Pferdegestütztes Coaching

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Im pferdegestützten Coaching geht es darum, bei Beobachtung von Pferden oder in Bodenübungen mit Pferden in Interaktion zu treten und die Erlebnisse aus dieser Interaktion dann mithilfe einer geleiteten Selbstreflexion und eines Coachings zu analysieren und die Erkenntnisse und Ableitungen in den Alltag zu übertragen.[1] Der Fokus liegt, wie beim klassischen Coaching oder Businesscoaching, auf der Hilfe zur Selbsthilfe, um die Selbsterkenntnis des Coachees zu erhöhen. Der Coachee findet durch die Übung mit dem Pferd sowie einer geleiteten Selbstreflexion und lösungsorientierten oder systemischen Coachingfragen seine eigene, zu ihm passende Lösung.

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pferdegestützte Coachings zählen zur Erlebnispädagogik – im Gegensatz zu pferdegestützten Seminaren oder Teamevents mit Pferden stehen nicht die Erlebnisse mit dem Pferd im Mittelpunkt, sondern die individuellen Prozesse des Coachees, welcher mit dem Pferd pädagogisch gestaltete, persönliche Schlüsselerlebnisse verinnerlicht und die neu erlernten Strategien in den Alltag umsetzt. Also seine inneren Erlebnisse vor, während und nach seinem Kontakt mit dem Pferd. Der Unterschied zwischen pferdegestütztem Coaching und pferdegestütztem Training besteht darin, dass Coaching Hilfe zur Selbsthilfe ist, der Coach setzt auf die Ressourcen des Coachees und hilft ihm, seine eigene Strategie zu finden. Training hingegen bedeutet das Erlernen bestimmter Verhaltensweisen oder Simulation und Einüben von Situationen.

Der Unterschied zu Hippotherapie oder dem therapeutischen Reiten ist der, dass das Pferd nicht geritten wird. Auch sollten nicht primär Behinderungen, Krankheiten und (seelische) Verletzungen geheilt werden, sondern der Coachee soll bei der Entwicklung eigener individueller und nachhaltiger Lösungen begleitet werden.

Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd umfasst die ganzheitliche und individuelle Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch das Medium Pferd. In der pferdegestützten Psychotherapie arbeiten ausgebildete Psychotherapeuten mit ihren Patienten am Pferd.[2]

Typische Coaching-Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pferdegestützte Coachings lassen sich vielfältig einsetzen, insbesondere bei der Entwicklung der sozialen Kompetenzen. Themen, die „gecoached“ werden können, sind z.B.:

  • Umgang mit sich selbst
  • Umgang mit anderen
  • Führung
  • Zusammenarbeit
  • Erkennen und verändern von persönlicher Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster
  • Abgleich von Selbst- und Fremdbild
  • Persönlichkeitsentwicklung
  • Einfühlung
  • Selbst- und Fremdmotivation.

Dies kann im Rahmen eines Entwicklungsprogramms im beruflichen oder im privaten Kontext erfolgen.

Ablauf des pferdegestützten Coachings[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das pferdegestützte Coaching kann entweder in ein Gesamtentwicklungskonzept eingebettet werden (mehrmonatiges Coaching) oder auch als Einzeltermin stattfinden. Ein pferdegestütztes Coaching mit einem Einzelklienten kann folgendermaßen ablaufen[3]:

1. Zunächst ist gründlich zu klären, was das Ziel des Coachings sein soll. Das Ziel des pferdegestützten Coachings wird von Lehrer und Schüler gemeinsam ermittelt und nach dem SMART Prinzip formuliert.

2. Ist das Ziel definiert, erhält der Coachee eine Aufgabe, die zusammen mit dem Pferd zu lösen ist. Beispielübungen sind:

  • Das Pferd/die Pferde mit oder ohne Hilfsmittel durch 3 Pylonen im Slalom führen
  • Das Pferd/die Pferde mit oder ohne Hilfsmittel in die andere Ecke der Reithalle bringen
  • Ein Pferd dazu bewegen, freiwillig dem Menschen zu folgen
  • Ein Pferd durch Veränderung der eigenen Körpersprache in eine schnellere oder langsamere Gangart versetzen
  • Durch Beobachten der Herde z.Bsp. Rückschlüsse auf deren Gruppendynamik ziehen und so einen Einstieg in die Reflexion der gruppendynamischen Prozesse innerhalb eines Teams schaffen.

