SawStop

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SawStop

Rechtsform LLC
Gründung 2000
Sitz Tualatin (Oregon), USA
Branche Kreissägen
Website www.sawstop.com

SawStop sind Kreissägen des gleichnamigen Herstellers, die bei Fingererkennung das Sägeblatt in Sekundenbruchteilen stoppen und somit Verletzungen reduzieren.

In den USA werden täglich zehn Finger aufgrund von Tischkreissägen amputiert,[1] in Deutschland gibt es jährlich 4800 meldepflichtige Arbeitsunfälle mit Tischkreissägen.[2][3] Die Anzahl an Handverletzungen durch Kreissägen steigt in Deutschland[4] und Österreich[5] an, weshalb es immer wieder Ideen zur Senkung der Verletzungsgefahren gab, in jüngerer Zeit z. B. das Felder PCS[6].

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

SawStop Tischkreissäge

Auf das Sägeblatt wird kapazitiv eine 12-Volt-Wechselspannung mit 200 Kilohertz (kHz) eingekoppelt.

Auf der anderen Seite des Sägeblatts wird die Spannung wieder ausgekoppelt und gemessen. Wenn ein Finger elektrischen Kontakt mit dem Sägeblatt hat, bricht die Spannung unter einen Grenzwert ein, weil der Mensch kapazitiv geerdet ist, dasselbe Prinzip wie beim Phasenprüfer.

Letztlich wird die unterschiedliche Leitfähigkeit von Holz und Mensch zur Unterscheidung genutzt.

Nach 25 Mikrosekunden (µs), das sind fünf Vollwellen der Wechselspannung, wird ein Draht unter Strom gesetzt und dieser schmilzt, ähnlich wie eine elektrische Sicherung.

Die Feder wird dann nicht mehr vom Draht gehalten und drückt einen Aluminiumblock in das laufende Sägeblatt. Es dauert weniger als 5 Millisekunden, bis das Sägeblatt steht.[7] Durch das einseitige Abbremsen der Drehbewegung wird das Sägeblatt nach hinten unten gedrückt und damit vom Finger weg; es taucht unter den Tisch ein.

Durch die kurze Berührung gibt es einen Kratzer an der Haut, aber schwerwiegende Verletzungen werden verhindert, wenn die Bewegung der Hand nicht schneller als 1 m/s ist.[8] Problematisch ist ein Ausrutschen, Abrutschen oder Stolpern, das zu schnelleren Bewegungen führt.[9]

Nach dem Auslösen müssen das Sägeblatt und der Aluminiumblock mit dem Sicherungsdraht und der Elektronik ersetzt werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erfindung (1999)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Links Sägeblatt, in der Mitte deformierter Aluminiumblock mit Feder und rechts elektronische Auslöseeinheit mit Sicherungsdraht.

Dr. Steve Gass, ein Patentanwalt und Hobby-Holzhandwerker aus den USA hatte 1999 die Idee für das System. Er entwickelte in wenigen Wochen einen Prototyp mit einer gebraucht gekauften Kreissäge. Nach vielen Versuchen mit Wiener Würstchen machte er im Frühjahr 2000 den ersten Test mit seinem Ringfinger, den er vorher mit dem Lokalanästhetikum Novocain einrieb. Die Säge stoppte wie erhofft, und obwohl es „schmerzte wie der Teufel und stark blutete“ blieb der Finger ganz.[10]

Firmengründung (2000)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

SawStop bestand damals „aus drei Personen in einer Scheune in Wilsonville“, die im August 2000 einen Prototyp auf einer Messe präsentierten. In der Folge verhandelte Dr. Gass mit den großen Werkzeugherstellern Ryobi, Delta, Black & Decker, Emerson, und Craftsman um seine Erfindung zu lizenzieren.

Bei einem Vortrag 2001 gewann er den Eindruck, dass die großen Werkzeughersteller die Technik nicht lizenzieren würden.[10]

Produktionsstart (2004)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem kein Hersteller die Technik lizenzierte, ließ SawStop in Taiwan Sägen mit der Technik selbst produzieren.

Widerstand vom Handelsverband (2008)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

SawStop provozierte den Widerstand des Handelsverbands Power Tool Institute (PTI), der folgende Hersteller vertritt: Black & Decker, Hilti, Hitachi Koki, Makita, Metabo, Bosch, Techtronic Industries TTI (Besitzer von Ryobi) und Walter Meier Holdings. Sie teilten dem amerikanischen Kongress mit, dass SawStops Bremssystem:

  • gefährlich ist, weil der Benutzer mit dem Sägeblatt in Berührung kommt
  • unbelegt bezüglich der Sicherheit ist, besonders in Hinblick auf Haltbarkeit
  • anfällig für Fehlalarme bei grünem und feuchtem Holz ist
  • potentiell fehleranfällig für unentdeckte Schäden am Auslösesystem
  • kostspielig, weil Sägeblatt und Aluminiumblock nach der Auslösung ersetzt werden müssen
  • deutlich teurer, mindestens 25 % mehr als eine normale Säge

Der PTI argumentierte, dass „der Markt für günstige Sägen in der Region von 200 $ zerstört würde, weil das System einen Aufpreis von 100 $ bedingt.“[11]

Die Mitglieder des PTI entwickelten stattdessen „neue Kunststoffabdeckungen, um den Nutzer vor den Gefahren des rotierenden Sägeblatts zu schützen“, außerdem wurde der Spaltkeil obligatorisch.

Es wurde auch argumentiert, dass die SawStop-Patente andere Hersteller zwingen überhöhte Lizenzgebühren zu bezahlen. Benutzer würden aufgrund der Technik auch sorgloser werden.[12]

Analyse der Underwriters Laboratories (2014)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die US Consumer Product Safety Commission (CPSC) untersuchte 79.500 Notfallaufnahmen im Krankenhaus in Zusammenhang mit Tischkreissägen im Zeitraum 2007–2008.

In 88 % der Fälle wurde der Bediener durch das Sägeblatt geschnitten; davon 89 % in die Finger und 7 % in die Hand. In jedem zehnten Fall folgte eine Amputation.[9]

Bosch REAXX (2015–2017)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In 2015 stellte Bosch seine Tischkreissäge REAXX Jobsite vor, welche mit derselben Technik einen Finger beim Kontakt mit dem Sägeblatt erkennt. Eine Druckpatrone schiebt das Sägeblatt mit Welle dann zerstörungsfrei in wenigen Millisekunden unter den Tisch, wo es einrastet und langsam ausläuft. Nach zwei Auslösungen muss nur die Druckpatrone getauscht werden.[13][14]

SawStop strengte aufgrund der Patentverletzungen an den Patenten 7.895.927 und 8.011.279 eine Klage an, die sie September 2016 gewann.[15][16] Der Versuch von Bosch die Patente für ungültig erklären zu lassen scheiterte im März 2017.[17]

Anhörung der Kommission für Produktsicherheit (2017)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im August 2017 hielt die US-amerikanischen Kommission für Produktsicherheit bei Verbrauchsgüter (CPSC) eine Anhörung über die Sicherheit von Tischkreissägen ab.

Trotz Versprechungen der Industrie, ihre Sägen – unter Verzicht einer Fingererkennung – sicherer zu machen, stieg die Zahl der schweren Verletzungen und Amputationen auf 4.000 pro Jahr in den USA.

