Präexistenz Christi

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Die Präexistenz Christi ist in der christlichen Dogmatik die Lehre, Jesus Christus habe bereits vor seinem irdischen Leben existiert. Sie gehört zum Kern aller Hauptrichtungen des christlichen Glaubens als Teil der Lehrmeinung über die Menschwerdung Gottes und die Trinität, bzw. über die „Fleischwerdung des Wortes“ für Christen, die die Trinität als unbiblisch ablehnen.

Biblische Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vorstellung von der Präexistenz Christi findet sich für die meisten Kommentatoren schon sehr früh im christlichen Denken und durchzieht das gesamte Neue Testament.[1] Die Idee ist ein einleitendes und bestimmendes Thema im Johannesevangelium, aber nicht nur das Johannesevangelium setzt die Präexistenz Christi voraus:[2] Der Gedanke dahinter ist der, dass Jesus Christus bereits vor seinem irdischen Leben „existent“ war und als solcher auch an der Schöpfung der Welt teilhatte. Diese Idee lässt sich biblisch neben Joh 1,1-5 EU aus 1 Kor 8,6 EU; Hebr 1,2 EU; Kol 1,15-20 EU; Mi 5,1+3 EU (vgl. Mt 2,5-6 EU); Joh 8,58 EU; Spr 8,22-25 EU u. a. ableiten.

Hinweise auf die Präexistenz Jesu im Alten Testament[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Mi 5,1-4 EU wird das Kommen des Erlösers und Messias, bzw. des Herrschers über Israel, angekündigt. Es wird gesagt, dass „sein Hervorgehen“ (plural, also mehrmaliges Hervorgehen) von Ewigkeit her geschehen ist.

Darstellung der Präexistenz Jesu im Neuen Testament[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Joh 1,18 EU wird betont, dass Gott nie von jemandem gesehen wurde und dass nur der Sohn, das heißt Jesus Christus, Auskunft über ihn gegeben hat. In 1 Tim 6,16 EU betont der Apostel Paulus, dass Gott in einem „unzugänglichen Licht“ wohne und kein Mensch ihn je gesehen habe. Phil 2,5-11 erklärt, dass Jesus Christus vor seiner Menschwerdung in der Gestalt Gottes war, das heißt genauso Geist war wie sein Vater (Joh 4,24 EU) und dort mit Gott völlig deckungsgleich (kongruent) war. Das griechische Wort isos, das hier gebraucht wird, sagt dies aus (Begriff für das gleichschenklige Dreieck). In Joh 17,5 EU redet Jesus Christus selber über die Herrlichkeit, die er hatte, bevor die Welt war und in Joh 8,58 EU sagt er: „ehe Abraham war, bin ich“. In Joh 1,1+2 EU wird ausgesagt, dass „das Wort“ = ein Titel Jesu Christi – siehe auch Offb 19,13 EU – im Anfang bei Gott war.

Lehren dazu in der Alten Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Origenes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kirchenvater Origenes vertrat eine Präexistenzlehre für alle menschlichen Seelen, und diese bildete die Grundlage für seine Lehre von der Präexistenz Christi. Die Seele Jesu sei wie alle Seelen zu Beginn der Schöpfung von Gott geschaffen worden, habe sich aber bereits vor seiner Inkarnation mit dem göttlichen Logos vereinigt, dem „Wort Gottes“, wie es im Johannesevangelium steht. So erklärte Origenes die menschlichen und die göttlichen Eigenschaften Jesu.

Arianismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn des arianischen Streits im Jahr 318 vertrat der Presbyter Arius als Antiochener die Auffassung der Wesensähnlichkeit (mit Unterordnung des Sohnes unter seinen Vater) im Unterschied zur Wesensgleichheit (mit Gleichrangigkeit von Vater und Sohn) zwischen Gott und seinem Sohn. Arius lehrte, dass der Sohn ein Geschöpf des Vaters sei, und dass es eine Zeit gegeben hat, als der Sohn nicht existierte.