Diese Übung dauert meist nur wenige Minuten. Sie kann in der Reithalle erfolgen oder auf einem abgegrenzten Reitplatz. Auch kann ein Coaching bei einem Spaziergang stattfinden („Walk and Coach mit Pferd“)

3. Nach der Übung erfolgen Coaching-Interventionen, bei der die Übung mit dem Pferd und das innere Erleben des Coachees analysiert werden. Durch zielgerichtete Fragen, geleiteter Selbstreflexion und Feedback durch den Coach werden z.B. die Denk- und Gefühlsmuster, Antreiber oder verdeckten Stärken deutlich. Dabei kann auch eine Videoanalyse unterstützen, bei der der Coachee sich selbst in der Situation betrachten, Selbst- und Fremdbild abgleichen und die Situation noch einmal gedanklich durchleben. Während des Coachings immer wieder die Brücke zum Ziel geschlagen und dem Coachee geholfen, individuelle Lösungen zu finden.

4. Es erfolgt der Transfer in den Alltag, die Herausarbeitung konkreter Maßnahmen und die Entwicklung erster Schritte. So wird das pferdegestützte Coaching für den Teilnehmer und für das eventuell beauftragende Unternehmen zu einem nutzbringenden und bewertbaren Coaching.

5. Ein oder mehrere Nachcoachings sind sinnvoll, damit für auftretende Hindernisse Lösungen gefunden werden können und eine Erfolgskontrolle des Coachings stattfinden kann.

Der Ablauf eines pferdegestützten Coachings im Gruppensetting (Coaching mit mehreren Teilnehmern) unterscheidet sich vom Einzelcoaching insofern, dass nach jeder Aufgabe mit dem Pferd die anderen Teilnehmer ihre Beobachtungen und ihr Feedback zu dem jeweiligen Coachee geben können und so mehr Rückmeldungen, Ideen und Fremdbilder entstehen als im Einzelcoaching.

Wissenschaftlicher Hintergrund – Der Zusatznutzen durch das Pferd[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das pferdegestützte Coaching ist eine noch sehr junge Disziplin und existiert seit den 1990er Jahren in Deutschland als Instrument der Personal- und Persönlichkeitsentwicklung. Zahlreiche Diplomanden und Doktoranden haben die Methode beschrieben oder Studien durchgeführt[4][5] 1999 ist das erste pferdegestützte Führungs- und Managertraining wissenschaftlich beschrieben und evaluiert worden (Universität Vechta, Detlev Lindau-Bank).[6] Die Methode wird fortlaufend weiter auf ihre Wirksamkeit erforscht, z. B. von Johanna Friesenhahn an der Universität Heidelberg (Wirkung von Pferden im Coaching).[7][8]

Thesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1. Kurt Martin Hahn, einer der Begründer der Erlebnispädagogik, sagte, dass die „Wirksamkeit der Erlebnistherapie im Wesentlichen von der Erlebnisqualität der Aktionen abhängt. Denn je mehr der Teilnehmer die Aktionen für sich als außergewöhnliche Erlebnisse wahrnimmt, desto tiefergreifender ist die heilende Wirkung. Heilsame Erinnerungsbilder, die Jahre später noch abrufbar sind, sollten bei späteren Bewährungsproben steuernd wirken.“ Pferdegestützte Coachings sind außergewöhnlich und bringen den Teilnehmer ins Erleben: Er erlebt sich selbst in der Interaktion mit dem Pferd, er erfährt Nähe, Wärme, Freude oder auch Ablehnung oder Niederlage. Er erlebt, dass das Pferd auf ihn reagiert, je nachdem wie er sich selbst verhält. Jede Übung führt zu einem Erleben der Situation und der Coachee erhält unmittelbares Feedback durch das Pferd und durch den Coach.

2. Kurt Lewin geht davon aus, dass „der Mensch, bevor er etwas Neues lernt, alte Verhaltens- und Einstellungsarten verlernen muss.“[9] Dazu muss er seine alten Verhaltensweisen kennen, um sie verändern zu können. In den pferdegestützten Seminaren werden Verhaltens- und Denkmuster schnell sichtbar, da die Teilnehmer sich während der Übung mit dem Pferd außerhalb ihrer Komfortzone befinden. Sie sind nicht in ihrem gewohnten Umfeld. Deshalb greifen sie automatisch auf ihre altbewährten Denk-, Verhaltens- und Gefühlsmuster zu. Selbst pferdeerfahrene Menschen befinden sich außerhalb ihrer Komfortzone, da sie mit fremden Pferden in fremder Umgebung arbeiten und die Videokamera mitläuft. Auch hier werden alte Verhaltens- und Einstellungsarten sichtbar.

