Paranthropus boisei

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paranthropus boisei
Nachbildung des Schädels OH 5 und eines Unterkiefers

Nachbildung des Schädels OH 5 und eines Unterkiefers

Zeitliches Auftreten
Oberes Pliozän bis Pleistozän
2,3 bis 1,4 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Menschenartige (Hominoidea)
Menschenaffen (Hominidae)
Homininae
Hominini
Paranthropus
Paranthropus boisei
Wissenschaftlicher Name
Paranthropus boisei
Mary Leakey, 1959

Paranthropus boisei ist eine Art der ausgestorbenen Gattung Paranthropus aus der Entwicklungslinie der Hominini, die vor rund zwei Millionen Jahren in Ostafrika vorkam.[1] Aufgrund der sehr großen Backenzähne und der ebenfalls sehr großen Knochenleisten am Schädel, an denen zu Lebzeiten kräftige Kaumuskeln ansetzten, wird die Art umgangssprachlich – aber irreführend – auch als „Nussknacker-Mensch“ bezeichnet. Die Entdeckerin der ersten Funde von Paranthropus boisei, Mary Leakey, benannte die Art zunächst Zinjanthropus boisei .

Die Abgrenzung der Gattung Paranthropus von Australopithecus ist umstritten. Die Fossilien werden daher von einigen Forschern auch als Australopithecus boisei bezeichnet. Die Arten der Gattung Paranthropus werden zur Gruppe der Australopithecina gerechnet und stellen vermutlich eine evolutionäre Seitenlinie zur Gattung Homo dar.

Namensgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paranthropus ist ein Kunstwort. Die Bezeichnung der Gattung leitet sich von altgriechisch ἄνθρωπος anthropos, deutsch ‚Mensch‘ und para (‚neben‘, ‚abweichend von‘) ab. Das Epitheton boisei verweist auf Charles Boise, der die Ausgrabungen Leakeys seit 1948 finanziell unterstützt hatte. Paranthropus boisei bedeutet somit „Boisescher Nebenmensch“, im Sinne von „im Stammbaum neben der Gattung des Menschen angeordnet“.

Zinjanthropus“ war abgeleitet worden von ‚Zinj‘, der alten lokalen Bezeichnung für Ostafrika (vergl. dazu Zandsch).

Erstbeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Holotypus der Art ist ein als OH 5 (Olduvai Hominid 5) bekannt gewordener, nahezu vollständig erhaltener Schädel mit vollständiger Bezahnung des Unterkiefers. Diese Fossilien wurden am 17. Juli 1959 an einer als FLK I bezeichneten Stelle in der Olduvai-Schlucht von Mary Leakey, der Frau von Louis Leakey, entdeckt. Bereits am 15. August 1959 erschien in der Fachzeitschrift Nature die Erstbeschreibung der anhand des Fundes eingeführten Art Zinjanthropus boisei.[2]

Der Schädel OH 5 (auch „Zinji“ genannt) wurde in der Erstbeschreibung als männlich und als so jung ausgewiesen, dass die hinteren Backenzähne – die Molaren M3 – noch keine Abriebspuren aufwiesen. Auch wurde erwähnt, dass OH 5 Paranthropus ähnele; jedoch wurden aus seiner Rekonstruktion rund 20 von Paranthropus abweichende Merkmale hergeleitet, die eine Zuordnung zu einer neuen Art zu rechtfertigen schienen.

Eine ausführlichere Beschreibung des Holotypus erfolgte erst 1967 durch Phillip Tobias.[3]

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rekonstruktion
von Paranthropus boisei
im Westfälischen Museum für Archäologie

Von Paranthropus boisei sind relativ viele Fossilien überliefert, darunter mehrere Schädel, diverse gut erhaltene Schädeldecken, Unterkiefer und Zähne. Die Fundstücke sind unterschiedlich groß, was die Annahme begründet, dass die Art einen ausgeprägten Sexualdimorphismus aufwies.[4] Für die Größe des Gehirns wurde nach Vermessung von sechs Schädeln 475 bis 545 cm³ errechnet, was ungefähr 100 cm³ größer ist als das Hirnvolumen eines heutigen Schimpansen.

Paranthropus boisei wurde ein Gewicht von 40 bis 80 kg und eine Körpergröße von 1,20 bis 1,40 m zugeschrieben;[5] allerdings ist unsicher, ob die hierfür herangezogenen Knochenfunde aus dem Bereich unterhalb des Kopfes tatsächlich zu Paranthropus boisei gehören (sie stammen aus gleich alten Fundschichten) oder zu Homo habilis.[4] Paranthropus boisei ähnelt dem durch Funde in Südafrika belegten Paranthropus robustus, aber die Breite des Gesichts, die meisten Ansätze für Hals- und Kaumuskeln sowie die Backenzähne sind stärker ausgebildet. Paranthropus boisei besaß die größten Backenzähne sowie die höchste Beißkraft aller Hominiden und wird daher – wie man inzwischen weiß: irreführend – auch „Nussknacker-Mensch“ genannt; seine Schneidezähne und Eckzähne waren jedoch vergleichsweise klein. Mit seiner kräftigen Kaumuskulatur, die an massiven Kieferknochen und an einem oben, in der Mitte des Hirnschädels befindlichen, auffällig emporragenden Knochenkamm ansetzte, konnte er große Mengen harter Pflanzennahrung, beispielsweise trockene Gräser, zerkleinern.[6]

Hypothese zur Evolution der Australopithecinen, wie sie aufgrund der gegenwärtigen Fundlage beispielsweise von Friedemann Schrenk vertreten wird.

