Polytechnische Schule (Österreich)

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Polytechnische Schule (PTS, PS)
Schulart
Staat Österreich
Schultyp (allgemein) Einjähriger Lehrgang der Berufsvorbereitung
ISCED-Ebene 3C
Klassifikation (national) Allgemein bildende Schule/Allgemein bildende Pflichtschule (11.4)[1]
Schulträger Gemeinde[2]
Voraussetzung keine
Dauer 1 Jahr
Stufen: 9. Schulstufe
Regelalter 14
Schulabschluss keiner (Erfüllung der Unterrichtspflicht)
Schulformen 7 Fachbereiche und Sonderformen[1]
Anzahl 255 – 4 % d.Schulen insg. (2011/12)[3]
Schüler 18.841 – 1,6 % d.Schüler insg. (2011/12)[4], 18 % eines Jahrgangs[5]
freiwilliges 10. Jahr ist möglich

Die Polytechnische Schule (auch Polytechnikum, fachlich PTS, in Schulnamen auch PS, umgangssprachlich kurz auch Poly) ist im Schulsystem in Österreich eine einjährige allgemein bildende Pflichtschule, die an die 8. Schulstufe anschließt. Sie dient primär der Berufsvorbereitung.

Schulform und Bildungsziel[Bearbeiten]

Die Polytechnische Schule ist eine Schulart, die die Lücke zwischen dem Ende der Sekundarstufe I in der 8. Schulstufe, und dem Ende der Unterrichtspflicht mit Ende des 15. Lebensjahres schließt.

Bildungsziel der PTS ist „die Allgemeinbildung der Schüler in angemessener Weise zu erweitern und zu vertiefen, durch Berufsorientierung auf die Berufsentscheidung vorzubereiten und eine Berufsgrundbildung zu vermitteln“ (§ 28 SchOG). Die Schule wird vornehmlich von den Schülern genutzt, die nach dem Ende der Hauptschule eine Lehre beginnen.[6] Die Schüler sollen je nach Interesse, Neigung, Begabung und Fähigkeit für den Übertritt in Lehre und Berufsschule (Duale Ausbildung) bestmöglich qualifiziert, sowie für den Übertritt in weiterführende Schulen befähigt werden. Die PTS bietet die Möglichkeit, sich für eine Ausbildungsrichtung festzulegen und Berufspraxis zu sammeln, das geschieht während Berufspraktischer Tage.
Daneben soll die PTS auch die Chance bieten, eine weiterführende Schule zu besuchen, wenn der Übertritt nicht mit Ende der Hauptschule gelingt.

Für eine polytechnische Schule ist der positive Abschluss einer Haupt- oder Sonderschule, AHS-Unterstufe oder Neuen Mittelschule keine Voraussetzung. Außerdem kann ein Schüler, der keine Lehrstelle findet, auch ein freiwilliges 10. Jahr in diesen Schulformen verbringen.[7]

Eine Polytechnische Schule kann entweder selbstständig oder in organisatorischer Einheit mit einer anderen Pflichtschule errichtet werden.

Fachbereiche[Bearbeiten]

Die Polytechnische Schule bietet zur Erreichung dieser Ziele verschiedene Fachbereiche an, aus denen die Schüler wählen können:[1]

sowie einige Sonderlehrpläne.

Die Fachbereiche werden ergänzt durch Zertifikate wie den Computerführerschein (ECDL) oder den Unternehmerführerschein.

Zur Stellung der Polytechnischen Schule im Schulsystem[Bearbeiten]

Mit der ersten Nachkriegs-Schulnovelle 1962 wurde in Österreich die allgemeine Schulpflicht von acht auf neun Jahre verlängert. Dabei wurde ein in Österreich einzigartiger, und auch europaweit seltener Lehrgang eingeführt, der explizit dieses eine Jahr nutzen soll, die Allgemeinbildung abzurunden, und insbesondere den Schülern die Berufswahl zu erleichtern (Sekundarstufe II, ISCED-Level 3C). Die beiden anderen Optionen, die nach der SchOGNovelle zur Disposition gestanden waren, eine Verlängerung der Hauptschule auf fünf Jahre, oder eine Verlängerung der Volksschule auf fünf Jahre mit Nach-hinten-Verschieben der Hauptschule und AHS, wurde seinerzeit verworfen.[8] Nach zehn Jahren Schulversuch (1970–1980) wurde die Schulart mit der 6. SchOGNovelle 1980 festgelegt (§ 28).

