Porträt der Eirene

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Porträt im Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

Das Porträt der Eirene ist ein realistisch anmutendes ägyptisches Mumienporträt aus der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Das Artefakt ist aufgrund seiner ausführlichen Inschrift in demotischer Schrift einmalig.

Wie andere Mumienporträts wurde es mittels der Technik der Enkaustik auf eine einen Millimeter starke Tafel aus Lindenholz gemalt. Die Tafel ist am oberen Ende halbrund zugeschnitten und folgt dort annähernd der Kopfform des Porträts. Sie war auf der Kopfseite der Mumie eingebunden, Reste der Bandagierung sind auf Höhe der Schlüsselbeine zu erkennen. Die Tafel ist 37,2 cm hoch und 22,2 cm breit. Gezeigt wird die Büste einer jungen Frau („Schulterstück“) in Frontalansicht, den Kopf aus Betrachtersicht leicht nach links gedreht. Im Haar trägt sie einen goldenen Lorbeerkranz. Die kurzen Haare sind zu sehr feinen, kleinen Löckchen gedreht. Die großen Augen unter den dicken Augenbrauen wie auch die schmalen, vollen Lippen zeigen kaum eine Gefühlsregung, vermitteln den Eindruck von Distanziertheit. In den grob ausgearbeiteten Ohren trägt Eirene längliche, silberne Anhänger. Die Nase ist recht groß und erhöht den Eindruck eines etwas länglichen, schmalen Gesichts. Die Schultern sind von einem rötlich-braunen Gewand bedeckt.

Die Tafel trägt eine dreizeilige demotische Inschrift, die unter dem Kinn quer über den Hals und darüber hinaus aufgebracht ist: „Eirene, Tochter des Silvanos, ihre Mutter ist Senpnoutis. Möge ihre Seele leben vor Osiris-Sokaris, dem großen Gotte, dem Herrn von Abydos, ewiglich.“[1] Die Lesung insbesondere bezüglich des Vaternamens ist unsicher.[2] Es ist die einzige bekannte demotische Inschrift auf einem Mumienporträt, während demotische Beschriftungen auf sogenannten Mumienetiketten häufig sind.[3] Alle anderen bekannten und beschrifteten Mumienporträts tragen hingegen griechische Inschriften. Die demotische Schrift wurde noch bis in die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts häufig verwendet, danach bis ins 3. Jahrhundert mit abnehmender Häufigkeit nur noch für religiöse Texte. Dazu passt, dass das Mumienporträt in die 40er Jahre des ersten Jahrhunderts datiert wird und damit eine der frühesten derartigen Abbildungen ist und zudem eine Beschriftung mit religiösem Bezug aufweist.

Die Tafel zeigt die intensive kulturelle Durchdringung von ägyptischen, hellenistischen und römischen Kultureinflüssen. Der Name der Eirene ist aus dem Griechischen, möglicherweise römisch beim Vater (Gräzisierung des lateinischen Namens Silvanus)[4] und ägyptisch-theophor bei der Mutter, die Gottheiten sind ägyptisch, der Stil des Porträts, des Haarkranzes und des Ohrenschmucks ist typisch römisch. Nur sehr wenige Mumienporträts tragen Inschriften, und wenn, dann meistens nur den Namen oder eine Berufsbezeichnung,[5] aber keine weiteren Informationen. Mehr Informationen über Eirene sind somit nicht bekannt, doch kann man davon ausgehen, dass sie aus einer ethnisch gemischten Familie der gehobenen Mittel- oder Oberschicht stammte.

Obwohl das Bildnis so wirkt, als würde es sehr individuelle Züge zeigen, gehen einige Forscher davon aus, dass es sich dabei nicht wirklich um ein Porträt der verstorbenen Eirene handelt, sondern um ein individuell angepasstes Serienprodukt eines auf derartige Arbeiten spezialisierten Kunsthandwerkers. Andere Forscher gehen hingegen davon aus, dass die Bilder schon zu Lebzeiten geschaffen wurden und dann bis zur Bestattung im Haus verwahrt wurden, was für weitaus mehr Individualität sprechen würde.[6]

Das Porträt der Eirene stammt aus der Sammlung des Ernst Sieglin und ist heute unter Inventarnummer 7.2 Teil der Antikensammlung des Landesmuseums Württemberg. Der ursprüngliche Fundort ist unbekannt.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Barbara Borg: „Der zierlichste Anblick der Welt …“. Ägyptische Porträtmumien (= Zaberns Bildbände zur Archäologie./ Sonderhefte der Antiken Welt). von Zabern, Mainz 1998, ISBN 3-8053-2263-1, S. 63.
  • Nina Willburger: Zeugnisse römischer Mumiendekoration aus Ägypten. Ernst von Sieglin und seine Sammlung. In: Daniel von Recklinghausen (Hrsg.): Ägyptische Mumien. Unsterblichkeit im Land der Pharaonen. von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-3778-6, S. 230–232 (Anlässlich der Ausstellung in Stuttgart im Landesmuseum Württemberg vom 6. Oktober 2007 bis 24. März 2008).
  • Nina Willburger: Wahre Schätze: Antike. Landesmuseum Stuttgart/Süddeutsche Verlagsgesellschaft im Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2016, ISBN 978-3-7995-1140-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zitat nach Wahre Schätze Antike, Landesmuseum Stuttgart, S. 57.
  2. Klaus Parlasca, Hans G. Frenz: Ritratti di mummie. Repertorio d’arte dell’Egitto greco-romano. Serie B, Band 4. „L’Erma“ di Bretschneider, Rom 2003, S. 127 Nr. 12; der Vatername wurde früher als Silanos gelesen; zur Inschrift auch Barbara Borg: „Der zierlichste Anblick der Welt …“. Ägyptische Porträtmumien. von Zabern, Mainz 1998, S. 63.
  3. Zu Mumienetiketten siehe Sven Peter Vleeming: Demotic and Greek-Demotic Mummy Labels and Other Short Texts Gathered from Many Publications (Short Texts II 278-1200) (= Studia demotica. Band 9). Zwei Bände. Peeters, Löwen 2011–2012; Bildergalerien zu Mumienetiketten: Mummy labels (limestone): a gallery auf Digital Egypt for Universities des University College London.
  4. Die ältere Lesung Silanos durch Silvanos zu ersetzen, wurde 1985 von Wolfgang Brunsch in einem Brief an das Museum vorgeschlagen; vgl. Klaus Parlasca, Hans G. Frenz: Ritratti di mummie. Repertorio d’arte dell’Egitto greco-romano. Serie B, Band 4. „L’Erma“ di Bretschneider, Rom 2003, S. 127 Nr. 12.
  5. Hubert Cancik, Helmuth Schneider (Hrsg.): Der Neue Pauly 8, Stuttgart / Weimar 2000, ISBN 3-476-01478-9, Sp. 465.
  6. Nina Willburger: Zeugnisse römischer Mumiendekoration aus Ägypten. Ernst von Sieglin und seine Sammlung, in: Ägyptische Mumien. Unsterblichkeit im Land der Pharaonen. Anlässlich der Ausstellung „Ägyptische Mumien - Unsterblichkeit im Land der Pharaonen“ im Landesmuseum Württemberg vom 6. Oktober 2007 bis 24. März 2008. Mainz 2007, S. 230–232.
  7. Mumienporträt der Eirene