Sozialer Friedensdienst

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Der Soziale Friedensdienst (SoFd) war ein von evangelischen Christen in der DDR geforderter Ersatzdienst, der eine zivile Möglichkeit der Wehrdienstverweigerung in der DDR schaffen sollte.

Die Entwicklung der SoFd-Initiative[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab Mai 1981 verbreitete sich als Kettenbrief die Forderung einer Initiativgruppe aus der evangelischen Weinbergsgemeinde Dresden nach einem „Sozialen Friedensdienst“: „Die Volkskammer möge beschließen: Als gleichberechtigte Alternative zum Wehrdienst und Wehrersatzdienst wird ein ´Sozialer Friedensdienst (SoFd)´ eingerichtet. Die Erfassung, Musterung und Einberufung dazu erfolgt dem Wehrdienst entsprechend. Das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht vom 24.1.1962 ist dahingehend zu ändern.“ Die Gruppe von etwa 20 jungen Leuten um den Dresdner Pfarrer Christoph Wonneberger entstand aus der „offenen sozialdiakonischen Jugendarbeit“ in der Gemeinde. Der Aufruf war von Christian Burckhardt, Christoph Wonneberger sowie dem Superintendenten Christoph Wetzel unterzeichnet. In der Form eines kirchlichen Rundschreibens wurde das Verbot von Unterschriftensammlungen umgangen. Mangels Vervielfältigungsmöglichkeiten wurde der Brief hundertfach per Hand oder Schreibmaschine abgeschrieben.

Das Anliegen, Eingaben an die Landessynoden der evangelischen Kirchen in der DDR zu senden, verbunden mit der Bitte, sich bei Gesprächen mit dem Staat für den waffenlosen „Sozialen Friedensdienst“ einzusetzen, kam an. Unerwartet überfluteten bis Ende 1981 mehr als 12.000 Eingaben die Landessynoden. Allein zur sächsischen Herbstsynode waren es etwa 800 Eingaben mit mehr als 2000 Unterschriften. Erich Honecker schätzte diese Initiative in einem Fernschreiben an die SED-Bezirksleitungen als „staats-, verfassungs- und friedensfeindlich“ ein. Mit einer vernichtenden Stellungnahme des Cottbuser SED-Chefs Werner Walde Ende 1981 im Neuen Deutschland wurde diese Position auch öffentlich klar zum Ausdruck gebracht.[1] Dort proklamierte das Zentralkomitee der SED ausdrücklich, dass „bereits unsere gesamte Republik ein Sozialer Friedensdienst sei“.

Gegen Christoph Wonneberger und fünf seiner engsten Mitarbeiter, darunter den späteren Greifswalder Bischof Eduard Berger, wurde deshalb 1981 vom Ministerium für Staatssicherheit der Operative Vorgang (OV) „Provokateur“ eröffnet. Bis 1986 wurden fünf Bände Spitzelberichte und Maßnahmepläne angelegt. Das Ziel des Geheimdienstes war die Zurückdrängung dieser unabhängigen Friedensbestrebungen mittels Verunsicherungen im persönlichen und beruflichen Leben der Initiatoren. Während die Jugendlichen noch an vertrauensbildenden Maßnahmen bastelten, plante der Staat bereits, die unliebsame Friedenskonkurrenz mit rigiden administrativen Mitteln aus dem Weg zu schaffen.

Dazu wurden Inoffizielle Mitarbeiter (IM) in der Gruppe eingeschleust. Einer dieser Spitzel bot sich der Gruppe als Kontaktadresse an. Der Pfarrerssohn Sören Naumann, alias "Egon", wurde dafür als IMB "Michael Müller" vom Geheimdienst mit monatlich 400 Mark bezahlt. Ein IMB „Werner Lehmann“ übernahm als Beauftragter der Gruppe die Kontakte zur Evangelischen Studentengemeinde, so dass auch diese Verbindung unter Kontrolle des MfS stand.

