Psychologische Mittwochs-Gesellschaft

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Das Wartezimmer in einer späteren Möblierung

Die Psychologische Mittwoch-Gesellschaft war der erste psychoanalytische Arbeitskreis und der Vorläufer der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Sie wurde im Herbst 1902 von Sigmund Freud in Wien ins Leben gerufen, der mit einer Postkarte Alfred Adler, Max Kahane, den Musikwissenschaftler Rudolf Reitler und Wilhelm Stekel zur Gründung einer kleinen Gesellschaft einlud, um im kollegialen Kreis über psychoanalytische Arbeiten zu diskutieren. Vorangegangen waren die Vorträge Sigmund Freuds, die dieser seit 1900 vor einem kleinen, aber von seiner Vortragsweise und der neuen Sichtweise faszinierten Kreis hielt.[1] Die erste Zeit der Mittwochs-Gesellschaft wird als inspirierend und harmonisch beschreiben.[2]

Die rasch größer werdende Gruppe traf sich regelmäßig mittwochs abends um 20:30 Uhr im Wartezimmer der Praxis Freuds in der Berggasse 19 im 9. Wiener Bezirk. Diskutiert wurden Krankengeschichten, Fragen der Theoriebildung, künstlerische und gesellschaftliche Fragen sowie solche der Entwicklung der neuen Wissenschaft. Der Ablauf der Abende waren zunächst wenig geplant, man saß an einem langen Tisch mit Blick ins Studierzimmer Freuds. Es wurden schwarzer Kaffee, Kuchen und Rauchwaren angeboten.[3][2] Die Aufnahme neuer Mitglieder erfolgte einstimmig.

1906 hatte die Gesellschaft 17 Mitglieder und man entschloss sich, einen besoldeten Schriftführer, Otto Rank, zu beschäftigen. Er notierte die anwesenden Mitglieder, Gäste und Beiträge und erstellte ausführliche inhaltliche Aufzeichnungen.[4] Nachdem die Mittwochs-Gesellschaft eine Größe erreicht hatte, die in den Räumlichkeiten Freuds nicht mehr gut unterzubringen war, wurden die Treffen in einen Raum in der Medizinischen Fakultät verlegt.[5]

Die von Rank geführten Protokolle wurden von Freud aufbewahrt und vor den Nationalsozialisten gerettet. Paul Federn übergab sie Hermann Nunberg, der sie später zusammen mit Ernst Federn veröffentlichte. Sie erschienen ab 1962 zunächst in einer englischen Übersetzung. Sie enthalten Erörterungen von Krankengeschichten, literarischen Arbeiten, Personen und psychiatrischer Literatur und stellen einen bedeutsamen Beitrag zur Geschichte der Psychoanalyse dar. So zeigen sie, dass neben den fachlichen Ausführungen oft auch recht persönlichen Selbstoffenbarungen vorkamen und dass therapeutische und kollegiale Beziehungen in dieser Zeit noch nicht voneinander getrennt wurden.[6]

Mit der Zeit kam es zu inhaltlichen und persönlichen Auseinandersetzungen, die an Schärfe zunahmen und zu einigen Austritten aus der Mittwochs-Gesellschaft führten. Peter Gay führt dies neben den üblichen Streitereien in einer Gesellschaft auch auf die Inhalte der Psychoanalyse und ihrer Provokation gegenüber dem sie umgebenden Zeitgeist zurück: „…der provozierende Inhalt der psychoanalytischen Forschung, der an die am sorgsamsten behüteten Stelle der menschlichen Psyche rührte, forderte seinen Tribut und schuf eine allgegenwärtige Reizbarkeit.“[7] Ebenso zeigten sich Anfänge von Auseinandersetzungen, wie etwa die zwischen Freud und Adler in Bezug auf die Frage eines Aggressionstriebes, die zu einer Differenzierung in verschiedene psychoanalytische Gesellschaft führten.[8]

