68er-Bewegung

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Illustration der 68er-Bewegung im Haus der Geschichte in Bonn.
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Unter dem Schlagwort 68er-Bewegung werden mehrere internationale und zumeist politisch linksgerichtete Bürgerrechtsbewegungen zusammengefasst, die Mitte der 1960er Jahre aktiv geworden sind[1] und von den Protesten US-amerikanischer Bürgerrechtler ausgingen.[2] Bereits im Oktober 1967 demonstrierten weltweit 300 000 Menschen gegen die amerikanischen Bombenangriffe auf Nordvietnam und forderten den sofortigen Abzug der US-Amerikaner aus Südvietnam. Diese Proteste gingen von Washington aus und erreichten Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Berlin und Tokio. Weiter 150 000 Menschen demonstrierten in zahlreichen japanischen Städten gegen die Politik von US-Präsident Johnson.[3]

1968 eskalierten einige der von diesen Bewegungen thematisierten Konflikte. In den USA kam es zu Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, sowie gegen die Folgen der Ermordung des Theologen und Bürgerrechtlers Martin Luther King. In Deutschland, ebenso wie in anderen Ländern Europas, gab es intensive zivile Auseinandersetzungen. Dieser internationalen Bedeutung ungeachtet, bezeichnet der deutsche Sprachgebrauch zumeist die damaligen Ereignisse in der Bundesrepublik Deutschland, die von der Studentenbewegung der 1960er Jahre ausgingen.

68er-Generation[Bearbeiten]

Die 68er-Bewegung hat einer ganzen Generation ihren Namen gegeben, für die die späten 1960er Jahre eine prägende Phase war. Angehörige dieser Generation, die sich besonders aktiv an der Protestbewegung beteiligten, werden 68er beziehungsweise Alt-68er genannt. Laut dem Publizisten Rainer Böhme werden aber auch allgemein die Geburtsjahrgänge 1940 bis 1950 als 68er-Generation bezeichnet. Seit 2005 erreicht diese Generation ihr Renteneintrittsalter.[4] Aus einer Alltagswahrnehmung heraus werden die 68er-Bewegungen in verschiedenen Ländern oft vereinfacht als Generationenkonflikt oder als Jugendbewegung kategorisiert. Diese Sichtweise lässt jedoch die gleichzeitige Teilnahme verschiedener Generationen an den diversen Konflikten außer Acht. Außerdem ist nicht allein in den USA gegen den Vietnamkrieg demonstriert worden, sondern auch in anderen Ländern.[5] Auf der Basis eines differenzierten generationstheoretischen Konzepts lässt sich die soziale Bewegung von 1967/68 durchaus als generationale Protestbewegung begreifen, die internationale Bedeutung erlangte.[6][7]

Ausgangssituation und Ursachen der 68er-Bewegung[Bearbeiten]

Bundesrepublik[Bearbeiten]

Klaus Wagenbach (Jahrgang 1930) beschreibt die besondere Situation in der Bundesrepublik in den 1950er und 1960er Jahren und Ursachen der 68er-Bewegung in Deutschland aus seiner Sicht so: „1954, als sie in Bern Fußballweltmeister wurden, habe ich in Frankfurt gehört, wie nach der Deutschlandhymne wie früher das Horst-Wessel-Lied gebrüllt wurde. Das Gebrüll des Dritten Reichs konnte man in den Wochenschauen hören, und im Rundfunk wurde noch immer gebellt. Wenn einer mal Gitarre spielte, kam sofort der Polizeiknüppel. Das waren die Schwabinger Krawalle. Sie machten sich doch damals praktisch schon strafbar, wenn Sie Geschlechtsverkehr hatten, ohne verheiratet zu sein. Wenn Hildegard Knef eine halbe Brust heraushängen ließ, wurde die Aktion Saubere Leinwand aktiv.“[1]

Das Ende der 1940er Jahre einsetzende Wirtschaftswunder und die antikommunistisch geprägte Westorientierung der Politik Konrad Adenauers[8], sowie 1949 die Gründung des sozialistischen Staates der DDR bewirkten schnelle gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen, die zwischen der Generation, die den Krieg erlebt hat, und den Nachgeborenen zu Spannungen führten. Hinzu kam die gesellschaftliche Aufgabe der Integration von fast acht Millionen Vertriebenen, sowie von eineinhalb Millionen Zuwanderern aus der sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR.[9]