3. Wenn eine Lernsituation erfolgreich sein soll, so Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, muss in jeder Lernsituation eine emotionale Aktivierung stattfinden.[10] In der Übung mit dem Pferd hat der Teilnehmer verschiedenste Erlebnisse und teils sehr starke Gefühle, wie Begeisterung, Angst, Freude. Der Teilnehmer nimmt die Gefühle und Emotionen darüber hinaus sehr intensiv wahr, da er nicht von verbaler Kommunikation durch das Pferd abgelenkt ist. So ist jedes Lernen, verknüpft mit den Erlebnissen am Pferd, erfolgreicher als ein Lernen im Seminarraum.

4. Nach Anna Jean Ayres ist „Lernen eine Funktion des gesamten Nervensystems. Je mehr sensorische Systeme zusammenarbeiten, desto leichter und adäquater lernt das Gehirn“.[11] Beim pferdegestützten Coaching werden zahlreiche Kanäle angesprochen wie sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, sowie der propriozeptive Kanal, also die Eigenwahrnehmung und Tiefensensibilität sowie der vestibuläre Kanal, das Gleichgewichtsgefühl. All dies führt dazu, dass die Erkenntnisse, die Erfahrungen, die Gefühle, die Lösungen, die Verhaltensmuster oder die neuen Verhaltensalternativen nachhaltig abgespeichert werden, da sie auf allen Sinnesebenen erfahren wurden.

5. Bettina Jellouschek-Otto schreibt, dass Pferde sehr gute Beobachter sind. Als Fluchttiere haben sie gelernt, sehr wachsam und aufmerksam zu sein und minimale Bewegungen der Leitstute richtig zu interpretieren. Begegnen sich nun Teilnehmer und freilaufende Pferde in einem abgeschlossenen Bereich, entsteht aus Sicht des Pferdes eine neue Herde, und folgende Fragen müssen geklärt werden: Wer folgt wem? Wer beschützt wen im Ernstfall? Funktionieren wir gemeinsam als Herde? Dies prüft das Tier bei dem Teilnehmer ab und erkennt so, ob eine Vertrauensbasis besteht oder nicht. Das Pferd schätzt den Teilnehmer ein, beobachtet ihn genau und verhält sich dementsprechend. Dieses Verhalten des Pferdes hat eine Auswirkung auf den Coachee und führt zu einem inneren Erleben oder inneren Dialog.[12]

6. Pferde haben – auch im Vergleich zu anderen Tieren – eine sehr hohe Wirkkraft als sogenannte „archetypische Symbole“. „Stute“ bedeutet im Altgermanischen „Herde“ und ist ein Symbol des Lebens, gehört daher zum archetypischen Feld der Großen Mutter und Beschützerin. Der Hengst gilt als feuriges, hitziges, stolzes und starkes Tier, das gleichzeitig als Leithengst seinen Familienverband vor möglichen Gefahren schützt.[13][14] So wirkt die Zusammenarbeit mit dem Pferd im Coaching durch die Symbolkraft stärker als andere Coachings, die z. B. im Seilgarten stattfinden oder beim Wandern.

