Pistolet Union à canon de 101 mm

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Pistolet Union à canon de 101 mm
Union Selbstladepistole 7,65 mm mit Hufeisenmagazin
Allgemeine Information
Militärische Bezeichnung: Pistolet Union
Entwickler/Hersteller: Marcel Seytres
Union France
Entwicklungsjahr: 1930
Modellvarianten: UNION
UNION FRANCE
à canon de 81 mm
à canon de 101 mm
Waffenkategorie: Selbstladepistole
Ausstattung
Gesamtlänge: 181 mm
Gesamthöhe: 2700 mm
Gewicht: (ungeladen) 980 kg
Visierlänge: 194 mm
Lauflänge: 111 mm
Technische Daten
Kaliber: 7,65 mm x 17
Mögliche Magazinfüllungen: 35 Patronen
Feuerarten: Einzelfeuer
Anzahl Züge: 6
Drall: Rechts
Visier: Offene Visierung
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Die Pistolet Union à canon de 101 mm der Marke „UNION“ ist eine Selbstladepistole des französischen Waffenherstellers Marcel Seytres. Sie hat als auffälligstes Ausstattungsmerkmal ein sogenanntes „Hufeisenmagazin“, was der Pistole eine unverwechselbares Aussehen verleiht.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rubypistole
Kaliber 7,65 mm

Vorläufer der Selbstladepistolen von Seytres war die Rubypistole, die vor und während des Ersten Weltkrieges als vereinfachter Nachbau des Modells Browning M1903 in Spanien gefertigt wurde. Die Ruby-Pistolen wurden in großem Umfang von der französischen Armee im Ersten Weltkrieg verwendet und wurden von den Militärs gegenüber den seinerzeit verbreiteten Revolvern bevorzugt. Sie galten als relativ zuverlässig und vor allem schnell nachladbar. Die spanischen Modelle nach Art der Rubypistolen waren auf Grund von Fertigungsmängeln und der verwendeten Stahlsorten nicht immer von gleichbleibender Qualität.[1][2]

Unternehmensgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

UNION-Logo
Marcel Seytres
St. Etienne

Nach dem Ersten Weltkrieg entstand in Frankreich ein wachsender Bedarf an modernen Pistolen. Der aus Marseille stammende Büchsenmacher Marcel Seystres ergriff die Chance, seine Nachbauten von spanischen Pistolen in guter Qualität zu entwickeln und mit Verwendung von hochwertigem Stahl in Frankreich zu produzieren. Er errichtete in St. Etienne eine Waffenmanufaktur, um sowohl den privaten Sektor zu bedienen als auch um an die französischen Beschaffungsbehörden mit Schwerpunkt beim Militär zu liefern. Die Serienfertigung der ersten Handfeuerwaffen von Seystres begann um 1925 in seiner Werkstatt an der Rue Denis-Papin Nr. 17 in St. Etienne. Es wurden Pistolenmodelle hergestellt, die Ähnlichkeiten mit den Modellen FN 1906 und Browning 1908 sowie mit der spanischen Unique Modèle 10 hatten und mit patentierten Erfindungen von Seystres verbessert waren. Die Produktionerweiterungen von Seystres für die Fabrikation der Pistolen wurden durch den Umstand erleichtert, dass er 1929 nach einem Großbrand der Société d’Armes et de Mécanique générale de Louhans (SAMG) neben anderem Personal die erfahrenen spanisch-stämmigen Waffentechniker, Herrn Larena für die Produktionsleitung und Herrn Etchebum für die Waffenmontage von der vormaligen Produktion der Rubypistolen bei SAMG in St. Etienne einstellen konnte. Die Fertigungskapazität erlaubte die Herstellung von täglich rund 50 Pistolen, die auf dem privaten Sektor sowie bei Sicherheitskräften und Behörden guten Absatz fanden. Die Produktion von Seytres endete 1939.[1][2][3]

Modellgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Modelle wurde mit den Markenbezeichnungen „UNION“ und in geringem Umfang mit „UNION FRANCE“ gekennzeichnet. Die Markenbezeichnung „UNION“ ist auf dem Schlitten bei der Kaliberangabe mit dem Herkunftsort St. Etienne eingeschlagen. „UNION“ findet sich auch auf den Griffstücken der Pistolen; dort ist weiterhin ein rundes Logo sichtbar, welches einen Indianerhäuptling mit Federschmuck darstellt, der von einem zweireihigen Rand mit dem Schriftzug „TRADE – MARK“ umgeben ist.

