Sozialistisches Leistungsprinzip

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Als sozialistisches Leistungsprinzip wurde in den Staaten des real-existierenden Sozialismus das Grundprinzip des ökonomischen und sozialen Lebens im Sozialismus als letztem Schritt vor der Endstufe der „kommunistischen Gesellschaft“ bezeichnet.

Leistungsprinzip im Realsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgehend von der 1935 einsetzenden Stachanow-Bewegung[1] wurde das Leistungsprinzip in der sowjetischen Verfassung von 1936 („Stalin-Verfassung“) festgeschrieben:[2]

Artikel 12. Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und eine Sache der Ehre eines jeden arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“.
In der UdSSR gilt der Grundsatz des Sozialismus: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung

Nach diesem Grundsatz ist die Arbeit gesellschaftlich so zu organisieren, dass alle Gesellschaftsmitglieder ihren Fähigkeiten entsprechend an der Arbeit teilnehmen müssen und ihren Anteil an dem individuell verzehrbaren Teil des gesellschaftlichen Produkts nach ihrer Leistung erhalten.

Mit dem sozialistischen Leistungsprinzip soll im Sozialismus der untrennbare Zusammenhang zwischen dem Recht auf Arbeit und der Pflicht jedes Bürgers zur Arbeit verwirklicht werden. Was der einzelne für die Gesellschaft leistet, bestimmt das Maß der Anerkennung seiner Arbeit durch die Gesellschaft.

Karl Marx' Verständnis von Arbeit und Leistung im Kommunismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausgang von der Leistung für die Gesellschaft als Verteilungsgrundsatz im realexistierenden Sozialismus unterscheidet sich wesentlich von Karl Marx' Grundsatz des Kommunismus: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“[3]

Dieser Grundsatz bezieht sich bei Marx nicht auf Vorstufen der Entwicklung zum Kommunismus, in der eine Diktatur des Proletariats herrscht und die kommunistische Gesellschaft vorbereitet wird, sondern auf die „utopische“ Vorstellung des Endziels der geschichtlichen Entwicklung, die davon geprägt ist, dass der Antagonismus der Menschen, die Arbeitsteilung, die Unterdrückung und damit die Entfremdung des Menschen von sich selbst, von der Natur und von dem Arbeitsprozess aufgehoben ist.

„In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“

Der Begriff „Bedürfnis“ bedeutet hier der historischen Begriffsentwicklung entsprechend eher „Bedarf“ als „Wunsch“ oder „Verlangen“ nach dem heutigen Verständnis und meint das, was man zum Leben oder zur Ausübung seiner Fähigkeiten in der Arbeit benötigt. Der Kontext klärt, dass die ideale Form des Lebens in der Befriedigung des menschlichen Grundbedürfnisses nach „Arbeit“ besteht, die in ihrer unverfälschten Form produktives Tätigsein in freier Kooperation für das Glück aller ist, wobei Arbeit und Genuss nicht mehr getrennt sind, sondern die produktive Tätigkeit ihren Sinn in sich selbst trägt. „Leistung“ gibt es daher nicht mehr in Form einer für andere in Überwindung des eigenen Wollens zu erbringende Tätigkeit, sondern nur als „Selbstverwirklichung“ der eigenen produktiven Kräfte. Bedürfnis bedeutet in diesem Zusammenhang gerade nicht das Erleben eines subjektiven Mangels oder die Erfüllung eines individuellen Verlangens oder Wunsches, sondern lediglich, dass das zur Erfüllung menschlichen Lebens aller Notwendige von allen für alle erzeugt wird. Das Arbeitsergebnis und der „Bedarf“ sind außerdem auf die Fähigkeiten zurückbezogen: Ein Schriftsteller braucht für seine Form der produktiven Tätigkeit etwas anderes als der Arzt. Es geht also gerade nicht um die Vorstellung eines Schlaraffenlandes, sondern um ein Ideal produktiver Tätigkeit als Lebensform, das sich seine Lebensbedingungen ohne Ausbeutung anderer schafft und so nach Marx' Auffassung der Natur des Menschen voll entspricht.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wörterbuch der Ökonomie, Sozialismus, Dietz-Verlag Berlin, 6. Auflage 1989, ISBN 3-320-01267-3

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Fritz Haug (Hrsg.): Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 7, 1988, S. 1255 http://www.inkrit.de/weiteres/KWM/KWM_Bd7.pdf
  2. Erstes Kapitel "Gesellschaftsaufbau der UdSSR" http://www.verfassungen.net/su/udssr36-index.htm
  3. Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, MEW 19, 21.
  4. Hans-Christoph Schmidt am Busch: Hegels Begriff der Arbeit. Walter de Gruyter, 2002, ISBN 978-3-050-04765-2 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).