Das an sich ambitionierte Anliegen konnte seinen Ansprüchen aber nie wirklich gerecht werden. Die allgemeinbildenden Inhalte scheinen keinen konkreten Bedarf abzudecken. Die Praxisorientierung, die im Bildungsziel festgesetzt war, ist aufgrund unzulänglicher Ausstattung[9] immer weit hinter dem geblieben, was sich handwerklich interessierte Schüler für ihre Ausbildung erwarteten, und was auch in der anschließenden Lehre Standard ist.[10] Und die – ebenfalls gesetzlich verankerten – Übertrittsmöglichkeiten in eine weiterführende Schule konnten nicht genutzt werden, weil der Lehrplan des Polytechnischen Lehrgangs mit dem der weiterführenden Schulen nicht übereinstimmte, womit der Besuch der PTS gar keine andere Chance als einen Lehrberuf mehr zulässt, wenn man kein Jahr verlieren will.[11] Daher wurde die Polytechnische Schule, egal, ob der Schüler eine Lehre zu machen beabsichtigt, Lerndefizite ausgleichen oder nur seine Schulpflicht absolvieren will, von Anfang an als ein „verlorenes Jahr“ gesehen.[12] Auch seitens der Wirtschaft sah man das ähnlich, in den 1960ern und 70ern herrschte großer Lehrlingsmangel.[13]

Damit begann auch eine soziale Abwertung dieser Schule.[14] Reformen in einem breitangelegten weiteren Schulversuch 1990–96 wie auch ab 2000 – Poly-2000, Umwandlung des Polytechnischen Lehgangs (PL) in die Polytechnische Schule (PTS)[15] – haben das trotz anfänglich positiver Ergebnisse nicht aufhalten können. Im Schuljahr 1980/81 wählten 30 Prozent des entsprechenden Schülerjahrgangs die PTS, bis 2009/10 sank der Anteil auf 19,4 Prozent.[16] Von den über 60.000 Schülern eines Jahrgangs, die heute (Stand 2012) die Hauptschule abschließen, haben etwa 9500 ihre Schulpflicht schon erfüllt und verbleiben entweder ohne weitere schulische Ausbildung (ca. 4000) oder wechseln direkt in die Lehre/Fachschule (4500), und 20.000 gehen an die Polytechnische Schule.[17] Die Hälfte aller Hauptschulabsolventen wechselt aber nicht in eine Polytechnische Schule, sondern eine berufsbildende mittlere oder höhere Schule (BHMS; BMS: 13.000, BHS: 18.500).[5] Tatsächlich treten aber über 40.000 Jugendliche in der 10. Schulstufe in die duale Ausbildung ein.[5] Das heißt, 20.000 der Schüler, die in eine BHMS wechseln, wechseln nicht, um diese Schulen abzuschließen, sondern das 9. Pflichtschuljahr zu überbrücken – sie wissen wohl schon, welche Berufsrichtung sie wählen wollen, brauchen also keine Berufsorientierung mehr, und sehen beim zukünftigen Lehrherrn bessere Chancen, wenn sie die PTS umgehen. Umgekehrt dürften die Polytechnische Schule speziell diejenigen wählen, die von den BHMS abgewiesen werden, oder aber noch keine konkrete Vorstellung von ihrem zukünftigen Arbeitsleben haben.[18] Inzwischen wird das von der Wirtschaft kritisch gesehen, weil die Absolventen des 1. Jahres einer BHMS noch keinerlei Vorbereitung auf den lehrberufliche Ausbildung bekommen haben: Dort zielen die Lehrpläne aufbauend auf den Abschluss- bzw. Diplomprüfung.[19]

Tatsächlich zeigt sich aber darin eine starke Stadt–Land-Differenzierung: Im urbanen Raum wird die Polytechnische Schule als wenig hochwertiger Schulgang gesehen[16][7] – in Wien besuchen etwa 60 % der österreichischen Schüler mit Migrationshintergrund eine PTS[16][7] (österreichischer Gesamtdurchschnitt ist 18 %,[20] überdurchschnittliche Raten in diesem Bereich gelten als typischer Problemfeldindikator). Am Land sind primär die Gegebenheiten entscheidend: Während Polytechnische Schulen durchwegs an den Hauptschulstandorten angesiedelt sind, sind – insbesondere für den Berufswunsch passende – mittlere und höhere Schulen oft weit entfernt. Hier treten meist ganze Hauptschulklassen relativ geschlossen in die Polytechnische Schule über, weil keine Wahlmöglichkeit da ist und Verbleib im sozialen Umfeld höher bewertet wird als Schulkarriere. Im ländlichen Raum ist die Polytechnische Schule der Normalbildungsgang eines Lehrlings, und keineswegs negativ besetzt.[7][16]

