Schrittgeschwindigkeit

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Als alternative Bezeichnung für die Symbolrate in der Nachrichtentechnik siehe Symbolrate.
Zeichen 325.1 StVO (Beginn eines verkehrsberuhigten Bereichs): Der Fahrzeugverkehr muss die Schrittgeschwindigkeit einhalten.

Unter Schrittgeschwindigkeit (umgangssprachlich auch Schritttempo) versteht man in der deutschen, wie in der österreichischen Straßenverkehrsordnung eine relativ niedrige Geschwindigkeit, die nur so schnell ist, wie ein Fußgänger gehen kann.

Versuche der Festlegung der Schrittgeschwindigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein und überschlagsmäßig versteht man darunter eine Geschwindigkeit von 1 Meter pro Sekunde oder 3,6 km/h.[1] Beim Militär gilt – je nach Land – als schneller Marsch ein Marschtempo zwischen 100 und 120 Schritten/min bei einer Schrittlänge von 75 cm bis 100 cm, was 4,5 km/h bis 7,2 km/h entspricht. Ein solcher schneller Marsch dürfte kaum mit einer normalen Schrittgeschwindigkeit eines gewöhnlichen Fußgängers vergleichbar sein.

Neben Quellen aus der hoch spezialisierten Fachrichtung der Unfallrekonstruktion wurden sowohl themenverwandte als auch alternative Datenquellen in einer Studie über das Bewegungsverhalten von Fußgängern im Straßenverkehr untersucht. Nach Auswertungen von Eberhardt und Himbert, auf denen zahlreiche andere Studien aufbauen, bewegt sich die Geschwindigkeit beim Gehen eines gesunden, unbehinderten Erwachsenen unter Normalbedingungen (Straße ohne Steigung, kein Gegen- oder Seitenwind, normaler Fahrbahnbelag, Altersklasse zwischen 20 Jahren und 65 Jahren, männlich/weiblich, ohne Gepäck etc.) zwischen 1,35 m/s und 1,65 m/s (4,86 km/h bis 5,94 km/h), wobei die Messungen auf einer Strecke von nur 10 m Länge durchgeführt worden sind.[2] Es ist zu bezweifeln, dass diese sehr kurzen Geschwindigkeitsmessungen auf längere Wegstrecken übertragbar sind. Die Schrittgeschwindigkeit dürfte im Durchschnitt niedriger liegen.

Definition im Straßenverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schrittgeschwindigkeit ist im Straßenverkehr nicht genau definiert. Sie liegt nach verschiedenen Urteilen der Oberlandesgerichte Brandenburg (Az. 1 Ss (OWi) 86 B/05), Köln (Az. VRS 68, 382) und Karlsruhe (1 Ss 159/03) bei maximal 7 km/h.

Abweichend davon gab es Urteile und Kommentare wie beispielsweise das des Oberlandesgerichtes Hamm, das von 10 km/h ausging,[3] das Amtsgericht Leipzig, das von 15 km/h Schrittgeschwindigkeit ausging (Az: 215 OWi 500 Js 83213/04) oder Hentschel, der bemerkte, dass diese niedrigen Werte [4 und 10 km/h] „mittels Tacho gar nicht zuverlässig meßbar wäre“, und unter Schrittgeschwindigkeit eine Geschwindigkeit zu verstehen sei, die jedenfalls deutlich unter 20 km/h läge.[4] Die Führerschein-Prüfungsrichtlinie bewertet unter Punkt 1.5.2. das Vorbeifahren an Schul- und Linienbussen, die mit Warnblinklicht an Haltestellen halten, mit „mehr als Schrittgeschwindigkeit aber nicht mehr als 20 km/h“, als Wiederholungsfehler.[5]

In den Richtlinien für Lichtsignalanlagen (RiLSA) wird für die Berechnung der Räumzeit für Fußgänger an durch Lichtsignalanlagen signalisierten Knotenpunkten (Straßenkreuzungen) eine Räumgeschwindigkeit von 1,2 m/s (4,3 km/h) mit einer Schwankungsbreite von 1,0 bis 1,5 m/s (3,6 km/h bis 5,4 km/h) angenommen. (Gleiches gilt in Österreich. In der Schweiz geht man von 1,2 m/s (4,3 km/h) aus. In den Niederlanden wird für langsam räumende Fußgänger ein Wert von 0,8 m/s in Ansatz gebracht, der zur Ermittlung der Mindestgrünzeit herangezo­gen wird. Für schnelle Fußgänger wird mit 1,2 m/s (2,9 km/h bis 4,3 km/h) gerechnet.)[6] In Österreich wird für die Ampelräumzeit der Fußgängerübergänge ein Wert von 1 m/s (3,6 km/h) verlangt.[7] Der österreichische Oberste Gerichtshof setzt hingegen die Schrittgeschwindigkeit mit 5 km/h an.[8]

Straßenverkehrsvorschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rettungsgasse bei Schrittgeschwindigkeit

In Deutschland ist im öffentlichen Straßenverkehr Schrittgeschwindigkeit in bestimmten Situationen vorgeschrieben, in anderen resultieren aus ihr bestimmte Vorschriften.