7. „Wachstum, Immunsystem, Ausgeglichenheit. All das profitiert von Berührung. Viele Studien haben das belegt. Schon ein Rückenkraulen wirkt im Gehirn wie ein Orkan. Die Sensoren werden hochaktiv und fluten das Gehirn“, sagt Martin Grunwald, Psychologe und Leiter des Haptik Labors der Universität Leipzig. „Bei sanfter Berührung produziert der Körper ein so genanntes Wohlfühlhormon, das Oxytocin. Dieses Hormon reguliert den Stoffwechsel, der Stresspegel sinkt und sogar Ängste schwinden.“[15] In den Coachings mit Pferden wird das Streicheln des Pferdes oder umgekehrt, die Berührung durch das Pferd, als sehr intensiv und wohltuend wahrgenommen, wodurch das Erleben und das Lernen unterstützt werden.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gelten die gleichen Kritikpunkte wie beim Coaching: Schwierige Messbarkeit der Ergebnisse, mangelnde wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit, fehlende einheitliche Qualitätskriterien bei der Ausbildung und Ausübung von pferdegestützten Coachings, keine internationalen Standards im Coaching, der Beruf des pferdegestützten Coaches ist in Deutschland nicht geschützt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Franziska Müller: Diversity by Horses, "Chefsache Diversity Management", Springer Gabler Verlag, Hrsg.: Peter Buchenau
  • Kerstin Kruse, Anabel Schröder: Coaching mit Pferden: Viel mehr als heiße Luft: Funktionsweise, Qualitätsmerkmale und Rahmenbedingungen pferdegestützter Coachings und Seminare. 2. Auflage, 2016, Verlag Windmühle, von horsesesense – coaching & training
  • Detlev Lindau-Bank, Klemens Walter (Hrsg.): Pferdebasiertes Personalmanagement. Innovatives Lernen, das berührt. LIT Verlag, 2015, mit Beiträgen von: J. Bender, S. Bender, A. Blankenburg, B. Blankenburg, I. Bonekamp, K. Ebeling, C. Erdsiek, W. J. Fischer, B. Gröchenig, I. Heinen, O. Heitz, I. Hempel, M. Jahn, D. Kaminski, S. Kierdorf, M. Knauer, A. Kolling, B. Kolzarek, K. Kruse-Völkers, S. Kuntze, K. von Lingen, G. Meyer, S. Mitter, V. Neuse, B. Osterhammel, R. Rodriguez-Megaljero, A. Schröder+ K. Kruse, T. Thomas, S. Wagner, C. Wiethold, A. Winkel
  • Silvia Sporer: Führungskräftetraining mittels Natural Horsemanship: Eine Wirksamkeitsforschung des Coachings mit Pferden (Betriebliche Personalentwicklung und Weiterbildung in Forschung und Praxis) Dr. Kovac Verlag, März 2015.
  • Barbara Kolzarek, Detlev Lindau-Bank: Mit Pferden lernen: Pferde als Kommunikationsmedium: Motivieren, Ziele setzen, Führen, Entscheiden 2. Auflage, 2011, Reihe: Personal und Organisation, Bd. 24
  • Doreen Beier: Überholen mit 1 PS: Wie Manager von Pferden lernen, Pabst Science Publishers, 2011.
  • Gerhard Konir: Pferdegestütztes Coaching. Books on Demand, 2012.
  • Fritz Hendrich: Horse Sense: Oder wie Alexander der Große erst ein Pferd und dann ein Weltreich eroberte. Drei Schritte zum Charisma der Führung. SIGNUM Verlag Wien.
  • Steffen Hillebrecht: Tiergestützte Coaching-Methoden als innovative Coaching-Form - das Beispiel Coaching mit Pferden, in: Handbuch "Grundlagen der Weiterbildung, Köln: Luchterhand, Ergänzungslieferung 12/2017.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Coaching mit Pferden: Viel mehr als heiße Luft: Funktionsweise, Qualitätsmerkmale und Rahmenbedingungen pferdegestützter Coachings und Seminare. Taschenbuch – 2. Auflage, Verlag Windmühle, von horsesense coaching & training, Kerstin Kruse, Anabel Schröder
  2. PI Berufsverband für Fachkräfte Pferdegestützter Interventionen
  3. Coaching mit Pferden: Viel mehr als heiße Luft: Funktionsweise, Qualitätsmerkmale und Rahmenbedingungen pferdegestützter Coachings und Seminare. 2. Auflage, Verlag Windmühle, von horsesense - coaching & training, Kerstin Kruse, Anabel Schröder
  4. Bücher und wissenschaftliche Arbeiten. EAHAE Internationale (früher Europäische) Assoziation für pferdegestützte Aus- und Weiterbildung
  5. Studien – Die Pferdeakademie
  6. Forschung – uni-vechta.de
  7. Kooperation mit Uni Heidelberg – Hoitz Elements
  8. Die Wirkung von Pferden im Coaching
  9. Allgemeines Lernmodell nach Lewin
  10. Lernen ist Begeisterung (PDF-Datei)
  11. Ayres, A. Jean, Bausteine der kindlichen Entwicklung: Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes, Springer Verlag, 2002
  12. Bettina Jellouschek-Otto: Pferdegestütztes Paar-Coaching. In: Psychotherapie im Dialog 4/2014.
  13. Stute – Symbolonline
  14. Hengst – Symbolonline
  15. Berührungen: Das Leben begreifen