Postkommunismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

„Postkommunismus“, häufig adjektivisch als „postkommunistisch“ gebraucht (von lat. post für „nach“, d.h. etwas „nach dem Kommunismus“), seltener auch in der Variante „Postsozialismus“ bzw. „postsozialistisch“, ist ein mehrdeutiger Begriff, der sowohl in der medialen Berichterstattung, der politischen Auseinandersetzung als auch im wissenschaftlichen Diskurs verwendet wird. Er hat mehrere, oft nicht deutlich voneinander zu trennende Dimensionen:

  • zeitlich in Bezug auf die Zeit nach den Umwälzungen und Revolutionen im Jahr 1989 und nach der Auflösung der Sowjetunion,
  • räumlich in Bezug auf die ehemaligen Ostblockstaaten mit zuvor kommunistischen bzw. realsozialistischen Systemen,
  • sachlich bzw. personenbezogen in Bezug auf die Nachfolgeparteien der ehemaligen kommunistischen bzw. sozialistischen Parteien in diesen Staaten und deren Mitglieder. Dabei ist mit der Bezeichnung keine bestimmte politische oder philosophische Ideologie verbunden (und insofern nicht mit Postmarxismus zu verwechseln); so blieb die deutsche PDS als Nachfolgerin der DDR-Staatspartei SED am linken Rand des Parteienspektrums, während sich die Nachfolgeparteien in anderen ehemaligen Ostblockstaaten, etwa der SLD oder die SDPL in Polen oder die ungarische MSZP sich am Vorbild sozialdemokratischer Volksparteien wie der SPD oder der britischen Labour Party orientierten und bereits kurz nach der Wende wieder die Regierung stellten.
  • Politisch wird der Begriff gelegentlich als Schlagwort („Kampfbegriff“) verwendet, um die tatsächliche oder vermeintliche Nähe von politischen Gegnern zu den früheren Regimen zu betonen, sie als Opportunisten darzustellen (vgl. „Wendehals“ und ähnliche Begriffe) oder die Glaubwürdigkeit ihres Bekenntnisses zu liberaler Demokratie, Rechtsstaat und freier Marktwirtschaft zu bezweifeln; als Eigenbezeichnung ist er dementsprechend ungebräuchlich.
  • Kulturell beschreibt der Begriff gelegentlich ein kollektive oder generationsbezogene Erfahrung oder ein unspezifisches Lebensgefühl, das Gesellschaften während oder nach der Systemtransformation kennzeichnet und durch bestimmte Phänomene wie Massenarbeitslosigkeit oder Anomie und damit zusammenhängend eine Wiederkehr von Konservatismus, Nationalismus, Familialismus bzw. Refamilialisierung (Rückverlagerung wohlfahrtsstaatlicher Aufgaben in die Familie), Autoritarismus oder Patronage bzw. Klientelismus gekennzeichnet ist.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Boris Groys, Anne von der Heiden, Peter Weibel (Hrsg.): Zurück aus der Zukunft: Osteuropäische Kulturen im Zeitalter des Postkommunismus. edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-518-12452-8. (Rezension auf Perlentaucher)
  • Boris Groys: Das kommunistische Postskriptum. edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-12403-X.
  • Tanja Bürgel (Hrsg.): Generationen in den Umbrüchen postkommunistischer Gesellschaften: Erfahrungstransfers und Differenzen vor dem Generationenwechsel in Russland und Ostdeutschland. (= SFB-580-Mitteilungen. 20). Universität Jena, Jena 2006. (Volltext PDF)
  • Kai-Olaf Lang: Postkommunistische Nachfolgeparteien im östlichen Mitteleuropa: Erfolgsvoraussetzungen und Entwicklungsdynamiken. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2009, ISBN 978-3-8329-3642-6. (Abstract)
  • Dittmar Schorkowitz: Postkommunismus und verordneter Nationalismus. Gedächtnis, Gewalt und Geschichtspolitik im nördlichen Schwarzmeergebiet. Peter Lang, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-631-57610-6. (Google Books)
  • Dieter Segert, Richard Stöss, Oskar Niedermayer (Hrsg.): Parteiensysteme in postkommunistischen gesellschaften Osteuropas. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, ISBN 3-531-13007-2. (Google Books)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]