Steueroase

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Als Steueroase oder Steuerparadies (englisch tax haven, tax shelter oder tax exile) werden Staaten oder Gebiete bezeichnet, die keine oder besonders niedrige Steuern auf Einkommen oder Vermögen erheben und dadurch als Wohnsitz für Personen bzw. als Standort für Unternehmen steuerlich attraktiv sind. Insbesondere gewähren sie hohe Diskretion hinsichtlich Vermögen und sind daher besonders für Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Steuervermeidung interessant.

Charakteristika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wichtig für eine Steueroase sind Rechtssicherheit und die politische Stabilität, durch die die Sicherheit des angelegten Kapitals gewährleistet wird, wobei Good Governance („Gute Regierungsführung“, das heißt effiziente Verwaltungsstrukturen und wenig Korruption) und niedrige Steuersätze die Wahrscheinlichkeit von zuströmendem Geld maßgeblich bestimmt.[1] Ein Bankgeheimnis kann Bestandteil der Rechtslage sein.

Oft können in Steueroasen mangels dokumentierender Formvorschriften für Rechtsgeschäfte Kapital und Unternehmensanteile einfach und intransparent verschoben werden. Steueroasen sind in den meisten Fällen kleine Länder, die im Verhältnis zu den dort stattfindenden finanziellen Transaktionen und dem vorhandenen Kapital eine geringe Wirtschaftsaktivität aufweisen und über eine wenig regulierte Wirtschaftspolitik verfügen. In diesen Ländern gibt es – oft nur auf Offshore-Business spezialisierte – Rechtsdienstleister, die Firmen und Privaten systematisch helfen, ihr Vermögen nicht in ihrem Heimatland zu veranlagen oder die Herkunft zu verschleiern. Die Rechtsdienstleister (Steuerberater, Rechtsanwälte[2]) helfen dabei (z. B. durch Re-Invoicing, Redomiciliation, Anonymisierung, Briefkastenfirmen und Vintage Companies oder auch durch Rückdatieren von Dokumenten) Steuern zu vermeiden oder Schwarzgeld bzw. Schmiergeld zu verstecken.[3]

Bei Steueroasen handelt es sich oft um ehemalige britische Kolonien, um aktuelle Überseegebiete Großbritanniens, aber auch um Länder wie Panama oder Liechtenstein.[4] Die Steueroase Hongkong, als ehemalige britische Kolonie und mit jetzigem direkten Zugang zu auch chinesischen Kapital, gilt als Verbindungselement zu Steueroasen in Mittelamerika.[5] Auch Länder, die aufgrund ihrer Rohstoffexporte hohe Einnahmen erzielen (beispielsweise Bahrain), erheben oft keine oder sehr niedrige Steuern. Typisch für Steueroasen ist eine hohe Anzahl von Briefkastenfirmen.[6] Großbritannien mit der City of London und der Insel Jersey und die USA mit vor allem dem Bundesstaat Delaware gelten mit ihren anonymen Mantelgesellschaften, stiftungsähnlichen Anlageformen, Formfreiheit der Verträge und mangelnder internationaler Kooperation als weltweiter Türöffner für Steueroasen und Offshore-Geschäfte.[7] Zunehmend wird auch im arabischen Raum Geld gewaschen.[8] In Asien gelten als Steueroasen neben Hongkong vor allem Singapur und zunehmend Bali mit seinen Tourismusinvestments.[9]

Profiteure der Benützung von Steueroasen sind einerseits die Steuerpflichtigen und andererseits besonders die beteiligten Banken, Vermittler, Unternehmensberater, Steuerberater und Rechtsanwälte. Diese Steuervermeidungsindustrie versucht dabei insbesondere die Herkunft bzw. Verwendung des Kapitals zu verschleiern und durch Verwendung von rechtlichen Lücken internationale Steuersparmodelle zu verwirklichen. Die Profiteure der Steueroasen betreiben dazu massive Lobbyarbeit um das wirksame Austrocknen der Steueroasen und damit ihres Geschäftsmodelles zu verhindern.[9] Gemäß internationalen Vorschlägen sollen effektive Formvorschriften zur Nachvollziehbarkeitsmachung der Transaktionen verbunden mit der Anzeigepflicht von Steuersparmodellen diese Steuerschlupflöcher schließen.[10] In Steueroasen werden Transparenzversprechen jedoch unterlaufen, bestehende internationale Kontrollensysteme umgangen beziehungsweise sogar die Finanzdienstleister oder Banken selbst als Kontroll-, Dokumentations- oder Registerorgane eingesetzt.[11] Bankorgane sind dann auch in vielen Fällen für Offshore-Firmen zeichnungsberechtigt, damit die Anleger anonym bleiben und nicht in allfälligen Registern namentlich genannt werden.[12]