DDR[Bearbeiten]

Bereits 1945 gab es in der sowjetischen Besatzungszone und nach 1949 in der DDR Widerstand gegen die SED. Der stärkste Widerstand kam von den ostdeutschen Sozialdemokraten, die sich zu Tausenden gegen die Vereinigung ihrer Partei mit der KPD aussprachen. Etwa 6 000 von ihnen wurden durch die Sowjetische Militäradministration inhaftiert. Der Student Wolfgang Natonek wurde 1949 wegen seines Engagements für die Meinungsfreiheit in der sowjetischen Besatzungszone zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, von denen er sieben verbüßte. Im Jahre 1950 verurteilten Gerichte der DDR insgesamt 78 000 Angeklagte wegen politischer Delikte. Unter diesen Bedingungen war politischer Widerstand nur verdeckt möglich.[10] Nach Stalins Tod im März 1953 stand die reformorientierte Kritik am Sozialismus der DDR im Mittelpunkt der politischen Opposition. Allerdings wurde schnell klar, dass sich in der SED kein neuer Kurs durchsetzen würde. Am 17. Juni 1953 eskalierte die Situation in einem Volksaufstand, der blutig niedergeschlagen wurde.[11] Die anschließend einsetzende Abwanderung von DDR-Bürgern, vor allem in die Bundesrepublik, wurde für die DDR zu einem wirtschaftlichen Problem. Zwischen 1949 und dem Bau der Mauer 1961 waren knapp 2,7 Millionen Menschen nach Westdeutschland geflohen.[12]

Tschechoslowakei[Bearbeiten]

1946 kam die kommunistische Partei der Tschechoslowakei aus eigener Kraft an die Regierung. Die Partei genoss wegen ihres aktiven Widerstands gegen die deutsche Besatzung auch unter Nichtkommunisten Anerkennung. Die kommunistische Partei versprach einen eigenen sozialistischen Weg, der den demokratischen Traditionen des Landes gerecht werden sollte. Nach Stalins Tod 1953 gab es innerhalb der Partei jedoch keine nennenswerten Kräfte, die eine Entstalinisierung unterstützt hätten. 1954, als Wladyslaw Gomulka wieder aus der Haft entlassen worden ist, wurden slowakische Kommunisten wegen "bourgeoisem Nationalismus" zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwischen 1948 und 1954 soll es in der Tschechoslowakei etwa 150 000 politische Häftlinge gegeben haben, bei einer Gesamtbevölkerung von 14 Millionen Menschen. Vor allem Jugendliche und Intellektuelle protestierten gegen die fehlende Aufarbeitung des Stalinismus.[13]

Frankreich[Bearbeiten]

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Parti communiste français (PCF) stärkste Partei. In der Nachkriegszeit waren die französischen Arbeiter hauptsächich in der PCF organisiert. In der Folgezeit zersplitterte sich die französische Linke, es entstand die Parti Socialiste (PS). Gleichwohl waren die kommunistischen Parteien, die in der Resistance gegen den Faschismus kämpften, wichtige Elemente der Nachriegsdemokratie.[14] Aber auch die politisch Rechte war stark, weil es dem späteren Präsidenten Charles de Gaulle gelang, die Resistance für sich zu gewinnen. Die 1958 begründete Fünfte Französische Republik unter de Gaulle profitierte zwar vom starken wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit, die soziale Struktur der französischen Gesellschaft wird dadurch jedoch erheblich verändert. Ein großer Teil der Bauern zieht es in die Städte, wo sie "zusammen mit immigrierten Arbeitern die Arbeiterklasse um eine junge, militante und von der Gewerkschaftsbürokratie nur schwer zu kontrollierende Schicht erweitern".[15]

Die 1960er Jahre als politischer Wendepunkt[Bearbeiten]

Bundesrepublik[Bearbeiten]

Am 10. Oktober 1962 erschien ein Artikel im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL mit dem Titel "Bedingt abwehrbereit". Darin wurde der Schluss gezogen, dass die Verteidigung der Bundesrepublik im Falle eines Angriffs der Warschauer Pakt-Staaten nicht gesichert sei und dass das von Franz-Josef Strauß verfolgte Konzept des vorbeugenden Schlags den Frieden eher gefährden als sichern würde. In der Folge wurden Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, der Verlagsdirektor und mehrere leitende Redakteure verhaftet. Diese und andere polizeiliche Maßnahmen wurden mit dem Vorwurf des Landesverrats gerechtfertigt. Die Spiegel-Affäre veränderte die politische Kultur der Bundesrepublik, die Verletzung von Grundrechten führte zu Protesten.[16] Auch die 1963 geplanten und von der großen Koalition (1966-1969) durchgesetzten Notstandsgesetze, die Grundrechte einschränkten, stießen auf eine außerparlamentarische Opposition. [17] 1965 bis 1969 nahm die Studentenschaft der Freien Universität Berlin eine führende Rolle dabei ein, Studien- und Hochschulreformen zu bewirken.[18]

