Operettenstaat

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Ein Operettenstaat ist ein unbedeutender Kleinstaat, der großen Wert auf repräsentativen Prunk legt. Der Begriff ist eng mit den Operetten von Jacques Offenbach aus der Zeit des Zweiten Kaiserreichs verbunden.

Operettenstaaten auf der Bühne sind beispielsweise Gerolstein aus La Grande-Duchesse de Gérolstein (1867) von Jacques Offenbach, Pontevedrino aus Die lustige Witwe (1905) von Franz Lehár und Sachsen-Karlsberg aus The Student Prince (1924) von Sigmund Romberg, im Film Freedonia aus Duck Soup (1933) der Marx Brothers, im Roman das Ruritanien Anthony Hopes.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten]

Weil man im 19. Jahrhundert schöne Uniformen und großartige Staatsanlässe auf der Bühne sehen wollte, aber aufgrund der Zensur keine wirklichen politischen Ereignisse schildern durfte, wich man ins Reich der Phantasie aus. Umgekehrt entfalteten Monarchen (wie Ludwig II. von Bayern), die zunehmend entmachtet wurden, bloß noch hoheitlichen Glanz. Die Repräsentation entsprach also nicht der realen Bedeutung.

Ein großer Teil der Bürger, vor allem im deutschen Sprachgebiet, betrachtete die Kleinstaaterei mit Misstrauen und befürwortete eine Einigung zum Nationalstaat. So wurde das Bild des Staates in der Operette seit den 1860er-Jahren auf wirkliche Staaten übertragen, die sich der angestrebten Gemeinschaft widersetzten. Die Bezeichnung Operettenstaat war daher oft als bürgerlicher Spott auf aristokratischen Eigensinn gemeint – allerdings vermischt mit versteckter Bewunderung, da der Adel bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die oberste Gesellschaftsschicht bildete.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Kilian: Staat – Kleinstaat – Kleinststaat: eine völkerrechtliche Betrachtung. In: Hans-Joachim Cremet, Thomas Giegerich, Dagmar Richter, Andreas Zimmermann (Hrsg.): Tradition und Weltoffenheit des Rechts. Festschrift für Helmut Steinberger (= Beiträge zum ausländischen öffentlichen Recht und Völkerrecht. Bd. 152). Springer, Berlin u. a. 2002, ISBN 3-540-42954-9, S. 197–240, siehe S. 226.