Gerade wegen der Finanzkrise versuchen dazu noch viele dieser Staaten ihre Steuereinnahmen zu erhöhen bzw. Geldabflüsse zu vermeiden und setzen daher internationale Abkommen trotz vieler Zusagen nicht effektiv um. Mangelnde nationale Umsetzung macht viele am Papier erfüllte Verträge wertlos, weil zum Beispiel Register nicht aktuell geführt werden, Daten nicht erfasst werden oder bestehende Formvorschriften nicht zwingend sind.[13]

Innerhalb Europas rangieren beim Schattenfinanzindex die Schweiz, Luxemburg und Deutschland in der Spitzengruppe.

Die Bankenkrise in der Republik Zypern, die im März 2013 eskalierte, hat weltweit Risiken von Steueroasen bewusstgemacht.

Methoden der Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt viele Möglichkeiten, die eigene Steuerlast mittels Nutzung von Steueroasen zu verringern. Allen gemeinsam ist das Ziel, Einkommen, das in Hochsteuerländern erzielt wird, nicht dort versteuern zu müssen.

Privatpersonen können durch Verlagerung ihres Wohnsitzes Steuerzahlungen entgehen, siehe Boris Becker, Michael Schumacher, Steffi Graf. Der Anteil der verlagerten Einkommen von Privatpersonen wird in den USA auf etwa zehn Prozent der gesamten verlagerten Einkommen geschätzt[1].

Für Unternehmen gibt es viele Wege, anfallende Gewinne zu verschieben:

  • Das Unternehmen kann eine Tochterfirma für seine Auslandsgeschäfte in einer Steueroase gründen, um so Steuern auf repatriierte Gewinne zu vermeiden.
  • Das Unternehmen kann Investitionen in Hochsteuerländern mit Krediten von Töchtern finanzieren, die in Niedrigsteuerländern angesiedelt sind. Es fallen so im Hochsteuerland keine (oder weniger) Gewinne an, da Zinszahlungen an die Tochter zu leisten sind.
  • Leistungen, die innerhalb eines Konzerns erbracht werden, können so verbucht werden, dass Gewinne aus Hochsteuerländern abgezogen werden. Zum Beispiel kann das Verwertungsrecht an einem Patent in einer Steueroase liegen und das inländische Unternehmen zahlt dafür Lizenzgebühren an seine ausländische Tochter. Dies ist ein legaler Vorgang, solange marktübliche Preise gezahlt werden; ob das der Fall ist, ist allerdings schwer zu überprüfen, da ein Markt dafür nicht existiert.
  • Waren und Dienstleistungen können zwischen Teilen desselben Konzerns gehandelt werden. Laut Netzwerk Steuergerechtigkeit würden jährlich weltweit ca. 10 Billionen US-Dollar konzernintern gehandelt, was den größten Volumenanteil des Welthandels ausmache. Hier bestünde ein gigantisches Potential für Missbrauch.[14]

Problematik von Steueroasen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kontrovers wird bei Steueroasen gesehen, dass sie größere Staaten in einen Wettbewerb um niedrige Steuern verwickeln. Staaten versuchen ein komplexes Gemeinwesen aufrechtzuerhalten, sowie eine Infrastruktur zur Verfügung zu stellen und damit Maßnahmen zu treffen, die für ein reibungsloses Funktionieren des Wirtschaftslebens und damit der Weltwirtschaft unverzichtbar sind. Die NGO Tax Justice Network schätzt die durch Offshore-Finanzplätze entgangenen Steuereinnahmen auf weltweit etwa 255 Milliarden Dollar pro Jahr.[15] Die entgangenen Steuereinnahmen der USA werden auf etwa 70 Milliarden Dollar geschätzt.[16]

