Polizeikultur

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Der Begriff Polizeikultur erfasst die Wertmaßstäbe und Verhaltensmuster, die für Polizisten in der Ausübung ihres Berufes prägend sind.

Die Institution Polizei ist ein Teil der öffentlichen Verwaltung. Ihre Aufgaben und Ermächtigungen sind durch Gesetze festgelegt, zum Beispiel durch das Polizeigesetz und die Strafprozessordnung. Die Art und Weise, wie Polizisten / Polizistinnen die grundlegenden Regelungen im jeweiligen Einzelfall anwenden, kann jedoch nicht verwaltungstechnisch organisiert werden. Das konkrete Handeln wird vielmehr durch intrasystemisch sozialisierte Muster der Subkultur Polizei beeinflusst. Dabei kann zwischen der öffentlich kommunizierten Polizeikultur (Leitbilder) und der gelebten Polizistenkultur (Cop Culture; vergl. Behr, 2000) unterschieden werden.

Die Entstehung von informellen Wertesystemen kann nicht als in besonderem Maße typisch für die Organisationen der Polizei angesehen werden. Vielmehr bilden sich vergleichbare Wertesysteme auch in anderen Organisationen heraus. Polizeikultur hebt sich jedoch dadurch ab, dass ihre Wertesysteme davon geprägt sind, dass ein Teil der Polizeikräfte immer wieder in Situationen agieren muss, in denen Gewalt eingesetzt wird.

Die ersten näheren Untersuchungen zur Polizistenkultur sind in den 90er Jahren in den USA durchgeführt worden. Ihr Gegenstand waren insbesondere polizeiliche Einsätze mit diskriminierendem, belästigendem oder unangemessen gewalttätigem Hintergrund.

Untersuchungen dieser Art zielen darauf ab, die Faktoren aufzuzeigen, die bestimmen, wie Polizisten / Polizistinnen meinen, ihre Aufgabe in der Praxis gut zu erfüllen. Es ließ sich zeigen, dass im Spannungsfeld zwischen der Auseinandersetzung mit den gewissen gesellschaftlichen Realitäten (z.B.„Gesetz der Straße“), den Vorstellungen der Polizeimanager und den Erwartungen der eigenen Kollegen Verhaltensmuster entstehen, die von Männlichkeitsritualen (Überlegenheit, Respekt) und Gruppenprozessen (Verschwiegenheit, Anpassung) bestimmt sind.

Das oft über Generationen entstandene System von gemeinsamen Werten und Handlungsmustern wird unabhängig von den Inhalten der Berufsausbildung in der Berufspraxis weitergegeben. Wer als Polizist / Polizistin dauerhaft integriert sein will, passt sich den internen Regeln der Organisationskultur an (Konformität). Neuere Forschungen zeigen allerdings, dass der Prozess der Anpassung nicht stereotyp erfolgt und die Annahme einer festgefügten Polizeikultur zugunsten einer inhomogenen Vielfalt von Polizeimilieus differenziert werden muss.

Daneben artikuliert sich Polizeikultur als öffentlich kommuniziertes Rollenverständnis über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus in Leitbildern, Selbstverständnissen und Grundsätzen. In der Bundesrepublik Deutschland legen der Bund, die Bundesländer und auch die einzelnen Polizeibehörden eigene Schwerpunkte nach innen und außen. Die Entstehungsprozesse und die Wirkung dieser normativen Polizeikultur auf das Verhalten der Polizisten / Polizistinnen und die Wahrnehmung der Polizei in der Öffentlichkeit sind Gegenstand aktuell laufender wissenschaftlicher Untersuchungen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rafael Behr: Cop Culture. Der Alltag des Gewaltmonopols. Männlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei. 2. Auflage, VS-Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15917-1.
  • Rafael Behr: Polizeikultur. Routinen – Rituale – Reflexionen. Bausteine zu einer Theorie der Praxis der Polizei. VS Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-531-14584-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]