Orgeln der Neustädter Kirche (Hannover)

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Die Orgeln der Neustädter Kirche im hannoverschen Stadtteil Calenberger Neustadt waren bzw. sind eine im Jahr 2010 entfernte Hauptorgel von Detlef Kleuker mit 38 Registern sowie die sogenannte spanische Orgel. Diese wurde 2001 von Patrick Collon aus Belgien mit 18 geteilten Registern fertiggestellt und ist zusammen mit der 2002 errichteten Orgel der Evangelischen Kirche in Züsch das einzige Instrument in der Bauweise einer spanischen Barockorgel in Nordeuropa.[1] Das Instrument gehört der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Hauptorgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für das Jahr 1575 ist die Tätigkeit des Orgelbauers Christoff Kahren im Vorgängerbau nachgewiesen. Der hannoversche Hoforgelbauer Hermann Willenbrock (Wullenbrock) schuf für die neue Kirche eine neue Orgel, die am 25. Mai 1702 eingeweiht wurde.[2] Von seinem verstorbenen Schwiegervater Johann Anton Coberg übernahm der Orgelbauer Christian Vater, der am 11. November 1679 in der Neustädter Kirche getauft wurde, 1708/1709 das Organistenamt. Von 1706 bis 1756 war Vater, der anfänglich in Konkurrenz zu Wullenbrock stand,[3] für die Wartung und Stimmung der Orgel zuständig und erhielt zusammen für die Pflegearbeiten der Orgel in der Schlosskapelle jährlich 50 Reichstaler. Für eine größere Reparatur der Neustädter Orgel im Jahr 1719 erhielt Vater zusätzliche 50 Rthlr.[4] Die Brüder Carl Wilhelm und Eduard Meyer errichteten 1857/1858 eine neue Orgel, die mit 44 Registern auf drei Manualen und Pedal ausgestattet war. Dieses Instrument wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Nach dem Wiederaufbau der Kirche baute Detlef Kleuker 1963 auf der Westempore eine neue Hauptorgel, die über 38 Register verfügte, die auf drei Manuale und Pedale verteilt waren. Stilistisch war das Instrument mit den zahlreichen Zungenregistern und gemischten Stimmen in allen vier Werken stark „neobarock“ geprägt.[5] Die Orgel wurde aufgrund irreparabler Materialfehler außer Dienst gestellt und im Juni 2010 in die Niederlande verkauft. In stark umgebauter Form wurde die Orgel 2013/2014 von Ide Boogaard unter Verwendung von Pfeifenwerk und der Windladen von Kleuker in der Ichthuskerk in Urk aufgestellt. Das Instrument verfügte in der Neustädter Kirche über folgende Disposition:[6]

I Hauptwerk C–g3
Quintade 16′
Prinzipal 08′
Spillflöte 08′
Oktave 04′
Gedackt 04′
Nasat 223
Oktave 02′
Mixtur VI
Scharffzimbel III
Trompete 16′
Trompete 08′
II Schwellwerk C–g3
Rohrflöte 08′
Viola da Gamba 08′
Prinzipal 04′
Gemshorn 04′
Waldflöte 02′
Sesquialtera II
Scharff V
Dulzian 16′
Oboe 08′
III Brustwerk C–g3
Gedackt 08′
Rohrflöte 04′
Prinzipal 02′
Quinte 113
Terzian II
Zimbel III
Regal 08′
Tremolo
Pedal C–f1
Prinzipal 16′
Subbaß 16′
Oktave 08′
Gedackt 08′
Oktave 04′
Hohflöte 04′
Bauernflöte 02′
Mixtur VI
Posaune 16′
Trompete 08′
Clairon 04′

Die Aufstellung einer neuen Hauptorgel aus England von Forster & Andrews aus dem Jahr 1902 auf der Westempore war für das Jahr 2011 vorgesehen,[7] wurde aber nicht ausgeführt. Im Kirchenraum befindet sich seitdem eine elektronische Kirchenorgel der Firma Benedict mit drei Manualen und Pedal, deren Klangabstrahlung über zwei Lautsprechertürme im Altarraum erfolgt. Geplant ist als neue Hauptorgel eine „Bach-Orgel“, von der auch die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover profitieren soll.[8]

Spanische Orgel auf der Nordempore[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Orgel wurde 1998–2001 von Patrick Collon (Belgien) erbaut. Das Instrument ist auf der nördlichen Seitenempore, in Längsrichtung etwa mittig auf der Empore, aufgestellt.