Eine Studie des Tax Justice Network von 2012 zeigt, dass Superreiche einen großen Teil des Vermögens in Steueroasen unterbringen.[17][18][19] Eine konservative Schätzung geht davon aus, dass 21 Billionen Dollar in Steueroasen untergebracht sind, 9,8 Billionen allein von den weltweit Top 100.000 Vermögenden. In der Folge führe dies gegenüber der Besteuerung versteckte Vermögen zu einer massiven Unterbewertung der Vermögenswerte in den jeweiligen Ländern. Tatsächlich wären ohne diesen Vorgang wohl die meisten Länder Gläubiger und nicht Schuldner.[20] Gemäß dem amerikanischen Ökonom und Offshore-Experten James Henry beträgt die Größe des in Steueroasen gehaltenen Vermögens bis zu 32 Billionen Dollar.[21] Laut Analysen sollen 90 Prozent der 200 größten Unternehmen Ableger in Steueroasen halten.[22] Laut weiteren Schätzungen liegen rund acht Prozent des weltweiten Vermögens, rund 5900 Milliarden Euro, in Steueroasen wobei davon 3/4 nicht versteuert sein sollen.[23] In vielen Steueroasen werden Unternehmen die extremsten Formen der Steuervermeidung geboten und damit wird besonders ein Wettlauf zwischen den Staaten um die niedrigsten Steuern immer weiter angetrieben.[24]

Infolge des enormen Vermögens in Steueroasen samt den damit verbundenen Geschäftsmöglichkeiten hat sich eine international geheim arbeitende Vermögensbewahrungs- und Consultingindustrie entwickelt. Diese Beratungsunternehmen und Offshore-Provider dienen natürlich vorwiegend nicht dem Zweck der legalen Steueroptimierung sondern zur Umgehung von Vorschriften und einer Vielzahl krimineller Aktivitäten wie Geldwäsche und Korruption. Die Mitglieder dieser internationalen Finanzberatungsindustrie schaffen sich durch Nutzung von Steueroasen und Ausnutzung aller möglichen Lücken quasi ihr eigenes Rechtssystem und betreiben zusätzlich massive Lobbyarbeit zur Eröffnung neuer Schlupflöcher und zur Abschaffung von Straftatbeständen beziehungsweise Formvorschriften.[25] Auf diese Lobbyarbeit durch politisch sehr einflussreiche vermögende Firmen und Personen gegen Verschärfungen zu Steueroasen bzw. Geldwäsche verweist auch der Vorstand der österreichischen Finanzmarktaufsicht Helmut Ettl.[26]

Initiativen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Staatliche Initiativen gegen Steueroasen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Reaktion auf die Steuerproblematik startete die OECD im Jahr 1998 die sogenannte “Harmful Tax Competition” Initiative. Es wurden insgesamt 41 Länder identifiziert, deren Steuergesetzgebung nicht konform mit einem fairen Wettbewerb war. Probleme gab es beim Start der Initiative, weil die OECD-Mitglieder Schweiz, Österreich, Belgien und Luxemburg ihr Bankgeheimnis gefährdet sahen. Nachdem die Forderungen etwas gelockert worden waren, konnten allerdings die meisten identifizierten Länder zum Einlenken bewegt werden: Seit Mai 2009 befindet sich kein Land mehr auf der “OECD-List of Uncooperative Tax Havens”.[27]

Regulierungserfolge im Bereich des Steuerwettbewerbs wurden auch durch bilaterale Verträge erreicht. Zum Beispiel wurden manche Länder gezwungen, ihre Ungleichbehandlung von In- und Ausländern aufzugeben (Inländer mussten höhere Steuern entrichten als Ausländer) was aber in einigen Fällen nicht zu höheren Steuern für Ausländer führte, sondern Inländern niedrigere Steuersätze bescherte.[28]

Im Jahr 2005 wurde die Europäische Richtlinie zur Zinsbesteuerung verabschiedet. Die blockierenden Länder waren wiederum die Schweiz, Luxemburg, Belgien und Österreich, die durchsetzten, dass statt des Austausches von Informationen (Meldeverfahren) alternativ auch eine Quellensteuer auf Kapitalerträge abgeführt werden konnte. Da die Definition von „Kapitalerträgen“ sehr eng gefasst war, ist die abgeführte Quellensteuer der betreffenden Länder bisher sehr gering (210 Millionen Euro bis 2007).[28]

Die deutsche Bundesregierung hat mit dem Strafbefreiungserklärungsgesetz den Versuch unternommen, Steuerflüchtlinge dazu zu motivieren, nach Deutschland zurückzukehren, und ihnen Straffreiheit zugesichert.