Sie ist die Höchstgeschwindigkeit für die Vorbeifahrt an auf derselben Fahrbahn haltenden Linien- und Schulbussen, die an der Haltestelle das Warnblinklicht eingeschaltet haben, unabhängig von der Fahrtrichtung.[9] An öffentlichen Verkehrsmitteln darf während des Fahrgastwechsels rechts – in Österreich auf der Seite, auf der er stattfindet –[10] nur mit Schrittgeschwindigkeit vorbeigefahren werden.[11] Sie ist ebenso Höchstgeschwindigkeit im verkehrsberuhigten Bereich (§ 42 StVO, Zeichen 325.1). Benutzt Fahrverkehr Gehwege Zeichen 239.svg (§ 41 StVO, Zeichen 239) oder Fußgängerzonen Zeichen 242.svg (§ 41 StVO, Zeichen 242.1), beispielsweise bei Freigabe durch das Zusatzzeichen 1022-10 „Radverkehr frei“ Zusatzzeichen 1022-10.svg, darf dieser höchstens mit Schrittgeschwindigkeit fahren.

Gemäß § 11 Abs. 2 ist bis zu einem Verkehrsfluss in Schrittgeschwindigkeit auf Autobahnen sowie auf Außerortsstraßen mit mindestens zwei Fahrstreifen für eine Richtung eine Rettungsgasse zu bilden, bei höherer Geschwindigkeit jedoch nicht mehr. Gemäß § 21a Abs. 1 Nr. 3 braucht bei Fahrten mit Schrittgeschwindigkeit wie Rückwärtsfahren und Fahrten auf Parkplätzen kein Sicherheitsgurt angelegt werden.

Schienenbahnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Fahrdienstvorschrift für nichtbundeseigene Eisenbahnen definiert die Schrittgeschwindigkeit mit 5 km/h.[12]

Durch Menschenkraft, sonstige Tiere, straßenfahrbare Geräte und Kraftfahrzeuge dürfen Schienenfahrzeuge höchstens mit Schrittgeschwindigkeit verschoben werden.[13]

Bei der Sicherung von Bahnübergängen durch den Triebfahrzeugführer oder Posten, sowie bei defekter Pfeifeinrichtung an Bahnübergängen, vor denen zu pfeifen ist,[14] darf der Bahnübergang bis das erste Fahrzeug die Straßenmitte erreicht hat nur mit Schrittgeschwindigkeit befahren werden.[15][16]

Wurde durch eine Heißläuferortungsanlage ein Heißläufer an einem Zug erkannt und dieser am Einfahrsignal eines Bahnhofs angehalten, darf er höchstens mit Schrittgeschwindigkeit in den Bahnhof einfahren, wenn er dort (statt direkt am Einfahrsignal) untersucht werden soll.[17]

Gestörte Rückfallweichen dürfen gegen die Spitze höchstens mit Schrittgeschwindigkeit befahren werden.[18]

In vielen Werkshallen von Eisenbahnen dürfen Schienenfahrzeuge höchstens mit Schrittgeschwindigkeit fahren, wobei ergänzend meist 5 km/h, teils auch 7 km/h oder 3 km/h, als Höchstgeschwindigkeit vorgeschrieben ist.

Bei manchen Eisenbahnverkehrsunternehmen ist als Verschärfung der bei allen Unternehmen geltenden Vorschriften vorgeschrieben, bei „unsichtigem Wetter“ beim Fahren auf Sicht höchstens mit Schrittgeschwindigkeit zu fahren.[19]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Schrittgeschwindigkeit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sebastian Perkul, Schrittgeschwindigkeit in km/h - so schnell bewegen sich Fußgänger, Helpster. Abgerufen am 2. August 2017.
  2. Bettina Bartels, Christian T. Erbsmehl, Bewegungsverhalten von Fußgängern im Straßenverkehr, FAT-Schriftenreihe 267, Forschungsvereinigung Automobiltechnik. Abgerufen am 2. August 2017.
  3. so OLG Hamm VRS 6, 222
  4. Peter Hentschel: Straßenverkehrsrecht. C.H.Beck Verlag München, 38. Auflage 2005, ISBN 978-3-406-52996-2, S. 873.
  5. Prüfungsrichtlinie
  6. Verbesserung der Bedingungen für Fußgänger an Lichtsignalanlagen, Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Verkehrstechnik Heft V217, November 2012, S. 11–18. Abgerufen am 4. August 2017.
  7. Es leuchtet Rot! ab5zig Wiener Seniorenbund abgerufen am 4. August 2017
  8. OGH-Entscheidung 23. März 2007, Geschäftszahl 2Ob262/05a
  9. § 20 Abs. 4 StVO (DE)
  10. § 17 Abs. 2 StVO (AT)
  11. § 20 Abs. 2 StVO (DE)
  12. §45 Absatz 4 Nummer h FV-NE (=DB-Ril 438, Seite 67. Abgerufen am 2. August 2017.)
  13. §53 Absatz 13 FV-NE
  14. DB-Ril 408.2691 bzw. §44 Absatz 11 FV-NE
  15. DB-Ril 408.2671 Abschnitt 2 Absatz 7 bzw. 408.4816 Abschnitt 1 Absätze 2 und 3
  16. DB-Ril 408.2341A01 Abschnitt 4 Absatz 6 Nummer i „Posten“ bzw. DB-Ril 408.2341A02 Abschnitt 5 Nummer m „Posten“
  17. DB-Ril 408.2553 Abschnitt 2 Absatz 1
  18. Anlage 16 Absatz 22 FV-NE
  19. DB-Richtlinie 418.3312
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