Pistolet Union à canon de 101 mm
Pistole Peugeot
Kaliber 6,35 mm

Die ersten Pistolen hatten ein Magazin mit nur sechs Schüssen, was der Kapazität von Revolvern entsprach. Mit Verlängerung des Pistolengriffs konnte Marcel Seytres Modelle mit 9-Schuss-Magazin anbieten, die einen gewissen kommerziellen Erfolg hatte und unter verschiedenen Markennamen von mehreren bekannten französischen Waffenherstellern verkauft wurden. Darunter waren auch Peugeot und der französische Jagdwaffenhersteller Verney-Caron, wo die Modelle für gut genug befunden wurden, um sie unter eigener Hausmarke als „Vercar“ zu vertreiben.[2][4] Die Banque de France erhielt Pistolen, die an der eingeschlagenen Kennzeichnung „B.F.“ (Banque Française) erkennbar sind. Die Polizei von Paris hatte Pistolen mit der Markierung „P de P“ (Police de Paris). Für die Polizei von Shanghai wurden die Pistolen in China angeboten; zur Einführung kam es allerdings dort nicht.[5] Im August 1931 wurden zwei Selbstladepistolenmodelle von Seytres im Kaliber 7,62 mm mit jeweils 81 mm und 101 mm Lauflänge durch das E.T.V.S (Etablissement Technique de Versailles), die Beschaffungsbehörde der französischen Streitkräfte für Handwaffen, geprüft. Die Prüfungen verliefen nicht zufriedenstellend. Zu einer Beschaffung für die französische Armee kam es daher nicht.[3]

Zur weiteren Vergrößerung der Magazinkapazität entwickelte Marcel Seytres zunächst ein gerades 25-Schuss-Magazin, welches weit über den Griff hinausragte und dadurch die Pistolen unhandlich machte. Da die Verlängerung des Magazins bei diesem Modell wegen der Bauweisen seiner Modelle mit 7,65-mm-Browning-Gehäuse an Grenzen gestoßen war, entwickelte Marcel Seytres nachfolgend ein gebogenes Magazin mit höherer Kapazität für 35 Schuss. Die originelle Form brachte der Konstruktion später den Beinamen Hufeisenlader ein. Für Seytres Erfindungen wurden mehrere französische Patente zu Sicherungen, Magazinen und weiteren Verbesserungen erteilt.[6] Die Entwicklung zum Patent 704787 war mit einer seitlich gebogenen Hufeisenform ausgestaltet und größer als die erste Konstruktion zum hufeisenförmigen Magazin. Die seitliche Anordnung bewährte sich nicht. Das Modell mit dem mittig angebrachten Hufeisenmagazin wurde nachfolgend in geringem Umfang gefertigt und vertrieben.[2]

Konstruktion des hufeisenförmigen Magazins[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hufeisenladermagazin aus Stahlblech war in der Ebene der Laufachse nach vorne gekrümmt. Eine solide Arretierung sicherte den Halt im Magazinschacht der Pistole. Am vorderen Ende befand sich eine U-förmige Halterung, welche sich unter dem vorderen Gehäuserahmen der Pistole abstützte und so den eingeführten Hufeisenlader auf der Längsachse stabilisierte. Die Seiten des Magazins sind für mehrere Sichtfenster langlochförmig durchbrochen, wodurch die Füllung mit Patronen überprüft werden kann. Folgende Zahlenmarkierungen, die in die Oberfläche des Metalls gestanzt sind, erleichtern das Ablesen der Füllstände: 15, 20, 25, 30, 35 Patronen. Auf dem unteren Bereich des Hufeisenladermagazins befindet sich der Hinweis auf die französischen Patentangaben: „Breveté SGDG“. Das Magazin wird durch eine Ladehilfe ergänzt, die das Eindrücken der Patronen unter die Magazinlippen erleichtert.[2]

Verbleib und museale Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die „UNION“-Pistolen von Seytres gelten als Raritäten, wobei Verwechselungen mit Rubypistolen von spanischen Herstellern wie „Union Armera Eibaressa, Eibar – ‚U.A.E.‘“ und „Union Fab. de Armas, Eibar – ‚Rival M1913‘“ sowie „Tomas de Urizar – ‚Union‘“ möglich sind, die ebenfalls mit der Kennzeichnung Union vertrieben wurden.[7] Da die Seytres-Pistole mit Hufeisenmagazin nie in größeren Chargen hergestellt oder gar offiziell beim Militär eingeführt wurde, ist sie besonders selten.[3] Eine kleine Anzahl kam in den 1980er-Jahren über ein französisches Auktionshaus auf den Sammlermarkt.[2] 1991 erwarb der Fördererverein der Wehrtechnischen Studiensammlung aus einer Privatsammlung das Exponat für die Ausstellung der Wehrtechnischen Studiensammlung in Koblenz, die dort mit der Inventarnummer 8.046 gezeigt wird.[8][9] Mit der Inventarnummer 2009.0.484 findet sich im Musée d'Art et d'Industrie de Saint-Etienne eine kleinere Pistole von Seytres mit der Seriennummer 42, deren besonderes Merkmal eine Handballensicherung ist.[10] Mit der Inventarnummer 2009.0.488 und der Seriennummer 1152 findet sich im gleichen Museum eine weitere dieser kleinen Pistolen ohne Handballensicherung.[11]

