Orgeln der Neustädter Kirche (Hannover)

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Emmanuel Le Divellec spielt am 26. Oktober 2019 erstmals die neue Thomas-Orgel in der Öffentlichkeit.

Die Orgeln der Neustädter Kirche im hannoverschen Stadtteil Calenberger Neustadt sind die sogenannte spanische Orgel aus dem Jahr 2001 von Patrick Collon aus Belgien mit 18 geteilten Registern und die im Jahr 2019 vom belgischen Orgelbauer Dominique Thomas als neue Hauptorgel geschaffene sogenannte Bach-Orgel, die über 51 Register auf drei Manualen und Pedal verfügt. Sie ersetzt die 2010 verkaufte Hauptorgel von Detlef Kleuker mit 38 Registern.

Hauptorgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für das Jahr 1575 ist die Tätigkeit des Orgelbauers Christoff Kahren im Vorgängerbau nachgewiesen. Der hannoversche Hoforgelbauer Hermann Willenbrock (Wullenbrock) schuf für die neue Kirche eine neue Orgel, die am 25. Mai 1702 eingeweiht wurde.[1] Von seinem verstorbenen Schwiegervater Johann Anton Coberg übernahm der Orgelbauer Christian Vater, der am 11. November 1679 in der Neustädter Kirche getauft wurde, 1708/1709 das Organistenamt. Von 1706 bis 1756 war Vater, der anfänglich in Konkurrenz zu Wullenbrock stand,[2] für die Wartung und Stimmung der Orgel zuständig und erhielt zusammen für die Pflegearbeiten der Orgel in der Schlosskapelle jährlich 50 Reichstaler. Für eine größere Reparatur der Neustädter Orgel im Jahr 1719 erhielt Vater zusätzliche 50 Rthlr.[3] Die Brüder Carl Wilhelm und Eduard Meyer errichteten 1857/1858 eine neue Orgel im barocken Gehäuse, die mit 44 Registern auf drei Manualen und Pedal ausgestattet war. Dieses Instrument wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Orgel nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Wiederaufbau der Kirche baute Detlef Kleuker 1963 auf der Westempore eine neue Hauptorgel, die über 38 Register verfügte, die auf drei Manuale und Pedale verteilt waren. Stilistisch war das Instrument mit den zahlreichen Zungenregistern und gemischten Stimmen in allen vier Werken stark „neobarock“ geprägt. Die Orgel wurde aufgrund irreparabler Materialfehler außer Dienst gestellt und im Juni 2010 in die Niederlande verkauft. In stark umgebauter Form wurde die Orgel 2013/2014 von Ide Boogaard unter Verwendung von Pfeifenwerk und der Windladen von Kleuker in der Ichthuskerk in Urk aufgestellt.[4] Das Instrument verfügte in der Neustädter Kirche über folgende Disposition:[5]

I Hauptwerk C–g3
Quintade 16′
Prinzipal 08′
Spillflöte 08′
Oktave 04′
Gedackt 04′
Nasat 223
Oktave 02′
Mixtur VI
Scharffzimbel III
Trompete 16′
Trompete 08′
II Schwellwerk C–g3
Rohrflöte 08′
Viola da Gamba 08′
Prinzipal 04′
Gemshorn 04′
Waldflöte 02′
Sesquialtera II
Scharff V
Dulzian 16′
Oboe 08′
III Brustwerk C–g3
Gedackt 08′
Rohrflöte 04′
Prinzipal 02′
Quinte 113
Terzian II
Zimbel III
Regal 08′
Tremolo
Pedal C–f1
Prinzipal 16′
Subbaß 16′
Oktave 08′
Gedackt 08′
Oktave 04′
Hohflöte 04′
Bauernflöte 02′
Mixtur VI
Posaune 16′
Trompete 08′
Clairon 04′

Die Aufstellung einer neuen Hauptorgel aus England von Forster & Andrews aus dem Jahr 1902 auf der Westempore war für das Jahr 2011 vorgesehen,[6] wurde aber nicht ausgeführt. Stattdessen wurde die englische Orgel 2018 durch Orgelbau Reinhard Hüfken in der Nazareth-Kirche aufgestellt.[7] Im Kirchenraum befindet sich seitdem eine elektronische Kirchenorgel der Firma Benedict mit drei Manualen und Pedal, deren Klangabstrahlung über zwei Lautsprechertürme im Altarraum erfolgt.

