Nueva Germania

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Nueva Germania
Koordinaten: 23° 54′ S, 56° 34′ W
Karte: Paraguay
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Nueva Germania
Nueva Germania auf der Karte von Paraguay
Basisdaten
Staat Paraguay
Departamento San Pedro
Stadtgründung 1886
Einwohner 4335 (2008)
Detaildaten
Fläche 20,002 km²
Höhe 132 m
Zeitzone UTC-4

Nueva Germania ist ein kleines Dorf im ländlichen Teil von Paraguay, circa 150 km nördlich von Asunción. Es wurde um 1886 von Bernhard Förster sowie einer Handvoll deutscher Siedler gegründet, darunter seine Frau Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester von Friedrich Nietzsche.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Förster, ein bekannter Antisemit, plante mit der Gründung von Nueva Germania eine Art Zufluchtsort für die „arische Rasse“ in Südamerika aufzubauen. Der Jenaer Lehrer Förster war ein Vertreter völkischer Ideen. Er war wegen militantem Antisemitismus aus dem Schuldienst entlassen worden und machte die Juden für den „Verfall deutscher Tugenden“ verantwortlich.[2] Nach dem Suizid Försters, der die Vermischung der Siedler mit einheimischen Indios nicht verhindern konnte, setzte der Niedergang der Kolonie ein.

Die deutschen Siedler waren nicht vorbereitet auf die Bedingungen in Südamerika und schafften es nicht, sich anzupassen. Die Kolonie verfiel in Hunger und Armut, besteht aber noch heute. Etwa 200 Nachfahren der Siedler sind immer noch dort anzutreffen.[3]

Gewisse propagandistische Bedeutung erfuhr das Projekt wieder in der Zeit der Diktatur des deutschstämmigen Alfredo Stroessner.[4] In den letzten Jahren bemüht sich der amerikanische Dirigent David Woodard um Interesse für das als „rassisch reine Kolonie“ geplante Dorf. Unter anderem bietet er Führungen durch das Gebiet an. Geworben wird mit einem Haus, in dem angeblich Josef Mengele mehrere Jahre lang Zuflucht fand, und der Besichtigung von Lebensumständen der Nachfahren der deutschen Siedler. Das Haus, in dem Mengele sich angeblich aufgehalten hatte, wurde allerdings kurz vor dem Eintreffen eines britischen Kamerateams – unter nicht geklärten Umständen – 1991 niedergebrannt.[5]

Nach der Volkszählung von 2002 hatte Nueva Germania 4.202 Einwohner, von denen 840 (20 %) angaben, Deutsch als erste, zweite oder dritte Sprache zu sprechen. Unter den jüngeren Bewohnern waren deutsche Sprachkenntnisse noch ähnlich weit verbreitet wie unter den Älteren.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ben Macintyre: Forgotten Fatherland – the search for Elisabeth Nietzsche. Macmillan, London 1992. ISBN 0-333-55914-2.
  • Ben Macintyre: The True Story of Nietzsche's Sister and Her Lost Aryan Colony. Broadway Books/Random House, New York 2011. ISBN 978-0307886446.
  • Ben Macintyre: Elisabeth Nietzsche ou la folie aryenne : au Paraguay, en 1886, la soeur du cĺèbre philosophe fonde Nueva Germania, la première colonie aryenne de l'histoire. Laffont, Paris 1992. ISBN 2-221-07455-6.
  • Ben Macintyre: Vergessenes Vaterland. Die Spuren der Elisabeth Nietzsche. Reclam, Leipzig 1994. ISBN 3-379-01510-5.
  • Wolfgang Hindrichs: Nueva Germania – Eine Herausforderung in Paraguay. Hahne und Schloemer, Düren 2006. ISBN 978-3-927312-74-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Florian Zinnecker: Ich habe gemerkt, wie sehr ich mit dem Begriff ›deutsch sein‹ ringe. In: Süddeutsche Zeitung, 11. Mai 2016. Auf: sueddeutsche.de, abgerufen am 29. Mai 2016
  2. Das Erbe von Nueva Germania. In: Der Spiegel, 12. Juli 1993. Auf: spiegel.de, abgerufen 29. Mai 2016
  3. Henning Kober: In, um und um Germanistan herum. In: Die Tageszeitung, 18. Mai 2006. Auf: taz.de, abgerufen am 29. Mai 2016
  4. Peter Burghardt: Die Aussiedler. In: Süddeutsche Zeitung, 15./16. November 2014. S.57.
  5. Martin Lichtmesz: Nietzsche und Wagner im Dschungel – David Woodard & Christian Kracht in Nueva Germania. Interview mit David Woodard und Christian Kracht zu Nueva Germania. In: Zwielicht 2, 2007. S.28. (PDF-Datei; 78,6 KB)
  6. Dirección General de Estadística Encuestas y Censos: Censo Nacional de Población y Viviendas 2002 (Ergebnisse der Volkszählung in Paraguay 2002). Auf: cepal.org, abgerufen am 29. Mai 2016