Ostern 1982 plante die SoFd-Gruppe eine DDR-weite „Friedenssternfahrt“ aller Petenten zur Dresdner Kreuzkirche. 2000 junge Fahrradfahrer wurden erwartet. Einzelgespräche staatlicher Funktionäre mit evangelischen Bischöfen zur Zurückdrängung der Initiative hatten nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Auch Bischof Albrecht Schönherr erklärte im Mai 1982 auf einer Tagung der Heinemann-Initiative in Rastatt, dass „...wir Christen in der DDR gut daran tun, daß unser Friedenszeugnis rein bleibt. Wir Christen erinnern uns mit Scham daran, wie wenige von uns im verbrecherischen 2. Weltkrieg den Kriegsdienst verweigerten und dafür mit dem Leben bezahlten. Nicht zuletzt ist der Gedanke furchtbar, daß in einem nächsten Krieg Deutsche auf Deutsche schießen werden und damit das Gericht des zweiten Weltkrieges vollendet werden würde.“

Der sächsische Bischof Johannes Hempel verbot Wonneberger weitere Planungen für dieses Großtreffen in Dresden, aber versicherte gleichzeitig, das Anliegen „SoFd“ als gesamtkirchliches Anliegen weiter vorzubringen. Für die inzwischen 40 jungen Leute der Initiative gelte aber, nachdem Kirchenstaatssekretär Klaus Gysi dem Bischof Tonbänder der überregionalen Arbeitstreffen vorgespielt habe: „Wir können Euch nicht mehr schützen!“

Als vertrauensbildende Maßnahme gegenüber dem Staat beschloss deshalb das 3. überregionale SoFd-Arbeitstreffen in Dresden am 28.–30. Dezember 1981 zum Beispiel Arbeitseinsätze in staatlichen Alters- und Pflegeheimen. Der Lohn sollte für ein Warschauer Kinderkrankenhaus gespendet werden. Ein lange vorbereitetes „Friedensforum“ in der Dresdner Kreuzkirche fand am 13. Februar 1982 statt, am 16. Mai das Friedensseminar Königswalde, am 27. Juni eine „Friedenswerkstatt“ in der Berliner Erlöserkirche. In Jena bildete sich um Roland Jahn, Dorothea Rost und Andreas Friedrich eine „Friedensgemeinschaft“.[2] Am 10. Februar wurde der Schriftsetzer Roland Brauckmann, der die Verbindung zwischen den Initiativen aufrechterhielt, verhaftet und im Juni 1982 in einem nichtöffentlichen Verfahren zu 20 Monaten Haft verurteilt. Der Berliner Konsistorialpräsident Manfred Stolpe, dessen „differenzierte Haltung“ ansonsten von Klaus Gysi gelobt wurde, charakterisierte dieses staatliche Vorgehen als „mit Haubitzen auf Schmetterlinge zu schießen“.

Ab 1984 bereitete Heiko Lietz das DDR-weite jährliche Treffen Frieden konkret vor und koordinierte es. In dessen „DDR-weitem Arbeits- und Koordinierungskreis zum Wehrdienstproblem“, den er bis 1989 organisierte und moderierte, wurde der SoFd-Impuls weiter bearbeitet und verbreitet. Ab 1987 wirkte die Arbeitsgruppe Menschenrechte aus Leipzig in diesem Gremium mit.[3]

1988 richteten kirchliche Institutionen in Sachsen-Anhalt inoffiziell einen Diakonischen Friedensdienst als symbolischen Wehrersatzdienst in einer kirchlichen Einrichtung ein. Doch erst während der Friedlichen Revolution wurde mit der ab März 1990 geltenden Zivildienstverordnung das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung auch im kommunistischen Teil Deutschlands anerkannt.

Die Entwicklung der Friedensgebete in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz der geheimdienstlichen Verfolgung der SoFd-Initiatoren funktionierte über persönliche Kontakte der Austausch von Informationen zwischen den verschiedenen regionalen nichtstaatlichen Initiativkreisen, wie dem Leipziger Sonnabendskreis, weiter. Bürgerrechtler und spätere Bausoldaten in der Gruppe wirkten maßgeblich an der systematischen Vernetzung mit. Da eine weitere zentrale Koordinierung der nichtstaatlichen Friedenskreise aufgrund heftiger staatlicher und kirchlicher Reglementierung unmöglich schien, wurde von Pfarrer Wonneberger am 8. Februar 1982 erstmals ein Konzept dezentraler Friedensgebete angeregt. Die Gruppe beschloss, weitere SoFd-Initiativen in Form von Friedensgebeten durchzuführen. In Großstädten der DDR sollten zeitgleich, wöchentlich am Samstagabend (später am Sonntag bzw. Montag), Friedensgebete in zentral gelegenen Kirchen angeboten werden. Sie hatten richtig kalkuliert: 1989 brachten diese Friedensgebete als dezentrale Proteste mit Montagsdemonstrationen die SED-Diktatur zum Einsturz.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Büscher, Peter Wensierski & Klaus Wolschner (Hrsg.): Friedensbewegung in der DDR. Scandica-Verlag, Hattingen 1982, ISBN 3-88473-019-3.
  • Klaus Ehring (Pseudonym für Hubertus Knabe) & Martin Dallwitz (Pseudonym für Ulrich Mickan): Schwerter zu Pflugscharen. Rowohlt, Reinbek 1982, ISBN 3-499-15019-0.
  • Manfred Richter & Elsbeth Zylla (Hrsg.): Mit Pflugscharen gegen Schwerter. Erfahrungen in der evangelischen Kirche in der DDR 1949-1990. Protokolle. Edition Temmen, Bremen 1991, ISBN 3-926958-73-1.
  • Martin Hohmann: Schwerter zu Pflugscharen. Die Friedensarbeit der evangelischen Kirchen in der DDR 1981/1982 – dargestellt an Beispielen aus der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Berlin-Verlag Spitz, Berlin 1998, ISBN 3-87061-776-4.
  • Anke Silomon: „Schwerter zu Pflugscharen“ und die DDR. Die Friedensarbeit der evangelischen Kirchen in der DDR im Rahmen der Friedensdekaden 1980-1982. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-55733-7.
  • Ehrhart Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989. Ch. Links-Verlag, Berlin 1997; 2. Auflage Bundeszentrale für politische Bildung 2000, ISBN 3861531631.
  • Eberhard Kuhrt, Hannsjörg F. Buck & Gunter Holzweißig: Opposition in der DDR. Bestandsaufnahme der DDR-Wirklichkeit in den 80er Jahren. VS Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 3-8100-3618-8.
  • Thomas Mayer: Der nicht aufgibt – Christoph Wonneberger, eine Biographie Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, ISBN 978-3-374-03733-9.
  • Ilko-Sascha Kowalczuk & Tom Sello (Hrsg.): Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos. Robert-Havemann-Gesellschaft in Verbindung mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin 2006, ISBN 3938857021.
  • Thomas Rudolph, Oliver Kloss, Rainer Müller, Christoph Wonneberger (Hrsg. im Auftrage des IFM-Archivs e.V.): Weg in den Aufstand. Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR vom August 1987 bis zum Dezember 1989. Bd. 1, Leipzig, Araki, 2014, ISBN 978-3-941848-17-7, (Vorwort als Leseprobe).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Neues Deutschland vom 21./22. November 1981, S. 3: „Diskussionsbeitrag des Gen. Walde auf der 3. Tagung des ZK der SED“
  2. Friedensgemeinschaft Jena
  3. DDR-weiter Arbeits- und Koordinierungskreis zum Wehrdienstproblem von Frieden konkret: Vorschlag zur Einrichtung eines sozialen Wehrersatzdienstes, Digitalisat des Flugblattes.