Neben den Gründungsmitgliedern gehörten zur Mittwochs-Gesellschaft: Alfred Bass, Guido Brecher, Adolf Deutsch, Leonid Drosnés, Max Eitingon, Paul Federn, der Musikhistoriker Max Graf, Hugo Heller, Margarete Hilferding, Eduard Hitschmann, Guido Holzknecht, Nikolai Jewgrafowitsch Ossipow, Carl Gustav Jung, Ernst Papanek, Otto Rank, Hanns Sachs, Isidor Sadger, Herbert Silberer, Rudolf Urbantschitsch und Fritz Wittels. Als Gäste besuchten u. a. Ludwig Binswanger, Abraham Brill, Ernest Jones, Sándor Ferenczi und Eduard Weiß die Abende der Mittwochs-Gesellschaft.[9][10][11]

Von den Mitglieder der Mittwochs-Gesellschaft wurden Bass, Brecher, Deutsch, Hilferding und Sadger Opfer der Shoa. Rechtzeitig vor den Nationalsozialisten fliehen bzw. emigrieren konnten neben Freud selbst Eitingon, Federn, Graf, Hitschmann, Papanek, Rank, Stekel, Urbantschitsch und Wittels.

Am 8. April 1908 wurde die Mittwoch-Gesellschaft in einen Verein umgewandelt, der den Namen Wiener Psychoanalytische Vereinigung erhielt. Aus dieser gingen 1910 die Internationale Psychoanalytische Vereinigung und im Verlauf zahlreiche nationale Arbeitskreise hervor, an deren Gründung auch einige Mitglieder der Psychologischen Mittwochs-Gesellschaft und ihrer Gäste beteiligt waren.

Protokolle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Nunberg, Ernst Federn (Hrsg.): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Band 1–4. S. Fischer, Frankfurt/Main 1976. ISBN 3-10-022737-9.
  • Freud im Gespräch mit seinen Mitarbeitern: aus den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Herausgegeben, eingeleitet und mit Zwischentexten versehen von Ernst Federn, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-26774-9.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elke Mühlleitner: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902–1938. Edition Diskord, Tübingen 1992, ISBN 3-89295-557-3.
  • Hubert Grabitz: Freud unterm Protokoll. Zu den Diskussionen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung WPV. Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2015, ISBN 978-3-945610-23-7.
  • Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud. Band 2. Übers. v. Katherine Jones und Gertrud Meili-Doretzki. Huber, Bern 1962, S. 20 ff.
  • Psychologische Mittwoch-Gesellschaft, in: Élisabeth Roudinesco; Michel Plon: Wörterbuch der Psychoanalyse: Namen, Länder, Werke, Begriffe. Übersetzung. Wien : Springer, 2004, ISBN 3-211-83748-5, S. 818–821
  • Vincent Brome: Sigmund Freud und sein Kreis: Wege und Irrwege der Psychoanalyse. Aus dem Englischen von Eva Rapsilber. München : List, 1969 [Freud and his Disciples, 1967]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vincent Brome: Sigmund Freud und sein Kreis. Wege und Irrwege der Psychoanalyse. List-Verlag, München 1969, S. 26.
  2. a b Peter Gay: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1995, S. 200.
  3. Vincent Brome: Sigmund Freud und sein Kreis. Wege und Irrwege der Psychoanalyse. List-Verlag, München 1969, S. 29.
  4. Peter Gay: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1995, S. 201.
  5. Vincent Brome: Sigmund Freud und sein Kreis. Wege und Irrwege der Psychoanalyse. List-Verlag, München 1969, S. 37.
  6. Hermann Nunberg, Ernst Federn (Hrsg.): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Band 1–4. S. Fischer, Frankfurt/Main 1976. ISBN 3-10-022737-9.
  7. Peter Gay: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1995, S. 204.
  8. Lehmkuhl, Gerd; Lehmkuhl, Ulrike: Aggressionstrieb und Zärtlichkeitsbedürfnis. Zur Dialektik früher individualpsychologischer Konstrukte. In: Jörg Wiesse (Hrsg.): Aggression am Ende des Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, [Psychoanalytische Blätter, Band 1], S. 43–61.
  9. Vincent Brome: Sigmund Freud und sein Kreis. Wege und Irrwege der Psychoanalyse. List-Verlag, München 1969, S. 36–38.
  10. Peter Gay: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1995, S. 205.
  11. Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud. Band 2. Übersetzung von Katherine Jones und Gertrud Meili-Doretzki. Huber, Bern 1962, S. 20 ff.