Patent-Informationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Patent FR693501: Chargeur spécial pour pistolet automatique avec appareil de garnissage indépendant. Veröffentlicht am 21. November 1930, Erfinder: Marcel Seytres.
  • Patent FR704787: Chargeur transversal en pour pistolet automatique. Veröffentlicht am 26. Mai 1931, Erfinder: Marcel Seytres.
  • Patent FR750906: Sûreté pour pistolet automatique agissant par poussoir arrière mobile. Veröffentlicht am 22. August 1933, Erfinder: Marcel Seytres.
  • Patent FR795210: Dégagement mécanique de la gâchette, des pistolets automatiques pour former une sûreté automatique auxiliaire. Veröffentlicht am 9. März 1936, Erfinder: Marcel Seytres.
  • Patent FR818566: Pistolet automatique, avec commande auxiliaire assurant à volonté le tir alterné ou continu. Veröffentlicht am 29. September 1937, Erfinder: Marcel Seytres.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Daniel Casanova: Les pistolets Union. Crépin-Leblond éditions, Chaumont 2016, ISBN 978-2-7030-0411-0.
  • Luc Guillot: Le pistolet Union-France à « chargeur fer à cheval ». In: Gazette des Armes. Nr. 423. Paris September 2010, S. 44–47 (Online).
  • Jean Huon: Les pistolets automatiques de l´Armée francaise. In: Gazette des Armes. Nr. 170. Edition Crepin Leblond, Paris Oktober 1987, S. 28–32 (Online).
  • Jean Huon, E. Medlin: Les Armes de Poing de l'Armee française 1858–2004. 2. Auflage. Edition Crepin Leblond, Chaumont 2005, ISBN 2-7030-0253-X.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Pistolet Union chargeur fer de cheval – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wehrtechnische Studiensammlung Koblenz, Inventarbeschreibung Selbstladepistole Union, Inventarnummer 8.046, Stand: 2009
  2. a b c d e f Luc Guillot: Le pistolet Union-France à « chargeur fer à cheval ». In: Gazette des Armes. Nr. 423. Paris September 2010, S. 44–47 (Online).
  3. a b c Jean Huon: Les pistolets automatiques de l´Armée francaise. In: Gazette des Armes. Nr. 170. Edition Crepin Leblond, Paris Oktober 1987, S. 28–32 (Online).
  4. Pistole Vercar 6,35 mm: Deactivated WWII era Verney Carron pocket pistol. Arundel Militaria, abgerufen am 23. November 2022 (englisch, Abbildung und Erläuterung zum Hersteller M. Seytres).
  5. Marcel Seytres, zweizeilige Pistolenmarkierungen: „PISTOLET AUTOMATIQUE FRANCAIS FABRIQUE A StETIENNE - CAL 7,65 mm "UNION"“. In: French guns. littlegun.info, 2009, abgerufen am 21. November 2022 (Hinweise zu Seytres in China und Abbildung einer Pistole Kaliber 7,62 mm mit Handballensicherung).
  6. Siehe Abschnitt Patent-Information.
  7. Ruby / Eibar Union: Spanish Eibar/Ruby Pistols. Forgotten Weapons, Tucson, AZ 85704, abgerufen am 24. November 2022 (englisch).
  8. Rolf Wirtgen: Neuerwerbungen. In: Verein der Freunde und Förderer der Wehrtechnischen Studiensammlung (Hrsg.): WTS-Info. Nr. 10/1992. Koblenz 1992, S. 7.
  9. Radek Havelka: Einzelbild: Selbstladepistole Union. In: Wehrtechnische Studiensammlung Koblenz Německo 2009. valka.cz, 2009, abgerufen am 21. November 2022 (Abbildung der Pistole in der Ausstellung der Wehrtechnischen Studiensammlung Koblenz mit Exponatbeschreibung zur Inventarnummer 8.046).
  10. Pistole Union 6,35 mm mit Handballensicherung: Pistolet semi-automatique (PSA) - Union (Arme). Musée d'Art et d'Industrie de Saint-Etienne, abgerufen am 24. November 2022 (französisch).
  11. Pistole Union 6,35 mm: Pistolet semi-automatique (PSA) - Union (Arme). Musée d'Art et d'Industrie de Saint-Etienne, abgerufen am 24. November 2022 (französisch).