Im Oktober 2008 kündigten die französische und die deutsche Regierung in Paris an, die Maßnahmen zur Austrocknung von Steueroasen zu verschärfen. Die “OECD-List of Uncooperative Tax Havens” mit Andorra, Liechtenstein und Monaco sollte um weitere Länder, unter anderem die Schweiz, ergänzt werden. Im März 2009 lenkten die Steueroasen Liechtenstein und Andorra ein. So will Liechtenstein sein striktes Bankgeheimnis teilweise aufheben und die OECD-Standards für Transparenz und Informationsaustausch in Steuerfragen akzeptieren.[29] Am 13. März 2009 sagten auch Österreich, die Schweiz und Luxemburg eine Lockerung des Bankgeheimnisses zu.[30]

Monaco bekundete am 15. März 2009 seine Bereitschaft, die Zusammenarbeit im Bereich der Steuerhinterziehung gemäß den internationalen Kriterien zu verbessern. Das betreffe vor allem die Regeln der internationalen Wirtschaftsorganisation OECD für den Austausch von Informationen.

2013 erlangte das Thema Steueroasen u.a. im Zuge von Offshore-Leaks weltweite Aufmerksamkeit. Viele Steueroasen sind britische Überseegebiete oder Kronbesitz. Der britische Premierminister David Cameron forderte im Mai 2013 die britischen Überseegebiete und Kronbesitzungen (Bermudas, Britische Jungferninseln, Kaimaninseln, Gibraltar, Montserrat, Turksinseln, Caicosinseln sowie die Kronbesitzungen Jersey, Guernsey und Isle of Man) brieflich zu einer stärkeren Zusammenarbeit mit der Regierung und den Ermittlungsbehörden auf. Er unterstrich in einem Brief an die Führungen der Gebiete zwar deren Recht, niedrige Steuersätze festzulegen; die Regeln müssten jedoch fair festgelegt und durchgesetzt werden. Es gehe um zwei entscheidende Fragen: den Austausch von Steuerdaten und die Benennung der wirtschaftlichen Eigentümer der Firmen.[31] Der G8-Gipfel am Lough Erne 2013 im Juni 2013 wurde turnusgemäß vom britischen Premierminister geleitet und sollte sich vorrangig noch einmal mit dem Thema 'Steueroasen' beschäftigen.

Im Februar 2016 legte die EU-Kommission einen Plan zu einer gemeinsamen Schwarzen Liste vor, in der die bisher von 13 EU-Staaten auf getrennten Listen getrennt geführten Steueroasen zusammengefasst werden sollen. Man erhofft sich davon eine bessere Bekämpfung der Steuerflucht.[32]

Die USA macht international Druck Steueroasen trockenzulegen. Aber national lassen sie dem Steuerwettbewerb zwischen ihren Bundesstaaten freien Lauf. Neben Hochsteuerstaaten wie New York profilieren sich vor allem bevölkerungsarme Staaten wie Nevada, South Dakota, Wyoming oder Delaware mit großzügigem Schutz für Briefkastenfirmen.[33]

Seit 2016 gibt es im Europäischen Parlament als Folge der Panama-Papers einen Ausschuss zur Untersuchung von Geldwäsche, Steuervermeidung und Steuerhinterziehung in Verbindung mit Steueroasen. Zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung, Steuervermeidung, Geldwäsche, Offshore-Geschäften und Korruption werden demnach effektive Instrumente (Offenkundigkeit, transparente geprüfte Register, Vertragssicherheit, Formvorschriften, etc.) und härtere Sanktionen gefordert.[34]

