Selektion (Konzentrationslager)

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Eine jüdische Frau mit Kindern auf dem Weg zur Gaskammer
(Foto: Auschwitz-Album, Mai 1944)

Der Begriff Selektion bezieht sich in der Zeit des Nationalsozialismus in erster Linie auf die Aussonderung von „nicht arbeitsverwendungsfähigen“ Deportierten, Zwangsarbeitern oder Häftlingen, die anschließend getötet wurden. Im zeitgenössischen Sprachgebrauch der SS-Wachen wurde der Begriff Selektion wahrscheinlich nicht verwendet;[1] der Vorgang wurde als Aussortierung und Ausmusterung bezeichnet.

Selektion durch die Aktion 14f13[Bearbeiten]

Hauptartikel: Aktion 14f13

Im Rahmen einer „Invaliden- oder Häftlingseuthanasie“, die der Reichsführer-SS Heinrich Himmler mit Philipp Bouhler verabredet hatte, wurden kranke, alte und als „nicht mehr arbeitsfähig“ eingestufte KZ-Häftlinge hauptsächlich zwischen Frühjahr 1941 und März 1942, teils aber bis 1944 in Tötungsanstalten der Aktion T4 durch Kohlenstoffmonoxidgas ermordet.

Die Lagerkommandanten ließen für Häftlinge, die für einen längeren Zeitraum oder dauerhaft nicht arbeitsverwendungsfähig erschienen, Meldebogen ausfüllen, mit denen Angaben zu unheilbaren körperlichen Leiden, Kriegsbeschädigung sowie früheren Straftaten erfasst wurden. Eine anreisende Ärztekommission, die aus einschlägig erfahrenen T4-Gutachtern bestand, erstellte – anfangs noch nach Augenschein, später nur nach Aktenlage – ein Gutachten mit einer Entscheidung darüber, ob der Häftling der „Aktion 14f13“ zugeführt werden solle.[2]

Die ersten Selektionen dieser Art fanden ab April 1941 im KZ Sachsenhausen statt; im Sommer 1941 wurden Häftlinge aus Buchenwald und aus Auschwitz in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein vergast. Selektierte Häftlinge aus dem KZ Mauthausen, dem KZ Dachau und KZ Flossenbürg wurden in der Tötungsanstalt Hartheim umgebracht. In den Tötungsanstalten Sonnenstein und Bernburg wurden „ausgemusterte“ Gefangene aus dem KZ Buchenwald und dem KZ Ravensbrück beseitigt. Die Gesamtzahl der durch die Aktion 14f13 getöteten KZ-Häftlinge wird mit 12.330 bis 12.930 angegeben.[3]

Trotz ihres begrenzten Umfangs besaß die Aktion 14f13 „für die Geschichte der Selektion eine zentrale Bedeutung“:[4] Sie etablierte in den Lagern das Prinzip der Selektion, die sich bald von ihrer pseudomedizinischen Legitimation löste und vom Lagerpersonal selbständig betrieben wurde.

Lagerselektionen[Bearbeiten]

Lagerselektionen waren während der Kriegsjahre in allen Konzentrationslagern üblich. Häftlinge, die schwächlich aussahen oder im überfüllten Lager als überflüssig galten, wurden regelmäßig ausgesondert und getötet.[5]

Selektionen beim Appell oder im „Block“ wurden von der Lagerleitung angeordnet. Das Blockpersonal verriegelte die Barackentüren und trieb die Häftlinge in eine Kammer. Der SS-Offizier stand an der Außentür, ließ jeden durch die Stube laufen und entschied nach kurzem Blick über Leben und Tod.[6]

Für regelmäßige Selektionen in den Krankenbauten waren SS-Ärzte und Sanitäter oder der Revierkapo verantwortlich. Die Opfer wurden durch Herzinjektionen umgebracht, zum Verhungern in Sterbeblocks gesperrt oder zur Vernichtung in Gaskammern geschafft. Das zahlenmäßig größte Ausmaß erreichten die Revierselektionen in Auschwitz: Allein in den Monaten August bis Dezember 1942 wurden dort 2467 Menschen mit Giftspritzen, zumeist Phenolinjektionen direkt in den Herzmuskel, umgebracht.[7]

In den Vernichtungslagern der Aktion ReinhardtBelzec, Sobibor und Treblinka – wurden die Ankommenden fast ausnahmslos ermordet: Aus den Transportzügen wurden nur einige wenige Menschen herausgesucht, um das Häftlings-Arbeitskommando zu ergänzen.[8]

Selektionen in Auschwitz[Bearbeiten]

Die Dienststelle Schmelt, die seit dem 15. Oktober 1940 den Arbeitseinsatz von Juden in Oberschlesien und im Sudetenland organisierte, ließ erstmals Ende 1941 nicht mehr zur Arbeit verwendbare Zwangsarbeiter selektieren, um sie anschließend in Auschwitz vernichten zu lassen. Diese Selektionen wurden von Friedrich Karl Kuczynski und in einem anderen Fall vermutlich vom stellvertretenden Leiter, Heinrich Lindner, verantwortet.[9]

