Reductio ad Hitlerum

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Als reductio ad Hitlerum (lateinisch „Rückführung auf Hitler“) wird ein vermeidbarer, jedoch rhetorisch oft eingesetzter Fehlschluss bezeichnet: Eine Ansicht soll dadurch widerlegt werden, dass diese von einer moralisch unhaltbaren Person, insbesondere von Adolf Hitler geteilt wird. Die Bezeichnung und Beschreibung gehen auf Leo Strauss zurück.[1] In der rhetorischen Praxis wird dies fälschlich wie eine reductio ad absurdum behandelt. Eine verwandte, allgemeinere Form ist die Association fallacy.

Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der zugrunde liegende Fehlschluss ist ein Spezialfall des non sequitur (lat. „es folgt nicht“). Im Englischen wird er auch als guilt by association (Schuld durch Zugehörigkeit) oder allgemeiner als association fallacy (Assoziationsfehlschluss) bezeichnet. Die Herleitung geschieht wie folgt:


Adolf Hitler ist schlecht.
Adolf Hitler vertritt die Ansicht X.
daher: Ansicht X ist schlecht.

Die ersten beiden Aussagen können für sich genommen wahre Tatsachen darstellen. Die Schlussfolgerung ist jedoch ungültig, da sie durch die Prämissen nicht logisch hergeleitet wird. Die Gültigkeit einer Aussage wird nicht durch negativ besetzte, aber letztlich irrelevante Eigenschaften der Person beeinflusst, die sie tätigt. Die Falsifikation einer Aussage mithilfe der reductio ad Hitlerum ist aus diesem Grund unzulässig.

Wird mit der reductio ad Hitlerum versucht, die negativen Assoziationen zur Person Adolf Hitlers auch auf die Person des Streitgegners zu übertragen und ihn so in Misskredit zu bringen, handelt es sich zusätzlich um ein argumentum ad hominem.

Beispiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jemand setzt sich für den Tierschutz ein. Ein anderer lehnt dies mit der alleinigen Begründung ab, dass auch Adolf Hitler sich für den Tierschutz eingesetzt habe.[2]

An diesem Beispiel wird deutlich, dass eine von den meisten Menschen als negativ empfundene Person durchaus Ansichten vertreten kann, die überwiegend als positiv empfunden werden. Der zugrunde liegende Fehlschluss wird umso deutlicher, je größer die Diskrepanz zwischen diesen beiden Faktoren ist. Die reductio ad Hitlerum ist daher am effektivsten, wenn die abzulehnende Ansicht möglichst negativ besetzt ist, etwa aufgrund fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz.

Kontext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Phrase wurde von Strauss im Rahmen einer Diskussion über die Thesen des Soziologen Max Weber eingebracht, der sich im Werturteilsstreit dafür eingesetzt hatte, dass Sozialwissenschaften dem Ideal einer Objektivität nachstreben, sodass im Kontext der Wissenschaft auf Wertaussagen und Empfehlungen, insbesondere Vorgaben für die Politik, verzichtet werden sollte.

Dieser Ansatz von Weber führt laut Strauss mit Notwendigkeit zum Nihilismus oder zu der Ansicht, dass vor dem Urteil des Verstandes jede Auffassung – wie schlecht, gemein oder verrückt auch immer – so legitim ist wie jede andere Auffassung. Laut Strauss sah Weber die westliche Zivilisation vor der Alternative, sich entweder spirituell zu erneuern und zu alten Werten zurückzukehren oder aber einer mechanischen Versteinerung unter einer Hülle krampfartigen Selbstbewusstseins anheimzufallen. Eine Entscheidung zwischen diesen Alternativen habe Weber als ein Wert- oder Glaubensurteil empfunden und darum vom Standpunkt der Vernunft aus abgelehnt. Strauss kritisiert an diesem Ansatz, dass dann das Leben eines geistlosen Spezialisten oder herzlosen Lüstlings genauso verteidigt werden könne wie eine von Amos oder Sokrates empfohlene Lebensführung.

Weber habe diese Konsequenzen vor sich selbst verheimlicht, behauptet Strauss und möchte ergründen, warum. Hierzu müsse man den Gedanken Webers Schritt für Schritt folgen und gelange so unvermeidlich an einen Punkt, jenseits dessen die Überlegungen von Hitler überschattet würden. Strauss gibt aber nun zu bedenken, dass eine Ansicht nicht alleine deshalb abzulehnen sei, weil auch Hitler sie vertreten hat:

„Unfortunately, it does not go without saying that in our examination we must avoid the fallacy that in the last decades has frequently been used as a substitute for the reductio ad absurdum: the reductio ad Hitlerum. A view is not refuted by the fact that it happens to have been shared by Hitler.“

„Unglücklicherweise ist es notwendig, darauf hinzuweisen, dass man in unserer Untersuchung den Fehlschluss vermeiden muss, der in den letzten Jahrzehnten häufig gezogen worden ist, als ein Ersatz für die reductio ad absurdum: Die reductio ad Hitlerum. Eine Ansicht wird nicht widerlegt durch die Tatsache, dass sie zufällig von Hitler geteilt worden ist.“

Leo Strauss: Natural Right and History, 1953[1]

Es kann allerdings in Frage gestellt waren, inwiefern der Gedanke Webers hier korrekt wiedergegeben wird. Tatsächlich ging Weber etwa in Wissenschaft als Beruf davon aus, dass Wissenschaftler sich gerade außerhalb der Wissenschaft an gesellschaftlich relevanten Debatten beteiligen können – als Mitglieder dieser Gesellschaft. Zudem ist es der Wissenschaft bei aller Enthaltung von Bewertungen nach wie vor freigestellt, die Plausibilität und Faktizität der Aussagen anderer zu überprüfen, ohne das Ergebnis moralisch zu bewerten. Weber hatte eher die Gefahr einer Instrumentalisierung der Wissenschaft im Auge und die Gefahr, dass sich Forschung und Publikation im direkten Zusammenhang mit einer politischen Agenda angreifbar machen.[3]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Leo Strauss: Natural Right and History. In: Charles R. Walgreen Foundation Lectures. University of Chicago Press, 1965, ISBN 0-226-77694-8, S. 42–43 (Volltext/Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Joachim Radkau, Frank Uekötter: Naturschutz und Nationalsozialismus. Campus, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-37354-8, S. 87 (Volltext/Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. vgl. Peter Haungs, Wissenschaft, Theorie und Philosophie der Politik: Konzepte und Probleme, Nomos, 1990, S. 25 ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]