Die Orgel ist kein Nachbau einer bestimmten spanischen Barockorgel. Vielmehr handelt es sich um einen Neubau nach den Gestaltungsprinzipien der spanischen Barockorgel. Die Konstruktion lehnt sich an die aus dem 17. Jahrhundert stammende Orgel in der Iglesia Colegial zu Lerma (Kastilien/Nähe Burgos) an. Weitere Vorbilder sind die Orgeln aus Covarrubias (Provinz Burgos) und aus Lietor (Provinz Albacete).[9]

Eigentümerin der Orgel ist nicht die Kirchengemeinde, sondern die Hochschule für Musik und Theater Hannover, deren Studierende auch im Rahmen des Unterrichts und bei Meisterkursen darauf spielen.[10] Zurzeit ist diese Orgel zusammen mit der 2002 errichteten Orgel der Evangelischen Kirche in Züsch das einzige Instrument in der Bauart einer spanischen Barockorgel in Deutschland. Sie wird auch für Konzerte und im Gottesdienst genutzt.

Das Instrument besitzt eine kurze Oktave, seine Register sind zwischen c1 und cis1 geteilt, der Winddruck beträgt 64 mmWS und die Stimmung ist mitteltönig im niedrigen Kammerton (a1 = 415 Hz). Hierdurch ergibt sich eine besondere Eignung zur Darstellung der Orgelliteratur vom frühen 16. bis zum 18. Jahrhundert.[11]

Die Orgel besitzt Schleifladen und eine rein mechanische Spiel- und Registertraktur. Die Windversorgung erfolgt wahlweise über ein elektrisches Gebläse oder rein mechanisch durch eine zweite Person (Kalkant), die zwei Bälge abwechselnd per Hand mit zwei seitlich am Gehäuse herausgeführten Kordeln aufzieht.

Die Registerbezeichnung Violón wird bei diesem Instrument sowohl für das Register Gedackt 16′ als auch für das Register Gedackt 8′ verwendet. Die Register Lleno und Cimbala enthalten nur Quint- und Oktavchöre. Das Register Orlos ist mit kurzen, teilgedeckten zylindrischen Bechern ausgestattet.

Disposition seit 2001[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Manual CDEFGA–c3
Teilung in Bass und Diskant (B/D) bei c1/cis1
Übersetzung:
Violón B/D Gedackt 16′
Flautado B/D Prinzipal 08′
Violón B/D Gedackt 08′
Octava B/D Oktave 04′
Octava nasarda B/D00 Flöte 04′
Docena B/D Quinte 223
Quincena B/D Oktave 02′
Diezisetena B/D Terz 135
Diezinovena B/D Quinte 113
Lleno B/D Mixtur III
Cimbala B/D Zimbel III
Corneta D Kornett VI (ab cis1) 08′
Trompeta magna D Innere Trompete 16′
Trompeta real B/D Innere Trompete 08′
Clarín B Innere Trompete 04′
Clarín D Horizontaltrompete 0 08′
Bajoncillo B Horizontaltrompete 04′
Orlos B/D Horizontalregal 08′
Temblante Tremulant
Pedal CDEFGA–gis0
Angehängt, Stöpselpedal.

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufnahmen/Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Patrick Collon: Die spanische Orgel der Musikhochschule Hannover. In: Ars Organi. 51, 2003, S. 43–45
  • Ruth M. Seiler (Hrsg.): Die Spanische Orgel der Hochschule für Musik und Theater Hannover in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis. Kallenbach, Detmold 2001.
  • Reinhard Skupnik: Der hannoversche Orgelbauer Christian Vater 1679–1756. (= Veröffentlichungen der orgelwissenschaftlichen Forschungsstelle im Musikwissenschaftlichen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster, Bd. 8). Bärenreiter, Kassel/Basel 1976, ISBN 3-7618-0543-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hannoversche Allgemeine vom 9. Juni 2011: Kirche feiert zehnten Geburtstag ihrer spanischen Orgel
  2. Skupnik: Der hannoversche Orgelbauer Christian Vater.1976, S. 28.
  3. Dirk Böttcher (Hrsg.): Hannoversches biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2002, ISBN 3-87706-706-9, S. 368.
  4. Skupnik: Der hannoversche Orgelbauer Christian Vater.1976, S. 29.
  5. Kleuker-Orgel in Urk (niederländisch), abgerufen am 11. Januar 2015.
  6. Kleuker-Orgel, abgerufen am 11. Januar 2015.
  7. Pfeifenorgeln in Hannover, zugegriffen am 19. März 2011.
  8. HMTM Hannover, abgerufen am 11. Januar 2015.
  9. Patrick Collon: Die spanische Orgel der Musikhochschule Hannover. In: Ars Organi. 51, 2003, S. 43–45.
  10. Musikstiftung St. Johannis, abgerufen am 12. Januar 2015.
  11. Kantorei St. Johannis, abgerufen am 12. Januar 2015.