Nichtstaatliche Initiativen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Globalisierungskritische Organisationen wie attac, Oxfam und das Tax Justice Network fordern seit langem die „Schließung“ von Steueroasen, also international verbindliche Absprachen unter Staaten, dass nirgends Reiche steuerfrei leben können – z.B. Appel de Genève, von 1996.[35] Da aber gerade die Klein- und Kleinststaaten unter den Steueroasen ohne ihren Status als Oasen nur sehr schwer ihre Unabhängigkeit bewahren könnten und im Übrigen besonders viele Großkonzerne, Wirtschaftsführer und insbesondere auch politische Entscheidungsträger der führenden Wirtschaftsnationen selbst zu den Nutznießern dieser Oasen zählen, ist dies politisch sehr schwer durchsetzbar. Das bezieht sich besonders auf deren Einsatz und Lobbyarbeit um effektive und einfache Mechanismen (z.B. Anzeigepflicht, Formvorschriften, Exitsteuer) zu Verhindern die das Verschleiern bzw. Verlagern von Gewinnen in Steueroasen unmöglich machen.[36]

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz und der Basler Strafrechtler Mark Pieth fordern die USA und die EU auf, Steueroasen wie Überträger einer gefährlichen Krankheit zu behandeln und sie unter Quarantäne zu setzen. Denn Steueroasen seien die Häfen für illegale Aktivitäten und deren Einnahmen und erleichterten Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Kriminalität, Korruption und inakzeptabel hohe Ungleichheit. Banken, Finanzzentren und die Beratungsindustrie sollen zur Einhaltung von effektiven globalen Transparenzstandards gezwungen werden.[37]

Leaks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den sogenannten Offshore-Leaks berichteten im April 2013 weltweit Medien von einem Datensatz mit 130.000 Namen von Personen, die ihr Vermögen in Steueroasen angelegt haben sollen.[38]

Im November 2014 gelangten im Rahmen der sogenannten Luxemburg-Leaks 28.000 Seiten bisher geheimer Steuerdokumente an die Öffentlichkeit. Die Dokumente belegen, wie internationale Unternehmen ihre Steuerflucht über Luxemburg organisieren.[39]

Im April 2016 gelangte mit den sogenannten Panama Papers, einem 2,6 Terabyte großen Datensatz von 11,5 Millionen Dateien der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca, der bislang größte Leak zu insgesamt rund 215.000 Briefkastenfirmen in diversen Steueroasen an die Öffentlichkeit.[40]

Wichtige Steueroasen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da der Status einer Steueroase nicht eindeutig definiert ist, ist ein Konsens über eine Aufzählung von Steueroasen nicht möglich. Die in diesem Artikel aufgeführten Listen enthalten deshalb Länder, die je nach Sichtweise nicht hineingehören, oder es fehlen Länder bzw. Regionen. Um diesem Problem wenigstens teilweise Rechnung zu tragen sind im Folgenden zwei Listen aufgeführt.

Steueroasen 2002 und älter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hier kann deshalb nur eine beispielhafte Auswahl von Ländern und Gebieten genannt werden, die in zwei Quellen in der Vergangenheit als Steueroasen bezeichnet wurden. Bekannte Steueroasen sind (nach OECD[41] und Diamond[42]):

1 Nur in der Liste der OECD enthalten (Stand: 2012)[43]

Nur in der Liste von Hines and Rice (1994) enthalten waren:[42]

Umsetzung der OECD-Standards[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 2009 einigten sich die Regierungschefs der G 20 auf die Veröffentlichung einer neuen Liste.[44]

Die aktuelle Liste vom Mai 2012 zeigt die Fortschritte:[45]

  • Weiße Liste – Staaten und Gebiete, die sich dem internationalen Steuerstandard verpflichtet haben und diesen weitgehend umgesetzt haben: Hier stehen die meisten beobachteten Staaten, wobei China die speziellen Verwaltungsgebiete Hongkong und Macao, die sich dem internationalen Steuerstandard verpflichtet haben, nicht einschließt.
  • Graue Liste – Steueroasen ('Tax Havens'), die sich weitgehend dem internationalen Steuerstandard unterworfen haben, diesen aber noch nicht umgesetzt haben: Hier ist nur noch Nauru verzeichnet.

