Gerd Koenen

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Gerd Koenen (links) mit Timothy Snyder 2016

Gerd Koenen (* 9. Dezember 1944 in Marburg an der Lahn) ist ein deutscher Publizist und freiberuflicher Historiker. Sein Hauptarbeitsgebiet sind die deutsch-russischen Beziehungen im 20. Jahrhundert und die Geschichte des Kommunismus. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er mit den Büchern über den Kommunismus als Utopie der Säuberung (1998) und der autobiographisch geprägten Schilderung der linksradikalen Szene der 1970er Jahre in Das rote Jahrzehnt (2001) bekannt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koenen wuchs in Bochum und Gelsenkirchen auf und studierte ab 1966 in Tübingen Romanistik, Geschichte und Politik. Dort trat er unter dem Eindruck der Erschießung von Benno Ohnesorg durch die Polizei dem sich radikalisierenden Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei. 1968 wechselte er nach Frankfurt am Main, wo er 1972 das Staatsexamen in Geschichte und Politik bestand und bei Iring Fetscher mit den Vorbereitungen für eine Promotion zur Demokratietheorie von Karl Marx begann.

1973 trat er dem neu gegründeten Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) bei, einer damals von Joscha Schmierer geführten, straff organisierten, maoistischen K-Gruppe. Unter deren Einfluss gab er 1974 sein Promotionsvorhaben auf, um sich stattdessen der „revolutionären Betriebsarbeit“ zu widmen und ab 1976 die Kommunistische Volkszeitung des KBW zu redigieren.

Ab 1982 distanzierte sich Koenen vom KBW und wurde über die Beschäftigung mit der polnischen Widerstandsbewegung Solidarność, über die er in den 80er Jahren publizierte, vom Kommunismus desillusioniert. In mehreren Veröffentlichungen widmete sich Koenen daraufhin der Geschichte des Kommunismus sowie dessen Wahrnehmung in Deutschland – ein Thema, über das er 2003 schließlich in Tübingen promovierte. Von 1988 bis 1990 war er Redakteur der von Daniel Cohn-Bendit herausgegebenen Zeitschrift Pflasterstrand, in der 1990 der Essay Der Kindertraum vom Kommunismus erschien.[1] Dessen Grundthesen legte der Autor 1998 in Utopie der Säuberung ausführlicher dar. Während der damals hitzig geführten Diskussion um das Schwarzbuch des Kommunismus wurde die Utopie intensiv rezipiert und machte Koenen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Seine Kommunismuskritik skizzierte er 1990 so:

„Worauf läuft diese [kommunistische] Gesellschaftsvorstellung hinaus? In der Hauptsache auf die Vorstellung einer übergeordneten Instanz, die alle Risiken und Wechselfälle des Lebens ausschalten könnte und die sogar für das Lebensglück der Menschen zu sorgen imstande wäre. Die Schritte, die in diese neue, freiwillige Hörigkeit hineinführen, sind jeder für sich scheinbar harmlos. Man ist diesen Weg auch stets fröhlich und schwungvoll gegangen, mit fliegenden Fahnen und stürmischen Forderungen: ,Recht auf Arbeit – Recht auf Wohnung – Recht auf Bildung – Recht auf soziale Sicherheit – Recht auf Freizeit …‘ Alles elementare soziale Menschenrechte doch wohl. Nichts, was man auch nur einem einzigen Menschen verweigern möchte.
Nur daß das unweigerlich seinen Preis hat. Jene erträumte gute Staatsmacht und ,große Nährerin‘, die den einzelnen Menschen ihr Lebensrisiko abnehmen soll, versammelt damit bereits eine potentiell schrankenlose Kompetenz und Macht in ihren Händen. Zum Beispiel: Kann es, wenn man es durchdenkt, ein ,Recht auf Arbeit‘ geben ohne eine ,Pflicht zur Arbeit‘, wie milde oder streng auch immer? Wohl kaum. Und so ist es mit allem. Freiheit und soziale Sicherheit sind gewiß keine Gegensätze, sie ergänzen und bedingen sich. Aber sie stehen auch in einem Spannungsverhältnis. Wer dieses Spannungsverhältnis radikal nach der einen Seite, der Seite der ,sozialen Sicherheit‘, hin auflösen will – und dies genau ist der Grundimpuls des Kommunismus –, begründet eine neue Knechtschaft, ob mit oder ohne Terror. […]
Die Kommunisten diverser Länder, die die Gelegenheit bekamen, dieses historische Experiment am lebenden Gesellschaftsorganismus durchzuführen, ähnelten dabei jenen Schulbuben, die versuchen, einen Maikäfer zuerst auseinander- und dann wieder zusammenzubauen. Das ist kein Witz. Denn die Errichtung kommunistischer Gesellschaften war immer und unweigerlich mit einer drastischen Senkung des längst erreichten Grades an Differenziertheit und Komplexität verbunden. Die Voraussetzung jeder Planbarkeit menschlicher Bedürfnisse ist eben ihre Reduktion – und damit zugleich die Beschneidung aller vitalen, unberechenbaren, anarchischen Triebe und Bestrebungen der Menschen.“