Einen Erklärungsversuch, warum innerhalb eines kurzen Zeitraums Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre so viele und verschiedene Prozesse abliefen, bietet Marcel van der Linden. Zum einen nennt er drei strukturelle Faktoren. Diese sind das global gesehen zwar ungleiche, aber starke Wirtschaftswachstum nach dem Zweiten Weltkrieg, das in der Krise von 1966/67 stockte, die weltweit zunehmend stärkere Bildungsbeteiligung, insbesondere an der Hochschulbildung; die Dekolonisierung, die seit dem Zweiten Weltkrieg und besonders Anfang der 1960er stattfand. Daneben nennt er mehrere Ereignisse, die zu anderen Formen der Politik inspirierten: Die kubanische Revolution, die chinesische Große Proletarische Kulturrevolution und der Prager Frühling 1968. Wichtig war auch die Tet-Offensive im Vietnam-Krieg. Als letzten Faktor nennt van der Linden wechselseitige Lernprozesse und internationale Kontakte. Einerseits zwischen Arbeitergruppen, die, einhergehend mit dem Aufstieg multinationaler Unternehmen, eine internationale Interessenvertretung zu organisieren suchten, und andererseits zwischen radikalen Studenten.[19]

Besonders heftig wurde die Auseinandersetzung zwischen den Veteranen der Studentenbewegung und konservativen Politikern und Publizisten. Die einen meinten, dass die Ereignisse jener Zeit die vorher obrigkeitsstaatlich geprägte Bundesrepublik erst geistig im Westen verankert hätten und dadurch eine echte Vergangenheitsbewältigung möglich machten.[2] Die anderen verwiesen auf die Sympathie der Studentenführer für kommunistische Diktatoren, wie Ho Chi Minh und Mao Tse-Tung. Außerdem verwiesen sie auf das Abgleiten eines Teils der Bewegung in Gewalt und Terrorismus.[20] Die konservativen Kräfte behaupteten, die gesellschaftliche Erneuerung habe seit Mitte der 1960er Jahre ohnehin stattgefunden, ebenso eine intensivere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit (Auschwitz-Prozesse).[21]

DDR[Bearbeiten]

1961 wurde die Berliner Mauer gebaut. 1962 führte man in der DDR die allgemeine Wehrpflicht ein, wobei es zunächst keine Regelung zur Wehrdienstverweigerung gab. Als Kompromiss zur Entschärfung des Problems der Wehrdienstverweigerung wurde der Bausoldatendienst in der Nationalen Volksarmee eingeführt. Wer diese Form der Ableistung seiner Wehrpflicht antrat, musste sogar nach der Dienstzeit noch mit persönlichen Nachteilen rechnen. Die Bausoldatenbewegung war Ausgangspunkt der Oppositionsgeschichte der DDR.[22]

Besonders im Kontext zum Prager Frühling und zunehmender Jugendproteste wurde die sogenannte Protest-Jugend ein zunehmend wichtiges politisches Thema in der DDR, da sie Einfluss auf die Demokratiebewegung nahm.[23] Laut Bernd Gehrke entstanden „1967/68 neue oppositionelle Milieus, deren Kontinuität trotz mancherlei Veränderungen bis 1989 reichte“ und zum „Träger immer wieder neuer und sich verändernder politischer Aktivitäten oder Gruppenbildungen“ führten. Diese Opposition ging insbesondere aus der „Vernetzung und partiellen Überlappung von Milieus der kritisch-marxistischen und christlichen Intelligenz sowie der subkulturellen Jugendbewegung hervor“.[24] In der DDR hofften viele Menschen auf ein Gelingen des Prager Frühlings. Nach seinem Scheitern kam es zu Protesten und Verhaftungen. Der Glaube an die Reformierbarkeit des realen Sozialismus schwand.[25]

Tschechoslowakei[Bearbeiten]