Kritik an Einteilung in Steueroasen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegenüber der Einteilung in Steueroasen gibt es hinsichtlich der Kriterien Kritik nicht nur aus den betroffenen Ländern, da in den OECD-Listen gewisse Länder nicht bzw. in einer „weißen“ Kategorie auftauchen. So zählen die britischen Kanalinseln trotz ihrer Trustgesetzgebung und einige US-Bundesstaaten zu bekannten Plätzen der internationalen Geldwäscherei. Ein Indiz dafür ist die Möglichkeit, anonym eine Firma zu gründen, wie der australische Professor Jason Sharman erklärt.[47] Die Gründung einer anonymen Firma wird im Internet offensiv beworben, wobei Großbritannien, Spanien oder Panama und auch immer noch die ehemaligen Niederländischen Antillen und ebenso andere Karibikstaaten empfohlen werden. Offenbar war die wirtschaftliche Macht dieser Länder ein Grund, nicht gegen diese Zentren vorzugehen, obwohl Schätzungen allein für den US-Bundesstaat Delaware von etwa 5000 Milliarden Dollar an verwalteten Vermögen ausgehen.[48]

Schattenfinanzindex[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem vom Tax Justice Network 2011 ermittelten Schattenfinanzindex sind die gemessen am potentiellen Schaden zehn bedeutendsten Steueroasen:

  1. Schweiz
  2. Cayman Islands
  3. Luxemburg
  4. Hong Kong
  5. USA (Nevada, Delaware und Wyoming)[49]
  6. Singapur
  7. Jersey
  8. Japan
  9. Deutschland
  10. Bahrain

Die vollständige Liste steht hier.

Großbritannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele der als Steueroasen geltenden Länder gehören zum Commonwealth; viele von ihnen waren früher britische Kolonien. Die Finanzwirtschaft hat in Großbritannien deutlich mehr Gewicht als in anderen Industrieländern. Sie ist seit etwa 1990 stark gewachsen.[50]

In der Irischen See und im Ärmelkanal liegen die drei als crown dependencies bezeichneten Inseln: Isle of Man, Jersey und Guernsey (inklusive der kleinen Insel Sark). Dazu kommen 14 Britische Überseegebiete. Großbritannien wurde 1973 Mitglied der EU, sorgte aber über den Beitrittsvertrag dafür, dass beispielsweise seine Inseln Jersey und Guernsey einen Sonderstatus erhielten. Dadurch wurde gewährleistet, dass diese zwar militärisch und außenpolitisch von Großbritannien vertreten werden, im Güterverkehr der EU angeschlossen werden, bei Dienstleistungen aber als Offshore-Gebiete gelten und nicht zur EU gehören. Dadurch konnten diese Inseln Aufsichts- und Regelwerke in Kraft setzen, die nach den Maßstäben der EU unzulänglich waren.[51]

Allein auf den Britischen Jungferninseln sind eine halbe Million Firmen registriert[52][53] – bei einer Einwohnerzahl von 28.000. Mit Deutschland bestehen seit 2010/2011 allerdings Abkommen über einen Informationsaustausch bei Steuer- und Steuerstrafsachen sowie über die Besteuerung von Zinserträgen.

Im Mai 2013 forderte der britische Premierminister David Cameron die britischen Überseegebiete und Kronbesitzungen zu stärkerer Zusammenarbeit mit der Regierung und Ermittlungsbehörden auf. Er verlangte vor allem mehr Transparenz bei den Steuerdaten und den Besitzverhältnissen von Firmen. Die „Trockenlegung der Steueroasen“ bezeichnete er als Hauptziel des G8-Gipfels im Juni 2013.[54]

USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den USA ist das Recht zur Registrierung von Unternehmen auf Ebene der Bundesstaaten geregelt. In zahlreichen US-Bundesstaaten ist es möglich, Unternehmen zu gründen, ohne Eigentümer oder Geschäftsführer zu benennen. Bekannte „Briefkasten-Bundesstaaten“ sind Delaware, Nevada und Wyoming. Die Regierung Obama hat versucht, Reformen zur Änderung der bestehenden Situation durch den US-Kongress zu bringen, bisher (Stand April 2016) vergeblich.[55]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nicholas Shaxson: Schatzinseln: Wie Steueroasen die Demokratie untergraben (Originaltitel: Treasure Islands: Dirty Money, Tax Havens and the Men Who Stole the World übersetzt von Peter Stäuber) Rotpunkt, Zürich 2011, ISBN 978-3-85869-460-7.
  • Alain Deneault: Offshore: Tax Havens and the Rule of Global Crime The New Press, New York 2011, ISBN 978-1-59558-648-3.
  • Gabriel Zucman: Steueroasen: Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird. Suhrkamp, Berlin 2014, ISBN 978-3-518-06073-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Steueroase – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Dharmapala, Dhammika und Hines Jr., James R.: Which Countries Become Tax Havens? Mai 2009, abgerufen am 14. April 2013.
  2. sueddeutsche.de: Gehilfen beim Verschleiern vom 16. Mai 2016
  3. vgl. ausführlich dazu Florian Klenk und Josef Redl: Die große Offshore-Schau. In: Der Falter vom 6. April 2016, S. 12 ff.
  4. Carsten Volkery: EU-Kampf gegen Steuerflucht: Briten verteidigen ihr Steueroasen-Empire. Spiegel online, 13. April 2013, abgerufen am 14. April 2013.
  5. Christoph Giesen: Der größte Kanal nach Panama. In: Süddeutsche Zeitung, 27. April 2016.
  6. Daniel Schönwitz: Wo Palmen und Steuervorteile locken. Handelsblatt, 25. Dezember 2007, abgerufen am 14. April 2013.
  7. Jan Dams, Ileana Grabitz, Martin Lutz, Karsten Seibel, Nina Trentmann: Vergesst Panama – hier wird wirklich Geld gewaschen. In: Die Welt, 13. April 2016.
  8. Vgl. Martin Hilti (Geschäftsführer von Transparency International Schweiz) im Interview mit K. Wolfensberger: Gegen Korruption reichen Gesetze allein nicht. In: 20 Minuten (CH) vom 5. April 2016.
  9. a b Anke Henrich, Mark Fehr, Matthias Kamp: Steuerflüchtlinge zieht’s nach Fernost. In: Wirtschaftswoche vom 20. August 2012.
  10. Vgl. Judith Hecht "Berater sollen Steuersparmodelle anzeigen" in Die Presse vom 3. Dezember 2016, S. 15.
  11. Siehe u.a. Bastian Obermayer, Frederik Obermaier: Panama Papers, 2016, S. 308 ff.
  12. Vgl. Frederik Obermaier, Bastian Obermayer: Finanzkontrolle auf luxemburgisch. In: SZ vom 14. März 2017.
  13. Vgl. Marlies Uken: Steueroasen unterlaufen Transparenzversprechen. In: Die Zeit vom 4. April 2013.
  14. Die Story im Ersten: Steuerfrei – Wie Konzerne Europas Kassen plündern, Sendetermin 19. August 2013 22:45 (Memento vom 23. August 2013 im Internet Archive)
  15. The Price of Offshore. TJN, März 2005, abgerufen am 14. April 2013 (PDF; 36 kB).
  16. Places in the sun. The Economist, 22. Februar 2007, abgerufen am 14. April 2013.
  17. 13 trillion pounds in offshore tax havens: Report
  18. Super rich hold $32 trillion in offshore havens
  19. Tax havens: Super-rich 'hiding' at least $21tn
  20. Inequality: You Don’t Know the Half of It (PDF; 433 kB) Inequality: You don't know the Half of it S. 10ff.
  21. Hier liegen die Offshore-Gelder auf der Welt FAZ.net, 8. April 2016, abgerufen am 9. April 2016.
  22. Vgl. Schweiz unter den schlimmsten Steueroasen, in: Der Standard vom 12. Dezember 2016.
  23. Vgl. Bastian Obermayer, Frederik Obermaier: Panama Papers (2016), S. 201.