Die neue Barockorgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach 112 Monaten erhielt die Kirche eine neue Orgel an Stelle der 2010 verkauften.[8] Die belgische Werkstatt Manufacture d’orgues Dominique Thomas baute eine „Bach-Orgel“ als neue Hauptorgel (III+P/51), die auch die Musikhochschule Hannover nutzen wird.[9]

Im Herbst 2019 wird der seit dem Frühjahr eingebaute Neubau einer Barockorgel mit 2.900 Pfeifen, die im Eigentum der Musikhochschule Hannover steht, eingeweiht. Die Finanzierung erfolgte durch das Land Niedersachsen mit 1,2 Mio Euro und die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers mit 76.000 Euro. Die Kirchengemeinde finanzierte den rund 150.000 Euro teuren Umbau der Orgelempore.

I Hinterwerk C–f3
Gedackt 8′
Spitzflöt 8′
Quintadena 8′
Salicional 8′
Traversflöt 4′
Fugara 4′
Gemshorn 2′
Quinta 112
Cornet III
Dulcian 16′
Schalmey 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–f3
Principal 16′
Principal 8′
Viola di Gamba 8′
Rohrflöte 8′
Gemshorn 8′
Octava 4′
Spitzflöt 4′
Quinta 3′
Octava 2′
Sesquialtera I 135
Mixtur IV–VI 2′
Cymbel III 113
Fagott 16′
Trompete 8′
III Oberwerk C–f3
Quintadena 16′
Principal 8′
Gedackt 8′
Traversflöt 8′
Unda Maris 8′
Octava 4′
Rohrflöt 4′
Nasat 3′
Octava 2′
Tertia 135
Sifflöt 1′
Mixtur III 113
Cromhorn 8′
Vox humana 8′
Pedal C–f1
Untersatz 32′
Principalbass 16′
Subbass 16′
Violonbass 16′
Octavbass 8′
Gedacktbass 8′
Violon 8′
Octava 4′
Mixtur IV 223
Posaunbass 16′
Trompetbass 8′
Clarinbass 8′
  • Extensionen
    • Untersatz 32′: ab c0 aus Subbass 16′
    • Violon 8′: C-H aus Violonbass 16′
    • Octavbass 8′: C-H aus Principalbass 16′

Spanische Orgel auf der Nordempore[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spanische Orgel von Collon

Die Orgel wurde 1998–2001 von Patrick Collon (Belgien) erbaut. Das Instrument ist auf der nördlichen Seitenempore, in Längsrichtung etwa mittig auf der Empore, aufgestellt.

Die Orgel ist kein Nachbau einer bestimmten spanischen Barockorgel. Vielmehr handelt es sich um einen Neubau nach den Gestaltungsprinzipien der spanischen Barockorgel. Die Konstruktion lehnt sich an die aus dem 17. Jahrhundert stammende Orgel in der Iglesia Colegial zu Lerma (Kastilien/Nähe Burgos) an. Weitere Vorbilder sind die Orgeln aus Covarrubias (Provinz Burgos) und aus Lietor (Provinz Albacete).[10]

Eigentümerin der Orgel ist nicht die Kirchengemeinde, sondern die Hochschule für Musik und Theater Hannover, deren Studierende auch im Rahmen des Unterrichts und bei Meisterkursen darauf spielen.[11] Diese Orgel gehört zusammen mit der 2002 errichteten Orgel der Evangelischen Kirche in Züsch und der 2014 für die Hochschule für Musik in Mainz gebauten stilgetreuen Kopie zu den sehr seltenen Instrumenten in der Bauart einer spanischen Barockorgel in Deutschland. Sie wird auch für Konzerte und im Gottesdienst genutzt.