1960 erhielt die Tschechoslowakei eine neue Verfassung, wonach aus der Tschechoslowakischen Republik die Tschechoslowakische Sozialistische Republik wurde. Dadurch sollte der Sieg des Sozialismus verkündet werden. Die ideologischen Konsequenzen hatten Auswirkungen auf das reale Leben. Es gab keinen Klassenkampf mehr und auch keine Diktatur des Proletariats. Staat und Partei wollten jetzt die Bedürfnisse der Bevölkerung erkennen und befriedigen. Allerdings wurde die kommunistische Partei immer noch von denselben Leuten geführt, die für das harte Vorgehen gegen Oppositionelle in den 1950er Jahren verantwortlich waren. Demzufolge geschah die vom 22. Parteitag der KPdSU im Oktober 1961 ausgehende Entstalinisierung nur halbherzig.[13]

Die neue Verfassung von 1960 reduzierte die ohnehin geringen Kompetenzen der slowakischen Staatsorgane. Dadurch wurden die ohnehin vorhandenen unterschwelligen slowakisch-tschechischen Konflikte weiter verschärft. Der tschechoslowakische Regierungschef Antonin Novotny wurde für nationalbewusste Slowaken in der Zeit bis zu seiner Entmachtung1968 zu einer Reizfigur.[13]

Das größte politische Problem bestand jedoch darin, dass sich die Staatsführung rhetorisch zu Reformen bekannte, tatsächlich aber stalinistische Strukturen konservierte. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre stand Novotnys Macht nur noch auf tönernen Füßen. Dennoch wandte er sich gegen die seit 1964 von Wissenschaftlern geforderten Reformen des wirtschaftlichen und politischen Systems. Schließlich stellte sich Alexander Dubcek an die Spitze der Reformbewegung und wurde später zur Leitfigur des Prager Frühlings. In der osteuropäischen Region waren der Prager Frühling und seine Niederschlagung Schlüsselereignisse, die auf Polen, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien ausstrahlten. Im sowjetischen Machtbereich des sogenannten Ostblocks fanden tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen statt – wenn auch unter sehr verschiedenen Vorzeichen.[26]

Frankreich[Bearbeiten]

Zu Beginn der 1960er Jahre waren die Arbeiter in ihren Betrieben nicht angemessen repräsentiert. Aufgrund der Zentralisierung gab es vor Ort keine funktionsfähigen Betriebsräte. Dies führte in den Unternehmen zu starken autoritären Strukturen. Die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und Autoritätsverhältnissen staute sich auf.1967 machen sich die Auswirkungen der ökonomischen Rezession bemerkbar und die Arbeiter radikalisieren sich.[27]

Ausgangspunkt der Pariser Demonstrationen war jedoch die Universität Nanterre. Nach einer Aktion gegen den Vietnamkrieg wurde dort die Aktion Bewegung des 22. März gegründet. Zu den führenden Köpfen gehörte Daniel Cohn-Bendit. Nach dem Attentat auf den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke gab es zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Nachdem in Paris Demonstrationen gewaltsam beendet worden sind, kam es auch in der Provinz zu Protesten. Frankreich erlebte in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1968 eine der gewaltsamsten Auseinandersetzungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Am 13. Mai demonstrieren bereits Hunderttausende.

Ab diesem Zeitpunkt ging es nicht mehr um die Forderungen der Studenten, sondern um allgemeine Lohnerhöhungen und um die 40-Stunden-Woche. Schließlich fordern die französischen Arbeiter sogar eine Regierung des Volkes. 10 Millionen Arbeiter waren im Warnstreik, drei Wochen lang wurden Fabriken besetzt.[28] Die Arbeiterbewegung hatte sowohl die Protestformen als auch politische Inhalte der Studentenbewegung übernommen. Die Forderungen der Arbeiter richteten sich gegen die Hierarchien in den Fabriken, die sich in einem großen Lohngefälle ausdrückten.[27]

Ende Juni 1968 ebbten Streiks und Fabrikbesetzungen ab.[29] Danach wurde die Frage gestellt, ob es sich tatsächlich um eine soziale Bewegung gehandelt habe oder eher um eine "Spaßveranstaltung"[30].

USA[Bearbeiten]

Der US-amerikanische Evolutionspsychologe und Linguist Stephen Pinker gibt psychologische und bevölkerungsbiologische Erklärungen für das Phänomen der „Baby-Boomer“, wie die Umbruchbewegungen um 1960 im Englischen genannt werden.[31] Pinker selbst nennt das Phänomen „Entzivilisation in den 1960er Jahren“, weil die politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen in den westlichen Ländern erhebliche aggressive Begleiterscheinungen hatte, die es in den zwei Jahrzehnten zuvor nicht gab (z. B. massiver Anstieg der Mordraten, Terrorismus). Er führt an, dass wegen der vielen jungen Männer in der Bevölkerung, die infolge der hohen Geburtenrate (dem sogenannten „Baby-Boom“) nach dem Zweiten Weltkrieg vorhanden waren, ein Gewaltanstieg in Gesellschaften assoziiert wurde. Darüber hinaus war der Anteil junger Menschen gegenüber der Eltern- und Großeltergeneration auch relativ gesehen erheblich höher als je zuvor, so dass es für die Älteren schwieriger war, die erreichten zivilisatorischen Normen an die zahlreichen Kinder und Enkel weiterzugeben (James Q. Wilson). Die junge Generation in den 1960ern war durch die Entstehung einer selbständigen Jugendkultur (Musik, Kleidung) und durch Vermittlung neuer elektronischer Medien stärker horizontal vernetzt und war daher in der Lage, sich eher an (auch weit entfernten) Gleichaltrigen statt an den Älteren zu orientieren. Ein zusätzliches Phänomen der 1960er Jugend ist ein nie zuvor gekannter Massenwohlstand, damit einhergehend eine erheblich höhere Bildungsrate und somit ein sozialer Aufstieg breiter Bevölkerungsschichten. Nach der Theorie der Maslowschen Bedürfnispyramide motiviert dies verstärkt zur Selbstverwirklichung und Befriedigung individueller Bedürfnisse gegenüber tradierten gesellschaftlichen Normen.

Themen[Bearbeiten]

Bundesrepublik[Bearbeiten]

Die einzelnen Bewegungen unterschieden sich teils deutlich voneinander. Häufige Themen waren u. a. der Protest gegen den laufenden Vietnamkrieg (Ostermarsch- und Friedensbewegung), der Kampf gegen Autorität (insbesondere in Bildung (Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren), die Ablehnung der Großen Koalition von Dezember 1966 bis Oktober 1969 (der die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt folgte) und Erziehung (Jugendbewegung)) und für die Gleichstellung von Minderheiten sowie der Einsatz für mehr sexuelle Freiheiten (Frauenbewegung, Sexuelle Revolution: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, Schwulenbewegung, Flowerpower- und Hippie-Bewegung). Außer den Studenten waren auch Schüler ab etwa 15 Jahren beteiligt, was mit den Demonstrationen gegen Fahrpreiserhöhungen in Bremen und Niedersachsen sowie der Neuorganisation der Schülermitverwaltungen zusammenhing, die ebenfalls in diese Zeit fielen.[32] So kam es zum Beispiel auch zu den Bremer Straßenbahnunruhen 1968.

DDR[Bearbeiten]

Das zentrale Thema war das Scheitern des Prager Frühlings. Es wurde eine Demokratisierung des Sozialismus angestrebt. Es wird die Meinung vertreten, dass ohne diese Generation, die die Niederschlagung des Prager Frühlings erlebt hatte, die friedliche Revolution von 1989 nicht denkbar ist. Weitere Themen sind Kirchensprengungen, wie die der Leipziger Universitätskirche, als Drohsymbol des sozialistischen Herrschaftsanspruchs und freiheitsfeindliche Änderungen der Verfassung der DDR, die die Gründungsverfassung ablöste. Die meisten DDR-Bürger waren über die westdeutsche 68er-Bewegung gut informiert. Die Tumulte an westdeutschen Universitäten lösten allerdings Befremden aus. Angela Merkel sagte über diese Zeit: "Mir erschienen die Bundesrepublik, die D-Mark, die Soziale Marktwirtschaft, die Westbindung und die sozialen Sicherungssysteme als ein gut funktionierendes, plurales Gebilde, ein demokratisches, freiheitliches Land. Man musste dieses Land und seine Systeme wirklich nicht bekämpfen, schon gar nicht mit Gewalt".[33] In dieser Zeit begann sich auch die Blueserszene in der DDR zu entwickeln, die Ende der 1970er Jahre ihren Höhepunkt erlangte.

Tschechoslowakei[Bearbeiten]

Die nur halbherzige Entstalinisierung, der slowakisch-tschechische Konflikt, Liberalisierung und Demokratisierung, sowie vor allem wirtschaftliche Reformen waren die Hauptthemen des Prager Frühlings. Er war der Versuch, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen. Am 21. August 1968 wurde dieser Versuch durch Truppen des Warschauer Paktes gewaltsam niedergeschlagen.

Frankreich[Bearbeiten]

Im Unterschied zu anderen Ländern stand in Frankreich die Arbeiterbewegung im Vordergrund. Ihre Forderungen waren auf bessere Entlohnung, kürzere Arbeitszeiten und auf eine angemessene Vertretung durch Betriebsräte gerichtet. Das starke hierarchische Gefälle in den Betrieben sollte abgebaut werden, ebenso die autoritären Beziehungen.

Kritik[Bearbeiten]

Bundesrepublik[Bearbeiten]

Der Journalist und Chefkommentator der Welt[34]Torsten Krauel bewertete 2001 die 68er-Bewegung so: Das Auftreten „dezidierte[r] Jugendrevolutionäre[...], die das Establishment verjagen wollten“, das Bedienen „antibürgerlicher, antireligiöser, antifamiliärer Reflexe“ und der „antikulturelle Zertrümmerungsfeldzug“ hätten viele Parallelen zu den Ereignissen gegen Ende der Weimarer Republik und zu den Strategien der damaligen rechts- und linksextremen Bewegungen aufgewiesen. Auch die „Aufpeitschung von Leidenschaften [...] und die Hingabe an sie“ sei bereits „konstitutiv für das NS-Regime gewesen“. Dies habe gerade in Deutschland zu einer besonders heftigen Konfrontation zwischen Kriegs- und Nachkriegsgeneration geführt, wobei beide auf ihre Weise geglaubt hätten, „im antifaschistischen Recht zu sein“.[35] Besonders drastisch wurden diese angeblichen Parallelen im Gedankengut und in der politischen Aktionsform vom Politologen Götz Aly in seinem Werk Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück[36] dargestellt.

Weitere Beispiele[Bearbeiten]

Osteuropa[Bearbeiten]

Mittel- und Südosteuropa[Bearbeiten]

USA[Bearbeiten]

Lateinamerika[Bearbeiten]

Asien[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  Wikiquote: 68er-Bewegung – Zitate
 Commons: Demonstrationen und Proteste im Jahr 1968 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Süddeutsche Zeitung, 29. Mai 2009: "Kann ich mal bei dir pennen?“ Im Gespräch: Klaus Wagenbach
  2. a b "Wir haben zu wenig gewollt!" In: www.fu-berlin.de. Abgerufen am 28. August 2015.
  3.  Protest rund um die Welt. In: Die Zeit. (http://www.zeit.de/1967/43/protest-rund-um-die-welt, abgerufen am 28. August 2015).
  4. Bundeszentrale für politische Bildung: Die 68er gehen in Rente.
  5. Jens Kastner, David Mayer: Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive. Zur Einführung. In: Jens Kastner, David Mayer (Hrsg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive. Mandelbaum-Verlag, Wien 2008, ISBN 978-3-85476-257-7, S. 11 f.
  6. Stefan Hemler: Soziale Bewegung oder Generationskonflikt? Ein Schlichtungsvorschlag im Deutungskampf um ‚1968’. In: vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik 42 (2003), Nr. 164, H. 4, ISBN 3-8100-2440-6, S. 32–40.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatMichael Hölscher: Die 68er - Eine kultursoziologische Analyse. In: Magisterarbeit. 1999, abgerufen am 28. August 2015.
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatW. von Bredow: Die zwei Kreise der Westintegration - Europa und Amerika. 21. April 2008, abgerufen am 27. August 2015.
  9.  Bundeszentrale für politische Bildung: Gesellschaftliche Entwicklung. (http://www.bpb.de/izpb/10124/gesellschaftliche-entwicklung?p=2, abgerufen am 27. August 2015).
  10. Bundeszentrale für politische Bildung: Wege in die Opposition. Widerständiges Verhalten in der DDR | bpb. In: www.bpb.de. Abgerufen am 28. August 2015.
  11. Deutsche Geschichten. In: www.deutschegeschichten.de. Abgerufen am 28. August 2015.
  12. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatOpposition und Widerstand in der DDR - Überblick. Bildungsserver Berlin-Brandenburg, abgerufen am 28. August 2015.
  13. a b c Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatReinhard Veser: Der Prager Frühling 1968. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. Seite 11 ff., 2008, abgerufen am 28. August 2015.
  14. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatGyörgy Széll: 1968 und die Sozialwissenschaften. Abgerufen am 28. August 2015.
  15. Peter Schwarz: 1968 - Generalstreik und Studentenrevolte in Frankreich - World Socialist Web Site. In: www.wsws.org. Abgerufen am 28. August 2015.
  16. Die Spiegel-Affäre 1962 - Mehr als eine Episode. In: www.spiegel-affaere.de. Abgerufen am 28. August 2015.
  17. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatChristoph Kleßmann: Das Jahr 1968 in westlicher und in östlicher Perspektive. In: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien Nr. 28-29. 2003, abgerufen am 28. August 2015.
  18. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatBodo Zeuner: Die Freie Universität vor dem Börsengang? Bemerkungen zur Ökonomisierung der Wissenschaft. 2007, abgerufen am 28. August 2015.
  19. Marcel van der Linden: 1968: Das Rätsel der Gleichzeitigkeit. In: Jens Kastner, David Mayer (Hrsg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive. Mandelbaum-Verlag, Wien 2008, ISBN 978-3-85476-257-7, S. 23–37.
  20. Bundeszentrale für politische Bildung: Ein direkter Weg von der Spassguerilla zum Terrorismus? | bpb. In: www.bpb.de. Abgerufen am 28. August 2015.
  21.  NS-Recht: Der Mythos von der Vergangenheitsbewältigung. In: Die Zeit. 2006-01-26 (http://www.zeit.de/2006/05/NS_Rechtsstaat, abgerufen am 28. August 2015).
  22. SEHEPUNKTE - Rezension von: Bausoldaten in der DDR - Ausgabe 11 (2011), Nr. 11. In: www.sehepunkte.de. Abgerufen am 28. August 2015.
  23. Die 68er-Proteste in der DDR, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 14-15/2008), veröffentlicht durch die Bundeszentrale für politische Bildung
  24. Die 68er-Proteste in der DDR, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 14-15/2008), veröffentlicht durch die Bundeszentrale für politische Bildung
  25. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatEckhard Jesse: Das Jahr 1968 und die Bürgerbewegung in der DDR. In: Forschungsjournal NSB, Jg. 21, 3/2008. Seite 57. 2008, abgerufen am 28. August 2015.
  26. 1968: Memories and Legacies of a Global Revolt, German Historical Institute Bulletin Supplement 6 (2009)
  27. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatAlte Linke - Neue Linke? Die sozialen Kämpfe der 1968er in der Diskussion. In: Rosa-Luxemburg-Stiftung Texte 57, S. 23 ff., S. 117 ff. Peter Birke, Bernd Hüttner, Gottfried Oy, abgerufen am 28. August 2015.
  28. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatInterview mit Alaine Krivine: 68 ist aktuell, aber wir brauchen keine Gedenkstein. bfs - Bewegung für den Sozialismus, abgerufen am 28. August 2015.
  29.  Paris im Mai. In: Die Zeit. 2008-02-13 (http://www.zeit.de/2008/08/A-Pariser-Mai-68, abgerufen am 28. August 2015).
  30.  Wolf Lepenies: Ein Karneval der Revolution in Paris. In: Welt Online. 2008-01-09 (http://www.welt.de/politik/article1534418/Ein-Karneval-der-Revolution-in-Paris.html, abgerufen am 28. August 2015).
  31. Stephen J. Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, S. Fischer Verlag 2011, ISBN 978-3-10-061604-3.
  32. http://www.zeit.de/1968/22/smv-die-kernzelle-politischen-trainings
  33. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatDieter Althaus: Und es war Sommer - Das Jahr 1968 in der DDR. Abgerufen am 28. August 2015.
  34. Torsten Krauel in Welt.de, abgerufen am 6. August 2014
  35. Torsten Krauel "Ein moralischer Irrweg." In: Die Welt vom 24. Januar 2001.
  36. Götz Aly: „Unser Kampf: 1968“, Verlag S. Fischer, 2008, ISBN 978-3-10-000421-5.
  37. h-net.org: H-Net Reviews, Zugriff am 29. Januar 2011.
  38. siehe auch seine Magisterarbeit (2005)