Scharlach (Stoff)

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Mit Scharlach wurde im Mittelalter ein edles und teures Wollgewebe bezeichnet. Karminrot war die üblichste Farbe, wodurch die Doppelbedeutung des Wortes als Farbe entstand.

Zur Wortgeschichte -- Herkunft, Form und Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mittelhochdeutschen (1050-1350) bezeichnete scharlach (seltener auch scharlât) (mit vielen Nebenformen) das 'namhafteste wollene Luxusgewebe‘.[1] In Europa erscheinen Bezeichnungen dieser Art zuerst in deutschen und lateinischen Kontexten: als deutsche Glosse zu lateinisch rasilis (= 'geschorenes / geglättetes Tuch'? ) im Summarium Heinrici[2] (Original um 1020 oder 1050-1100?) I 321: 'Ralla vel rullo qu[ae] vulgo rasilis dicitur scarlachen'; und im Mittellateinischen: 'tres pannos scarlitinos anglicanos' [drei englische scharlachene Tuche] (um 1050), 'de scarlata rubea tunicam' [Hemd, Untergewand von rotem Scharlach] (um 1100) usw. Danach finden wir verwandte Formen in vielen europäischen Sprachen (altfranzösisch escarlat(t)e, escarlet usw., italienisch scarlatto, spanisch-portugiesisch escarlat(a), mittelniederländisch scharlaken, scharlakijn, mittelniederdeutsch scharlaken(e), scarlaken(e), schaerlaken, mittelenglisch scarlet usw.).

Die Herkunft dieser Wortformen bleibt unsicher.[3] Von Interesse hier sind drei Hypothesen.

(A) Aufgrund der deutschen und mittelniederländischen Formen vermutete man früher einen nordeuropäischen Ursprung - so schon 1905 bei Jean-Baptiste Weckerlin mit seiner Hypothese, dass die Wortfamilie 'Scharlach' in der Frühphase der flandrischen Tuchindustrie als kommerzieller Terminus in der Form einer Zusammensetzung (scar/schaer + laken = 'durch Scheren veredelter Wollstoff') entstanden sei.[4] Die bereits um 1000 nachweisbare Herstellung geschorener Tuche gilt vielleicht als wichtigste Neuerung der mittelalterlichen Textilindustrie (Munro 1983, 28), und so könnte der frühe Summarium-Beleg als eine transparente Bildung (althochdeutsch scar- 'Scher-' + lahhan 'Tuch') zur Bezeichnung des neuartigen Stoffes interpretiert werden. Erklärungsbedürftig wären allerdings noch die gut bezeugten Formen mit -t- im Mittellateinischen und in den romanischen Sprachen. Außerdem liefern John H. Munros eingehende Untersuchungen einen klaren Beweis dafür, dass die mittelalterlichen geschorenen wollenen Scharlachstoffe ihren hohen Wert und ihr Ansehen nicht etwa diesem anspruchsvollen Veredelungsprozess verdankten, sondern vor allem der Verwendung des sehr kostspieligen roten Farbmittels Kermes (Karmin) (mittellateinisch grana, mittelhochdeutsch grân).

(B) Häufiger betrachtet man die europäischen Bezeichnungen als Entlehnungen aus orientalischen Sprachen, etwa aus persisch saqalāt, siqalāt, oder suqlāt.[5] Unter der Voraussetzung persischer Herkunft wären die älteren deutschen und niederländischen Formen (scar- / schaer- -lach, -laken usw.) erst sekundär durch pseudoetymologische Umbildung (Volksetymologie) entstanden. Gegen die Annahme, dass diese persischen Formen umgekehrt als indirekte Entlehnungen aus dem Mittelniederländischen zu betrachten waren, argumentierte Munro, dass der flandrische Tuchhandel im 11. Jh. nicht in der Lage gewesen wäre, den Ausgangspunkt eines so weitreichenden Entlehnungsvorgangs zu bilden (1983, 26ff.).

(C) Munros eigener Hypothese zufolge wären die europäischen Scharlach-Termini eher auf arabisch siklāt (später siklātūn) zurückzuführen.[6] Munro versteht darunter einen besonders teuren, mit Kermes rot gefärbten Seidenstoff, dessen Name seit dem 9. Jahrhundert bezeugt und später ins Persische entlehnt worden sei.[7] Problematisch ist hier der beträchtliche formale Unterschied zwischen arabisch siklāt(ūn) und den weitverbreiteten europäischen Formen mit scar-.

