Peitschenkreisel

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Ein Peitschenkreisel
Kinder beim Kreiseln. Ausschnitt aus dem Kinderspielebild Pieter Bruegels d. Ä. (um 1560)

Peitschenkreisel (lokalsprachlich auch Doppisch, Dildop, Pindopp, Dilledopp, Triesel, Tanzknopf, Pitschendopp) ist die Bezeichnung für ein Kinderspielzeug und ein Kinderspiel.

Das Spielzeug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Spielzeug besteht aus einem kegelförmigen Kreisel mit waagerecht eingekerbten, umlaufenden Rillen und einer Peitsche (einem Stab mit einer daran befestigten Schnur).

Das Spiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Spiel mit dem Peitschenkreisel ist spielhistorisch in Bild und Text häufig dokumentiert:[1]

Der Kreisel wird zunächst mit der Schnur umwickelt, um ihn dann durch ein schnelles Abziehen der Peitsche in eine Rotation zu versetzen. Mit etwas Geschick kann er anschließend durch fortgesetzte Peitschenschläge weiter in der Drehbewegung gehalten werden.

Das Spiel kann allein oder mit Partner oder Gegner gespielt werden: Beim „Solo“ gilt es, den Kreisel ohne fremde Hilfe möglichst lange in Bewegung zu halten. Beim „Duett“ versetzen Partner dem Kreisel abwechselnd die zum Aufrechterhalten der Drehbewegung notwendigen Schläge. Bei der Wettkampfform können verschiedene Aufgaben gestellt werden, etwa, den Kreisel als erster über eine bestimmte Ziellinie, um Hindernisse, auf Schrägen oder Stufen zu treiben. Um die Rotationsbewegung zu erleichtern, wird das Spiel auf einem möglichst glatten Untergrund gespielt.

Historische Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Form des Peitschenkreisel und die Weise des Spielens mit ihm haben sich nach der historischen Rückverfolgung der Spielwissenschaftler Warwitz/Rudolf[2] seit der ersten Erwähnung in der Spielesammlung Alfons X. von Kastilien im 13. Jahrhundert,[3] der Darstellung im Romanzyklus Gargantua und Pantagruel bei François Rabelais aus dem Jahr 1535, den Abbildungen von Bruegel (1560), Comenius (1658)[4] und Chodowiecki (1774) sowie den pädagogischen Angeboten von Basedow (1774)[5] oder GutsMuths (1796)[6] über die Jahrhunderte bis heute nicht geändert.

Das Orbis sensualium pictus (Die sichtbare Welt), oft auch verkürzt Orbis pictus genannt, von 1658 war ein in Europa vom 17. bis zum 19. Jahrhundert weit verbreitetes Jugend- und Schulbuch, welches das Spiel neben anderen in weiten Bevölkerungskreisen bekannt machte. Mit dem Didaktiker Comenius und den Philanthropen Basedow und GutsMuths hielt es dann auch in die Schulerziehung Einzug. Es taucht noch im pädagogischen Konzept des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn auf. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg noch häufig als Straßenspiel praktiziert, ist es aufgrund des Vordringens des elektronischen Spielens und der Verdichtung des Verkehrs heute aus dem öffentlichen Straßenraum weitestgehend verschwunden und wird in der Regel nur noch von traditionsbewussten Eltern und an der Wiedererweckung alten Spielguts interessierten Lehrern vermittelt.[7]

Napoleon Bonaparte als Spielkreisel der Kriegsgegner (Karikatur 1814)

Bildmetaphorische Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Karikatur von 1814 zeigt den Korsen Napoleon Bonaparte als Torso mit verlorenen Armen und Bein, als gequälte Kreatur in Form eines Kreisels, der von seinen siegreichen Feinden mit Peitschen im Kreise herum getrieben wird.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfons X. „der Weise“: Das Buch der Spiele. Übersetzt und kommentiert von Ulrich Schädler und Ricardo Calvo. Lit Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-643-50011-3.
  • Johann Bernhard Basedows „Elementarwerk“ mit den Kupfertafeln von Chodowiecki, Kritische Bearbeitung in drei Bänden, herausgegeben von Theodor Fritzsch, 3. Band, Ernst Wiegand Verlagsbuchhandlung Leipzig 1909, neuere Ausgabe Olms, Hildesheim-New York 1972
  • J. A. Comenius: „Ludes pueriles“ 1658, In: S. A. Warwitz, A. Rudolf: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 4. Auflage, Baltmannsweiler 2016, S. 196 f
  • Adam Fijałkowski: Orbis Pictus. Świat malowany Jana Amosa Komeńskiego. Orbis Pictus. Die Welt in Bildern des Johann Amos Comenius. Universität Warschau, Warschau 2008, ISBN 978-83-924821-9-2.
  • J.C.F. Guts Muths: Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und des Geistes. Schnepfental 1796 (Berlin 1959).
  • Anita Rudolf, Siegbert A. Warwitz : Spielen – neu entdeckt. Grundlagen-Anregungen-Hilfen. Freiburg 1982, ISBN 3-451-07952-6.
  • Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 4. Auflage, Baltmannsweiler 2016, ISBN 978-3-8340-1664-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Peitschenkreiselspiele, In: Dies.: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 4. Auflage, Baltmannsweiler 2016, S. 115-118
  2. Anita Rudolf, Siegbert A. Warwitz : Spiele anderer Zeiten und anderer Völker, In: Dies.: Spielen – neu entdeckt. Grundlagen-Anregungen-Hilfen. Freiburg 1982, S. 117-118
  3. Alfons X. „der Weise“: Das Buch der Spiele. Übersetzt und kommentiert von Ulrich Schädler und Ricardo Calvo. Lit Verlag, Münster 2009
  4. J. A. Comenius: „Ludes pueriles“ 1658, In: S. A. Warwitz, A. Rudolf: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 4. Auflage, Baltmannsweiler 2016, S. 196
  5. Johann Bernhard Basedows „Elementarwerk“ mit den Kupfertafeln von Chodowiecki, Kritische Bearbeitung in drei Bänden, herausgegeben von Theodor Fritzsch, Dritter Band, Ernst Wiegand Verlagsbuchhandlung Leipzig 1909, neuere Ausgabe Olms, Hildesheim-New York 1972
  6. J.C.F. Guts Muths: Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und des Geistes. Schnepfental 1796 (Berlin 1959)
  7. Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Spielend früheren Zeiten begegnen – Historische Spiele, In: Dies.: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 4. Auflage, Baltmannsweiler 2016, S. 107-118

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kreisel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien