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Russische Rückständigkeit

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Karikatur auf die Reform Peters des Großen: Einem altgläubigen Russen wird der Bart abgeschnitten, Holzschnitt für ein Flugblatt, Ende 17. Jahrhundert

Russische Rückständigkeit (russisch Отсталость России Otstalost Rossii, Rückständigkeit Russlands) ist ein im Abendland entstandenes und angeblich von dort aus verbreitetes politisches Schlagwort. Es erschien in kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Westeuropa während der letzten fünf Jahrhunderte. Der Begriff geht von einer zu erreichenden (begehrenswerten, vorbildlichen) Norm des fortschrittlichen Westeuropas aus, von der Russland abweiche und demgemäß als unterentwickelt und rückständig bezeichnet wird. Seit der Zeit der Aufklärung wird der Begriff bis heute auch in Debatten und politischen Auseinandersetzungen innerhalb Russlands und der Sowjetunion als Argument gebraucht.

Ursprung und Begriffsverwendung aus westlicher Sicht

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Ursprünge für einen Rückständigkeitsbegriff lassen sich bereits ab dem Mittelalter in Westeuropa finden. Im 16. Jahrhundert wird der Begriff noch flexibel austauschbar mit Attributen wie barbarisch, nordisch und asiatisch bezeichnet. Die Verwendung kennzeichnet eine überhebliche Haltung westeuropäischer Reisender und Intellektueller in Verbindung mit kulturellen Missverständnissen (vgl. u. a. Siegmund von Herberstein).

Ausgebaut wurde das Konzept der russischen Rückständigkeit während der westeuropäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert, wo es mit dem neuaufkommenden Osteuropa-Begriff das Gegenstück zum westeuropäischen Zivilisations- und Kulturbegriff bildet.

Der Begriff der „russischen Rückständigkeit“ wird rückblickend von einigen zeitgenössischen deutschsprachigen Historikern wie Manfred Hildermeier (2013) verwandt.[1]

Rückständigkeitsbegriff in der Debatte innerhalb Russlands bzw. der Sowjetunion

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Seit dem 18. Jahrhundert zählten die Reformen unter Peter I. sowie die Große Instruktion durch Katharina II. zu den bedeutendsten Versuchen der „Europäisierung“ Russlands, die in der Beschäftigung mit aus Westeuropa stammenden philosophischen Theorien, historischen Schriften, Staatsmodellen oder Utopien (u. a. Kant, Hegel, Schelling, Montesquieu) ihre Anfänge fand.

1829 vertrat Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew die These der Rückständigkeit Russlands in seinem „ersten philosophischen Brief“, der erstmals 1836 veröffentlicht wurde.

„Einsam stehen wir da in der Welt, haben ihr nichts gegeben, haben sie nichts gelehrt; wir haben keine einzige Idee zur Gesamtheit der menschlichen Ideen beigetragen; wir haben nichts zum Fortschritt des menschlichen Geistes beigesteuert, und alles, was von diesem Fortschritt zu uns kam, haben wir entstellt.“

Pjotr Tschaadajew[2]

Die russischen Westler, zu denen Tschaadajew gehörte, führten die Rückständigkeit Russland als Argument für die Modernisierung Russlands nach westlichem Muster an, während ihre Gegner, die Slawophilen, einen eigenständigen Weg betonten.

1931 benannte Stalin auf der ersten Unionskonferenz der Funktionäre der sozialistischen Industrie die historisch bedingte Rückständigkeit der Sowjetunion gegenüber ihren Feinden als zwingenden Grund für die Entkulakisierung und die Industrialisierung der Sowjetunion. Dabei führte er die Niederlagen Russlands u. a. im Krimkrieg und im Russisch-Japanischen Krieg an, nicht jedoch im Ersten Weltkrieg.

2009 griff der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew auf den Topos der Rückständigkeit zurück, indem er Russland in einem Kommentar für die Gaseta als „rückständig und korrupt“ bezeichnete.[3] Damit bezog er sich auf die Wirtschaftsstruktur (Rohstoffabhängigkeit) ebenso wie auf die politische Kultur („niedrige Qualität der öffentlichen Diskussion“). Auch der Erste Vize-Ministerpräsident Russlands Igor Iwanowitsch Schuwalow nutzte diesen Topos 2012. Die Nachrichtenagentur RIA Novosti zitierte ihn wie folgt: „Die Rückständigkeit und die Unvollkommenheit des politischen Systems hatten eine übermäßige Einwirkung des Staates auf Wirtschaft, Korruption und Pressefreiheit zur Folge.“[4]

Der Sankt Petersburger Soziologe Nikolai Wachtin sieht einen Zusammenhang zwischen „der öffentlichen Sprachlosigkeit der Russen und dem Fehlen freier Massenmedien“ und strich diesbezüglich heraus: „Hätten wir ein anderes Fernsehen (…), hätten wir bei uns auch eine ganz andere Staatlichkeit.“[5]

  • Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht, Band 1–4. Wilhelm Fink Verlag, München 1987–2000
  • Jack Snyder: Russian backwardness and the future of Europe. In: Daedalus. Vol. 123, Nr. 2, 1994, ISSN 0011-5266, S. 179–201, JSTOR:20027242 (englisch).
  • Bertram D. Wolfe: Backwardness and Industrialization in Russian History and Thought. In: Slavic Review. Vol. 26, Nr. 2, Juni 1967, ISSN 0037-6779, S. 177–203, JSTOR:2492449 (englisch).

Einzelnachweise

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  1. Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution. Verlag C. H. Beck, München 2013; siehe: Rezension von Ulrich M. Schmid: Eine neue Geschichte Russlands. Zwischen Triumph und Katastrophe. NZZ online, 12. Juni 2013
  2. Pjotr Tschaadajews "Philosophischer Brief" von 1836
  3. Medwedew nennt Russland "rückständig und korrupt" Spiegel, 10. September 2009. (Original: Дмитрий Медведев: Россия, вперед!, Kommentar von Dmitri Medwedew in Gazeta.ru)
  4. Russlands Probleme resultieren aus Rückständigkeit des politischen Systems RIA, 27. Januar 2012.
  5. Soziologie: Die Russen sind ein sprachloses Volk, RBTH, 14. Oktober 2014