Nayef Hawatmeh

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Nayef Hawatmeh (arabisch نايف حواتمة, DMG Nāyif Ḥawātma; * 17. November 1935 in Salt, Transjordanien) ist ein palästinensischer Politiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hawatmeh stammt aus einem nördlich von Amman ansässigen beduinischen Familienclan griechisch-katholischer Konfession. Die Schule besuchte er in Amman. 1955 ging er nach Kairo zum Medizinstudium, brach dieses jedoch nach einem Jahr aus Anlass des Sueskriegs 1956 ab.[1] Nach seiner Rückkehr nach Jordanien arbeitete er als Lehrer, Journalist und Publizist.[2] Später studierte er bis zum Erwerb des Bachelors 1967 Philosophie an der Arabischen Universität Beirut. Seine akademischen Studien vollendete er 1976 in Moskau mit dem Erlangen des Doktortitels.[3] Hawatmeh gehört dem marxistischen Spektrum an.[4]

Bereits als Oberschüler schloss er sich der der pan-arabischen Arabischen Nationalistischen Bewegung (ANM) an, als eines der ersten von George Habasch ab Ende 1952 in Jordanien angeworbenen Mitglieder.[1] 1957 war er in Jordanien für die ANM verdeckt politisch aktiv und ging in den Untergrund. Die ANM wurde dort 1959 verboten. Nachdem er in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, ging er über Syrien in den Libanon, wo er ANM-Gruppen in Tripoli und Tyros anführte. Anfang der 1960er Jahre ging er für die ANM in den Irak, wo er wegen Umtrieben gegen Regierungschef Abd al-Karim Qasim für 14 Monate in Haft saß. Einem drohenden Todesurteil entkam er 1963 durch Fürsprache von Gamal Abdel Nasser, durch die er nach Ägypten ausreisen konnte.[5] Von dort ging Hawatmeh in den Jemen, um sich mit der Front for the Liberation of Occupied South Yemen (FLOSY) am Widerstand gegen die britische Herrschaft im Süden des Landes zu beteiligen.[6]

Nach einer Amnestie durch König Hussein kehrte er 1967 nach Jordanien zurück und war 1968 zunächst Mitgründer der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Nach einem Führungsstreit mit George Habasch spaltete er sich 1969 gemeinsam mit Jassir Abed Rabbo und anderen ab und wurde Gründer und Generalsekretär der marxistischen Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP) – bis 1974 unter dem Namen „Volksdemokratische Front zur Befreiung Palästinas“ (PDFLP). Nach dem Scheitern des gegen das jordanische Königshaus gerichteten Aufstand des Schwarzen Septembers, bei dem die PDFLP hohe Verluste erlitt, wurde Hawatmeh wie die übrigen PLO-Kämpfer und -Funktionäre aus Jordanien vertrieben und ließ sich im Libanon nieder.

Er gehörte zu den ersten, die die Idee eines eigenständigen palästinensischen Staates vertraten und trat für eine auf Verhandlungen mit Israel basierende Zwei-Staaten-Lösung ein.[4] Ab 1969 suchte er den Dialog mit der israelischen Linken, insbesondere der kommunistischen Matzpen. Im April 1974 stieß er eine internationale Medienkampagne an, in der er die Israelis zu einem Friedensschluss auf Grundlage der einschlägigen UN-Resolutionen und des Selbstbestimmungsrechts der Palästinenser aufrief. Wenige Wochen später entzog eine Kommando-Aktion der DFLP in Nordisrael, die nach missglückter Intervention der israelischen Streitkräfte in einem Massaker endete und die Hawatmeh von Beirut aus öffentlich rechtfertigte, dieser Versöhnungsinitiative jede Basis.

Seit der Vertreibung der PLO aus dem Libanon durch Israel 1982 arbeitet Hawatmeh von Syrien aus, wo die DFLP staatliche Unterstützung erhält. Nach Angaben Hawatmehs verlor die von ihm geleitete Organisation bis 1987 in gewaltsamen Auseinandersetzungen 5.000 Mitglieder.[7] Nach 1988 beschränkte die DFLP ihre bewaffneten Aktivitäten auf sporadische Überfälle auf die israelische Grenze.[8]

Zwanzig Jahre nach seiner Verbannung aus Jordanien durfte Hawatmeh das Land erstmals 1990 gemeinsam mit George Habasch anlässlich einer Konferenz in Amman zur Unterstützung Saddam Husseins nach dessen Invasion Kuwaits wieder betreten.[9]

Hawatmeh war gegen die Madrider Konferenz 1991 und die Unterzeichnung des Oslo-Abkommens von 1993. Gemeinsam mit anderen linksorientierten, aber auch islamistischen Organisationen gründete seine DFLP in Opposition zur PLO-Führung in Damaskus die sogenannte „Allianz palästinensischer Kräfte“ (APF), die die DFLP 1996 allerdings wieder verließ.

Im Jahr 1999 vereinbarte er ein Treffen mit Jassir Arafat und schüttelte die Hand des israelischen Präsidenten Ezer Weizmann, als er diesen bei der Beerdigung König Husseins von Jordanien traf und ihn als „Mann des Friedens“ bezeichnete. Diese Geste brachte ihm starke Kritik vormaliger palästinensischer Verbündeter in Damaskus ein.[10] Im selben Jahr strich die US-Regierung die von ihm geführte DFLP von ihrer Liste der terroristischen Organisationen.[11]

Hawatmeh lehnte palästinensische Selbstmordattentate in Israel ab.[11] 2003 distanzierte er sich von der Taktik der Hamas und sagte der Süddeutschen Zeitung, dass DFLP-Kämpfer nur innerhalb der besetzten Gebiete gegen israelische Soldaten und Siedler kämpften und er die Ermordung unbeteiligter Zivilisten ablehne.[12]

Im Jahr 2007 gab Israel an, Hawatmeh zum ersten Mal seit 1967 die Einreise in das Westjordanland zu genehmigen, um ihm die Teilnahme an einer Vorstandssitzung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) zu ermöglichen. Israel macht Hawatmeh für das 1974 von einem DFLP-Kommando verübte Ma’alot-Massaker verantwortlich. 2013 bemühte sich die Palästinensische Autonomieregierung um eine Genehmigung Israels für eine Übersiedlung Hawatmehs in den von der PA kontrollierten Teil der Westjordanland. Hawatmeh hatte sich nach Ausbruch des Syrischen Bürgerkriegs vorübergehend in Jordanien niedergelassen.[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Frances Susan Hasso: Resistance, Repression, and Gender Politics in Occupied Palestine and Jordan. Syracuse University Press, Syracuse 2005, S. 11
  2. Michael Bröning: Political Parties in Palestine: Leadership and Thought. Palgrave Macmillan, New York City 2013, S. 179
  3. Frances Susan Hasso: Resistance, Repression, and Gender Politics in Occupied Palestine and Jordan. Syracuse University Press, Syracuse 2005, S. 12
  4. a b Al Jazeera
  5. Frances Susan Hasso: Resistance, Repression, and Gender Politics in Occupied Palestine and Jordan. Syracuse University Press, Syracuse 2005, S. 11f
  6. Michael Bröning: Political Parties in Palestine: Leadership and Thought. Palgrave Macmillan, New York City 2013, S. 179f.
  7. Douglas Jehl: Palestinian Rebels in Syria: Wild Card in Talks. In: International Herald Tribune vom 9. August 1999 (englisch)
  8. Profile: DFLP. In: BBC News vom 4. Februar 2002, abgerufen am 23. Oktober 2018 (englisch)
  9. Joel Brinkley: Divided Loyalties. In: New York Times vom 16. Dezember 1990, abgerufen am 23. Oktober 2018 (englisch)
  10. Middle East: Radical Palestinians bitter over Israel handshake. In: BBC News vom 14. Februar 1999, abgerufen am 23. Oktober 2018 (englisch)
  11. a b Neil McFarquhar: Damascus: Hussein's Fall Leads Syrians To Test Government Limits. In: New York Times vom 20. März 2004, abgerufen am 23. Oktober 2018 (englisch)
  12. Heiko Flottau: Der umzingelte Frontstaat: Das Regime in Damaskus kämpft ums Überleben. In: Süddeutsche Zeitung vom 8. Oktober 2003
  13. Khaled Abu Toameh: Marxist DFLP head Hawatmeh seeks to return to West Bank. In: Jerusalem Post vom 3. Februar 2013, abgerufen am 23. Oktober 2018 (englisch)