Wegen des starken Gebisses zählt er – mit Paranthropus robustus und Paranthropus aethiopicus – zu den „robusten“ Australopithecinen. Einige Experten betrachten Paranthropus boisei und Paranthropus robustus als regionale Varianten der gleichen Art. Nach aktuellem Forschungsstand gelten Paranthropus boisei und Paranthropus robustus als die letzten „robusten“ Vertreter der Australopithecinen und starben aus, ohne weitere Nachfolgearten zu hinterlassen.

Jüngster bislang zu Paranthropus boisei gestellter Fund (und damit zugleich jüngster Beleg für die Gattung Paranthropus) ist ein 1,4 Millionen Jahre alter Schädel aus der Fundstelle Konso in Äthiopien.[7]

Ernährung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine 2011 publizierte Untersuchung kommt zum Ergebnis, dass Paranthropus boisei mit etwa 77 ±7 % mehr C4-Pflanzen in seinem Stoffwechsel umgesetzt hat als alle bisher untersuchten Homininen und demzufolge auf Gräser spezialisiert war.[6][8] Eine ähnliche Spezialisierung auf Gräser und Grassamen weisen unter den Primaten nur einige Pavianarten auf, die ein ähnliches Gebiss besitzen.[9] Eine Untersuchung an einjährigen Steppenpavianen (Papio cynocephalus), die sich vorzugsweise von knollenförmigen Ausläufern (Stolonen) der Erdmandel (Cyperus esculentus) ernähren, und weil sie noch in der Wachstumsphase sind, ein höheres Nahrungsangebot als ausgewachsene Steppenpaviane benötigen, ergab, dass sich Paranthropus boisei möglicherweise ähnlich ernährt haben könnte; 80 % seines täglichen Energiebedarfs von 2500 kcal hätte er – so eine Schätzung – in drei Stunden sammeln und essen können.[10] Die auffällig großen Zähne sind demnach vermutlich keine Folge einer auf extrem harte Kost spezialisierten Nahrungsaufnahme.[11]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Farbige Fähnchen markieren die Fundorte von homininen Fossilien. In diesem Gebiet wurde auch „Zinji“ entdeckt.
Gedenkplatte am Fundort von OH 5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Paranthropus boisei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. G. J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2008, S. 96
  2. Louis Leakey: A new fossil skull from Olduvai. In: Nature, Band 184, Nr. 4685, 1959, S. 491–493, doi:10.1038/184491a0,Volltext (PDF; 413 kB)
  3. Phillip Tobias: The Cranium and Maxillary Dentition of Australopithecus (Zinjanthropus) boisei. In: Olduvai Gorge, Volume 2. Cambridge University Press, Cambridge 1967
  4. a b Bernard Wood, Nicholas Lonergan: The hominin fossil record: taxa, grades and clades. In: Journal of Anatomy. Band 212, Nr. 4, 2008, S. 360, doi:10.1111/j.1469-7580.2008.00871.x, Volltext (PDF; 292 kB) (Memento vom 29. Oktober 2013 im Internet Archive)
  5. The Cambridge Encyclopedia of Human Evolution. Cambridge University Press, 1992, S. 236
  6. a b Thure E. Cerling et al.: Diet of Paranthropus boisei in the early Pleistocene of East Africa. In: PNAS. Band 108, Nr. 23, 2011, S. 9337–9341, doi:10.1073/pnas.1104627108
  7. Gen Suwa, Berhane Asfaw, Yonas Beyene, Tim D. White et al.: The first skull of Australopithecus boisei. In: Nature. Band 389, 1997, S. 489–492, doi:10.1038/39037
  8. Nussknacker-Mensch knackte doch keine Nüsse. Der Standard, 2. Mai 2011, abgerufen am 3. Mai 2011.
  9. Charles Q. Choi: Ancient 'Nutcracker Man' ate more like a cow, it seems. MSNBC, 2. Mai 2011, abgerufen am 3. Mai 2011 (englisch).
  10. Gabriele A. Macho: Baboon Feeding Ecology Informs the Dietary Niche of Paranthropus boisei. In: PLoS ONE. Band 9, Nr. 1: e84942, doi:10.1371/journal.pone.0084942
  11. Peter S. Ungar, Frederick E. Grine und Mark F. Teaford: Dental Microwear and Diet of the Plio-Pleistocene Hominin Paranthropus boisei. In: PLoS ONE. 3(4): e2044; doi:10.1371/journal.pone.0002044