Radiokunst

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Radiokunst bezeichnet eine intermediale Kunstform, in der Radio als Material genutzt wird. Und zwar sowohl in seiner physischen Form, als auch in seiner Funktion als Medium des Empfangens von gezielt ausgestrahlten Radiowellen. Radiokunst kann zum Beispiel in Form einer Performance, einer Installation oder als Hörspiel oder Ars Acustica auftreten.[1] Sehr wenige Künstler und Künstlerinnen bezeichnen sich ausschließlich als Radiokünstler. Viele kommen aus der Bildenden Kunst, der Performance Art, der Klangkunst, der experimentellen oder improvisierten Musik oder haben in der freien Radioszene Erfahrungen mit dem Medium Radio gemacht. So nutzen einige Künstler und Künstlerinnen Radiotechnologie (z.B. Radioübertragung, Äther), um sie in eine künstlerische Komposition zu integrieren. Radiokunst bedient sich häufig aus Elementen anderer Kunstformen, die sie aber in eine neue Kunstgattung transformiert.[2]

Entstehung der Radiokunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der experimentelle und künstlerische Umgang mit dem Medium Radio, der über seine Eigenschaft als Übertragungsapparat von Informationen hinaus ging, begann bereits kurz nach der Einführung des Rundfunks in den 1920er Jahren. Bertolt Brecht versuchte beispielsweise 1929 mit seinem als Rundfunkexperiment ausgestrahlten Lehrstück Der Flug der Lindberghs das Medium als Mittel zur Selbsterfahrung einzusetzen. Die Hörer sollten nach Brechts Vorstellung zu Mitspielern werden. So enthalten alle Rollen außer der des Fliegers den Hinweis „Radio“, alle Rollen sollten also durch das Radio übertragen werden können und der Zuhörer zu Hause sollte die Rolle des Fliegers übernehmen können.[3] Das Stück ist also erst in dem Moment vollständig, in dem die Hörer selbst aktiv werden.

Ein frühes Beispiel für Radiokunst ist die Installation Drive-in Music, die Max Neuhaus 1967 realisiert hat. Auf einer 600 Meter langen Strecke in Buffalo, New York, installierte Neuhaus 20 Radiowellensender in den Bäumen mit unterschiedlichen Klängen, die unter Umwelteinflüssen generiert wurden. Die Autofahrer empfingen über eine bestimmte Frequenz in Abhängigkeit zur Geschwindigkeit, Fahrtrichtung, Tageszeit und Wetterlage unterschiedliche Klangereignisse. Neben den Aspekten Raum und Zeit werden in dieser Klanginstallation auch Bewegung und Visualisierung konzeptionell miteinbezogen. Diese Installation bediente sich der technischen Elemente des Autokinos, das auch darauf basierte, dass die Filmsehenden den Ton zum Film über eine bestimmte Radiofrequenz ihres Autoradios empfingen. In den frühen 1980er Jahren hat der niederländische Fluxus-Künstler Willem de Ridder[Anm. 1] für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk VPRO eine Sendereihe unter dem Namen "Radio Art" produziert. Am 3. Dezember 1987 ging zum ersten Mal die bis heute existierende Sendereihe Kunstradio – Radiokunst im österreichischen öffentlich-rechtlichen Sender Ö1„on air“. Der Großteil der gesendeten Radiokunstarbeiten wird extra für das Kunstradio produziert (seit 2004 auch im Format 5.1). Seit August 2016 gibt es auf Deutschlandradio Kultur die Redaktion "Radiokunst".[4]

Formen der Radiokunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Radiokunst on Air[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sendestrecken

Radiokunststationen

Temporäre Radiokunststationen

Radiokunst auf Festivals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dass sich mit der Etablierung des Rundfunks auch in den Künsten die Grenzen zwischen Bildender Kunst, Literatur, Musik und audiotiven Installationen verwischt haben, bewies 1987 die 8. Documenta mit einer von Klaus Schöning kuratierten Audiothek. Für die 30. Biennale in Sao Paulo 2012 schufen die Radiokünstler Sarah Washington und Knut Aufermann unter dem Namen Mobile Radio BSP ein gut dreimonatiges Radioprogramm als temporäres Kunstwerk. Savvy Funk ist eine Radiostation, die im Rahmen der Documenta vom 17. Juni bis 8. Juli 2017 24-Stunden täglich Radiokunst produziert wird.