Allen drei Hypothesen ist gemeinsam, dass 'Scharlach' von Hause aus nicht Farb-, sondern Stoffbezeichnung war. Ansonsten bleibt die rein linguistische Herkunftsfrage weitgehend offen. Andererseits sind wir über die Herstellung, Vermarktung und Verbreitung des Scharlachstoffes gut informiert, vor allem durch Munros eigene Studien.

Ausgehend von Munros Feststellung, dass das Hauptmerkmal des Scharlachs darin lag, dass er mit Kermes gefärbt wurde, bemerkte Elke Brüggen (1989, 284f.), dass die von Munro angeführten Zeugnisse über das Färben der Scharlachtuche relativ spät (14. Jh.) einsetzen. Außerdem erwähnten die mittelalterlichen Quellen nicht nur einen roten Scharlach (in der höfischen Epik 16 Belege), sondern auch unter dieser Bezeichnung andere Farben: häufig brûn ('braun / violett') (13 Belege), nur ganz selten (wohl als exotische Sonderfälle) grüne (1) und blaue (1). Munro setzte hier ein mehrfaches Färbeverfahren unter Anwendung von Waid oder Indigo als Grundierfarbe voraus, während der im Altfranzösischen mehrmals auftretende 'weiße Scharlach' (blanche escarlatte usw.) sich als 'ungefärbtes Wollgewebe' erklären ließe: erst im Spätmittelalter versuchte man in einigen französischen Städten und allgemeiner in England, später in den Niederlanden, den Namen 'Scharlach' auf hochrotes, ausschließlich mit Kermes gefärbtes Tuch zu beschränken (Munro 1983, 53ff. u. 59ff.).

Im Mittelhochdeutschen findet man keine eindeutigen Belege für scharlach(en) als abstrakte Farbtonbezeichnung, wohl aber das Substantiv scharlachvarwe in der Bedeutung 'Farbe des Scharlachtuches' im Vergleich mit Blut (1284-9). Erst seit dem 16. Jahrhundert wird Scharlach regelmäßiger als Farbtonbezeichnung im Sinne von 'Hochrot' verwendet und lexikografisch erfasst. Seit dem 16. Jahrhundert spielte Scharlach- eine zunehmende Rolle als differenzierendes Wortbildungselement in naturwissenschaftlichen Nomenklaturen (Scharlachblume, -kraut, -nessel usw.). Bezeugt ist Scharlach als Krankheitsname erst um 1800.[8] Zur weiteren Geschichte von Scharlach als Farbbezeichnung siehe Jones (2013).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elke Brüggen, Kleidung und Mode in der höfischen Epik des 12. und 13. Jahrhunderts, Carl Winter, Heidelberg 1989
  • William Jervis Jones, Historisches Lexikon deutscher Farbbezeichnungen, Akademie Verlag/De Gruyter, Berlin 2013, 1. Band, Ahd. unter scarlachen, Mhd. unter scharlachen, scharlât usw., 5. Bd. unter Scharlach
  • John H. Munro, 'The Medieval Scarlet and the Economics of Sartorial Splendour', in: Cloth and Clothing in Medieval Europe. Essays in Memory of Professor E. M. Carus-Wilson, hrsg. von N. B. Harte und K. G. Ponting. Heinemann, London 1983, S. 13–70. Abgedruckt in: Munro, Textiles, Towns and Trade: Essays in the Economic History of Late-Medieval England and the Low Countries, Variorum, Aldershot usw. 1994
  • John H. Munro, 'Medieval Woollens: Textiles, Textile Technology and Industrial Organisation c. 800-1500' , in: The Cambridge History of Western Textiles, hrsg. von David Jenkins, Cambridge University Press 2003, Band 1, S. 181–227
  • John H. Munro, 'The Anti-Red Shift - to the 'Dark Side: Colour Changes in Flemish Luxury Woollens, 1300-1550', in: Medieval Clothing and Textiles 3 (2006), 55-95. Online https://mpra.ub.uni-muenchen.de/
  • John H. Munro, “Scarlet”, in: Encyclopaedia of Medieval Dress and Textiles of the British Isles c. 450-1450, hrsg. von Gale Owen-Crocker, Elizabeth Coatsworth und Maria Hayward, Brill, Leiden 2012
  • Jean-Baptiste Weckerlin, Le Drap 'escarlate' au moyen âge: essai sur l'étymologie et la signification du mot écarlate et notes techniques sur la fabrication de ce drap de laine au moyen âge, A. Rey, Lyon 1905
  • Anna Zanchi, 'Melius abundare quam deficere': Scarlet clothing in Laxdaela Saga and Njáls Saga, in: Medieval Clothing and Textiles 4 (2008), 21ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Elke Brüggen (1989), 48f. u. 282-7, mit Forschungsbericht, der insbes. John H. Munros Darstellung (1983) kritisch berücksichtigte.
  2. Summarium Heinrici [3 Bände] [...] Bearbeitet und hrsg. von Reiner Hildebrandt [und Klaus Ridder], Walter de Gruyter, Berlin, New York 1974, 1982, 1995.
  3. Übersicht über die bisherige Forschung mit Literaturhinweisen in Jones, Lexikon (2013).
  4. Mittelniederländische Herkunft noch angenommen bei Miguel Gual Camarena, Vocabulario del comercio medieval, Tarragon 1968, unter escarlata.
  5. Siehe z. B.: Grimm, Deutsches Wörterbuch (1893), Band 14, Sp. 2200; Walther von Wartburg, Französisches Etymologisches Wörterbuch (1922–2002), Band 19, S. 149–150 (eingehende Diskussion von den romanischen Formen als Entlehnungen aus persisch saqirlāṭ); Trésor de la langue française, unter écarlate; "scarlet" in OED Online, [www.oed.com/view/Entry/172079]; 'Scarlet', in The Lexis of Cloth and Clothing Project database; K. Lokotsch, Etymologisches Wörterbuch der europäischen (germanischen, romanischen und slavischen) Wörter orientalischen Ursprungs, Carl Winter, Heidelberg 1927. 2. Aufl. Carl Winter, Heidelberg 1975, S. 142. Siehe auch Raja Tazi, Arabismen im Deutschen. Lexikalische Transferenzen vom Arabischen ins Deutsche, Walter de Gruyter, Berlin, New York 1998, S. 288, Anm. 17 (persisch saqirlāt oder arabisch siqillāṭ als mögliche Ausgangsformen, mit hispano-arabisch ’iskirlāṭa (13. Jh., früher vielleicht sikirlāṭ) und spanisch escarlata als Zwischenstufen) u. 293 (über mittelhochdeutsch scharlach als tertiärer, durch das Mittelniederländische vermittelter Arabismus). Bei Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, bearbeitet von Elmar Seebold (Walter de Gruyter, Berlin, New York 2002) wird das persische Wort weiter auf hebräisch siqrā 'rote Farbe' zurückverfolgt.
  6. Siehe auch Tazi, Arabismen, S. 288. Das Französische Etymologische Wörterbuch (19, 150) betrachtete den hispano-arabischen 'iskirlāta-Beleg nicht als Entlehnung aus dem Arabischen, sondern umgekehrt als Entlehnung aus den romanischen Sprachen.
  7. Munro 1983, 20ff.; Munro 2003, 212f.; Munro 2006, 57-67; Munro 2012. Er schreibt (2006, 63f.): 'In my view, set forth here as a hypothesis, the name 'scarlet' in later medieval Latin (scarlata, scarlatum), in all other Romance languages, and in English is derived from the Arabic name for an even earlier Islamic textile, from the ninth or tenth century, whose principal feature was that it was dyed in kermes: the siklat or later more commonly known as siklatun. It was, to be sure, a silk and not a woollen textile, but its name was probably derived from the late Roman or Byzantine woollen textile, the sigillatus (in Greek: σιγιλλατου), one decorated with seals or rings. The later Persian term for this kermes-dyed silk, the sakirlat, though certainly derived from siklatun, was probably also influenced in its formation by the Italian term scarlatto, through Italian commerce.'
  8. Albrecht N. Rauch: Krankheitsnamen im Deutschen. Eine dialektologische und etymologische Untersuchung der Bezeichnungen für Diphtherie, Febris scarlatina, Morbilli, Parotitis epidemica und Varicellae, Franz Steiner, Stuttgart 1995 (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, Beiheft 84), S. 103.