Das Instrument besitzt eine kurze Oktave, seine Register sind zwischen c1 und cis1 geteilt, der Winddruck beträgt 64 mmWS und die Stimmung ist mitteltönig im niedrigen Kammerton (a1 = 415 Hz). Hierdurch ergibt sich eine besondere Eignung zur Darstellung der Orgelliteratur vom frühen 16. bis zum 18. Jahrhundert.[12]

Die Orgel besitzt Schleifladen und eine rein mechanische Spiel- und Registertraktur. Die Windversorgung erfolgt wahlweise über ein elektrisches Gebläse oder rein mechanisch durch eine zweite Person (Kalkant), die zwei Bälge abwechselnd per Hand mit zwei seitlich am Gehäuse herausgeführten Kordeln aufzieht.

Die Registerbezeichnung Violón wird bei diesem Instrument sowohl für das Register Gedackt 16′ als auch für das Register Gedackt 8′ verwendet. Die Register Lleno und Cimbala enthalten nur Quint- und Oktavchöre. Das Register Orlos ist mit kurzen, teilgedeckten zylindrischen Bechern ausgestattet.

Disposition seit 2001[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Manual CDEFGA–c3
Violón B/D 16′
Flautado B/D 08′
Violón B/D 08′
Octava B/D 04′
Octava nasarda B/D00 04′
Docena B/D 223
Quincena B/D 02′
Diezisetena B/D 135
Diezinovena B/D 113
Lleno B/D
Cimbala B/D
Corneta D 08′
Trompeta magna D 16′
Trompeta real B/D 08′
Clarín B 04′
Clarín D 08′
Bajoncillo B 04′
Orlos B/D 08′
Temblante
Pedal CDEFGA–gis0
Angehängt, Stöpselpedal.

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufnahmen/Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover – Kirchenmusikabteilung (Hrsg.): Einweihung der neuen Barock-Orgel. Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, 52 S., Hannover 2019
  • Patrick Collon: Die spanische Orgel der Musikhochschule Hannover. In: Ars Organi. 51, 2003, S. 43–45
  • Ruth M. Seiler (Hrsg.): Die Spanische Orgel der Hochschule für Musik und Theater Hannover in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis. Kallenbach, Detmold 2001.
  • Reinhard Skupnik: Der hannoversche Orgelbauer Christian Vater 1679–1756. (= Veröffentlichungen der orgelwissenschaftlichen Forschungsstelle im Musikwissenschaftlichen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster, Bd. 8). Bärenreiter, Kassel/Basel 1976, ISBN 3-7618-0543-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Orgeln der Neustädter Kirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Skupnik: Der hannoversche Orgelbauer Christian Vater. 1976, S. 28.
  2. Dirk Böttcher (Hrsg.): Hannoversches biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2002, ISBN 3-87706-706-9, S. 368.
  3. Skupnik: Der hannoversche Orgelbauer Christian Vater. 1976, S. 29.
  4. Kleuker-Orgel in Urk (niederländisch), abgerufen am 1. November 2019.
  5. Kleuker-Orgel, abgerufen am 1. November 2019.
  6. Pfeifenorgeln in Hannover, zugegriffen am 19. März 2011.
  7. Orgelbau Hüfken: Hannover. Abgerufen am 1. November 2019.
  8. Lothar Mohn in: Die Brücke. Gemeindebrief, August bis Oktober 2019, S. 8.
  9. Raliza Nikolov: Hannover: Neue Barockorgel für Neustädter Kirche. In: Internetpräsenz. Norddeutscher Rundfunk, 4. April 2019, abgerufen am 1. November 2019.
  10. Patrick Collon: Die spanische Orgel der Musikhochschule Hannover. In: Ars Organi. 51, 2003, S. 43–45.
  11. Musikstiftung St. Johannis, abgerufen am 1. November 2019.
  12. Kantorei St. Johannis, abgerufen am 1. November 2019.