Wichtige Radiokunst-Festivals waren u.a.

Installation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Netzwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • EBU Ars Acustica[16]
  • Radia

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Studiengang Experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität Weimar[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Willem de Ridder, Radio art: The end of the graven image, Buch, Gallery "A", Amsterdam, 1985
  • Hartmut Geerken: Das interaktive Hörspiel als nicht-erzählende Radiokunst. Essen: Verl. die Blaue Eule, 1992
  • Heidi Grundmann, Elisabeth Zimmermann (Hrsg.): Re-inventing radio: aspects of radio as art. Frankfurt am Main: Revolver, 2008
  • Transmission Arts: Artists & Airwaves / hrsg. von Galen Joseph-Hunter. New York, N.Y.: PAJ Publications, 2011
  • Hörspielplätze: Positionen zur Radiokunst / hrsg. vom Hörspielsommer e.V. [Lektorat: Twyla Chantelau ...]. Dresden [u.a.]: Voland & Quist, 2011
  • Medienästhetische Diskurse. Die Genese der Radiokunst, in: Sarah Houtermans: Mediale Zwischenwelten. audiovisuelle Kunst in der Tschechoslowakei (1919 – 1939). Köln u.a.: Böhlau, 2012, S. 40-72.
  • Anne Thurmann-Jajes: Radio as Art. Zur Bestimmung und Definition von Radiokunst, in: set up 4, Nr. 2
  • Kultur & Gespenster, (Themenheft: Radio) 2013, Nr. 14
  • Peter Weibel: Radiokunst als Medienkunst, in: Choreographie des Klangs : zwischen Abstraktion und Erzählung / hrsg. Ekkehard Skoruppa u.a. Göttingen [u.a.]: Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, S. 17-23.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die holländische Wikipedia hat einen Artikel zu Willem de Ridder
  2. Die englischsprachige Wikipedia hat einen Artikel zum Netzwerk Radia
  3. Die englischsprachige Wikipedia hat einen Artikel zu Soundart Radio
  4. Die englischsprachige Wikipedia hat einen Artikel zu WGXC
  5. Die englischsprachige Wikipedia hat einen Artikel zum AV Festival
  6. Die englischsprachige Wikipedia hat einen Artikel zu Anna Friz Anna Friz

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anne Thurmann Jejes: Radio As Art. Zur Bestimmung und Definition von Radiokunst in: setup4, No.2, 2014, aufgerufen am 18. Oktober 2016
  2. Programmauszug aus Wiht the Eyes Shut – Symposiums zur Theorie und Praxis von Radiokunst, Graz 6.-8. Oktober 1988
  3. Brecht Gesamtausgabe GBA, Band 3, S.404
  4. Organigramm von Deutschlandradio, abgerufen am 16. Oktober 2016
  5. Homepage des Radia Netzwerks, abgerufen am 20. Juni 2017
  6. [1], abgerufen am 29. Juni 2017
  7. soundartradio.org.uk Homepage von Soundart Radio, abgerufen am 30. Oktober 2016
  8. wavefarm.org, abgerufen am 30. Oktober 2016
  9. Webpage inklusive Archiv; abgerufen am 30. Oktober 2016
  10. SAVVY Funk, abgerufen am 30. Oktober 2016
  11. [2], abgerufen am 30. Oktober 2016
  12. Art + Communication : WAVES, abgerufen am 30. Oktober 2016
  13. AV Festival 2008: Broadcast ‹ Programme ‹ AV Festival, abgerufen am 30. Oktober 2016
  14. Radiophrenia, abgerufen am 30. Oktober 2016
  15. Radio Revolten – Das internationale Radiokunst-Festival in Halle (Saale), abgerufen am 30. Oktober 2016
  16. Euroradio Ars Acustica, abgerufen am 20. Juni 2017
  17. Studiengang Experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität Weimar, abgerufen am 20. Juni 2017