Reaktion (Politik)

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Der Begriff Reaktion (von franz. réaction, als Adjektiv reaktionär, als Subjekt Reaktionär) erschien zum ersten Mal während der Französischen Revolution im Jahre 1789.

Er war im 19. Jahrhundert der Sammelbegriff für eine reformistische Widerstandsbewegung aus zunächst Adeligen, Klerikalen und bürgerlichen Monarchisten, die sich gegen die linksextremen Jakobiner positionierten und die von den Revolutionären initiierten Veränderungen stellten, sowie die Rückkehr des Ancien Régimes anstrebten.

Seitdem ist "Reaktion" in diesen Kreisen die abwertende Bezeichnung für gegen den gesellschaftlichen Fortschritt eingestellte Kräfte bzw. eine Haltung, die rückwärtsgewandt sei.[1] Die Rückwärtsgewandtheit setzt dabei eine lineare Geschichtsbetrachtung im Sinne des Fortschritts voraus. Was Fortschritt sei, ist in der Politik strittig, und insofern enthält die Bezeichnung "Reaktion" eine subjektive Wertung.

Eine andere Setzung betrachtet den Begriff weniger historisch und nennt Reaktion schlicht jene Politik, welche auf eine vorhergehende, innovative politische Entwicklung nur reagiert, anstatt dieser etwa eigene Konzepte entgegenzusetzen.

In der Zeit der Restauration entwickelte sich auch in Teilen der "Reaktion", aus dem Biedermeier heraus, zunehmend der Wunsch nach dem Beibehalten von liebgewonnenen Grundfreiheiten, sowie dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung und damit gegen das Metternichsche System, welches die Veränderungen durch die Französische Revolution komplett zurückdrängen wollte und sich in der Kleinstaaterei verlor. Die Europäische Revolutionen 1848/1849 war schließlich ein bedeutender Wendepunkt der europäischen Geschichte und Teil eines Prozesses, dem schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den meisten Staaten Europas ein übersteigerter Nationalismus und in weltweitem Maßstab das Zeitalter des Imperialismus folgte. Die freiheitliche "Reaktion" bildete hierbei die bürgerliche Mitte zwischen dem hochadeligen bis großbourgeoisen Chauvinismus und dem libertären Sozialismus in der Arbeiterbewegung; dieser geschichtliche Zeitraum wird Reaktionsära genannt.

Es gibt in der Geschichte jedoch mehr aktive Persönlichkeiten der politischen Rechten (u.a. Winston Churchill, Franz Josef Strauß, Ronald Reagan) die von ihren Gegnern als Reaktionäre bezeichnet werden, als solche, die sich selbst so sehen. Das liegt zum einen daran, dass fortwährendes Fortschritts- und Neuerungsdenken weit verbreitet ist und zum anderen, dass sich einige Betroffene gegen diese Etikettierung wehren. Des Weiteren gibt es Denker, denen das lineare Fortschrittsdenken fremd ist und die sich daher weder als reaktionär, noch als progressiv bezeichnen wollen.

Der Kulturphilosoph Julius Evola konnte in den 1930er Jahren dem Begriff "Reaktion" positive Seiten abgewinnen: „Nach unserer Überzeugung ist eine wahre Reaktion gegen den liberalistischen Verfall nur auf der Grundlage der traditionellen Grundsätze von Hierarchie, Aristokratie und Königtum möglich.“ (Aristokratischer Gedanke im heutigen Italien, 1932).

In der Diktatur des Nationalen Sozialismus stellten die Widerstandskämpfer der christlichen, freiheitlichen und patriotischen "Reaktion" (Bekennende Kirche, Weiße Rose, Deutscher Widerstand, etc.), vor der kommunistischen "Rotfront", die Hauptgegner und Erzfeinde des Regimes, welches diese, im Gedenken an die getöteten „Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen“, in ihrem Horst-Wessel-Lied besang.

In den Erzählungen der Romane und späteren Spielfilme von Giovannino Guareschi stellen die Hauptfiguren Don Camillo und Peppone zwei ehemalige Resistenzler gegen die faschistischen Mussolini-Diktatur, bzw. die nationalsozialistische Besatzung da, die in dem fiktiven Dorf Boscaccio in der norditalienischen Poebene eine Fehde austragen; dabei repräsentiert der römisch-katholische Priester Don Camillo, die "Reaktion" und der kommunistische Bürgermeister Peppone, die "Rotfront".

In den realsozialistischen Staaten des Eisernen Vorhangs wurde der kapitalistische Feind u.a. als "faschistisch" und "reaktionär" betitelt und der Konterrevolution bezichtigt.

Heute werden vor allem freiheitlich-wertkonservative Christen (siehe Kreationismus, Lebensschutz, Katholischer Traditionalismus), Resistenzler (siehe Antiextremismus, Antikommunismus) und Patrioten (siehe Traditionalismus, Monarchismus) wegen ihren als "rückwärtsgewandt" empfundenen Idealen, sowie allgemein Verfechter der Sekundärtugenden von ihren meist links-gerichteten Gegnern als "reaktionär" bezeichnet. Neuere Entwicklungen die gegen die 68er-Bewegung und die durch sie ausgelösten Veränderungen gerichtet sind, werden als Backlash betitelt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Reaktion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  Wikiquote: Reaktion – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. duden.de: Reaktion bzw. reaktionär