Pietcong

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Pietcong (Kofferwort aus Pietist und Vietcong), eingedeutscht Pietkong oder Piet-kong, ist eine in den 1970er Jahren entstandene eher abwertende, aber auch satirisch gemeinte Bezeichnung für in ihrer Frömmigkeit radikal auftretende Pietisten. Die Bezeichnung ist verbreitet in bestimmten protestantischen Regionen (z. B. im nördlichen Schwaben sowie im Nord- und Hochschwarzwald im Gebiet von Altwürttemberg), jedoch allgemein und nicht auf eine bestimmte Gruppierung beschränkt.

Die Dudenredaktion verweist auf die „Glaubensstrenge und Anspruchslosigkeit“ insbesondere der pietistisch geprägten Hochburg Tübingen.[1]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff war zunächst linksreligiös konnotiert. So veröffentlichte Günter Ewald in den frühen 1970er Jahren die Schrift Achtung Pietkong, - Im Dickicht einer Hochschule - Gemeinde im Kohlenkeller während seiner Studentenzeit an der Ruhruniversität in Bochum. Der sogenannte „Kohlenkellerklub“ ging aus den Studentenprotesten der 1960er Jahren hervor, die sich zunehmend aufspaltete.[2]

Der SPD-Politiker Herbert Wehner bezeichnete seinen Parteigenossen Erhard Eppler so und bezog sich auf seine pietistische Herkunft sowie seinem idealistischen Kampfgeist.[3] Günter Bannas bezeichnete dies in einem Nachruf der FAZ folgendermaßen:[4]

„Eppler gehörte zu jenen, die das Konzept der bloßen „Entwicklungshilfe“ um den Aspekt der „wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ erweiterten, die nicht ein verlängerter Arm der Außenpolitik sein sollte. Er tat es aus idealistischen Gründen, weshalb Herbert Wehner für ihn die Kennzeichnung „Pietkong“ erfand. Diese Verbindung von protestantischem Pietismus und kommunistischen Vietkong war ziemlich distanziert gemeint. Als Brandt gegangen war, ging auch Eppler – wegen Helmut Schmidt.“

Günter Barras

Der Fernsehsatiriker Harald Schmidt nannte in einem Interview der FAZ 2011:

„Württemberg hat einen großen Vorteil, das ist der, wie es dort heißt, Pietcong, der Pietismus auch in der Hardliner-Variante, der ja letzten Endes bis zur evangelischen Pfarrerstochter Gudrun Ensslin führt.“

Der Politologe Michael Lühmann resümierte 2020: „Die Kirchen sind hier immer noch sehr gut gefüllt und ein bedeutender gesellschaftlicher Akteur.“ Stuttgart sei eingebettet in einen historisch gewachsenen Pietismus. Er bezeichnete diese Regionen wie auch Teile Sachsens als „Bible Belt“ der Bundesrepublik, in denen „Renitenz und Protest“ seit Jahren reiften und die zudem zuletzt zu Hochburgen der AfD wurden.[6]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dudenredaktion: Von Arschgeige bis Wuchtbrumme: Die 333 lustigsten Schimpfwörter; Bibliographisches Institut GmbH, 2016; online in Google Buchsuche
  2. Tobias Sarx: Religion, Reform, Revolution oder Stillstand?: Die 68er-Bewegung an den Evangelisch-Theologischen Fakultäten Marburg, Bochum und der Kirchlichen Hochschule Berlin; Kohlhammer Verlag 2018 S. 525
  3. Er war das Gewissen der SPD; tagesspiegel.de vom 19. Oktober 2019; abgerufen am 30. November 2020
  4. Der spät berufene Verantwortungsethiker der SPD; FAZ.net vom 20. Oktober 2019; abgerufen am 30. November 2020
  5. FAZ.net vom 7. März 2011; abgerufen am 24. November 2020
  6. Wie die deutschen »Bible Belts« die Anti-Corona-Proteste befeuern; In: Spiegel.de vom 18. Dezember 2020; abgerufen am 19. November 2020