  24. Siehe Alexandra Endres: Gewinne sprudeln, Steuer sinken, in: Die Zeit vom 12. Dezember 2016.
  25. Bastian Obermayer, Frederik Obermaier: Panama Papers. KiWi-Paperback, 2016, ISBN 978-3-462-05002-8, S. 308 ff.
  26. Vgl. Helmut Ettl: Das ist ein riesiger, gesellschaftlicher Skandal. In: OÖ Nachrichten vom 6. April 2016.
  27. OECD (2009) List of Uncooperative Tax Havens
  28. a b All together now. The Economist, 22. Februar 2007, abgerufen am 14. April 2013.
  29. Süddeutsche:Steuerstreit: Liechtenstein und Andorra geben nach (Memento vom 15. März 2009 im Internet Archive)
  30. ORF: Der Spagat beim Bankgeheimnis vom 14. März 2009.
  31. spiegel.de 20. Mai 2013: Britische Überseegebiete: Cameron tadelt Steueroasen
  32. EU will neue schwarze Liste von Steueroasen auf Trend.at, 28. Januar 2016 abgerufen am 20. Februar 2016.
  33. vgl. Arvid Kaiser "USA als weltgrößte Steueroase. Warum Nevada die neue Schweiz ist." in Manager Magazin vom 29. Januar 2016.
  34. dazu Florian Klenk und Josef Redl "Brüssel schaut nach Panama" in Der Falter vom 12.10.2016, S. 12.
  35. Appel de GenèveTexte der ersten Appelle, französisch auf attac.org, mehr dazu auch auf fr.wikipedia Appel de Genève
  36. Vgl. "Schweiz unter den schlimmsten Steueroasen" in Der Standard vom 12. Dezember 2016.
  37. Vgl. Rene Höltschi: Stiglitz und Pieth fordern Isolierung von Steueroasen, in NZZ vom 15. November 2016.
  38. Süddeutsche Zeitung: Sueddeutsche:Geheime Geschäfte in Steueroasen enttarnt vom 4. April 2013
  39. ICIJ, Explore the Documents: Luxembourg Leaks Database
  40. Die Briefkastenfirmen der Mächtigen, tagesschau.de, 3.April 2016, abgerufen am 4. April 2016.
  41. 2000 Progress Report: Towards Global Tax Co-operation: Progress in Identifying and Eliminating Harmful Tax Practices. OECD, 2000, archiviert vom Original am 4. Oktober 2005, abgerufen am April (PDF (130 kB)).
  42. a b Liste nach: Diamond, W. H. und Diamond, D. B. (2002) Tax Havens of the World. Matthew Bender Books. nach: Dharmapala, Dhammika und Hines Jr., James R. (2006) Which Countries Become Tax Havens?
  43. A PROGRESS REPORT ON THE JURISDICTIONS SURVEYED BY THE OECD GLOBAL FORUM IN IMPLEMENTING THE INTERNATIONALLY AGREED TAX STANDARD. OECD, 2012, archiviert vom Original am 23. April 2013, abgerufen am April (PDF; 45 kB).
  44. OECD, Centre for Tax Policy and Administration, 2. April 2009
  45. Aktuelle Schwarze Liste. OECD, Mai 2012, archiviert vom Original am 7. Oktober 2009, abgerufen am April ((PDF; 45 kB)).
  46. „Beim G20-Gipfel in Cannes (Frankreich) haben die Staats- und Regierungschefs der 20 größten Industrienationen eine neue Liste der sogenannten Steuerparadiese aufgestellt.“ (Tageblatt), AFP: Die neue schwarze Liste steht. Tageblatt, 4. November 2011.
  47. New study – Britain and the U.S. may be the dirtiest tax havens Tax Research UK (Blog Richard Murphy)
  48. Peter Hossli: Steueroasen in Delaware. In: Die Weltwoche, Ausgabe 11/09 vom 11. März 2009, abgerufen am 3. Oktober 2012.
  49. András Szigetvari: Steueroasen: „USA werden keine Steuerdaten ans Ausland liefern“. Standard.at, 17. April 2016.
  50. Carsten Volkery: Cameron-Besuch in Berlin: Krankes Empire. spiegel.de, 18. November 2011, abgerufen am 14. April 2013.
  51. Verstärkter Kampf gegen Steuerhinterziehung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Juli 2000, S. 21f.
  52. faz.net: Die Steueroasen Ihrer Majestät
  53. srf.ch: So funktioniert die Steueroase British Virgin Islands
  54. Spiegel Online, 20. Mai 2013: Cameron tadelt Steueroasen
  55. Markus Frühauf und Winand von Petersdorff: Amerika ist die größte Steueroase FAZ.net, 11. Mai 2016.
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