo im Jahr 1861 (Searle 532) sowie Singstimme und Orchester im Jahr 1860 (Searle 369) erstellt. Es ist mit seiner Tonmalerei und seiner differenzierten szenischen Stimmungsschilderung nicht mit Silchers schlichter Volksweise vergleichbar.[2] Clara Schumann vertonte den Text im Jahr 1843 als Lied für Klavier und Singstimme.[3] Felix Mendelssohn Bartholdy plante eine Oper über das Sujet (Op. 98, unvollendet). Der Berliner Komponist Paul Lincke brachte im Jahr 1900 eine Operette unter dem Titel Fräulein Loreley heraus.

Heines Lore-Ley wurde lange Zeit, vor allem im 19. Jahrhundert, als sentimentales Volkslied rezipiert. Von Walter A. Berendsohn und Theodor W. Adorno stammt die – bis heute jedoch unbelegte – Behauptung, dass das Lied so populär war, dass es selbst die Nationalsozialisten im Dritten Reich nicht gewagt hätten, es aus den Lyrik-Anthologien zu entfernen, obwohl Heinrich Heine als Jude zu den Dichtern gehörte, deren Werke verboten und verbrannt wurden. Seine Urheberschaft sei jedoch unterschlagen und stattdessen meistens „von einem unbekannten deutschen Dichter“ oder ähnliches angegeben worden.

Zeitgenössische Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heines Gedicht wird bis in die Gegenwart künstlerisch bearbeitet und in zeitgenössischen Werkformen adaptiert. So ist 2010 in der aufkeimenden Berliner Comic-Szene[4] eine Comic-Fassung von Heines Lore-Ley von Kolja Wilcke erschienen.[5]

Forschungsliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helga Arend: Die Loreley – Entwicklung einer literarischen Gestalt zu einem internationalen Mythos. In: Liesel Hermes, Andrea Hirschen, Iris Meißner (Hrsg.): Gender und Interkulturalität. Ausgewählte Beiträge der 3. Fachtagung Frauen-/Gender-Forschung in Rheinland-Pfalz (= Frauen- und Gender-Forschung in Rheinland-Pfalz. Bd. 4). Stauffenburg-Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-86057-794-8, S. 19–28.
  • Rotraud Ehrenzeller-Favre: Loreley, Entstehung und Wandlung einer Sage. Hoops, Zürich 1948.
  • Elisabeth Frenzel, Sybille Grammetbauer: Stoffe der Weltliteratur. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1998.
  • Jürgen Kolbe (Hrsg.): „Ich weiß nicht was soll es bedeuten“. Heinrich Heines Loreley. Bilder und Gedichte. Hanser, München u. a. 1976, ISBN 3-446-12302-4.
  • Peter Lentwojt: Die Loreley in ihrer Landschaft. Romantische Dichtungsallegorie und Klischee. Ein literarisches Sujet bei Brentano, Eichendorff, Heine und anderen. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1998, ISBN 3-631-32076-0. (= Europäische Hochschulschriften. Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur. Bd. 1664). (Zugleich: Stuttgart, Universität, Dissertation, 1996).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Étienne François, Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte. Band 3. C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47224-9, S. 490.
  2. Hans Christoph Worbs: Booklet der CD von Margaret Price und Cyprien Katsaris: Franz Liszt – Lieder und 3 Petrarca-Sonette, Teldec Schallplatten GmbH, 1986, auf CD von Teldec Classics International GmbH, Hamburg, 1999, Seite 5
  3. Oeuvre van Clara Schumann-Wieck.
  4. Tagesspiegel, Berlins Comicszene wird immer internationaler
  5. Kolja Wilcke, Tödliche Schönheit