Gerd Koenen: Der Kindertraum vom Kommunismus[2]

2001 wurde das Buch Das rote Jahrzehnt wiederum breit rezipiert, da sein Erscheinen mit der Diskussion um die linksradikale Vergangenheit von Joschka Fischer und den Stellenwert der 68er-Bewegung in der Geschichte der Bundesrepublik zusammenfiel. 2003 erschien von Koenen eine Skizze über den Entstehungszusammenhang des deutschen Linksterrorismus anhand des Dreieckverhältnisses von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Bernward Vesper.

Anders als andere Intellektuelle mit kommunistischer Vergangenheit, etwa die französischen Autoren des Schwarzbuch des Kommunismus, geht Koenen jedoch nicht so weit, alle linksradikalen Positionen in einer 180°-Wende absolut zu verurteilen. So polemisierte er 2001 in der von Joscha Schmierer herausgegebenen Zeitschrift Kommune gegen den „Versuch der jungen Senioren von der Frei- und Christdemokratie, mit einer Rhetorik des universellen Verdachts ihren Weg des entschiedenen Konformismus als den einzig möglichen Weg der Sozialisation ex post noch zu etablieren“.[3]

Artikel von Koenen erschienen auch in Der Spiegel, Die Zeit und vielen überregionalen Tageszeitungen. Darüber hinaus ist Koenen Autor bzw. Ko-Autor verschiedener Hörfunk- und Fernsehbeiträge. Koenen promovierte 2003 an der Universität Tübingen zum Dr. phil. mit einer Arbeit zum Thema Rom oder Moskau – Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands 1914–1924. Das Werk wurde in überarbeiteter, ergänzter und gekürzter Form unter dem Titel Der Russland-Komplex verlegt. Gemeinsam mit dem russischen Philosophen Michail Ryklin erhielt Koenen am 21. März 2007 auf der Leipziger Buchmesse den mit insgesamt 15.000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Von 2008 bis 2010 forschte Koenen im Freiburger FRIAS zur Geschichte des Kommunismus.[4]

Koenen ist Referent im Veldensteiner Kreis zur Erforschung von Extremismus und Demokratie.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerd Koenen: Der Kindertraum vom Kommunismus. In: PflasterStrand, Juli 1990, S. 47–50 (PDF, 35 kB); vgl. auch Koenens Beitrag zur Spiegel-Serie „Gegenwart der Vergangenheit“: Gerd Koenen: In den Herzen Asche. In: Der Spiegel Nr. 35/2001 vom 27. August 2001 (erweiterte Online-Fassung, PDF, 42 kB).
  2. Gerd Koenen: Der Kindertraum vom Kommunismus. In: PflasterStrand, Juli 1990, S. 47–50 (PDF, 35 kB).
  3. Gerd Koenen: Ach, Achtundsechzig. Fischer, das „Rote Jahrzehnt“ und wir (PDF; 41 kB), zuerst abgedruckt in: Kommune. Zeitschrift für Politik, Ökonomie, Kultur, Nr. 2/2001, S. 6–11.
  4. Fellows. In: frias.uni-freiburg.de, abgerufen am 4. Dezember 2013.