Reaktion (Politik)

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Als politischer Begriff bezeichnet Reaktion einerseits den „Versuch, überholte gesellschaftliche Verhältnisse gegen Änderungsabsichten (reformerischer oder revolutionärer Art) zu verteidigen“ und andererseits die „Gesamtheit der fortschrittsfeindlichen politischen Kräfte“.[1] Das Adjektiv „Reaktionär“ steht entsprechend für „an nicht mehr zeitgemäßen [politischen] Verhältnissen festhaltend“;[2] das Substantiv „Reaktionär“ wurde zum Synonym für einen Ewiggestrigen.[3] Oft wird „Reaktion“ als Kampfbegriff und abwertend gebraucht.[1]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Begriff der Politik wurde „Reaktion“ von Montesquieu eingeführt. Montesquieu zufolge entwickeln sich politische Prozesse im Wechselspiel von Aktion und Reaktion der politisch Handelnden („l'action des unes et la réaction des autres“).[4] Auf eine Aktion folge, so Montesquieu, stets eine Reaktion („l'action est toujours suivie d'une réaction“).[5] In Montesquieus Sprachgebrauch ist „Reaktion“ demgemäß nicht auf ein bestimmtes politisches Lager bezogen und ohne jede Wertung.[6]

Weite Verbreitung und eine spezifische Bedeutung als Gegenbegriff zu „fortschrittlich“ und „revolutionär“ fand der Begriff „Reaktion“ (franz. réaction) während der Französischen Revolution ab 1789.

Im 19. Jahrhundert wurde „Reaktion“ zum Sammelbegriff für eine reformistische Widerstandsbewegung aus zunächst Adeligen, Klerikalen und bürgerlichen Monarchisten, die sich gegen die Jakobiner positionierten und gegen die von den Revolutionären initiierten Veränderungen stellten, sowie die Rückkehr des Ancien Régimes anstrebten. Die (behauptete) Rückwärtsgewandtheit setzt dabei eine lineare Geschichtsbetrachtung im Sinne des Fortschritts voraus. Was Fortschritt sei, ist in der Politik strittig, und insofern enthält die Bezeichnung „Reaktion“ eine subjektive Wertung.

Eine andere Setzung betrachtet den Begriff weniger historisch und nennt Reaktion schlicht jene Politik, welche auf eine vorhergehende, innovative politische Entwicklung nur reagiert, anstatt dieser etwa eigene Konzepte entgegenzusetzen.

In der Zeit der Restauration entwickelte sich auch in Teilen der „Reaktion“, aus dem Biedermeier heraus, zunehmend der Wunsch nach dem Beibehalten von liebgewonnenen Grundfreiheiten, sowie dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung und damit gegen das Metternichsche System, welches die Veränderungen durch die Französische Revolution komplett zurückdrängen wollte und sich in der Kleinstaaterei verlor. Die Europäischen Revolutionen 1848/1849 waren ein bedeutender Wendepunkt der europäischen Geschichte und Teil eines Prozesses, dem schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den meisten Staaten Europas ein übersteigerter Nationalismus und in weltweitem Maßstab das Zeitalter des Imperialismus folgte. Die freiheitliche „Reaktion“ bildete hierbei die bürgerliche Mitte zwischen dem hochadeligen bis großbourgeoisen Chauvinismus und dem libertären Sozialismus in der Arbeiterbewegung; dieser geschichtliche Zeitraum wird Reaktionsära genannt.

Es gibt in der Geschichte jedoch mehr aktive Persönlichkeiten der politischen Rechten (u.a. Winston Churchill, Franz Josef Strauß, Ronald Reagan) die von ihren Gegnern als Reaktionäre bezeichnet werden, als solche, die sich selbst so sehen. Das liegt zum einen daran, dass fortwährendes Fortschritts- und Neuerungsdenken weit verbreitet ist und zum anderen, dass sich einige Betroffene gegen diese Etikettierung wehren. Des Weiteren gibt es Denker, denen das lineare Fortschrittsdenken fremd ist und die sich daher weder als reaktionär, noch als progressiv bezeichnen wollen.

Der Kulturphilosoph Julius Evola konnte in den 1930er Jahren dem Begriff „Reaktion“ positive Seiten abgewinnen: „Nach unserer Überzeugung ist eine wahre Reaktion gegen den liberalistischen Verfall nur auf der Grundlage der traditionellen Grundsätze von Hierarchie, Aristokratie und Königtum möglich.“

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus lässt sich in zwei verschiedene, teilweise unversöhnliche Lager einteilen und so rechneten auch die Vertreter des nationalen Sozialismus ihre Gegner entweder der kommunistischen „Rotfront“ (KPD, linke SPD, etc.) oder der freiheitlich-wertkonservativen „Reaktion“ (Bekennende Kirche, Weiße Rose, Deutscher Widerstand, etc.) zu. Im Horst-Wessel-Lied haben sie ihre getöteten „Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen“ zum Kult erhoben.

Auch in den Erzählungen der Romane und späteren Spielfilme von Giovannino Guareschi stellen die Hauptfiguren Don Camillo und Peppone zwei ehemalige Resistenzler gegen die faschistischen Mussolini-Diktatur, bzw. die nationalsozialistische Besatzung dar, die in dem fiktiven Dorf Boscaccio in der norditalienischen Poebene eine Fehde austragen; dabei repräsentiert der römisch-katholische Priester Don Camillo die „Reaktion“ und der kommunistische Bürgermeister Peppone die „Rotfront“.

In den realsozialistischen Staaten des Eisernen Vorhangs wurde der kapitalistische Feind u.a. als „faschistisch“ und „reaktionär“ betitelt und der Konterrevolution bezichtigt.

Heute noch werden auch manche religiösen, antikommunistischen oder patriotischen Wertvorstellungen und die konservative Idee der Sekundärtugenden gesellschaftlich als „reaktionär“ angesehen. Politisch werden vor allem Vertreter der sogenannten Neuen Rechten und des Rechtspopulismus von ihren meist links-gerichteten Gegnern als „reaktionär“ betitelt. Reaktionäre Entwicklungen die wiederum gegen die 68er-Bewegung und die durch sie ausgelösten Veränderungen gerichtet sind, werden als Backlash bezeichnet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Reaktion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Reaktion – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b duden.de: Reaktion: Bedeutungsübersicht
  2. reaktionär: Bedeutungsübersicht
  3. Reaktionär: Synonyme
  4. Montesquieu: Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence, Kapitel 9. In: Œuvres Complètes. Firmin Didot Frères, Paris 1846, S. 148.
  5. Montesquieu: De L’esprit des Loix, 5. Buch, Kapitel 1. In: Œuvres Complètes. Firmin Didot Frères, Paris 1846, S. 210.
  6. Raymonde Monnier: Un mot nouveau en politique : «réaction » sous Thermidor. In: Equipe „18ème et Révolution“ (Hg.): Dictionnaire des usages socio-politiques (1770–1815): Notions pratiques. ENS Éditions, Paris 1999, S. 127–156, darin das Kapitel «Réaction », histoire de la notion avant la Révolution, S. 128–132, hier S. 130.