Die erste Selektion in Auschwitz ist für einen „Familientransport“ am 29. April 1942 mit 1054 slowakischen Juden bezeugt, von denen 331 vergast wurden.[10] Heinrich Himmler besuchte am 17. Juli 1942 den KZ-Komplex Auschwitz und nahm als Augenzeuge im KZ Auschwitz-Birkenau an der ersten Selektion von verschleppten westeuropäischen Juden teil. Von den beiden Transporten mit 2000 Juden aus den Niederlanden wurden 1251 Männer und 300 Frauen ins Lager eingewiesen, die übrigen 449 Menschen in Gaskammern ermordet.[11]

Blick zur Bahnrampe im Lager Auschwitz-Birkenau, Aufnahme von 2006

Bei der Ankunft von Deportierten im KZ Auschwitz-Birkenau gab es derartige Selektionen regelmäßig. Ab dem 4. Juli 1942 fanden sie an der „Judenrampe“ des 2,5 Kilometer entfernten Güterbahnhofs Auschwitz statt.[12] Rudolf Höß ordnete am 9. Mai 1944 an, den Ausbau der Rampe und des dreigleisigen Bahnanschlusses innerhalb der Umzäunung des Lagers Auschwitz-Birkenau beschleunigt fertigzustellen.[13] Zum „Rampendienst“ waren stets Ärzte eingeteilt, die ohne eingehende Untersuchung, nur nach einer äußerlichen Beurteilung entschieden, welche der mit dem Zug eingetroffenen Häftlinge in die Gaskammern geschickt wurden. Wolfgang Sofsky stellt heraus, die Selektionspraxis habe sich weniger an beruflichen Fähigkeiten, Körperkraft oder Alter ausgerichtet, sondern sich vielmehr am aktuellen Arbeitskräftebedarf und der Lagerkapazität orientiert. Nach Urteil des Historikers Jan Erik Schulte gab es bei Selektionen einen maximalen Ermessensspielraum, der einen „letztlich nur vordergründig utilitaristisch motivierten Selektionsprozess“ erlaubte.[14]

Die Einteilung der Lagerärzte zur Selektion und die Leitung der Selektionen insgesamt nahm in Auschwitz-Birkenau der Standortarzt Eduard Wirths als deren Vorgesetzter vor. Der Standortarzt war Untergebener des Lagerkommandanten und in der Befehlshierarchie der Inspektion der Konzentrationslager (IKL) dem Leitenden Arzt der IKL unterstellt. Als einziger Lagerarzt soll sich Hans Münch geweigert haben, bei Selektionen an der Rampe teilzunehmen.

Die Situation an der Rampe ließ keinen Widerstand der Opfer zu; sie wurden beschwichtigt oder eingeschüchtert und in der Hoffnung belassen, es handele sich um einen Arbeitseinsatz oder eine Umsiedlung. Zum Einsatz von Schusswaffen kam es dort „fast nie“.[15]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager. Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 276–295: Die Selektion
  • Leny Yāhîl: Die Shoah. Überlebenskampf und Vernichtung der europäischen Juden. Luchterhand, München 1998, ISBN 3-453-02978-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Das Verfahren: Das Konzentrationslager Auschwitz. Der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozeß, S. 37244 (vgl. Blatt 595 a-41, S. 421) ISBN 3-89853-501-0 (CD-ROM)
  2. Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager. Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 277.
  3. Detlef Garbe: Die Konzentrationslager als Stätten des Massenmordes. In: Günther Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2, S. 328.
  4. Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors… Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 277.
  5. Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors… Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 277 f.
  6. Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors… Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 279 f.
  7. Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors… Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 283.
  8. Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors… Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 286/287.
  9. Jan Erik Schulte: Die Wannsee-Konferenz und Auschwitz. In: Norbert Kampe, Peter Klein (Hrsg.): Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942…, Köln 2013, ISBN 978-3-412-21070-0, S. 235.
  10. Rainer Fröbe: Bauen und Vernichten. Die Zentrale Bauleitung Auschwitz und die Endlösung. In: Christian Gerlach: „Durchschnittstäter“ – Handeln und Motivation. Berlin 2000, ISBN 3-922611-84-2, S. 160 mit Anm. 25. – Diese Opfer wurden noch im Krematorium des Stammlagers vergast.
  11. Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-00884-6, S. 250f; Jan Erik Schulte: Die Wannsee-Konferenz und Auschwitz. In: Norbert Kampe, Peter Klein (Hrsg.): Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942…, Köln 2013, ISBN 978-3-412-21070-0, S. 235.
  12. 4. Juli 1942 bei Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors… Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 88. / „Frühjahr 1942“ bei Wolfgang Benz und Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors, Bd. 5, München 2007, ISBN 978-3-406-52965-8, S. 122.
  13. Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-00884-6, S. 769.
  14. Jan Erik Schulte: Die Wannsee-Konferenz und Auschwitz. In: Norbert Kampe, Peter Klein (Hrsg.): Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942…, Köln 2013, ISBN 978-3-412-21070-0, S. 237.
  15. Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors… Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13427-7, S. 293.