Diese Lehre wurde im Ersten Nicänischen Konzil im Jahr 325 mit dem Anathema belegt. Das auf diesem Konzil formulierte Bekenntnis von Nicäa besagt, „dass Christus gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“ und dass er „herabgestiegen und Fleisch geworden ist“. Ein besonderer Zusatz in diesem Bekenntnis stellt explizit fest, dass die katholische Kirche andere Lehren über die Herkunft Christi verbannt. Damit wurde die Lehrmeinung verbindlich, Christus habe von je her existiert und nicht erst ab bestimmten Zeitpunkt.

Im Arianismus setzte sich jedoch die Vorstellung des Arius fort.

Ebionitismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da die Ebioniten die Jungfrauengeburt ablehnten, wiesen sie dementsprechend auch jedes Konzept der persönlichen Präexistenz zurück.

In der Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sozinianismus / Unitarismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ablehnung jeglicher persönlicher Präexistenz Christi ist auch ein wesentlicher Punkt der unitarischen und sozinianistischen Christologie, wie er auch im Rakower Katechismus der Polnischen Brüder betont wird.[3] Der Einfluss der polnischen und niederländischen Sozinianer hat auch zu einer ähnlichen Zurückweisung der persönlichen Präexistenz Christi unter den frühen englischen Unitariern und Rationalisten geführt. Ein wichtiger Unterschied zu den antiken Arianern ist, dass die Sozinianer und Unitarier die jungfräuliche Geburt akzeptierten. Im 18. Jahrhundert[4] haben Teile des Unitarismus einen weiteren Schritt zu einer rationalistischen Positionierung gemacht. Heute sind die sichtbarsten Vertreter dieser Christologie die Brüder in Christo oder Christadelphians.[5]

Weitere Gedanken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Manche moderne Theologen, zum Beispiel Adolf von Harnack, stehen der Präexistenz Christi skeptisch gegenüber.[6] Paul Althaus hat die Problematik der Präexistenz-Vorstellung für die Dogmatik so erklärt: „Da die Präexistenz eine in der vor- und außerchristlichen Religionswelt verbreitete Aussage ist, muß gefragt werden, ob und inwiefern der Gehalt des Glaubens an Jesus zur Aufnahme des Präexistenz-Gedankens führt und ob er ein angemessener und verbindlicher Ausdruck ist oder ein zeitgebundener, für uns überholter mythologischer Satz.“[7][8][9][10]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerhard Krause, Gerhard Müller: Theologische Realenzyklopädie. Band 17, 1988, S.56
  2. Christian Dietzfelbinger: Der Abschied des Kommenden. Eine Auslegung der johanneischen Abschiedsreden 1997, S.276
  3. Martin Schmeisser (Hrsg.): Sozinianische Bekenntnisschriften: Der Rakower Katechismus des Valentin Schmalz (1608) und der sogenannte Soner-Katechismus. Akademie-Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-05-005200-7, S. 127/128.
  4. Priestley, J., 1791c [1783], A General View of the Arguments for the Unity of God; and against the Divinity and Pre-Existence of Christ; from Reason, from the Scriptures, and from History, in Tracts. Printed and Published by the Unitarian Society for Promoting Christian Knowledge and the Practice of Virtue. Vol. 1, London: The Unitarian Society, pp. 179–214. [Reprint: in Three Tracts by Joseph Priestley, Morrisville, North Carolina: Lulu.com, 2007.]
  5. Hayward, A. Did Jesus really come down from heaven?, Birmingham 1976
  6. Beihefte der Zeitschrifte für Religions- und Geistesgeschichte, 19-22, 1953, S.48
  7. Ulrich Wilckens, Paul Althaus: Präexistenz Christi. In: R.G.G. 491-493
  8. G. Schneider G.: Jesusüberlieferung und Christologie. S.334
  9. J.D.G. Dunn: Christology in the making.
  10. K.-J. Kuschel: Born before All Time? The Dispute Over Christ's Origin. Crossroad, New York 1992