Intensive Lobbyarbeit verhinderte die Festsetzung strengerer Regeln, welche eine Fingererkennung obligatorisch gemacht hätten.[1]

Kauf durch TTS Holding (2017)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juli 2017 wurde SawStop von TTS Tooltechnic Systems aus Deutschland gekauft, denen auch Festool gehört. Daher bietet auch Festool inzwischen Kreissägen mit dieser Technik an.[18]

Ablauf des Patents (2021)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das ursprüngliche Patent läuft im August 2021 aus, könnte aber bis April 2024 verlängert werden. Die ergänzenden Patente haben aber eine längere Laufzeit.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Artikel Spaltkeil erklärt viele Gefahren von Kreissägen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Chris Arnold: Despite Proven Technology, Attempts To Make Table Saws Safer Drag On. (englisch).
  2. Juliane HECHT: Dissertation: Unfallmechanismen und Verletzungsmuster bei Unfällen durch Tischkreissägen. (PDF) Universitätsmedizin der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 2015;: „Legt man dieses Verhältnis der privaten zu den gewerblichen Unfällen von 3:1 zu Grunde, so würden den von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) für das Berichtsjahr 2010 angegebenen 4.822 meldepflichtigen Unfällen durch Kreissägen fast 15.000 Unfälle ähnlicher Schweregrade im privaten Bereich gegenüberstehen. Im Vergleich dazu werden für die USA … jährlich 31.426 Unfälle durch Kreissägen im privaten Bereich angegeben.“
  3. Statistik Arbeitsunfallgeschehen 2018. (PDF) In: DGUV. November 2019, abgerufen am 14. Dezember 2020.
  4. Caroline Mallok: Dissertation: Kreissägenverletzungen an der Hand. Hrsg.: Medizinischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena. S. 107 (d-nb.info).
  5. Amputationen: Anteil der Heimwerker steigt. In: ORF.at. 1. Juni 2011;: „Vor allem bei Heimwerkern gebe es eine starke Steigerung, ergänzt der Mediziner: „Alle Bauhäuser mit ihrer Werbung, jeder Familie ihre Kreissäge – und das merkt man in der Statistik deutlichst.““
  6. Thomas Weiler: Neue Kreissäge vermeidet Verletzungen. Institut für Fertigungstechnik und Photonische Technologien, TU Wien, 18. Juli 2019;.
  7. How does SawStop work? Firma SawStop; (englisch).
  8. Patent US8438958.
  9. a b Table Saw Hazard Study on Finger Injuries Due to Blade Contact. Underwriters Laboratories. Januar 2014. Abgerufen am 24. Februar 2017.
  10. a b Melba Newsome: He Took On the Whole Power-Tool Industry. Juli 2005; (englisch).
  11. Jennifer C. Kerr: New rules for table saws sought to cut amputations. In: Boston.com. 25. Mai 2011 (boston.com [abgerufen am 29. Juni 2011]).
  12. Table Saw Facts at a Glance. Power Tool Institute. Abgerufen am 21. April 2017.
  13. CHRIS MARSHALL: BOSCH, SAWSTOP EMBROILED IN REAXX TABLE SAW LAWSUIT, Woodworker's Journal. 17. Mai 2016. Abgerufen am 25. Februar 2017. 
  14. Kenny Koehler: SawStop Vs Bosch Reaxx Lawsuit: It's Not Over Yet – UPDATED, Pro Tool Reviews. 7. Februar 2017. Abgerufen am 21. März 2017. 
  15. Patrick McCombe: SawStop Claims Victory in Lawsuit with Bosch, FineHomebuilding. 13. September 2016. Abgerufen am 24. Februar 2017. 
  16. United States International Trade Commission 9. September 2016 Link
  17. Denying Institution of Inter Partes Review 37 C.F.R. § 42.108. 31. März 2017. Abgerufen am 19. April 2017.
  18. Sawstop. In: www.Festool.com. (englisch): „SawStop technology was originally developed by Dr Steve Gass, who later used it as the foundation on which to establish the SawStop business, one of the leading suppliers of stationary bench-mounted circular saws in the USA. In July 2017, this American company was integrated into the TTS Group as a fully owned subsidiary and independent company. SawStop LLC continues to supply the American market with high-quality bench saws“