Oberleitungsrosette

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Oberleitungsrosette der Straßenbahn Hamburg

Eine Oberleitungsrosette – auch Wandrosette, Wandanker, Wandeisen, Oberleitungshaken oder in Österreich Mauerrosette genannt – ist eine spezielle Form der Fahrdrahtaufhängung bei Straßenbahnen und Oberleitungsbussen, seltener auch bei Eisenbahnen. Die meist aus Gusseisen hergestellten Rosetten dienen der Verankerung beziehungsweise Abspannung der Oberleitung an den Gebäuden der durchfahrenen Straßenzüge. Sie kommen immer dann zur Anwendung, wenn aus räumlichen Gründen (beispielsweise enge Straßen) oder ästhetischen Gründen keine Oberleitungsmasten aufgestellt werden können. Ferner spielen auch Kostengründe eine Rolle, Rosetten sind beim Bau deutlich günstiger als Masten.

Prinzip[Bearbeiten]

Funktionell besteht eine solche Rosette aus einer Grundplatte, die durch - meist vier - randnahe Rundlöcher an die Gebäudewand geschraubt wird, und zwei angegossene Lagerböcke, die einen senkrechten Bolzen aufnehmen. Dieser wird in der Regel durch die Kausche eines Auges des Seils oder Drahts der Abspannung gefädelt, hält oben durch einen Kopf und wird unten durch einen Quersplint gesichert.

Vier Schrauben bieten – gegenüber drei geometrisch mindestens erforderlichen – eine gewisse Redundanz gegen Bruch von Schrauben oder Platte und größeren Mindesthebel der Anpressfläche. Heute werden Abspannungsverankerungen hingegen servicefreundlicher meist durch zwei nahe nebeneinander gesetzte Ringschrauben aus rostfreiem Stahl und einer kurzen Aufgabelung der Abspannung gelöst, mit drei Verbindungen durch Schäkel.

Geschichte[Bearbeiten]

Ende des 19. Jahrhunderts begann das Zeitalter der elektrischen Straßenbahn, als erste elektrifizierte Strecke gilt die 1881 eröffnete Elektrische Straßenbahn Lichterfelde–Kadettenanstalt in Berlin. In rascher Folge wurden weitere Betriebe elektrifiziert, jedoch wurden die optischen Auswirkungen der Oberleitungen damals häufig noch als störend und unästhetisch empfunden. Um dies zu kompensieren, wurden die Befestigungen in den Anfangsjahren der „Elektrischen“ besonders kunstvoll ausgeführt. Dies gilt speziell für den Zeitraum rund um die Jahrhundertwende. Deswegen sind besonders kunstvoll ausgeführte Oberleitungsrosetten typischerweise häufig an im Jugendstil erbauten Gebäuden zu finden.

Bei der Formgebung der Aufhängungen bediente man sich dabei der Gestaltungselemente aus der Ornamentik beziehungsweise der Rosettenkunst in der Architektur. Diese Anleihen waren es schließlich auch, die den Oberleitungsrosetten zu ihrer Bezeichnung verhalfen. In späteren Jahren wurden die Oberleitungsrosetten jedoch zunehmend schlichter ausgeführt und im Laufe der Jahre von einfachen Wandhaken ohne jede Verzierung abgelöst (nicht zu verwechseln mit den ähnlich aussehenden Wandhaken zur Befestigung der Straßenbeleuchtung). Im Vergleich zu den einfachen Haken der Straßenbeleuchtung sind Oberleitungsrosetten deutlich massiver ausgeführt, sie müssen auch die durch den Federdruck des Stromabnehmers verursachten Schwingungen der Oberleitung aushalten können.

Auch wenn die Rosetten technisch gleich waren, weisen sie im ornamentalen Detail erkennbare Unterschiede auf. So gibt es beispielsweise in Hamburg fünf unterschiedliche Formen analog zu den damaligen Straßenbahngesellschaften und deren unterschiedlichen Partner bei der Elektrifizierung.[1]

Seltener sind beziehungsweise waren Oberleitungsrosetten auch bei Eisenbahnen zu finden, in der Regel ist dies bei elektrisch betriebenen Kleinbahnen beziehungsweise Lokalbahnen der Fall, sofern diese auch durch bebaute Straßenzüge fahren oder fuhren. Beispiele für solche Fälle sind die Strausberger Eisenbahn, die frühere Schmalspurbahn Klingenthal–Sachsenberg-Georgenthal oder die ebenfalls stillgelegte Industriebahn Münster–Cannstatt. In Österreich kann man diese auch entlang der Strecke der eingestellten Localbahn Innsbruck–Hall in Tirol und der Stubaitalbahn finden.

Bei der Straßenbahn Lemberg in der Ukraine waren die einzelnen Rosetten früher durchnummeriert, um sie besser lokalisieren zu können.[2]

Gegenwart[Bearbeiten]

Bei noch in Betrieb befindlichen Straßenbahnnetzen ist der Fahrdraht in vielen Fällen nach wie vor an den ursprünglichen Oberleitungsrosetten an den Hauswänden befestigt. Oft sind dabei diese Rosetten insofern "getarnt", als sie bei gelegentlichen Renovierungen der Fassaden in der gleichen Farbe überstrichen wurden.

Häufig sind allerdings solche Rosetten heute die einzigen Relikte, die an längst eingestellte Straßenbahnstrecken oder gänzlich eingestellte Straßenbahnbetriebe erinnern. In Hamburg beispielsweise erhalten bis heute circa 600 dieser Relikte die Erinnerung an die ehemalige Straßenbahn aufrecht, obwohl deren letzte Linie schon 1978 eingestellt wurde. Vereinzelt hängen Rosetten noch heute an Häusern, vor denen der Straßenbahnverkehr 1943 (in Hamburg z.B. in der Waterloostraße / Eimsbüttel) oder sogar eher (im Extremfall 1923 - in Hamburg Arnoldstraße 22 / Ottensen)) eingestellt wurde [3] - zum Teil durchaus von den Hausbesitzern als technisches Denkmal bewußt an ihrer Fassade als Besonderheit gezeigt.

Dennoch kommen diese Oberleitungsrosetten vereinzelt auch heute noch neu zur Anwendung. So ließen beispielsweise die Stuttgarter Straßenbahnen im Zuge der 2007 erfolgten Umstellung der Straßenbahnlinie 15 auf Stadtbahnbetrieb einige Wandrosetten nach historischen Vorbildern nachproduzieren, diese wurden in der Stuttgarter Alexanderstraße verwendet.

Sonstiges[Bearbeiten]

Europaweit dokumentiert werden bereits seit 1990 Oberleitungsrosetten durch die Aberdeen Tramway Rosette Appreciation Society (ATRAS).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. ATRAS – wissenschaftliche Dokumentation – abgerufen am 14. Januar 2015
  2. Tramway Rosettes and Numbers in Lviv auf shadowsofaforgottenworld.blogspot.de, abgerufen am 13. September 2014
  3. eigene Kenntnis (Horstbu) und Auflistung durch VVM (Verein Verkehrsamateure und Museumsbahnen, Hamburg