Mit Schuljahr 2018/19 wird die Hauptschule endgültig abgeschafft, und durch die schon seit einigen Jahren im Schulversuch beziehungsweise als Schulmodell laufende Neue Mittelschule (NMS) ersetzt. Diese verbindet das Leistungsgruppensystem der Hauptschule mit dem Lehrplan der AHS-Unterstufe. Dadurch soll das Bildungsgefälle Hauptschule zu AHS, und damit die Weichenstellung zwischen Lehre und weiterführender Schule (ob allgemein- oder berufsbildend) schon in der 5. Schulstufe (mit 10 Jahren) beseitigt werden. Wie sich das auf die Polytechnische Schule als Schulform auswirken wird, ist derzeit unklar: Über entsprechende Anpassung dieser Schulart wird parallel nachgedacht, auch, die Neue Mittelschule zukünftig auf 5 Jahre auszudehnen, erscheint möglich.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Peter Jäger, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Abteilung I/9a (Hrsg.): Entstehung und Entwicklung der Polytechnischen Schule. Broschüre. 1. Auflage. April 2001 (Teil 1 (PDF; 264 kB), Teil 2, beide pdf, eduhi.at, abgerufen am 9. März 2012).
  •  Peter Jäger, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Abteilung I/9a (Hrsg.): Die österreichische Polytechnische Schule im Wandel – Schulpädagogische Perspektiven. Broschüre. 1. Auflage. April 2001 (pdf, pubshop.bmukk.gv.at, abgerufen am 19. März 2012).

Lehrziel und -plan:

  • 4. Polytechnische Schule, § 28 Schulorganisationsgesetz, Stf. BGBl. Nr. 242/1962 i.d.g.F. ris.bka
  •  Thomas Steinkogler (Bearb. für das Internet), Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Abteilung I/7 (Hrsg.): Lehrplan der Polytechnischen Schule. 5. (korrigierte) Auflage. Oktober 2008 (Die Lehrplan-Verordnung der Polytechnischen Schule wurde im Bundesgesetzblatt Teil II, Nr. 236, vom 22. August 1997 veröffentlicht, geändert durch das BGBl II Nr. 283/2003 und weiters durch das BGBl II Nr. 308/2006, Broschüre als Download (PDF; 236 KB)).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Österreichische Schulformensystematik, Stand 2011/12, pdf, bmukk.gv.at, S. 6
  2. 252, es gibt auch 2 PTS der katholischen Kirche, und eine sonstiger Schulträger. Schulen im Schuljahr 2010/11 nach dem Schulerhalter, Statistik Austria (pdf)
  3. Schulen im Schuljahr 2010/11 nach Schultypen, Statistik Austria (online)
  4. Schülerinnen und Schüler 2010/11 nach detaillierten Ausbildungsarten und Geschlecht, Statistik Austria (pdf)
  5. a b c Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2010/11 nach Schulstufen, Statistik Austria (pdf)
  6. Der Wechsel von einer AHS-Unterstufe oder Statutsschule an die PTS spielt keinerlei Rolle, und bleibt bei 1 % (168 Schüler gegenüber 17.146 von der Hauptschule, Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2010/11 nach Schulstufen, Statistik Austria, pdf, s.o.)
  7. a b c d Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatNeunte Schulstufe: "Poly" soll aufgewertet werden. insb. Abschnitte OECD kritisiert hohen Migrantenanteil und Poly am Land beliebter. In: derStandard.at›Bildung›Schule. 12. Jänner 2011, abgerufen am 8. März 2012.
  8. Lit.  Jäger: 2001, S. 16 (pdf 13).
  9. Festgelegt ist das im § 7 Abs. 3 Pflichtschulerhaltungs-Grundsatzgesetz; vergl.  Jäger: 2001, S. 13 (pdf 10).
  10. Das hohe Niveau der Lehrlingsausbildung in Österreich liegt auch darin, dass die Lehrlinge in Betrieben von Anfang an stark gefordert werden: Den Lehrling anfangs für reine Handlangerei herzunehmen, ist in den meisten Branchen unüblich.
  11.  Jäger: 2001, S. 13.
  12. Zitat  Jäger: 2001, S. 13 (pdf 10).
  13.  Jäger: 2001, S. 21 (pdf 18).
  14. Zitat  Jäger: 2001, S. 14 (pdf 11). In Anlehnung an J. Baumert, u.a.: Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Reinbek 1994, S. 447 bezeichnet der Autor die späteren Reformen auch als „Pyrrhus-Sieg“ der Pädagogik.
  15.  Jäger: 2001, S. 15 (pdf 12), und Schlussbemerkung 68 f (pdf 65).
  16. a b c d Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatPolytechnische Schulen: Angeschlagenes Image seit 45 Jahren. Misslungener Start verhinderte eine klare Definition. Schüler umgehen die Schule zunehmend. Viele brechen höhere Schulen nach Ende der Schulpflicht ab. In: DiePresse.com → Bidung. o.D., abgerufen am 8. März 2012.
  17. Übertritte von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II im Schuljahr 2010/11 nach dem Geschlecht, Statistik Austria (pdf)
  18. vergl.  Jäger: 2001, S. 11.
  19. Claudia Heim: Polytechnische Schule - Auslaufmodell oder Zukunftschance?. portal.wko.at, 6. Juni 2011
  20. Übertritte Sekundarstufe I–II insgesamt: 94.106, in die PTS: 17.439. Übertritte von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II im Schuljahr 2010/11 nach dem Geschlecht, Statistik Austria, s.o.