Sechs von Leipzig

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Die Sechs von Leipzig (häufig auch als die Leipziger Sechs bezeichnet) ist die Bezeichnung für eine sechsköpfige Gruppe, die mit ihrem gemeinsamen Aufruf am 9. Oktober 1989 zur Gewaltfreiheit der Montagsdemonstration während der Friedlichen Revolution in Leipzig beitrug.[1]

Mitglieder der Sechs von Leipzig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Formulierung des Aufrufes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 9. Oktober rief Kurt Masur um 13.45 Uhr den SED-Kultursekretär Kurt Meyer an, mit dem er sich bereits drei Tage zuvor voller Sorge über die zunehmend bedrohliche Lage ausgetauscht hatte. Masur regte an, gemeinsam darüber nachdenken, was man tun könne, um am Abend „das Schlimmste zu verhindern“. Daraufhin beriet sich Meyer mit seinen Sekretärskollegen Jochen Pommert und Roland Wötzel. Sie schlugen Masur vor, in dessen Wohnung zu kommen. Masur war einverstanden und willigte auch ein, dass der Theologe und CDU-Politiker Peter Zimmermann sowie der Kabarettist Bernd-Lutz Lange an dem Treffen teilnahmen. Dort formulierte die Gruppe gemeinsam ihren – an beide Seiten gerichteten – Aufruf zur „Besonnenheit“ samt Versprechen, sich für einen politischen Dialog einzusetzen.

Lange vervielfältigte den Text mit einer Schreibmaschine und Kohlepapier. Zimmermann lief mit den Durchschlägen in die vier Kirchen, in denen gerade die montäglichen Friedensgebete stattfanden, und bat die Pastoren, den Text am Ende des Gottesdienstes „mit allem Nachdruck“ zu verlesen.[3] Der für Agitation und Propaganda verantwortliche Pommert organisierte, dass ein Mitarbeiter des Senders Leipzig vom Rundfunk der DDR den von Masur gesprochenen Text auf Tonband aufnahm, und veranlasste weiter, dass dieser vom Stadtfunk Leipzig verbreitet wurde.[4][5]

Demonstration am 9. Oktober 1989[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 9. Oktober standen 8000 Polizisten, Kampfgruppenmitglieder und NVA-Soldaten bereit. In den Krankenhäusern waren die Blutkonserven aufgestockt worden, medizinisches Personal wurde zu Spät- und Nachtschicht zwangsverpflichtet. Die Nikolaikirche war schon gegen 14 Uhr mit etwa 600 SED-Mitarbeitern besetzt. Zugverbindungen nach Leipzig waren erschwert. Trotz der drohenden Gefahr einer „chinesischen Lösung“ nach Vorbild des „Massakers vom Platz des Himmlischen Friedens“ fanden sich 70.000 Bürger nach den Friedensgebeten zusammen.[6] Kurz vor Schluss des Friedensgebetes wurde in allen Kirchen der „Aufruf der Leipziger Sechs“ verlesen. Ab 18.00 Uhr wurde der Appell immer wieder über den Stadtfunk ausgestrahlt.[7]

„Die Leipziger Bürger Professor Kurt Masur, Pfarrer Dr. Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Dr. Kurt Meyer, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel wenden sich mit folgendem Aufruf an alle Leipziger:“

Radiosprecher: Original-Ton Stadtfunk[7]

„Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. Es sprach Kurt Masur“

Kurt Masur: Original-Ton Stadtfunk[7]

Tatsächlich verlief die folgende Demonstration mit über 70.000 Teilnehmern (manche Quellen sprechen von bis zu 100.000) erstmals ohne jede Gewaltanwendung.[8] Als die Menschen am Hauptbahnhof vorbeizogen, zogen sich die Sicherheitskräfte zurück. Mit einer solchen Anzahl an Menschen hatte der Staat nicht gerechnet. Nach unbeantworteten Telefonaten nach Berlin entschieden der amtierende 1. Sekretär der Leipziger SED-Bezirksleitung Helmut Hackenberg und Polizeipräsident Generalmajor Gerhard Straßenburg den Rückzug und gaben die Anweisung: „Keine aktiven Handlungen gegen Personen zu unternehmen, wenn keine staatsfeindl. Aktivitäten u. Angriffe auf Sicherheitskräfte, Objekte u. Einrichtungen erfolgen“.[9] Die Gründe und der genaue Hergang sind aber bis heute nicht vollständig geklärt. Auf den Treppenstufen zum Eingang der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit („Runde Ecke“) wurden Kerzen aufgestellt. Gegen 20 Uhr war die Demonstration beendet und die Macht des SED-Staates gebrochen.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Radiosendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sven Felix Kellerhoff: Der Tag, als Leipzig ganz Deutschland veränderte. In: Die Welt, 9. Oktober 2009.
  2. „Da wurden einige korrumpiert“. Wie das Ministerium für Staatssicherheit die evangelische Kirche der DDR unterwanderte. In: Der Spiegel. Nr. 52, 1990, S. 41–51 (45) (online).
  3. Jochen Bölsche: „Sie haben uns das Leben gerettet“. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1999, S. 100 f. (online).
  4. Bernd-Lutz Lange, Sascha Lange: David gegen Goliath. S. 82–84.
  5. »Wir bitten Sie um Besonnenheit«. Roland Wötzel über den Aufruf der Leipziger Sechs am 9. Oktober 1989 in der Messemetropole. In: Neues Deutschland, 8. Oktober 2014.
  6. Karsten Timmer: Vom Aufbruch zum Umbruch. Die Bürgerbewegung in der DDR 1989. Hrsg.: Neues Forum Leipzig. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-35925-X, Abschnitt IV.1. Der kritische Moment: Leipzig, 9. Oktober, S. 175–189 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. a b c Montagsdemonstrationen Leipzig 1989: „Wir sind das Volk“. Stadt Leipzig, abgerufen am 10. Oktober 2019 (Mit Audioversion des Aufrufs).
  8. Blatt 9/1999, 9. Oktober 1989 – Tag der Entscheidung. In: Leipziger Menschenrechtsgruppen 1999. IFM-Archiv Sachsen e. V., 2009, abgerufen am 10. Oktober 2019.
  9. Mario Niemann, Andreas HerbstHackenberg, Helmut. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  10. Stefan Wolle: Allmacht und Ohnmacht in der Diktatur. Das SED-System auf dem Weg in den Zusammenbruch. In: Hans-Hermann Hertle, Stefan Wolle (Hrsg.): Damals in der DDR. Der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat. 2. Auflage. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2006, ISBN 3-442-15383-2, S. 299–390.